Wie Gott in Frankreich

 

 

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Wie Gott in Frankreich

Unter diesem Titel erscheinen Texte zu verschiedenen Themen, quasi "Was so die französische Welt bewegt" Heiteres, zuweilen mit Augenzwinkern, manchmal ernst, aber nie böse gemeint. Die Aufsätze entstehen spontan, hatten sich aber seit geraumer Zeit irgendwo im Kopf eingenistet. Sie sind alphabetisch gereiht und sollen Ihnen

Lust machen, einfach querbeet zu lesen.

Viel Spass!

 

In den Jahren sind eine ganze Menge Aufsätze entstanden, die es verdienen, endlich zusammengefasst zu werden.

Es ist deshalb zurzeit die Ausgabe eines Taschenbuches unter dem Titel "wie Gott in Frankreich" in Arbeit.

 

In der Folge finden Sie zwei Leseproben, die Ihre Neugierde wecken soll. Wir danken für Ihr Verständnis

Jean Thomas Weber

12 bonnes raisons d'émigrer en France

In der Schweiz ist alles geregelt …. im Guten wie im Schlechten

► In Frankreich ist sehr vieles geregelt, aber meistens lässt man den Bürger in Ruhe

 

► „In Frankreich ist es verboten, zu verbieten“

 

► Perfektionismus ist etwas, was sich nur Schweizer leisten können.

 

► Alte Bauten, grosse Häuser mit viel Umschwung sind in Frankreich noch erschwinglich

 

► Schweizerische Handwerker arbeiten nicht besser, nur wesentlich teurer

 

► En France lebt es sich grundsätzlich günstiger. Das hat viel auch mit den Margen der Anbieter zu tun

 

► Krankheit ist in Frankreich noch bezahlbar, alt werden auch

 

► Natürlich bleibt man immer „le Suisse“, aber dies ist nie ein Grund zur persönlichen Ablehnung

 

► In der Schweiz bewegt man sich nie allein, in Frankreich können Sie stundenlang durch die Natur wandern, ohne

irgendjemandem zu begegnen.

 

► Morgendliches Erwachen mit dem Konzert von Nachtigall, Amsel und Cie.

 

► Vieles in Frankreich erinnert an meine Jugendzeit: hohes Gras, natürliche Hecken, unverbaute Strassenränder,

der Fluss, der weitgehend seinen Lauf selber sucht...

 

 

 

 

Essen wie Gott in Frankreich

Das kann man tatsächlich: opulent, weitläufig in der Speisefolge, manchmal auch auserlesen, dann nicht gerade billig und leider nicht sehr oft. Hingegen weit verbreitet sind die Restaurants, deren Speisekarten eine erstaunliche Beharrlichkeit beweisen, ungeachtet der Saison, ungeachtet der Entwicklung, die die internationale Küche durchläuft.

Auswärts Essen in Frankreich muss sich der Gast zuweilen hart verdienen; denn er ist in manchen Fällen ein Bittsteller, der sich den Vorstellungen und Gewohnheiten des Wirtes bedingungslos zu unterwerfen hat. Essenszeiten sind sakrosankt, das heisst, man isst grundsätzlich zwischen 12 Uhr 15 und 14 Uhr und am Abend, den Touristen etwas entgegenkommend, bereits nach 19 Uhr. Wagen sie es nicht, in den Zeiten dazwischen und nach 21 Uhr Hunger zu haben. Die Küche bleibt geschlossen. In ein-zelnen Fällen und bei inständigem Bitten ist manchmal ein „Eingeklemmtes“ zu kriegen, das heisst eine halbe Baguette gefüllt mit ein paar traurigen Salatblättern, aber grosszügig geschnittenem Schinken. Das reicht wenigstens halbwegs, einen langen Nachmittag zu überdauern.

Wenn Sie sich einen Tisch und die üblichen Burgunderstühle erobert haben, geht es an die Lesung der Speisekarte. Apropos dieser Stühle. Sie sind wohl die dauerhafteste und umsatzwirksamste Erfindung der Gastronomie. Spätestens nach 90 Minuten ist ihnen der Hintern eingeschlafen und bei leichter Sommerhose bleibt das harte Geflecht noch lange abgezeichnet. Die Lehne gerade, hoch bis zum Genick, hart und deshalb höchst unbequem; schliesslich soll sich der Gast zur Vertilgung der Mahlzeit vorbeugen und sich nicht noch stundenlange im Stuhl herumlümmeln.

 

Aber zurück zur Speisekarte. Auffallend sind die jeweils festgeschriebenen Menues als vierteiligen Speisefolge, zusammen-gesetzt aus den „à la Carte“-Seiten und deshalb im Paket etwas günstiger. Spätestens nach dem dreimaligen Besuch des Etablissements kennen Sie die Karte auswendig.

Zu den Entrees. Gewöhnen sie es sich ab, fette Froschschenkel, Kuttelnwurst und Schnecken nach Burgunderart nicht als ausgesprochen leckere Spezialitäten zu betrachten; mit abfälligen Bemerkungen verdienen sie sich umgehend das Unver-ständnis und die tiefe Abneigung des Personals, des Wirtes und der umsitzenden Französinnen und Franzosen, Suisses Ro-mands inbegriffen.

Zwar erbebt die gesamte Terrasse, wenn des Nachbars Katze mit einer noch nicht recht flüggen Taube vorbeieilt; man rennt hinterher, bereit das Vögelchen aus den Fängen des Raubtieres zu retten. Anschliessend kann man sich beruhigt wieder den lebendig ausgerissenen Froschschenkeln zuwenden.

 

Der Hauptgang. Irgendwann sind sie es leid, trockene Entenschenkel an weisser Sauce, verkochten Coq au Vin oder faserigen Boeuf Bourguignon zu vertilgen. Wagen sie sich deshalb einmal an ein Entrecôte, das hier beim Metzger faux filet heisst. Es folgt die Frage des Kellners nach der „cuisson“, die Zubereitungsart. Wobei bleu zumeist „noch beinahe lebendig“, à point selten à point und bien cuit durchwegs definitiv zu Tode gebracht bedeuten kann.

Sie werden ein Stück vom Charollais-Rind erhalten, laut Eigenwerbung „Das absolut beste Rindfleisch Frankreichs“. Erschrecken sie nicht, wenn man ihr Messer wegträgt; sie kriegen dafür ein schlankes Steakmesser. Der Wirt weiss warum, sie auch, zumindest kurz danach. Weshalb sind eigentlich in einem französischen Restaurant nie Zahnstocher erhältlich? Dafür wird neben Pfeffer und Salz immer auch Senf auf dem Tisch stehen.

Raffinierte Gemüsebeilagen sind aufwendig, teuer und deshalb besonders rar, Gratins meistens aufgewärmt und wirklich gute Teigwaren höchstens beim Italiener zu finden. Glücklicherweise wird in Frankreich ausgesprochener viel Brot gegessen und daran kann man tatsächlich nichts aussetzen.

 

Le plat des fromages ou fromage blanc? Auf der Käseplatte der „Heimat von 460 Käsesorten“ wiederholen sich oft die üblichen Käse: Comté, Brie, Roquefort, sogar Emmental Français, mit etwas Glück auch ein Ziegenkäse oder mit viel Glück ein reifer Münster. Nehmen Sie also den fromage blanc, den feinen Frischkäse, mit Zucker und flüssigem Rahm oder aber mit Salz und Pfeffer; das ist allemal gut. Persönlich würde ich noch zusätzlich darauf einen dünnen Faden feinstes Olivenöl und ein Blättchen Basilico lieben, aber das gibt es auch bei uns zuhause.

 

Desserts: Tartes, Mousse au Chocolat, Salade de Fruits sind fast durchwegs Fertigprodukte: phantasielos, trocken, aus der Büchse und überaus lange haltbar. Und es schmeckt auch danach. Aber manchmal treffen sie auf Köche, denen der Dessert-gang sichtlich der liebste ist. Greifen Sie jetzt zu!

 

Und ganz zuletzt: Gewöhnen sie sich an, ihr Abendmahl gegen 22 Uhr zu begleichen. Der Wirt wird ihnen dafür dankbar sein oder es ihnen mehr oder weniger freundlich, aber bestimmt anzeigen.

Manchmal sehne ich mich schon ein bisschen nach der kleinen Landbeiz in der man mitten im Nachmittag unter Bäumen Rauchspeck und Bauernschübling, von denen man noch schwarze Hände kriegt, mit einem sauren Most, der seinen Namen auch verdient. So genug gelästert! Schliesslich sind in der Grande Nation Kirche und Staat getrennt und wohl deshalb ist der Herrgott auch so selten in Frankreichs Küchen anzutreffen…