Und dann noch dies

 

 

weber-bourgogne.com

Und dann noch dies...

Gedanken, Essays, Aufsätze einfach aus Lust am Schreiben.

©jtw

Älter werden

 

In meinem allerersten Kaderkurs lerne ich die Nutzung der mentalen Kraft kennen; Emile Coué war in mein bis anhin junges, von Ché und anderen Zeitgenossen bevölkertes Leben eingedrungen. Den Unterlagen war auch ein Kleber „Es geht mir von Tag zu Tag besser“ beigelegt, der Leiter empfahl uns, ihn auf dem Badezimmerspiegel zu platzieren, auf dass der Start in den Morgen positiv gelänge. Aber die Selbstbemeisterung durch bewusste Autosuggestion erschien nicht so einfach; irgendwie wollte es mit der täglichen Vervollkomm-nung nicht so recht klappen. Aber ich lernte, mich bei geschlossenen Augen zu rasieren.

Später lernte ich meine frühmorgendliche Depression mit nachhaltigem Duschen zu meistern. Alle Sorgen und Schlafräuber flossen flugs den Gully hinunter; nicht gerade nach Coué, dafür effizient.

Heute Morgen schabte ich also wieder einmal am Kinn herum, sorgsam, um die mittlerweile nicht mehr so straffe Haut zu verletzen. Aber irgendwie vergrub sich die Klinge doch wieder in eine der Unebenheiten. Was bleibt? Tupfen mit kaltem Wasser und dem bâton hérmostatique, der saumässig brennt. Ab sofort nur noch Rasieren mit bewehrtem Auge!

 

Kaum das nordische Duvet erfunden, schlief man ebenso federleicht. So leicht, dass es unvorstellbar erschien, noch irgendetwas anzu-ziehen. Gut, zugegeben, das Bett war ja auch ein multifunktionelles Möbel. Dann kam die Phase der Nachthemden; einige wenige hatte ich geerbt, von leicht bis Barchent. Leicht und luftig, ohne ein irgendwo beengendes Gummiband bis kuschelig, wintermässig warm. Übrigens, das französische Versandhaus „L’homme moderne“ bietet wieder ein Modell an, nicht gerade billig, in bügelfreiem Seer-sucker. Man wird älter, man hat kälter. Deshalb darf es zu Winterzeiten heute auch mal ein Langarmpyjama sein und zum Einschlafen die handgestrickten Socken. Dafür bleibt das Fenster offen.

 

Hä!? Eines meiner Ohren war dermassen scharf eingestellt, dass ich nachts die Armbanduhr auf den Teppichboden neben dem Bett legen musste; die Tickerei störte meinen Schlaf.

Heute, wenn Tomette, eine unserer überaus verwöhnten Katzen, nachts mit Geschrei eine Maus nachhause bringt, kann ich mich getrost im Bett aufs andere Ohr legen. Zugegeben, ein altersbedingter Hörsturz mit ewigem Pfeifen soll ja auch nicht gerade lustig sein, aber aus denselben Gründen einfach nicht mehr alle und alles zu hören ist nicht nur angenehm, sondern auch ganz schön bequem. Selektives Hören nennt man das, auch wenn nicht immer beabsichtigt.

 

Bedacht mit einem militärischen Häuptling als Papa, wurde bei uns zuhause sehr auf korrekten Haarschnitt geachtet. Das vierzehn-tägliches „Ausputzen“ war sein Mass, für mich eine Gott sei gedankt nicht immer zwingende Pflicht. Sein dickhaariger Bürstenschnitt entsprach nicht dem meinigen, vielmehr glich mein Schopf einem Weizenfeld im Wind: nicht so blond, aber so schief. Die zahlreichen Wirbel liessen eher auf rebellische Eigenschaften schliessen. Später, der Erziehung entflohen, scheitelte ich mein Haar, mal etwas kürzer, mal natürlich gelockt, nie wirklich lang, wohl der Bequemlichkeit halber.

Heute versucht Lollo meinen Wünschen nach einem „coupe socialiste“ entgegenzukommen: Dort nehmen, wo es noch hat. Und da fehlt schon einiges an Haaren. Die in Ohren und Nase wuchernden sind ein schlechter Ersatz und ein Ärgernis zugleich. Meine Bärte, von Franz-Josef bis semi-académique sind beim Farbwechsel dem Messer zum Opfer gefallen und den „Schnauz“ einst wild, stutzt manch-mal sogar Madame auf ein gepflegtes Mass. Einziger Trost: mein heutiger Figaro trägt endgültig eine Glatze wie Meister Menti, unser Nachbar aus der Jugendzeit.

 

Es ist wohl auch eine Frage der zunehmenden Jahre, dass man plötzlich sich an Verse aus der Jugendzeit erinnert. Noch nicht allzu lange her gelang es mir im Kreis von Freunden, den „Hecht“ von Morgenstern wieder aufleben zu lassen. Just in jenen Jahren flatterte Mörikes blaues Frühlingsband und Kästners Frühling allerorten gleichzeitig, gebüffelte satte 425 Glockenverse wurden gerade noch als Zweizeiler im Skihütten-WC auf die Wand gekritzelt.

Am definitiv letzten Examen trugen wir Werke von Morgenstern vor. Die Jungs in Jeans wohlverstanden; Mutter musste extra in den Konsum, Ihr Lieblingsladen mit dem grossen „M“ führte sowas Neumodisches noch nicht, aber knapp zehn Jahre vor 1968 war man den Amerikanern ja noch sehr wohlgesonnen. Aus demselben Grund riefen mich meine Eltern Tommy und erst „meine Frau aus erster Ehe“ führte den definitiv erwachsenen Thomas ein. En France bin ich zu Hans mutiert, wie seit vier Generationen, weil im Pass ein kleiner trait d’union dazwischen fehlt. Man sollte bei Kindstaufen weiter denken.

Aber zurück zum Älterwerden und den Versen. Nach schwierig-schwerer und frischer, aufmüpfiger Poesie bevorzuge ich Verse in mei-ner alemannischen Muttersprache; eines meiner Lieblingsgedichte stammt von Peter Wettstein, wie ich, ein Zürich Oberländer:

 

 

Elter wärde

 

Mi Gufere hät Eggen aab

und Blätz uf allne Site

Ich glycherene als alte Chnaab.

Warum au d’Rümpf bestrite?

Doch chümmeren ich mich nüd draab,

ha glych no schöni Zite

Au s’Altere isch e Gottesgaab,

wär gschyd isch, leerts bezite.

 

 

 

PS: Jene, die die Verse nicht verstehen, mögen mir verzeihen. Natürlich könnte man sie ins gelernte Schriftdeutsch übersetzen, aber man sollte nicht…

 

 

 

Callgirls

 

Oh, ich gestehe gerne, ich kenne eine Menge davon; schliesslich möchte man ja auch im fortgeschrittenen Alter umworben sein. Sie heissen Nathalie, Claude, Rosalie, Magalie und manchmal sogar Nicolas oder Guy.

 

Zu jeder Tageszeit erhalte ich ihre Anrufe, zugegeben, nicht immer wunschgemäss und so trifft es sich eben manchmal, dass es beim Wenden des Steaks à la Minute oder während dem wichtige Wetterbericht läutet. Oder wenn man gerade mit dem aufgefalteten Journal de Saône et Loire auf der Toilette sitzt. Jetzt aber keine falschen Schlüsse ziehen! Diese regionale Tageszeitung ist einzigartig, das heisst, die einzig erhältliche, was jegliche Diskussion um Stilfragen ausschliesst. Also, man kann sie durchaus auch an anderen Örtlich-keiten lesen. Aber zurück zu den Girls.

 

Eben hat Karine angerufen, Karine vom centre d’énergie, aber ich glaube, sie war etwas in Zeitnot. Sie redete so schnell, dass ich erst mal nachfragen musste und sie redete so schnell, dass ich wiederum nachfragen musste. Wir haben uns bald geeinigt: Sie hat weiterge-redet und ich habe aufgehängt. Habe ich jetzt vielleicht eine wichtige Information verpasst? Na ja, sie wird ja wieder anrufen.

Gestern war Claude am Telefon und verlangte Monsieur Wiibaar. Es hat sich eigentlich noch ein lustiges Gespräch ergeben. Ich habe sie Paulette genannt, was sie wiederum bestritt und ich konnte mich mit meinem neuen Namen auch nicht anfreunden. Nun wir haben uns nicht einigen können. Aber Hauptsache, beide haben ihre Pflicht erfüllt.

Kürzlich wandte sich Nicolas mit einer wichtigen Umfrage betreffen Hausbock und Termiten an alle Hausbesitzer in unserer Gemeinde. Er wusste auch zu berichten, dass sie in mehreren Estrichen in der Nachbarschaft die Schädlinge erfolgreich bekämpfen konnten. Zugegeben, eine nicht ganz billige Sache, aber wer möchte irgendwann nächtlicher weise im Bett von seinem eigenen Dachstuhl er-schlagen werden? Obgleich das alles etwas bedenklich tönte, fehlten mir einfach die richtigen Argumente, um das faire Angebot aus-zuschlagen. Auf meinen unwahren Hinweis hin, ich sei eigentlich nicht Besitzer, verabschiedete sich Nicolas unerwartet schnell.

Manchmal, wenn mir die Telefonate lästig sind, packe ich mein allerbestes français fédérale aus: Non Mademoiselle, Mössiö Weber n’est pas là et moi je ne comprends pas bien le fransä. Die Kurzform dieses Gesprächsablaufes lautet: Parlez-vous allemand?

 

In der Zwischenzeit habe ich mir auch das allgemein übliche „allô“ angewöhnt, das überbrückt ein bisschen das Rauschen, das man zuerst mal aus dem Hörer vernimmt. Bevor das Sätzchen tönt, „Monsieur permettez-moi de me présenter“ und dann folgt fast immer der unverständlicher Titel des wissbegierigen Auftraggebers. Ist ja eigentlich nicht so schlecht: Ich bin immer „der Herr“ und all die jugendlichen Anruferinnen haben erst einen Vornamen. Wenigstens sind sie an ihrem Platz nie einsam; den vielen Stimmen im Hinter-grund nach läuft das Geschäft unwahrscheinlich gut.

 

Zwar entrichte ich der Telefongesellschaft einen monatlichen Euro um diese Anrufe zu verhindern, aber anscheinend ist das gar nicht

in ihrem Sinne. Und so werde ich eben weiterhin mit Nathalie, Claude, Rosalie, Magalie und manchmal sogar Nicolas oder Guy kom-munizieren.

 

 

Grenzenlos

 

ist die Schweiz weite Betroffenheit der Medienschaffenden, wenn ein Topshot einfach so aus dem Leben scheidet. Noch nicht einmal fünfzig, ein Star am Himmel der Wirtschaftswelt, unersetzlich beinahe; einer der nach einem 18-Stundentag auch noch sportlich an die Grenzen ging, geschätzt im Unternehmen, hart in den Entscheiden, hart mit sich selbst. Ein emotioneller Tsunami überschwemmt die Presse, man überbietet sich an lobenden Nachrufen, selbst von den schärfsten Konkurrenten. Und endlich erkennt man in seiner ganzen Tiefe, wie grausam das Leben mit unseren Managern umgeht. Ein Moment zum Nachdenken.

 

Nicht ganz selbstlos ackern diese Wirtschaftsprimaten. Ruhm, uneingeschränkte Anerkennung und ein siebenstelliges Salär und vielleicht ein finaler Karriereschritt winken. Zugegeben, Meier und Müller arbeiten auch hundert Prozent, aber doch nicht so. Und, nur so nebenbei, gerade deshalb musste diese unsägliche Eins-zu-zwölf-Initiative haushoch abgelehnt werden. Der richtige Moment zum Nachdenken.

 

Sind Mitmenschen, die riskieren, dafür alles zu verlieren, die eigene Persönlich-keit, die Familie, die echten Freunde, die Gesundheit, sind diese Mitmenschen wirklich dazu geeignet, ein menschengerechtes Umfeld in den Unternehmen zu schaffen? Sind Mitmenschen, die mit dem Kopf, mit dem Körper und mit der Seele ständig an die Grenzen gehen, tatsächlich die richtigen Verantwortungsträger? Echtes Bedauern dafür, dass hier ein Mensch freiwillig aus dem Leben ging, ok, Mitleid mit den gebeutelten Managern ganz sicher nicht. Nachdenken ist durchaus erlaubt.

 

 

 

Klassentreffen

 

Eigentlich wollte ich nie wieder an meine Schulzeit erinnert werden. Wohl schon deshalb, weil ich mich in diesem ersten Lebenskorsett nicht wohl fühlte. Zu viel der Zwänge, zu viel „das musst Du auch noch“, zu viel des Meisters, der da vor der Klasse stand und Abso-lutes erzählte. Als immer etwas kränklicher Spränzel mit umgekipptem Bürstenschnitt war ich bestens für die Hänseleien meiner Schul-kameraden geeignet. Dazu kam, dass ich als einziger Sohn eines Kranzschwingers und Dorfprominenten nicht so recht dem Vorbild entsprechen konnte. Das Leben half dann kräftig mit, dass der Tommy von der Post zum Thomas mit eigenen Vorstellungen und Kom-petenzen heranreifte. So dass das Schultrauma einer halben Generation von Jungs keine Last mehr war. Die Mädchen hatten und haben da weniger Mühe.

 

Also bin ich wieder der Einladung zum weiss-nicht-wievielten Klassentreffen gefolgt. Natürlich kommen die Einen um die alten Schul-schätze wiederzusehen, andere um über irgendwelche komische Schulgeschichten zu lachen. Das sind vermutlich jene, die die ehe-maligen Hefte aufbewahren. Ich habe bei der letzten Züglete den „Hösli“ endgültig fortgeworfen. Leçon 6 oder so: „Jean se brosse les dents avec la brosse à dents“. Und letztlich kommen auch einige, nur um zu schauen, wie die anderen alt werden. Auch dies ist nicht zu verargen.

 

Bref, wir haben uns in der Ambassadoren-Stadt Solothurn getroffen, in der unsere Susi, die hier offensichtlich bekannte Susanne, nach wie vor und sehr kompetent als Stadtführerin waltet. Selbstverständlich gab es ein paar Erinnerungen ins Zurück, aber man spürte, wichtig sind jetzt andere Dinge, die eigene Gesundheit, die Enkelkinder, die verbleibenden täglichen Aufgaben und Gedanken an ein ge-lebtes Leben zumindest an dessen Höhepunkte. Was früher ein Ganztagesausflug mit Essen und anschliessendem Tanz bis in den spä-ten Abend war, hat sich zu einer nicht allzu anstrengenden Führung und etwas noblerem Essen gewandelt. Anschliessend abgerundet mit einer gemütlich Schifffahrt bis zum nächsten grossen Bahnhof. Wo man sich dann plötzlich ziemlich schnell verabschiedete.

Ich habe diesen Tag in Biel mit einem „entrecôte chevaline“ und in heiterer Runde im Hotel abgeschlossen. Und vorgenommen, wieder zu kommen.

 

Vor ein paar Jahren beschloss man, den üblichen Fünfjahresrhythmus auf drei Jahre zu kürzen; an der letzten Begegnung hiess es nun, „also dann in zwei Jahren, wenn wir fünfundsiebzig sind“. Wir werden älter, die Chancen, nochmals alte Schätze zu umarmen und über Schulerlebnisse zu lachen, schwinden rapide. Es gilt, was der noch verblieben Lehrer uns ans Herz legte: Pflegt weiter diese bald selte-nen Begegnungen und vor allem, bleibt gesund. Lieber Guido, wir geben uns alle Mühe!

 

Verfasst auf der Heimfahrt im Stau auf der französischen A 40

 

Männer kochen

 

Am letzten Klassentreffen war da noch die Frage nach der Mitarbeit der Herren im Haushalt; schliesslich ist nicht nur Monsieur pensi-oniert, auch Madame bezieht Rente. Wenigstens in den meisten Fällen. Allerdings scheinen die Geburtsjahrgänge aus dem zweiten Welt-krieg noch gut in der Tradition verankert zu sein. Aber die Zeit ist nicht nur vorübergegangen, ein paar wesentliche Fortschritte dürften auch dem Büro für Gleichstellungsfragen nicht entgangen sein. Immerhin haben die Herren mittlerweile auch die Funktionalität des Staubsaugers verinnerlicht und kennen sogar die meisten nicht maschinellen Haushaltgeräte. Und sie dürfen beim Einkauf nicht nur das Wägeli schieben, sondern ab und zu auch eigene Wünsche hineinschmuggeln. Kurz, wir alle sind auf dem besten Weg.

 

Ebenso nicht entgangen ist, dass bereits viele der Männer die Königsdisziplin des Haushaltes in Anspruch nehmen; ihre Präsenz in der Küche ist nicht mehr zu übersehen. Bemüht sich die tüchtige Hausfrau, täglich etwas Leckeres auf den Tisch zu bringen, wagt sich Mon-sieur an Gerichte, die ausserhalb der üblichen Hausmannskost liegen. Dabei kocht er Dinge, die Madame nie riskiert hätte. Weiss die doch genau, dass ein unübliches Gericht durchaus weder die Zustimmung noch den Gusto des Hausherrn treffen kann. Man kennt ja seine Pappenheimer, nicht? Wohl deshalb halten sich viele Frauen an Rezepte von Muttern oder wenigstens von Betty Bossi; Gerichte mit Geling-Garantie, quasi.

 

Was vor mehr als drei Dezennien noch misstrauisch betrachtet wurde, ist heute bereits Geschichte: Männerkochklubs. Da treffen sich einmal im Monat mehrheitlich reifere Herren in Schul- oder anderen freien Küchen zum geselligen Abend, um gemeinsam mindestens einen Dreieinhalb-Gänger zu kreieren: Aperitif, Vorspeise, Hauptgang und Dessert. Vorbereitet und geleitet vom jeweiligen Küchenchef. Inklusive abschliessender Beurteilung, die manchmal auch unter dem Eindruck der grosszügig begleitenden Getränke stehen kann. Wenigstens einmal im Jahr, vorzugsweise am Muttertag, werden die Damen eingeladen; vorgängig weist der Tageschef darauf hin, et-was gesittet zu konsumieren. Begleitet wurde damals diese ausschliessliche Männerdomäne in seiner eigenen Kochzeitung „Marmit“. Später nahmen ein paar Frauen die Idee auf und gründeten die „Gastrosophinnen“, was manchem der Herren sehr in den falschen Hals geriet.

 

In der Zwischenzeit hat sich ohnehin einiges geändert. Wird man heutzutage bei jüngeren Leuten eingeladen, ist es der Hausherr, der sich um die Kreation des Menus kümmert. Madame unterhält die Gäste und Monsieur produziert zumeist Aufwändiges und vielmals An-spruchsvolles. Das ist dann durchaus nichts aus dem Band „Das fleissige Hausmütterchen“, vielmehr werden da exotisch angehauchte Tellerchen und Teller serviert, entnommen aus prominenten Kochbüchern oder von Reisen heimgebracht. Die Dame des Hauses findet es schick, diese Domäne dem Partner zu überlassen, vielleicht hat aber die mühselige Plackerei einfach keinen Zugang in das Leben der karrierebewussten Frau gefunden. Zumindest das Aufräumen am späten Abend findet manchmal seine Gemeinsamkeit wieder. Aber auch Männer hinterlassen die Küche nicht mehr im Chaos, sie putzen zuweilen geradezu mit pingeliger Aufmerksamkeit.

 

Zugegeben, ich habe auch lange Zeit den monatlichen Freitagabend im Kreise meiner Confrères geniessen dürfen; bis heute ist es im-mer noch meine kleine Leidenschaft, die Kochschürze anzuziehen. Eine der verbleibenden kreativen Möglichkeiten für Männer im fort-schreitenden Alter, ausser man ist als Künstler geboren. Weiter muss ich gestehen, dass ich ausserordentlich Mühe habe, nach Rezept zu kochen. Immer wieder schleicht sich eine Erweiterung oder Neugestaltung ein, der kreative Akt eben. Dass wir ab und zu auch ge-meinsam für Gäste kochen, ist ein Zeichen gastronomischen Niveaus, das gemeinsame Aufräumen ebenso.

 

 

 

November

 

Pünktlich zu Beginn des Nebelmonats fallen die Einen in tiefste gedrückte Stim-mungen, andere fiebern dem 11.11., dem 1. Narrentag entgegen und die Jäger feiern ihren Schutzheiligen Hubertus mit viel Jägerlatein und Kräuterlikör.

 

Für uns hat der Novemberbeginn seine besondere Bedeutung: Am 3. November 1991 erwarben wir unser erstes Heim im Burgund. Ein Traum aus goldenen Kalksteinen, bei dem man nur an einer Ecke nicht ins Freie sehen konnte, weil da noch ein Turm angebaut war, oder wie es die Wirtin in Bonnay wenig charmant ausdrückte, „ce n’est pas une maison, c’est une ruine“. Spontan war ich zu tiefst be-leidigt. Immerhin hatte dieser Steinhaufen einen Namen, „Le Montagnon“. Zusammen mit den Handwerkern bauten wir die ehemalige Weinpresse und Teil der Aussenbefestigung des Châteaus mit viel Ideen, ebenso viel Ökologie und noch mehr Angespartem zu einem Bijou um, das der zu Beginn stark zweifelnde Maurer Roland nach der Fertigstellung stolz zukünftigen Kunden präsentieren wollte.

 

Damalige Kollegen stellten verständlicherweise Fragen; was will der denn mit sowas im jugendlichen Alter von achtundvierzig. „Vor-bereitung auf die 3. Lebensphase“ als Antwort liess einige Zweifel zu. Zwölf Jahre später, mit Blick auf mögliche Frührenten, begriffen auch jene, die damals an meinem Geisteszustand zweifelten, dass noch etliche Jahre auf neue Inhalte warteten.

 

Für uns, besser für mich, war in der Zwischenzeit das Montagnon zu klein geworden, die steinerne Wendeltreppe aus dem Abbruch in Cluny nicht mehr altersgerecht, die Idee gereift, die Arbeitslebenszeit elegant abzukürzen. Ein anderes Haus im mittelalterlichen Kern des Städtchens Saint Gengoux le National hatte in der Zwischenzeit weitere Ferien und ebenso Kapital aufgefressen. Das Haus getauft auf den Namen „Espérance“ ist zwischen der rue de l’Espérance, der Hoffnungsgasse und der rue des Chapeliers, der Hutmachergasse eingeklemmt. Eine Baute aus dem späten 15. Jahrhundert.

 

Eine Neudefinition der Renten drohte, es galt, zu rechnen und Entscheidungen zu treffen. Im Oktober feierten wir zusammen mit Kun-den, Personal und Freunden die Übergabe an einen jungen, hochgeschulten Nachfolger. Es war zugleich mein Sechzigster, was im Ju-bel schlicht unterging. Wenige Tage später wurden die Habseligkeiten verladen, denn am 3. November 2003 war die letzte Bauphase angesagt, der finale Einbau der Küche im Stadthaus.

Sieben Jahre später, just anfangs November fand ich mich, diesmal als main-d’oeuvre des nach wie vor selben Maurers, jetzt ebenfalls pensioniert, auf der Baustelle der Moulin de Chigy wieder, während meine Margrit die Renovation der Innenräume anpackte. Einmal mehr waren wir in einen Hauskauf hineingeschlittert, der uns viel abverlangte. In jeder Hinsicht.

 

Heute ist der 3. November, einmal mehr. Dazwischen sind satte 26 Jahre ver-gangen. Beschlossen ist, ab nun kürzer zu treten. Aller-dings nehmen uns neue Pläne wieder in Anspruch. Noch gibt’s kein Ende. Keine Depressionen, keine Narrentage und keinen Hubertus, versprochen!

 

 

 

Potage Garbure

 

Tout d’abord, je sais bien, les ravitaillements dans les institutions hospitalières sont un point faible, pas seulement en France. J’ai eu la chance de venir être opéré par un spécialiste jeune et vraiment persuasif, naturellement toujours de mon avis. Il m’a envoyé sur le chemin de guérison d’une façon très motivante.

 

Après des jours de carême rigides on a débuté avec de la nourriture légère. C’est raisonnable et nécessaire. Alors : Le samedi à midi du potage, un yoghourt nature et un petit bol de compote de pommes. Le soir du potage, un yoghourt nature et un petit bol de compote de pommes. Le dimanche du potage, un yoghourt nature, un petit bol de compote de pommes et une petite portion des pâtes mol-lettes. Le soir du potage, un yoghourt nature, un petit bol de compote de pommes et une petite portion de féculent, cette fois du riz mollet. Les pâtes vinrent à manquer, je pense. Le potage se présentait déjà très, très faible. Heureusement j’ai toujours une petite dosette d’aromate avec ; une vieille habitude d’un homme bien voyagé.

Ce potage. Tout jeune, j’ai eu la chance à servir chaque jour une autre sorte de potages à notre clientèle dans l’auberge de jeunesse. Le chef de cette époque m’a bien guidé et chez lui j’ai appris, quand toutes les soupes sont passées, on met les restes ensemble et on produit un « Potage Garbure ». Hélas, après 50 ans j’ai retrouvé cette fameuse soupe, pas la recette originaire, trop fine. Au début c’était pas mal, mais quatre fois en suite, pur et dur, ce n’est pas très imaginatif, sans amour et surtout pas très professionnel. On dit, le patient est en bonne santé plus vite s’il est nourrit tendrement. Il ne faut pas de luxe, pas des gourmandises, ce n’est pas l’hôtellerie distingué ! Mais il faut vraiment un peu plus d’engagement et créativité au ravitaillement dans les hôpitaux.

 

« On ne peut pas être un bon cuisinier si on n’aime pas les gens » dit un chef français bien connu.

 

 

 

Spitalimpressionen

 

Eingangsritual beim Zimmerbezug. Ein Presskartonschälchen, abgezählte sterile Gazen, das Röhrchen mit dem roten Deckel. Im Viertelstundentakt einer Schwarzwalduhr gefordertes Pi-pi. Ich will gerne, aber auf Kommando geht das eben nicht.

 

Weber, doublewe, ö, be, ö, ärr. Ah, wie der Komponist, sagt der Oberarzt, ah, wie der Formel-1-Fahrer, die junge Pflegerin

 

22-24-02-06, die Temperturnadel pickst unter der Zunge, der linke Oberarm bläst sich auf, sechsunddreissigsechs, hundertsiebenund-zwanzig, dormez bien, Monsieur, Nachtschwesternrhythmus.

Endlich tief entschlummert, punkt sieben Uhr, Mademoiselle Dracula steht am Bett und fordert nett aber bestimmt dein Blut. Vous avez bien dormit Monsieur?

 

Achtuhr, enfin eine grosse, dickwandige Tasse schwarzer Kaffee und zwei staubtrockene biscottes; petit déjeuner à la française.

Warme duftende croissants, poulet de Bresse au beurre d‘escargots, Träume aus dem zerfledderten Kochheft im Vorraum, auf später verschobene Träumereien

 

Leichte Kost. Potage Garbure, Restensuppe, Naturjoghurt, Apfelmus, viermal in der Folge, am Sonntag erweitert mit einem Tellerchen verkochter penne unverdorben von irgend welchen Gewürzen, am Abend das Tellerchen verkochter Reis, die Paste scheinen alle zu sein. Menu léger, vielleicht doch ein bisschen sehr légère genommen…

 

Castilliano, eine uralte sizilianische Familie, aus Algerien nach dem Krieg als pieds-noirs in Frankreich angeschwemmt, "je suis française!" Französische Kolonialgeschichte einer jungen Putzhilfe.

 

„Hans? Ein sehr schöner Vorname, ich hatte mal einen deutschen Freund“. Der junge Pfleger tänzelt neben mir her.

 

Der Therapeut, hier „kiné“ genannt und ich schlendern durch die Gänge. Ich will meinen Christbaum“, selber schieben, schliesslich baumeln meine Medis an den Schläuchen. Er hat sich im Fernsehen schlau gemacht und will die schweizerische Abstimmung disku-tieren. Die erste Heimat ist doch nicht so fern, merke ich.

 

Alors-je-pique-ça-va-monsieur !? Der Blutverdünner, letzte Ölung vor dem Schlafengehen

 

Spät, sehr spät oder bereits früh? Die Türe fliegt auf, das zu erwartende Donnerwetter? Das ebenso schwungvolle Zuklappen der Türe? Keine Vision, nur die blonde Nachtschwester.

 

 

 

Star Wars 2015

 

Keine schöne Weihnachtsgeschichte

 

Gerade zur rechten Zeit startet die amerikanische Filmindustrie. Nicht etwa wegen der vielen Sterne, die allerorts hängen, über dem Kirchplatz, an jedem Laternenpfahl, in den Strassenrondellen und selbst an den rosaroten Plastikweihnachtsbäumen. Das wäre ja noch verständlich, denn, „es weihnachtet sehr!“ Kalendergerecht.

 

Pünktlich zur Eröffnung der alljährlichen Einkaufsorgie in Paris erfolgte der Auftritt einer Hundertschaft von weissen Plastikgestalten.

Die traditionelle Überführung des Christbaumes für den Elysee per Schiff aus dem burgundischen Morvan in die Hauptstadt ist gerade noch eine Fussnote wert. Es füllen sich die Gestelle der Spielwarenabteilungen mit weissen und schwarzen Robos, Kinder und, sagen wir mal, Nochnichtganzerwachsene reissen sich um rote und blaue Lichtschwerter und um Cinemabillette, die Massenhysterie erfasst alles und jedes und selbst auf der Wasserflasche aus der ich trinke steht „Star Wars, le Réveil de la force!“ 10% der französischen Haus-halte werden auch dieses Jahr einen Konsumkredit erbetteln müssen, um dem mittleren Weihnachtsbudget von 390 euro entsprechen zu können, nota bene exklusive Fois gras, Austern, Chaperon und Champagner. Um letztlich das knappe Geld für Wertloses designed in Hollywood, made in China auszugeben. Kein Friede auf Erden und der Krieg findet am Himmel statt. Folge dem Stern, aber wohin denn?

 

Auch wenn lediglich noch 23% „des Français et Françaises“ ihren Staatspräsidenten lieben, er bleibt wenigstens hier standhaft. Dafür macht sich der mächtigste Mann der Welt zum Idioten und tritt mit zwei weissen Robotern in die Pressekonferenz. Zugegeben, er und all die Kandidaten, die seinen Job kaufen möchten, haben es nicht besonders einfach. Die amerikanischen Siegerträume erlebt man schon seit Langem nur im Kino und jetzt definitiv im Weltall. Hienieden auf Erden ist die Wirklichkeit. Zur Erinnerung: Korea, Vietnam, Afghanistan, Irak, Somalia, Syrien und ohne Ende und immer mit demselben Unverstand auf der falschen Seite. Immer!

 

Selbst mit digitalisierten Actions lässt sich keinen Krieg zu gewinnen. Und schon gar nicht einen Frieden. Und der findet nie im Kino

statt.

 

 

Züritüütsch

 

Das zweitwichtigste Buch im elterlichen Haushalt war ein Werk von Bächtold & Weber, das „Zürichdeutsche Wörterbuch“. Unser Vater sprach einen ausgesprochen schönen Dialekt, so richtig währschaftes Zürichdeutsch. Im Gegensatz zu unserer Mutter, die kam aus dem Thurgau. Nach jeder Klassenzusammenkunft mussten wir ihr wieder Nachhilfe geben. Aber zurück zu Vater. Er profitierte auch von einer schönen, männlichen Stimmlage, die ihm das Reden leicht machte, die gut ankam und das wusste er auch. Familiäre Er-eignisse kommentierte er jeweils in Gedichtform, das „Värslibrünzle“ fiel ihm leicht, wie man dies so nannte. Passend zu anderen Gelegenheiten rezitierte er auch Verse von Wilhelm Busch, aus dem wohl drittwichtigsten Band im Büchergestell. Er schrieb gut und gerne und hinterliess mit siebzig seinen Nachkommen einen umfassenden „Rückblick auf mein Leben“, allerdings weder in Zürichdeutsch noch in Versform.

 

Ich selbst habe da anscheinend einiges von zuhause mitbekommen. Aber nachdem ein Schalterkunde bemerkte, „Sie sind wohl nicht von hier“, bemühte ich mich, meinen Dialekt den Stadtzürchern anzupassen. Später hat man da und dort einiges aufgelesen, sei es aus dem Weinland, dem oberen Glatttal; man passt sich eben trotz allem an.

Es fällt auf bei unserem Enkel Marlon: Im Zürioberland tönen die A’s und O’s nach wie vor dunkler als im übrigen Züribiet. Als zeit-weiliger „Uschtemer“ gelte ich als „heruntergekommene Oberländer“ und für meine ehemaligen im Oberland gebliebenen Klassen-kameraden töne ich auch nicht mehr so recht einheimisch. So tönt halt mein heutiges Idiom etwas wie „auf dem Weg vom Glatttal ins Zürioberland“.

 

Wohl tönen die Zürcher für die übrigen Schweizer alle gleich, aber man erkennt schnell, ob jetzt jemand „en Ämtler, en Seebueb, en Wyländer oder ebe en Oberländer isch“. Aber es gibt auch Gemeinsames. Zur üblichen Frage, wie es einem irgendwo gefällt, heisst es in unserer Sprache: „Es isch wie überall; es hät e paar glatti und e paar blödi Cheibe“. Gerne erinnere ich mich deshalb an René, der auch so ein bodenständiges Zürichdeutsch redete. Gut, René gehörte ab und an zu „de Luuscheibe“, aber vor allem zu „de glatte Cheibe“ und deshalb mochte ich ihn auch recht gut. Spät erkannte ich, dass er auch ein begnadeter „Värslibrünzler“ war. Heute ver-bringt er mit über achtzig seinen Lebensabend irgendwo in Kroatien. Einer seiner besonderen Verse soll an ihn erinnern:

 

 

Es cheibet und cheibet

I öisem liebe Züribiet, da läbt es fröhlichs Volk

Es hät uf sini ruchi Spraach en ganz en bsundre Stolz

Ich meine s'Wörtli "Cheib", me ghörts uf Schritt und Tritt

Vom chliine Bueb, vom alte Maa, als Befehl und au als Bitt

 

Am Morge gaats mit cheibe los und cheibet bis i d'Nacht

De ganz Tag cheibets hin und här, es isch e wahri Pracht

Drum losed jetz, s'isch intressant, was als für Cheibe git

in öisem Zürihegel-Land, en Frömde glaubts is nid

 

Du gfäälte Cheib, dä ghört me vill, Du schlächte Cheib no meh

Heb d' Schnörre zu, Du Himmelcheib, säb tuet eim friili weh

Zum Schätzli säit me liebe Cheib, Frässcheib, das isch e Schand

Als Schnörri- und Plagööricheib isch eine bald bekannt

 

Du gmeine Cheib isch sältner scho, mer nimmts da zimli gnau

En feisse oder magere Cheib, hät mänge no zur Frau

Säit eine "Potz verreckte Cheib" so lueget me nöd umme

En Schwindler gilt als Lügicheib, en Lölicheib als Dumme

 

Luuscheib, das isch es Kosewort, Söicheib, das hät en Grund

Chrützcheibe findt mer überall, scho tönt's, Du cheibe Hund

Au Süffelcheibe trifft mer a im Wiiland und am See

En Giizcheib und en Huerecheib au überall chasch gsee

 

De dräckig und de eländ Cheib, sind meischt am gliiche Ort

Und Himmel-Hergott-Stärnecheib isch gwüss es saftigs Wort

Verruckte und verreckte Cheib, au Glünggicheib tönt ruuch

En bschissne und en Fötzelcheib isch hüt no im Gebruuch

 

Cheib furt , jetz hört das cheibe uf, jetz wämmer wieder tanze

Uf eimal häni au en Cheib und cheibe uf de Ranze

René Hedinger

 

 

Nachsatz: Das Zürichdeutsche Wörterbuch steht heute in meinem Büchergestell, der „Busch“ ist wohl zu meiner Schwester Vre, die eigentlich Verena heisst, gelangt; jedenfalls rezitiert auch sie bei passender Gelegenheiten seine Verse. Mämgsmaal eerbt me au Gschyds.