Wie Gott in Frankreich

 

 

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Wie Gott in Frankreich

Unter diesem Titel erscheinen Texte zu verschiedenen Themen, quasi "Was so die französische Welt bewegt" Heiteres, zuweilen mit Augenzwinkern, manchmal ernst, aber nie böse gemeint. Die Aufsätze entstehen spontan, hatten sich aber seit geraumer Zeit irgendwo im Kopf eingenistet. Sie sind alphabetisch gereiht und sollen Ihnen

Lust machen, einfach querbeet zu lesen.

Viel Spass! © jtw

12 bonnes raisons d'émigrer en France

In der Schweiz ist alles geregelt …. im Guten wie im Schlechten

► In Frankreich ist sehr vieles geregelt, aber meistens kontrolliert dies niemand

 

► „In Frankreich ist es verboten, zu verbieten“

 

► Perfektionismus ist etwas, was sich nur Schweizer leisten können.

 

► Alte Bauten, grosse Häuser mit viel Umschwung sind in Frankreich noch erschwinglich

 

► Schweizerische Handwerker arbeiten nicht besser, nur wesentlich teurer

 

► En France lebt es sich grundsätzlich günstiger. Das hat viel auch mit den Margen der Anbieter zu tun

 

► Krankheit ist in Frankreich noch bezahlbar, alt werden auch

 

► Natürlich bleibt man immer „le Suisse“, aber dies ist nie ein Grund zur persönlichen Ablehnung

 

► In der Schweiz bewegt man sich nie allein, in Frankreich können Sie stundenlang durch die Natur wandern, ohne

irgendjemandem zu begegnen.

 

► Morgendliches Erwachen mit dem Konzert von Nachtigall, Amsel und Cie.

 

► Vieles in Frankreich erinnert an meine Jugendzeit: hohes Gras, natürliche Hecken, unverbaute Strassenränder,

der Fluss, der weitgehend seinen Lauf selber sucht...

 

 

Chasseurs

Sonntagmorgen, den 8-Uhr-Kaffee in den Händen, am Fenster stehend, mit Blick auf den Garten und die Felder und siehe da: vom Wäldchen her stolziert ein Fasanenmännchen, schlüpft unter dem Zaun hindurch in unseren Garten und entschwindet hinter der Terrasse aus unserem Blickfeld. Anscheinend entgehen den Jägern doch ein paar der gezüchteten und vor der Jagd ausgewilderten Fasanen.

Während in ganz Europa der Vogelschutz zunehmend respektiert wird, wehren sich in Frankreich 1,3 Millionen Jäger erbittert gegen jegliche Einschränkung des während der französischen Revolution erstrittenen Jagdrechts für jedermann. Frühlingsjagd auf heimkehrende Zugvögel, Jagd selbst während der Brutzeit und eine im Herbst völlig ausufernde Jagdleidenschaft ist bis heute eine Selbstverständlichkeit.

Am Nachmittag dann leuchten am Waldrand über der Strasse die orangefarbenen Jacken der Jäger, die kläffende Hundemeute treibt das Wild in Richtung Chateau, dort wo die Hochstände über die Hecken ragen, fünf, sechs, gar acht Schüsse; französi-sches Sonntagsvergnügen eben. Im vergangenen Jahr habe ich eine Petition zum Verbot der Sonntagsjagd unterschrieben; irgendwann soll man auch noch spazieren gehen können. Wobei scheint es nicht minder gefährlich zu sein, mit dem Auto un-terwegs zu sein. Im vergangenen Jahr hat ein Jäger eine Fahrerin sogar auf der Autobahn „erlegt“.

Brunos Einladung in seine Jagdgesellschaft habe ich dankend abgelehnt, einer, der nicht einmal die eigenen Hühner zu Tode bringen kann. Ohnehin wenig geeignet bin ich für diese typisch französischen Männerrituale, entsprechend kostümiert, an den Waldrand zu fahren, um im Dutzend mit sehr viel Lärm von Mensch und Hund das Wild herum zu treiben. Vor ein paar Jahren fragte ich Monsieur André nach dem Jagderfolg: alors - non, pas vraiment - mais on les a fait courir…

Mickey, Brunos schöner, aber völlig verwöhnter Epagneul, scheint auch keine besondere Freude am Gehetze zu haben. Dass ich ihm mal einen Osterhasen mitbrachte, hat mir Bruno nie ganz verziehen.

Vergangene Woche wieder, viel Geschrei und viele Hunde, hupende Geländewagen, der Verkehr auf der Strasse nach St. André kam zum Erliegen, ich selbst, beim am Abschlagen alter Zementreste vom Ziehbrunnen, konnte nicht ausmachen, was ab-ging. Bis zwei Meter neben mir ein Wildschwein sich durch den Zaun zwängte und in Richtung Ferme de l’Etang davonrannte. Kurz darauf die Hundemeute, die aber die Spur auf der Teerstrasse verlor. Ich gestehe, ich habe den Hunden gepfiffen, so dass die Sau noch etwas Vorsprung gewinnen konnte.

Mit einem kühlen Chardonnay in der Hand neben dem Grill mit zwei brutzelnden Wildsauschinken bei den Leuten zu stehen, liess ich mir trotzdem nicht nehmen. Roger, ein herzlicher Riese von Mensch, ein ausgezeichneter Schütze und deshalb von allen umliegenden Jagdgesellschaften gerne eingeladen, hatte zum Jagdschmaus eingeladen. Unter solchen Umständen lässt es sich leicht mit den Jägern zu versöhnen.

 

 

Coucou

 

Un p’tit coucou ist in Frankreich ein kleiner Gruss, sei’s unter der Türe über die Strasse hin und natürlich auch per e-mail, pardon par courriel. Ein kleiner Gruss unter Freunden, weniger intim als amitiés oder gar bisous, ein kleiner Wink eben.

 

Nach ein paar Jahren - ja ja, bereits - hat sich diesen Frühling ein Kuckuck aus dem nahen fôret de Chérizet in unser kleines Wäldchen gewagt. Das Wäldchen, ein Streifen vielleicht achtzig Meter lang zwischen dem Kanal und der „Gande“, unsere Halbinsel, die prèsque-île, bewachsen mit Bäumen und Büschen, wild, ungeordnet und doch einer Regel folgend, nämlich der eines schmalen Landstreifens zwischen zwei Gewässern, die letztlich doch zusammenfliessen. Trotzdem, auf den paar Metern haben einige mächtige Tannen und Eschen ihren Standort gefunden, nebst Schwarz- und Roterlen, die wirr durcheinander stehen, dann jede Menge Schleh- und Weissdorn und Pfaffenhütchen. In einer lichten Ecke kämpft eine Kastanie um einen Sonnenplatz, dies schon seit Längerem, zumindest den mehreren Krümmungen des Stammes zu entnehmen. Zwar habe ich im Vorwinter mit Kettensäge und Haue etwas Platz geschaffen, aber mein Beinbruch im vergangenen Herbst hat dies alles bereits wieder zunichte gemacht. Im nächsten Herbst folgt jedenfalls der nächste Versuch. Oder vielleicht lasse ich es einfach sein; denn kürzlich lernte ich, dass Bäume eigentliche Lebewesen sind, die über die Pilzfäden tief im Waldboden miteinander kom-munizieren, sich gegenseitig vor Schädlingen und Anderem warnen und ihre Nachkommen über Jahre hinweg betreuen; www, wood web world quasi.

 

Eben in diesem Wirrwarr haben sich in diesem Frühjahr besonders viele Vögel eingerichtet. In den Tannen ein Krähenpaar, auch Amseln, Tauben, mehrere Meisenarten und mindestens zwei Nachtigallen. Wobei das mit dem Namen einfach nicht richtig sein kann: unsere Gallen singen von fünf bis sieben - dann übernimmt die Amsel - über den Mittag, den Nachmittag und bei weiterhin so schönes Wetter auch wieder bis in den frühen Morgen. Schlafen die eigentlich nie? Von wegen Nacht.

 

Aber zurück zum Kuckuck. Wird er wohl sein Ei in eines der hiesigen Nester legen, werden die herausgeschmissenen Jung-vögelchen unseren ach so ungeliebten Marder unterm Dach zum Opfer fallen und dies ausgerechnet in unserem Wäldchen? Auf der Terrasse, den Kaffee in den Händen, die Ohren voll von Vogelgesang und Gezwitscher sinnt man darüber nach, wieso der Kuckuck eigentlich nur in männlicher Form im Lexikon erscheint. Schliesslich ist es Madame Coucou, die irgendwelchen Vo-geleltern das Ei unterschiebt. Brutparasitismus; was für ein hässliches Wort dafür. Bei den Menschen soll dies seltener vor-kommen. Trotzdem, bei jeder zwanzigsten Schwangerschaft scheint nur die Mutter den wirklich Erzeuger zu kennen. Hoffen wir, dass dies alles nichts, aber gar nichts mit unserem Wäldchen zu tun hat. Wohl definitiv Zeit für einen weiteren, alles klärenden Morgenkaffee!

 

 

Démocratie

Während Jahren verfolgte ich regelmässig die öffentlichen Gemeinderatssitzungen. Der Ausländer, nicht einmal Europäer, ohne Stimm- und Wahlrecht. Im Laufe der Jahre ist ein Jouvenceau, ein echter citoyen und nach der Pensionierung der ehemalige directeur de la Poste, dazu gestossen. Wir stellten das Volk dar, quasi, und konnten uns auf die drei Reihen bereitgestellten Stühle platzieren.

Gemeinderatssitzungen sind an Regeln und Rituale gebunden. Unsere Gemeinde, bis anhin chef-lieu du Canton, verfügt über 13 Sitze: Monsieur le Maire, vier Adjunkte, rangmässig gestuft. Le premier ajoint ist zugleich stellvertretender Bürgermeister. Sie finden sich als erste zusammen mit Madame le Secrétaire, die eine ähnliche Funktion, wie der schweizerische Gemeindeschrei-ber ausführt, im salle d’honneur ein, im mit sämtlichen Gemeindewappen des Kantons ausgemalten Festsaal.

Dann trudeln die acht Beisitzenden ein; nach der freundschaftlichen Begrüssung gruppiert man sich um den ovalen Tisch. Eine der Frauen, wohlverstanden, verliest unter aufmerksamer Kontrolle der Sekretärin das Protokoll der letzten Sitzung. Anschlies-send folgt man den verschiedenen Themen, manchmal sogar gemäss der Traktandenliste, über die einzig der Maire bestimmt.

Im Rahmen der Sitzung stellen die Adjunkte Aufgaben und Projekte aus ihrem Sektor vor, werden wenige Fragen beantwortet und nach einer kurzen Vernehmlassung bestimmt der Bürgermeister das weitere Vorgehen. Ich habe in vielleicht sechs Jahren nur zwei oder drei Mal erlebt, dass über einen Beschluss abgestimmt wurde. Dass der einzige Vertreter der Opposition zuwei-len einen etwas verlorenen Eindruck hinterlässt, ist gegeben. Als er einmal wagte, das Recht des Monsieur le Conseil Général, etwa ein schweizerischer Kantonsrat, zu einer Gegendarstellung im Gemeindebulletin vorzuschlagen, wurde dies abgelehnt und so auch im Bulletin publiziert.

Die Budgetsitzung gehört auch zu einem der Höhepunkte. Zwar haben alle Ratsmitglieder die Unterlagen frühzeitig erhalten, aber schon bald nach der ersten Diskussion und den gestellten Fragen merkt man schnell, hier haben die Meisten den Sinn nicht verstanden oder die Akten nicht gelesen. So bleibt die Budgetdiskussion eine kleine Meisterleistung der Spiegelfechterei der drei, vier Mitglieder und am Ende wird das Budget sowieso verabschiedet. Zugegeben, die grösseren Summen werden ohnehin von der Commune des communes oder von noch weiter oben bestimmt.

Am Schluss und wenn man darauf aufmerksam macht, hat „das Volk“ noch das Recht zu Fragen und Bemerkungen. Aber dann ist wirklich Schluss, das heisst, die älteste Beisitzerin organisiert die Gläser, Monsieur le Maire und zugleich Weinbauer reicht aus dem kühlen Vorraum die Flaschen. Nach dem verre de l’amitié kehren die Zuhörer und die beisitzenden Damen nach-hause und der harte Kern bespricht die Interna. Jedenfalls blinkt beim Achtuhrkaffee im Bistro manchmal ein müdes Zwinkern und "Madame habe auch wieder reklamiert wegen dem nächtlichen Zappeln": Es gab wohl viel Weisswein am Schluss der Sitzung…

Als basisdemokratisch versehrter Eidgenosse braucht man zuweilen einiges mehr an Verständnis als üblich. Andererseits kann der französische Bürger im Gegenzug zur fehlenden Mitbestimmungen ungehemmt meckern und jede Mitverantwortung ab-lehnen. Und sei es nur, selbst das Wischen vor der eigenen Ladentüre zu verweigern; schliesslich zahlt man ja Steuern, nicht?!

 

 

Die Doppelkrönung

 

François Hollande muss wegen der Annektierung der Krim und Teile der Ukraine auf die Lieferung zweier Helikopterträger an Russland verzichten. Sollte dies nicht anders werden, werden die beiden Schiffe weiterhin in Montoir-de-Bretagne am Poller vertäut bleiben.

 

Im der Sendung „Les 4 vérités“ forderte die Nummer drei der FN-Dynastie, Marion Maréchal-Le Pen die umgehende Ausliefe-rung an Russland, „an Frankreichs traditionellsten Partner in Europa“. Zudem, laut Umfrage des Magazins „Le Point“ votieren 82,4% der Franzosen ebenfalls für die Lieferung. Entgegen der gemeinsamen Haltung der EU, der NATO und der OPEC, deren Mitgliedschaft Frankreich zwar geniesst aber nicht unbedingt teilt. Dies der Blick zurück.

 

Der Blick nach vorne:

2017 wird Nicolas Sarkozy erneut zum Präsidenten von Frankreich gewählt. Aber er will mehr. Und Frankreichs Herrscher haben nie gezögert, den Thron wenn nötig auch mit ungewohnten Mitteln zu ergattern. Übrigens: Der Name Sárközi leitet sich von dem Gebiet Sárköz am südlichen Abschnitt der ungarischen Donau ab. Der von Ferdinand II Kaiser von Österreich an die Familie verliehen kleine Adelstitel soll als Schlüssel einer neuen französische Dynastie dienen. Was der Korse Buonaparte schaffte, sollte doch eigentlich auch dem Noblen aus Magyarország gelingen. Und wie sagte die Enkelin des Rechtsaussen le Pen? „Russland, Frankreichs traditionellster Partner in Europa“.

 

Wohl ähnlich ergeht es dem aktuellen Herrscher über alle Reussen, zwar nicht von russischem, aber von „sowjetischem“ Adel. Schliesslich reicht sein Aufstieg in die Büros des russischen Geheimdienstes zurück. Georg Orwell hat in Animal Farm den KGB als die Geheimwaffe der herrschenden Schweine dargestellt: Neun grosse schwarze Hunde, dem Oberschwein Napoleon (!) treu ergeben. Übrigens: Der besagte Herrscher heisst nach französischer Schreibweise Poutine, putin hätte eine andere Bedeutung…

 

Der grosse Schulterschluss:

Vladimir Putin und Nicolas Sarkozy sollen ein neues europäisches Zeitalter be-gründen. Dazu will man sich auf halbem Weg treffen, in der K&K-Hauptstadt von Österreich-Ungarn. Und um dem Treffen sprichwörtliche die Krone aufzusetzen, beschlies-sen die beiden, sich im Stephansdom mit einer Doppelkrönung mit den Namen „Stéphane 1e Empereur des Français“ und „Vladimir III. Zar aller Reussen“ als europäischen Herrscher abzuheben. Eigentlich hätte Nicolas Paul Stéphane Sarkozy gerne den Namen Nikolaus III geführt, sehr dagegen hält Vladimir, da ihm der Titel Zar/ Kaiser Nikolaus unangebracht erscheint. Dafür soll die Feier im Stephansdom stattfinden. Lediglich ein Beiname für Vladimir III war nicht einfach zu finden, hiess doch

Vladimir I. zum Beititel ‚der Heilige‘ und Vladimir der II war auch Grossfürst in Kiew, der heutigen Ukraine und das erscheint doch etwas vermessen.

 

Die Krönung

Am 2. Dezember, just 213 Jahre nach Napoleons Krönung zum Kaiser aller Franzosen, treffen die beiden im Stephansdom in Wien ein. Unter den Klängen von Carla Bruni’s Gesang schreitet der zukünftige Empereur im vom letzten Kaiser ausgeliehenen Hermelinmantel dem Thron entgegen, „Vladimir“ bleibt sich treu, er reitet auf weissem Schimmel mit barem Oberkörper in den Chorus. Weil Papst Franciscus und Kyrill I. Patriarch von Moskau und ganz Reus anderweitig beschäftigt sind, setzten sich die beiden gegenseitig die Krone aufs Haupt. In den vordersten Kirchenbänken applaudieren die europäischen Kleinfürsten, Angela, die Unüberwindbare, eher mit säuerlicher Miene.

 

Selbst Rudolf Sarközy, der ungarische Woiwode, ist stolz auf das Emporkommen eines ehemaligen Stammesmitgliedes seiner Zigeunergemeinde von Österreich und Ungarn.

 

 

„Droit humain spécifique français“

Eines der wichtigsten Menschenrechte in Frankreich betrifft das „se garer“ zu Deutsch das Parkieren, in korrektem Hochdeutsch Parken.

Monsieur und Madame leben in der festen Meinung, es sei ein unverrück-bares Recht, das Fahrzeug wann, wie und vor allem wo man will abzustellen. Frei nach dem Motto, erstens, ich kaufe ohnehin nur eine Baguette, die Zeitung, Zigaretten oder irgendwas, wobei ich selbstverständlich den Motor laufen lasse, zweitens, die Umwelt ist unser, das bisschen Pollution hat noch niemandem geschadet und drittens, zu Fuss über zehn Meter ist Sport, und das hat mit dem Autofahren jetzt aber gar nichts zu tun.

Kaum war unsere Galerie an der Ecke zur Rue du Commerce eröffnet, grüsste unser Tabakhändler gegenüber plötzlich sehr verhalten. Natürlich hatte er bemerkt, dass ich seine Kunden, die vor unserem Eingang ihr Auto stehen liessen – siehe oben – nett aber unmissverständlich bat, den Motor abzustellen. Mit mehr oder minder Erfolg, schon eher mit Kopfschütteln seitens der Franzosen. Es war meiner Hartnäckigkeit zu verdanken, dass die Kunden jetzt vermehrt wenigstens vor dem Eingang des Tabakladens den Motor laufen liessen.

Ein Jahr später kaufte Adrien die kleine Bar ebenfalls gegenüber. Er liebt es, schon ziemlich früh seinen ersten Rosé an einem der kleinen Tischchen auf der Gasse zu trinken. Zu Beginn, wenigstens an den Samstagmorgen hielt le Buraliste mit. Man trank sein Gläschen, brach etwas Brot von der Baguette und säbelte zwei, drei Scheibchen von der Knoblauchwurst. Zwischendurch eilte Guy kurz über die Gasse, um die Kundschaft zu bedienen. Aus jedermann verständlichen Gründen hatte er nichts gegen die kleine Umweltverschmutzung, ist die Rue du Commerce schliesslich die Marktgasse, eine Fahrstrasse, wenn auch nur in einer Richtung. Adrien hingegen fühlte sich gestört und rief deshalb so zwischen Rosé und Knobliwurscht, „à couper le moteur“. Auf die Länge konnte das nicht gut gehen. Guy zog sich schmollend in seinen Laden zurück, Adrien kaufte seine Bleus grundsätzlich nur noch bei der Konkurrenz an der Avenue de la Promenade und ich wurde verdächtigt, hinterrücks die Fussgänger-befreiung im mittelalterlichen Dorfkern zu betreiben.

Als Joël, seines Zeichens Bürgermeister unseres Städtchens an einem lauen Sommerabend seinen Apéritif bei Adrien nahm, hielt ein junge Fahrer kurz an, um bei Guy Zigaretten zu kaufen. Motor und Radio liefen, liefen laut, Joël erhob sich würdig und bat, die Beisitzerin im Auto, den Motor abzustellen. Anscheinend eine Auswärtige, denn sie zeigte Joël den Vogel. Monsieur le Maire wandte sich verblüfft ab, aber im nächsten Infoblatt an die Citoyens hielt er fest, dass erstens das Laufenlassen verbo-ten ist und zweitens damit auch das Portemonnaie geschont wird; von der Pollution schrieb er wenig. Schliesslich ist er nicht nur Bürgermeister sondern auch noch Viticulteur und dieser Berufsstand ist bekanntlich nicht sonderlich berühmt in Sachen Umweltschutz.

An der oberen Gasse, der Rue des Chapeliers, der Hutmachergasse, stellte ein junge Dame aus purer Gewohnheit das Auto geradewegs vor unsere Hintertüre, obgleich seit je eine Parkverbotstafel an der Nachbarswand hängt . Als ich sie bat, ihr Fahrzeug wo anders zu parkieren, fand sie sehr schnippisch, wir hätten uns schon ein bisschen besser an die französischen Gewohnheiten anzupassen. Die von uns platzierten Pflanzentöpfe befand der garde-champêtre zwar als illegal, verzichtete aber grosszügig auf die Entfernung. Schliesslich wäre es gerade er, der das Parkverbot durchzusetzen hätte. Als die junge Boutiquebesitzerin vom neuen französischen Nachbarn regelrecht zusammen gestaucht wurde, verliess sie fluchtartig unsere Gasse, lässt nun ihr Fahrzeug meistens auf dem Park-platz der Promenade und geht eben 50 Meter zu Fuss, tagtäglich!

Die Angelegenheit an der Marktgasse hat sich in der Zwischenzeit wieder beruhigt; Guy hat an seinem Zeitungsständer ein Schild angebracht, auf dem die Kunden gebeten werden, den Motor abzustellen, Adrien kauft seine Gauloises und das Journal de Saône & Loire wieder gegenüber und vor unserem Eingang steht eine Skulptur aus fünf Farbstiften, die das Parkieren vergraulen helfen.

 

Essen wie Gott in Frankreich

Das kann man tatsächlich: opulent, weitläufig in der Speisefolge, manchmal auch auserlesen, dann nicht gerade billig und leider nicht sehr oft. Hingegen weit verbreitet sind die Restaurants, deren Speisekarten eine erstaunliche Beharrlichkeit beweisen, ungeachtet der Saison, ungeachtet der Entwicklung, die die internationale Küche durchläuft.

Auswärts Essen in Frankreich muss sich der Gast zuweilen hart verdienen; denn er ist in manchen Fällen ein Bittsteller, der sich den Vorstellungen und Gewohnheiten des Wirtes bedingungslos zu unterwerfen hat. Essenszeiten sind sakrosankt, das heisst, man isst grundsätzlich zwischen 12 Uhr 15 und 14 Uhr und am Abend, den Touristen etwas entgegenkommend, bereits nach 19 Uhr. Wagen sie es nicht, in den Zeiten dazwischen und nach 21 Uhr Hunger zu haben. Die Küche bleibt geschlossen. In ein-zelnen Fällen und bei inständigem Bitten ist manchmal ein „Eingeklemmtes“ zu kriegen, das heisst eine halbe Baguette gefüllt mit ein paar traurigen Salatblättern, aber grosszügig geschnittenem Schinken. Das reicht wenigstens halbwegs, einen langen Nachmittag zu überdauern.

Wenn Sie sich einen Tisch und die üblichen Burgunderstühle erobert haben, geht es an die Lesung der Speisekarte. Apropos dieser Stühle. Sie sind wohl die dauerhafteste und umsatzwirksamste Erfindung der Gastronomie. Spätestens nach 90 Minuten ist ihnen der Hintern eingeschlafen und bei leichter Sommerhose bleibt das harte Geflecht noch lange abgezeichnet. Die Lehne gerade, hoch bis zum Genick, hart und deshalb höchst unbequem; schliesslich soll sich der Gast zur Vertilgung der Mahlzeit vorbeugen und sich nicht noch stundenlange im Stuhl herumlümmeln.

 

Aber zurück zur Speisekarte. Auffallend sind die jeweils festgeschriebenen Menues als vierteiligen Speisefolge, zusammen-gesetzt aus den „à la Carte“-Seiten und deshalb im Paket etwas günstiger. Spätestens nach dem dreimaligen Besuch des Etablissements kennen Sie die Karte auswendig.

Zu den Entrees. Gewöhnen sie es sich ab, fette Froschschenkel, Kuttelnwurst und Schnecken nach Burgunderart nicht als ausgesprochen leckere Spezialitäten zu betrachten; mit abfälligen Bemerkungen verdienen sie sich umgehend das Unver-ständnis und die tiefe Abneigung des Personals, des Wirtes und der umsitzenden Französinnen und Franzosen, Suisses Ro-mands inbegriffen.

Zwar erbebt die gesamte Terrasse, wenn des Nachbars Katze mit einer noch nicht recht flüggen Taube vorbeieilt; man rennt hinterher, bereit das Vögelchen aus den Fängen des Raubtieres zu retten. Anschliessend kann man sich beruhigt wieder den lebendig ausgerissenen Froschschenkeln zuwenden.

 

Der Hauptgang. Irgendwann sind sie es leid, trockene Entenschenkel an weisser Sauce, verkochten Coq au Vin oder faserigen Boeuf Bourguignon zu vertilgen. Wagen sie sich deshalb einmal an ein Entrecôte, das hier beim Metzger faux filet heisst. Es folgt die Frage des Kellners nach der „cuisson“, die Zubereitungsart. Wobei bleu zumeist „noch beinahe lebendig“, à point selten à point und bien cuit durchwegs definitiv zu Tode gebracht bedeuten kann.

Sie werden ein Stück vom Charollais-Rind erhalten, laut Eigenwerbung „Das absolut beste Rindfleisch Frankreichs“. Erschrecken sie nicht, wenn man ihr Messer wegträgt; sie kriegen dafür ein schlankes Steakmesser. Der Wirt weiss warum, sie auch, zumindest kurz danach. Weshalb sind eigentlich in einem französischen Restaurant nie Zahnstocher erhältlich? Dafür wird neben Pfeffer und Salz immer auch Senf auf dem Tisch stehen.

Raffinierte Gemüsebeilagen sind aufwendig, teuer und deshalb besonders rar, Gratins meistens aufgewärmt und wirklich gute Teigwaren höchstens beim Italiener zu finden. Glücklicherweise wird in Frankreich ausgesprochener viel Brot gegessen und daran kann man tatsächlich nichts aussetzen.

 

Le plat des fromages ou fromage blanc? Auf der Käseplatte der „Heimat von 460 Käsesorten“ wiederholen sich oft die üblichen Käse: Comté, Brie, Roquefort, sogar Emmental Français, mit etwas Glück auch ein Ziegenkäse oder mit viel Glück ein reifer Münster. Nehmen Sie also den fromage blanc, den feinen Frischkäse, mit Zucker und flüssigem Rahm oder aber mit Salz und Pfeffer; das ist allemal gut. Persönlich würde ich noch zusätzlich darauf einen dünnen Faden feinstes Olivenöl und ein Blättchen Basilico lieben, aber das gibt es auch bei uns zuhause.

 

Desserts: Tartes, Mousse au Chocolat, Salade de Fruits sind fast durchwegs Fertigprodukte: phantasielos, trocken, aus der Büchse und überaus lange haltbar. Und es schmeckt auch danach. Aber manchmal treffen sie auf Köche, denen der Dessert-gang sichtlich der liebste ist. Greifen Sie jetzt zu!

 

Und ganz zuletzt: Gewöhnen sie sich an, ihr Abendmahl gegen 22 Uhr zu begleichen. Der Wirt wird ihnen dafür dankbar sein oder es ihnen mehr oder weniger freundlich, aber bestimmt anzeigen.

Manchmal sehne ich mich schon ein bisschen nach der kleinen Landbeiz in der man mitten im Nachmittag unter Bäumen Rauchspeck und Bauernschübling, von denen man noch schwarze Hände kriegt, mit einem sauren Most, der seinen Namen auch verdient. So genug gelästert! Schliesslich sind in der Grande Nation Kirche und Staat getrennt und wohl deshalb ist der Herrgott auch so selten in Frankreichs Küchen anzutreffen…

 

Gare Centrale Mâcon sonntags um 10 Uhr 02

 

Kürzlich sind wir noch einmal Grosseltern geworden. Selbstverständlich musste das neue Familienmitglied von Grossmama begrüsst werden und deshalb erwarben wir frühzeitig genug eine Fahrkarte nach Zürich.

 

In dieser Hinsicht haben die französischen Bahnen wesentliche Fortschritte gemacht. Vor wenigen Jahren schien aus familiären Gründen der schnelle Kauf einer Fahrkarte per Telefon angesagt. Wurde nach einer einen ganzen Morgen dauernde Suche nach einem Billet beschieden, dass eine Fahrt nach Bern möglich, allerdings der Ort Zurich nicht zu finden sei. Im vierten oder fünf-ten Anlauf gelang es, trotz Streik im Bordelais (!), die begehrte Reservierung vom Burgund in die Schweiz vorzunehmen.

 

Der direkte Erwerb einer Fahrkarte am Schalter ist zwar möglich, aber es kann vorkommen, dass just nur noch ein Plätzchen in 1. Klasse frei ist oder die Mutter aus dem Nachbarsdorf mit ihren drei Kindern die Fahrt in die Schweiz verschieben muss. Der garantierte Sitzplatz ist zum einen natürlich etwas Positives, im TGV wird es deshalb nie einen Minister geben, der zum Re-gieren in Bern auf der Treppe sitzt, weil er etwas spät dran war.

Heute kann man so etwas per Internet bestellen und dies wird nach elektronischer Bezahlung auch umgehen bestätigt. Man erhält einen Code und wird gebeten, am Bahnschalter vorbeizukommen. Und „wer früh mahlt, mahlt zuerst“, das heisst, wer frühzeitig bestellt, kriegt den besten Preis.

 

Die Fahrkarte für die besagte „Mamie“ wurde am Mittwoch bestellt und bezahlt und am Sonntag erschienen wir beide in der Halle des Gare centrale de Mâcon Ville, frühzeitig um halb Zehn, auch wenn die Zugsabfahrt erst auf 10 Uhr 05 angesetzt war. Die Halle voller Reisende, die Informationsstelle unbesetzt und die Billetterie erst ab 10 Uhr geöffnet. Wir beide wussten, es wird eng. Also verfügt Madame auf das Perron und der Grossvater setzte sich an die Spitze der umgehend entstehenden Warte-schlange.

 

Pünktlich um 10 Uhr 02 erhob sich der Vorhang und die Türe ging auf. Ich enterte den einzigen geöffneten Schalter und legte die Papiere vor. Sehr gemessen liess die Dame den Finger über der Tastatur kreisen, um meine Bestellung zu öffnen. Mittler-weilen war es vier ab zehn, der Zug nach Dijon eingefahren. Ich bat die Dame, sich ein bisschen zu beeilen, mit dem Hinweis auf die Abfahrt in einer Minute. Ihr Kommentar war deutlich und unfreundlich: « Ça commence bien, ce matin.. » Endlich, dann der Spurt durch den Tunnel auf das Perron 2bis, ohne „composter les billets“. Jetzt das Positive: Madame hatte den junge Perronchef überzeugen können, kurz zu warten. Aber es eilte, beinahe fliegende Billettübergabe, einsteigen, 10 Uhr 06 abfahren, ohne Küsschen, wohlverstanden. Der Perronchef erklärte die Umstände mit neuen Sparmassnahmen.

 

Nun, die SNCF fährt auffallend defizitär; die Cheminots sind zugegeben nicht fürstlich bezahlt und deshalb entsprechend streik-freudig. Das ganze Jahr streiken sie irgendwo, ausser natürlich in den Ferienmonaten Juli/Au-gust. Aber nebst ihren Frühpen-sionen zwischen 50 und 55 gibt es noch andere Kostenstellen. Den 21,5% aktiven Bähnlern und gut 24% gratisfahrenden Pen-sionierte stehen gut 54% Personen gegenüber, die kostenlos oder stark rabattiert transportiert werden, insgesamt 1,1 Mil-lionen.

 

Obgleich ich auf eine in mittleren Alter relativ steile Gewerkschaftskarriere zurückblicke, ist mir jetzt bewusst: der Beamten-stand in Frankreich mit ihrer permanenten Arbeitsverweigerungen ruft definitiv nach einer Abschaffung. Dies ohne verständnis-volles Augenzwinkern.

 

PS: Als ich am Freitagmittag Madame wieder abholt, wurde ein “mouvement social“ für Freitag bis Montag angekündigt, das den Bahnverkehr stark beeinträchtigen werde. Zu Deutsch Streik.

 

 

 

Gaspillage – die Verschwendung

 

Die Welt produziert genügend Nahrung, um die 6 Milliarden Bewohner dieses Planeten zu ernähren. 82 Länder haben jedoch nicht genügend Nahrung für ihre Bevölkerung

 

In den vergangenen fünf Jahren hat dieses Wort eine ungeahnte Bedeutung erhalten. Eines der wenigen positiven Ergebnisse der vergangenen fünfjährigen Regierungszeit von Holland ist die gelungene Sensibilisierung der Französinnen und Franzosen.

 

Ganze Bevölkerungskreise, allen voran die Schulen mit ihren Kantinen, beschäftigen sich seit dem mit dem Thema und mit dem weltweit erstmals erlassenen gesetzlichen Verbot der Vernichtung von in den Verkaufsläden nicht verkauften Lebensmitteln katapultierte sich Frankreich in die oberste Liga der Entsorgungslobby.

Über 500 Vereine und Institutionen beschäftigen sich heute mit der Verteilung dieser „geretteten“ Lebensmittel an Niedrigver-diener und Randständige und die „Resto du Coeur“ bereiten täglich abertausende von Menüs aus Fleisch, Gemüse und Früch-ten, die eigentlich nur der sehr gestrengen Datierung zum Opfer gefallen sind. Heutzutage weiss ja jeder, dass das ach bereits abgelaufene Joghurt noch über drei Wochen nach dem Ablaufdatum unbedenklich verzehrt werden kann. Nun, möglicherweise müsste man mal die Datierung überdenken; allerdings meinen die Detaillisten, dies könnte allenfalls zur Konsumbremse wer-den. Und wer will schon so was?

 

Als das INSEE, das französische Statistikamt, dann noch errechnete, dass en France an Lebensmitteln jährlich für 162 € pro Person im Kübel landen, erschien der Kampf gegen die Verschwendung auch den letzten Galliern als erstrebenswert. Wenn es ums Geld geht, ist der Franzose nämlich wesentlich sensibler, als die als „Geldsäcke“ verrufenen Schweizer.

 

Als vielleicht kleiner Wildwuchs dieses Kampfes kann die in diesem Sommer gestartete Aktion gesehen werden. Da konnte man tatsächlich für ein paar wenige Euro drei Hühner mit einem kleinen Hühnerhaus anmieten, Hühner, deren hauptsächliche Auf-gabe die Vernichtung der Lebensmittelreste sein soll. Wenn man bedenkt, dass im modernen französischen Haushalt praktisch keine Rüstabfälle, dafür umso mehr Reste von Fertigmenüs anfallen, ist der Gedanke nahe, dass die Eier der drei Hennen wohl eher nach Pizza und Asiatica schmecken dürften. Da lobe ich mir die Frischeier aus dem Hof meiner Lebensgefährtin.

 

In diesem Winter ging es an die Sammlung von gut erhaltenen Kleidungsstücken. In unserem Städtchen übernahm die Entge-gennahme unsere Nachbarin Françoise die Inhaberin zweier Boutiquen. Die gute Gelegenheit, mich endlich von drei Kleidungen in dezentem Marengo zu trennen, denen ich in der Zwischenzeit sichtlich entwachsen bin. Auch dies in positivem Sinne.

 

 

 

Il ne fait pas trop chaud

Der übliche Markttag in Saint Gengoux le National, etwas ausgedünnt, weil bereits wieder Spätherbst. Die Bise fegte un-freundlich die Promenade hinunter, Halstuch und Hut waren mehr als angebracht. Damien am Biostand begrüsste hände-reibend die Kundschaft mit dem Ausspruch „aujourd‘hui, il ne fait pas trop chaud!

Schon sind wir mittendrin. „Nicht allzu heiss heute!“ und es war – verzeihen sie mir den saloppen Ausdruck – arschkalt. Nach einiger Zeit begreift man, dass sich nicht nur die französische Grammatik von der deutschen unterscheidet, vielmehr ist es die Art der Rede, die es ausmacht. Es sind die sprachlichen Girlanden, die unerwarteten Wendungen, die wir manchmal als etwas vorbei an der realen Wahrheit empfinden, die Verstärkung durch negativen Ausdruck, Pointen, die wir erst anderntags begrei-fen, da wir einmal mehr in die Falle der direkten Übersetzung getappt sind. Wohl weil die Schriftsprache, die wir als erste Fremdsprache in der Schule lernen, für uns nüchterne Deutschschweizer logischer und damit begreifbarer erscheint. Da hat alles seine Reihenfolge und Ordnung.

Gut, mit einer am thurgauischen Untersee aufgewachsenen Mutter, war ich ja an einiges gewohnt: schö ist schön, suusieche-schö bedeutet sehr schön, ein uuhueresuusiecheschö verstärkt sich dann eben zum ausserordentlich Schönen. Ob da wohl doch etwas vererbt wurde? Schliesslich ist ob dem See ein Adeliger aufgewachsen, der nach der Ausbildung zum Artillerieo-ffizier in Thun im Berner Oberland als Kaiser Napoleon III. Frankreich eher glücklos regierte. Seit dem wird noch heute in drei Gemeinden am Untersee mit französischen Karten gespielt und bis vor wenigen Jahren sprach die Dame am accueil von Schloss Arenenberg von „üserem Kaiser“.

Aber zurück zum Französischen. Es ist eine elegante, manchmal raffinierte, mit sehr vielen Ausnahmen gespickte Sprache. Jah-relang hat ein Minister peinlich, zuweilen auf unverständliche Weise über die Reinheit der Sprache gewacht. Aber in der Wer-bung heisst es trotzdem „VW – das Auto“, auf meine Frage nach der adresse du courriel kriege ich lachend die adresse-mail und selbst Fünfzigjährige finden, „c’est cool, non?“

Französisch ist auch wenig geeignet um Nein zu sagen. Wenn immer möglich, vermeiden es Franzosen, etwas direkt abzuleh-nen. Vielmehr wird eine vielleicht unangenehme Frage wortreich und manchmal auch umständlich umkreist, sei es nun aus pu-rem Anstand oder aus eben solcher Schlitzohrigkeit. Ob wohl deshalb das Französisch so erfolgreich als Diplomatensprache ausgewählt wurde?

Als es darum ging, mit einem Lieferanten, der den Gewerbeverein übers Ohr hauen wollte, ein Gespräch zu führen, bat mich der Präsident, ihn zu begleiten. Limitiert, wie zumeist jeder Nichtfranzose ist, sollte ich mit meinem, sagen wir mal, gradlinigen Verhandlungsstil die Dinge klären. Nun, die Angelegenheit erledigte sich von selbst, was mir eigentlich auch recht war.

 

 

König Kunde

 

Oder was ist eigentlich ein Kunde? Vor etwa 20 Jahren wurde der Kunde erfunden. Seit dem bemühen sich die meisten Dienstleister mit mehr oder weniger Erfolg, der Kundschaft entgegen zu kommen; notfalls auch mit Anstrengungen.

In sämtlichen Amtstuben wurde der Bittsteller zum Kunden, ja selbst im Strafvollzug und in der Behindertenbetreuung spricht man nur noch von Kundinnen und Kunden. Wenigstens offiziell. Das bedingt natürlich, dass man dem Kunden entgegengeht, in aller Freundlichkeit, ihn nach seinen Wünschen und Vorstellungen befragt und manchmal sogar gemeinsam eine Lösung sucht, die für den Kunden positiv aussieht. Zumindest auf den ersten Blick. Toujours à mon avis.

Es gibt Destinationen, in denen ist der Kunde noch gar nicht oder in weiten Teilen des Landes noch nicht erfunden. Zum Bei-spiel unsere Wahlheimat Frankreich. Zugegeben, weltweit gelten Monsieur et Madame als wahrhaft unbeliebte Kunden, des vrais raleurs, zu Deutsch, ewige Stänkerer. Immer und jederzeit gibt es etwas zu kritisieren, etwas auszuhandeln, ein Vor-teilchen zu ergattern oder ganz einfach all das auszuschütten, was an Negativem einem gerade jetzt widerfahren ist.

Lebensfreude ungehemmt auszudrücken, scheint ungewohnt, ausser natürlich in ausgesuchten Kreisen unter Jägern, Fischern, im Cave oder sonst unter Freunden. Ein geflügeltes Wort besagt nicht umsonst, Franzosen sind nichts anderes als einfach nur schlecht gelaunte Italiener.

Mitten im Sommer geriet mir eine Vorspeise von "Grill-Ueli" mit Feigen in die Hände. Pas de problèmes, dachte ich. Aber aus-gerechnet jetzt fand ich im Gestell gerade noch ein leicht angefaultes Exemplar. Der Rayonchef winkte lässig ab, für heute keine Feigen.

Die Fischverkäuferin gegenüber - na, man kennt sich – bemerkte dies, und rief ins Depot an. Zwei Minuten später hob der Ver-käufer missmutig ein Gitter wunderschöne Feigen auf das Gestell. Gut, das kann auch anderswo passieren, nur, en France hat man beim werktätigen Volk für ein solches Verhalten volles Verständnis, hinauf bis zum Monsieur le Directeur. Möglicherweise könnte die Angelegenheit derart eskalieren, dass ich erschrocken die Flucht ergriffen hätte, weil der Verkäufer mit der Anru-fung der Gewerkschaft CGT, mit Krankheit bis Donnerstag, mit der Presse und weiss Gott was drohte.

Kunden in Frankreich sind grundsätzlich Bittsteller, Unruhestifter, Störfaktore, die eigentlich froh sein müssten, dass sich ir-gendjemand dazu hergibt, bedingt oder nur schwer erfüllbare Wünsche, wohl verstanden, lediglich anzuhören und notfalls auch entgegen zu nehmen. Zumeist wird aber der Kunde sich selbst überlassen. Nach regelmässigem Einkauf über die Dauer wird manchmal eine Ausnahme gemacht: man wird nicht mehr als kommuner Tourist erkannt, auch wenn irgendwo noch so ein kleiner Akzent mitschwingt.

Freund Francis hat es sich zum täglichen Spiel gemacht, Madame im Petit Casino ein Lächeln abzuringen, auch wenn er Madame an der Kasse bei der Lektüre oder beim Kreuzworträtseln stören muss. Manchmal gelingt es sogar.

 

 

 

La République en grève

Na ja, korrekterweise müsste es heissen „La République du Centre“, der Titel einer Provinzzeitung mit einer Auflage von gerade mal knapp 39‘000. Aber immerhin gross genug, um im Télématin von France 2 bebildert erwähnt zu werden.

Seit etlichen Tagen sind es die Journalisten dieser Zeitung, die ihrem Arbeitgeber die Arbeit verweigern. Morgen werden es die Abfuhrleute in der Stadt oder die Fluglotsen und übermorgen die Fährschiffer nach Korsika sein. Diese verweigerten als Staats-angestellte den Dienst wegen der Konkurrenz der anderen Fähren, der privaten, die wiederum seinen Mitarbeitenden das Streikrecht verweigert. Jene Gesellschaft hat sich übrigens zum Ziel gesetzt, die Verbindungen mit der Insel aufrecht zu er-halten und erst noch billiger zu fahren.

Kürzlich wurde eine Pneu-Fabrik vom Gericht verurteilt. Sie wollte aus Kostengründen einen Teil an einen anderen Standort auslagern, wurde auch prompt von der CGT bestreikt, was das Management veranlasste, aus Kostengründen die Maschinen abzustellen, was eine klageberechtigte Aussperrung bedeutet. Resultat: eine hohe Busse und bis zu 500 Euro Entschädigung pro Arbeiter. Nun ist die Fabrik geschlossen, nicht hundert sondern vierhundert haben die Arbeit verloren, aber die CGT hat gewonnen.

Eigentlich wollte ich nicht über das Streiken schreiben, denn dieses Recht ist in der französischen Arbeitswelt derart tief ver-ankert, dass man sich zuweilen sehr wundert, wenn nicht irgendwer wegen irgendwas irgendwo in diesem schönen Land nicht zur Arbeit erscheint. Eigentlich wollte ich über unseren glücklosen Präsidenten schreiben. Nun, so gänzlich glücklos ist er auch wieder nicht: Er hat sein kleines diskretes Glück ein paar Häuser oder Töffminuten weiter weg vom Elysee gefunden und ist nach einem etwas holperigen Übergang seine schöne und starke „première dame“ glücklich losgeworden. Aber davon vielleicht ein andermal.

Also, François Holland ist jener französische Präsident der es in Sachen Beliebtheit bei den Franzosen und Französinnen auf ein historisches Tief gebracht hat. Nicht etwa wegen seinen Frühlingsgefühlen.

Sein mit sagenhaften Versprechungen gespicktes Wahlprogramm hat das Volk vor bald zwei Jahren bewogen, ihm mehr zu vertrauen, als dem wenigstens ein bisschen reformwilligen Sarkozy. Und jetzt steht er vor einem Scherbenhaufen, er weiss zwar, wie dringend die Reformen wären, aber er scheut wie alle seine Vorgänger zurück. Schon das kleinste Lautgedachte treibt das Volk auf die Strasse, jede noch so lauwarme Änderung wird vehement bekämpft.

 

Der Präsident, der eine Rentenreform in der Grande Nation durchbringt, ist noch nicht geboren.

 

Zwar outete er sich kürzlich als Sozialdemokrat, zwar flirtet Hollande mit der Idee des deutschen Hartz, aber letztlich versteht kein Mensch, dass ausgerechnet ein Linker die schönen Träume des überaus grosszügigen Sozialstaates zerstören will. Denn en France gilt nach wie vor: Frage, was der Staat für dich tun muss, frage nicht, was du für den Staat tun kannst. So gesehen, befindet sich La République wirklich und dauerhaft en grève.

 

 

La retraite

 

Zu Beginn des Wonnemonats Mai 2013 traten die „éboueurs“ in den Streik, die Kehrrichtmänner. Sie verlangen als Angestellte der öffentlichen Dienste die Herabsetzung des Rentenalters von 57 auf 50. Nun, die Regelung der Renten ist in Frankreich eine nicht nur komplexe, sondern eine besonders komplizierte Angelegenheit. Wie fast alles, was vom gouvernement erfunden und geregelt wird.

Die Kehrrichtmänner wollen mit 50 gehen, wie dies die Polizisten, die Feuerwehrmänner und dergleichen geniessen. Schliesslich haben sie einen ebenso harten und verantwortungsvollen Job und fühlen sich eher berechtigt, als die Lehrer, die Erzieher und die übriges Staatsangestellten. Bereits Präsident Sarkozy strebte eine Rentenreform an und trieb damit die CGT /FO und die öffentlich Dienstleistenden auf die Strasse. Und eigentlich sind es fast ausschliesslich die fonctionnaires, die streiken. Von de-nen sind etwa ein Viertel wirklich organisiert, das heisst, in Frankreich gelingt es ungefähr 8% der Arbeitnehmenden regel-mässig, das ganze Land in Geiselhaft zu nehmen.

Monsieur Hollande hat in seiner Wahlkampagne ein Rentenalter mit 60 versprochen, will das nun gescheiter machen und ope-riert mit einer Ver-längerung der Beitragszeiten. Das heisst, bis anhin waren 156 zu erbringen, neu sind es zehn mehr, also 166 trimestres. Etwas einfacher, statt 39 neu 41,5 Beitragsjahre. Als Übergang gilt dies für die in den Jahren 1955 bis 57 Geborenen, für jene von 1958 sind es 167 (im Jahr 2020) und für später steht nichts im neuen Gesetz. Aber dann wird Hol-lande ohnehin nicht mehr im Amt sein. Damit kann nach wie vor jedermann mit 60 in Rente gehen, sofern er dies sich leisten kann. Denn im Grundsatz ist das Pensionsalter für eine volle Rente bei 67, effektiv werden aber fast alle mit 62,2 Jahren gehen. Dies als regime général.

Bei den fonctionnaires particuliers, eben der Polizei, Feuerwehr, Bildung gilt Pensionsalter 50 respektive 57, agents de l’État gehen mit 58.8, andere mit 58,6 und die hospitaliers gehen bereits mit 55. Und zuletzt sind noch die fonctionnaires spéciaux, das heisst die Bähnler mit 55 oder gar die Lokführer mit 50. Neu werde diese ab 2017 bis 57 respektive 52 arbeiten müssen. Und zuletzt noch die EDF/GDF, die bis heute bis 60 respektive die „actifs et insalubre“ sprich Büezer und ungesund Chrampfen-de mit 55, werden ab 2017 mit 62 oder 57 gehen können.

Dass bei so viel Ausnahmeregelungen jeder der festen Meinung ist, dass die Reformen endlich alle gleich treffen müssen, ist klar. Und meint damit natürlich alle andern, ausgenommen sich selbst. Bei den Arbeitern ist das ja noch verständlich. Wer bis 60 in der Fabrik oder auf dem Bau arbeitet kriegt eine Rente von knapp € 900 und damit lebt es sich nun gar nicht mehr in Frankreich. Beamte, eben fonctionnaires kriegen das Doppelte und drum, wen wundert‘s, wollen alle Beamte werden. En France ist jeder Fünfte vom Staat, von den Kommunen oder von einer Institution angestellt. Getreu dem Motto:

Fonctionnaires müssen nicht arbeiten, sie müssen funktionieren…

Wetten dass bis 2017 uns allen noch manche Arbeitsniederlegung bevorsteht!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Le coq et le renard

 

Sur la branche d'un arbre était en sentinelle

Un vieux coq adroit et matois.

« Frère, dit un renard, adoucissant sa voix,

Nous ne sommes plus en querelle:

Paix générale cette fois.

 

 

Der Hahn und der Fuchs

 

Auf einem Aste sass, die Hühner zu bewachen

Ein alter, sehr gewitzter Hahn

„Oh Bruder“, sprach der Fuchs, mit Sanftmut angetan,

„lass heut uns endlich Frieden machen,

kein Streit sei zwischen uns fortan!

 

 

Die Eingangsverse zu einer der Tierfabeln von Jean de La Fontaine. Sie waren mir schon zu Schulzeiten geläufig, zumindest versuchte Madame von Niederhäusern, damit die französische Sprache mir endlich etwas näher zu bringen. 2009 gelang uns eine vielbeachtete Ausstellung zum Thema mit Bildern in Acryl von Isabel Marin und Arbeiten in encre de Chine von François Arnaud. Aber wie komme ich jetzt dazu?

 

Einst hatten wir sechs Hühner, dann waren’s nur noch vier und seit zwei Wochen wollte Blanche partout nicht mehr so wie an-dere Hühner. Sie suchte sich ein eigenes Plätzchen, im Heu der ehemaligen Kaninchenställe, stand nur noch später auf und ging um sechs Uhr bereits „zu Bett“. Wir berieten, was zu tun wäre, abmurksen, was wir bis jetzt Gott lob nie tun mussten, zum Tierarzt gehen oder einfach machen lassen? Und kamen zu keinem Entscheid.

 

Seit zwei Tagen geht sie nun wieder ins Freie, weit hinaus aufs frisch gemähte Feld; wird sie vielleicht bald ein Opfer des Fuch-ses? Heute, beim Vorbeigehen, entdeckte ich im Heuhaufen ihres Nestes ein Bein, ein Bein mit Fell. Ich zog daran und es folgte der abgemagerte Körper einer Füchsin? Ich bin überzeugt, La Fontaine hätte eine Antwort, aber wir können uns wirklich keinen Reim darauf machen.

 

Der Nachschlag: Seit Tagen beobachten wir in den frischgemähten Feldern einen Fuchs beim Mausen und heute fand ich beim Eiereinsammeln in einem Nest ein kleines Füchslein, so gross wie eine junge Katze.

 

 

Les élections

 

Bis anhin war man auch en France der festen Meinung, Wahlen hätten irgend etwas mit dem Wechsel von einer ungeliebten Regierung zu einer endlich erfolgreichen Crew zu tun. Seit Mai 2012 ist man sich dessen nicht mehr so sicher.

Zugegeben, wenn Gégé sich wieder mal wie eine Wildsau benimmt, schütteln auch die Franzosen die Köpfe. Andererseits ist genau dies seine Filmrolle: Etwas zu dick, zu grobschlächtig, weiss nicht immer genau, was er will und total verfressen, eben Obélix. Dass er auch noch säuft, haben weder Goscinny noch Uderzo gewusst und steht auch in keinem Drehbuch. Aber schliesslich ist er Besitzer von Restaurants und Rebbergen. Na, wen wundert’s denn?

Vor allem ist er damit natürlich das pure Gegenteil von Monsieur le Président. Dieser gefällt sich eher in der Rolle des ganz normalen Citoyens, der eigentlich gerne nur Monsieur Hollande oder François wäre, der wie jeder andere mit dem Bus an die Arbeit fährt, der seinen Kollegen freundlich zustimmt und der vor allem viel viel Verständnis hat für das hart arbeitende Volk.

Nun, die Realität ist schlicht anders. Zwei Tage nach seinem Amtsantritt wurde la Grande Nation von einer Krise geschüttelt, nota bene einer unvorhergesehenen. Und ab Tag 3 gingen die Umfragewerte des neuen Präsidenten unaufhaltsam in den Keller. Verschreckt durch den rasanten Anstieg der Steuern versagten die Unternehmer die Gefolgschaft. Ab der zweiten Wo-che streikten zum ersten Mal die Eisenbahner, dann die Professoren und anschliessend die Piloten. Kurz nach der Sommer-pause waren es die Citroënbauer und ab November die Stahlgiesser, um nur ein paar grosse Gruppen zu nennen.

 

Monsieur le Ministre du Redressement productif , Arnaud Montebourg, eilte flugs herbei, die Arme voller frischer Croissants für die Werktätigen, mit seligem Lächeln und leeren Versprechen auf den Lippen. Unser Nachbar nennt ihr nur le Ministre d’erec-tion. Aber immerhin drohte er dem Besitzer Mital mit der umgehenden Verstaatlichung ihrer Stahlwerke an. Und wurde ebenso umgehend im Auftrag von Hollande vom Premierminister zurückgepfiffen. Der sozialistische Präsident setzt wohl eher auf die Kraft und Kompetenz der Privatwirtschaft, als auf eine quasi Verbeamtung der Stahlgiesser.

Dies wollte den Büezern gar nicht gefallen, zumal der Kandidat Hollande damals in Lothringen auf den Bus kletterte und voll-mundig versprach, die Stellen der besten Giesser Europas bis in alle Ewigkeit zu beschützen. Zur Zeit plant Mr. Holland für die kommenden 5 Jahre zweitausend Milliarden (2 000 000 000 000) für die Schaffung von neuen Arbeitsstellen. Dafür wird selbst die „Reichensteuer von 75%“ wohl kaum genügen.

„Wenn ich Präsident wäre, würde ich nun endlich und umgehend Refor-men anpacken, ansonsten geht Frankreich in den nächsten Jahren Pleite“, sagt dazu der Chefökonom der französischen Staatsbank. „Und ich würde den Franzosen sagen, dass nun definitiv Schluss ist mit 35 Stundenwoche und Rente ab 60 und, und, und“.

 

Der 88-jährige Friedenspreisträger Alfred Grosser, seit Kriegsende der wichtigste Kulturvermittler zwischen Frankreich und Deutschland, zweifelt, ob La France seine wirtschaftliche Schieflage überhaupt begreift. Er beantwortete die Frage danach mit einem Bonmot: Sehen sie, meine eigene Selbstüberschätzung zeugt von einem echten Franzosen.

Alle Welt schüttelt den Kopf, aber nein, ein einziges, kleines Dorf in Gallien leistet Widerstand, das Dörfchen Elysees mitten in Paris!

PS: Noch nicht 50% aber bereits sehr viele hätten heute gerne den kleinen Sarko zurück, inklusive seinen lächerlichen Macken und der schönen Carla. Einige wünschen ihren beinahe heiliggesprochenen Charles de Gaulle zurück; Könige in Frankreich müssten wenigstens körperlich die Massen überragen.

 

 

Made in France

 

2013 trat der französischen ministre de redressement, im marinière mit einer Moulinexim Arm im Fernsehen auf. Er wurde vom Präsidenten zum Verantwortlichen für den langersehnten wirtschaftlichen Aufschwung ernannt.

 

Das quergestreifte Leibchen der Seeleute sollte für Jugendlichkeit, die Küchenmaschine für Qualität werben, die klare Botschaft: kauft französische Produkte. Dass die T-shirts in China produziert werden und die Moulinex nach einem grandiosen Konkurs mit Hilfe der Gewerkschaften zur deutschen Krups Solingen gehört, muss irgendwo untergegangen sein.

Nach einem fulminanten Absturz aus der Regierung ging Monsieur le Ministre auf Vortragstournee in die USA. Dass die ebenfalls entlassene Kulturministerin zum Reisegepäck gehörte, erfuhr la Grande Nation erst, als ihm beim gemeinsamen Frühstück in Soho ein Wandspiegel auf den Kopf fiel. Erst jetzt begreife ich, wieso ein Kollege vom ministre d’eréction sprach.

 

Aber zurück zum Thema. Um die Arbeit der Gendarmerie zu erleichtern, wurde 2012 per Gesetz den Autofahrern auferlegt, zwei „Ethylotests“ im Auto mitzuführen. Auf dass der Lenker seinen Alkoholtest gleich selbst vornehmen kann. Dass ein Sena-tor daran ganz gewaltig verdient haben soll, ist ein böses Gerücht. Jedenfalls waren die Röhrchen schon vor der offiziellen Ein-führung ausverkauft. Damals für zwei, heute erhältlich für einen Euro. Hauptsache, sie tragen den Stempel „NF“ was nur für französische Qualitätsprodukte gilt. Dass sie wie Medis nach zwei Jahren ablaufen, merkten wir auch erst im Nachhinein; beru-higend zumindest wirkt, dass für das Fehlen der Dinger keine Sanktionen vorgesehen sind…

 

Per Januar 2015 erging ein weiteres Gesetz zum Schutz der Mitmenschen: das Obligatorium zum Anbringen von Rauchmeldern. Befristet bis Ende März. Also auf in den Brico-Laden um die Kästchen zu kaufen, nur versicherungswürdig mit dem „NF“-Zer-tifikat. Im Laufe des Sommers war den Zeitungen zu entnehmen, dass die Melder bis spätestens Ende 2015 anzubringen sind, aber wenigstens der Verkaufsnachweis März 15 beizubringen ist. Also satte neun Monate für die zehnminütige Montagearbeit; in Frankreich ist Hetze sehr unbeliebt. Zudem ist das Anbringen mittels Formular xy der Versicherung zu melden. Ende 2015 wurde veröffentlicht, dass eine Kontrolle nicht vorgesehen sei und die Versicherungen auch beim Fehlen der obligatorische Rauchmelder pflichtig sind.

 

Da wir zuweilen auch Leute beherbergen, wurden alle Schlafzimmer mit diesen Qualitätsprodukten ausgerüstet. Kürzlich wurde Margrit aus dem Schlaf gerissen, der Melder hatte sich verselbständigt. Dieselbe Geschichte im grossen Schlafzimmer. Und so was überhört nicht mal ein ausgewiesener Gehörloser. Ist im Grunde auch völlig unwichtig, Hauptsache „Made in France“!

 

 

Mariages

 

Auch wenn gerade noch die Hälfte der Französinnen und Franzosen amtlich verbunden werden, gilt es nach wie vor als stan-desgemäss, dem Partner, der Partnerin das Jawort vor dem Bürgermeister und immer mehr auch vor Madame Le Maire mit Trikolor Schleife zu verkünden.

 

Zweimal sind wir Einladungen zur Hochzeit gefolgt. Das erste Mal zu einer Verbindung im eher gehobenen Kreis. Kurz, wir waren in dieser Gesellschaft wohl die einzigen Republikaner. Der offizielle Empfang nach der Kirche fand im Park eines privaten Schlosses statt, man begrüsste das Paar und den Brautvater höflich wie es sich geziemt, die sichtlich gestresste Brautmutter herzlich und verständnisvoll. Wir sahen Claire zum ersten Mal in Robe, sie, eine sonst eher legere Künstlerin, zumeist in brau-nen Jeans und Pulli. In einer Lichtung boten zwei livrierte Herren in Butter gebratene Gänseleber an und wir selbst hatten das Beste aus unserem Kleiderkasten gehoben.

 

Kürzlich waren wir zu einer wesentlich anderen Hochzeit eingeladen.

Unser Baumeister, demnächst mit 70 Lenzen, freite um seinen quirligen Schatz. Nicht seine erste Ehe, aber der Abschluss von ein paar innigen Freundschaften anderwärts. Eingeladen waren Freunde, Kunden, Kollegen und quasi auch das ganze Dorf. Gewärmt vom Chardonnay meinte er, "siehst Du Thomas, dies sind all meine Freunde, auch wenn ich nicht mal alle kenne…“

 

Der Saal der Mairie reichte nicht aus, die Zeremonie wurde über Lautsprecher in den Hof übertragen und Monsieur Le Maire hielt eine sehr ausgiebige und sehr schöne Rede, schliesslich lebte der Bräutigam quasi seit eh vor Ort. Nach dem Fototermin für jedermann drehte das Paar im angemieteten Oldtimer eine kurze Runde durchs Dorf um anschliessend zum verre de l’amitié zu bitten. So ein französischer Stehaperitif ist und bleibt eine harte Geduldprobe für uns ständig gehetzte Eidgenossen. Diesmal dauerte er satte eineinhalb Stunden. Dann ging‘s unter verstärkter Anweisung der Braut zu Tisch im Festzelt, auf-gedeckt für 300 Leute, auf schmalen Bänken in engem Kontakt mit Nachbar und Nachbarin. Und irgendwann füllte man sich die Teller voll Salate und Gigot und leckeren Hühnerbeinchen. Die gebratenen Hühnerherzen, die in einer riesigen Bratpfanne brutzelten, konnte ich nicht mehr entdecken; aber es soll eine Spezialität sein. So gegen zehn Uhr trennten wir uns von der inzwischen lauten Hochzeitsgesellschaft, schliesslich mussten zuhause die Hühner „zu Bett“ gebracht werden. Laut der frisch-gebackenen Ehefrau ist Monsieur so gegen sechs Uhr in der Früh aufs Bett gesunken und habe nicht einmal die Krawatte ausgezogen…

 

Mit „Pour les courrageux“ galt die Einladung auch für die Fortsetzung am Sonntagmittag. Drei ganze Schweine drehten sich gemächlich am Spiess, die Köche waren vertieft ins Fachsimpeln und in die Bierkrüge, der Aperitif zog sich wieder dahin, dies-mal nur für eine Stunde. Wiederum griff sich die leicht ramponierte Braut das Mikrofon und organisierte die ganze Fete. Es gab eben viel Schwein, gebratene Kartoffeln und lauwarme Bohnen, alles wirklich lecker. Bis anhin hatte sich der Bräutigam in jeder Hinsicht zurückgehalten, aber als Michel mit seinem Quartett zur Musette ausholte, griff er sich unmissverständlich die erste frei Dame und führte sie auf die Tanzdiele. Gegen fünf rettete ich mich nachhause in den anbrechenden Sonntagabend.

 

Was war da noch, ach ja, Josiane

Eine etwas auffällige nicht mehr ganz junge Frau war beide Tage mit dabei, mit der elektronischen Zigarette im Mundwinkel, lächelnd nach links und rechts. Michel klärte mich auf: Josiane ist an jeder Hochzeit eingeladen, Josiane kennt alle Männer, die sich da verheiraten und vielleicht begegnet an diesen Anlässen auch mal ihr ein Heiratswilliger… Könnte von Maupassant sein.

 

 

Musulman

 

C-A-F-F-E-E, trink nicht so viel Kaffee!

Nicht für Kinder ist der Türkentrank,

Schwächt die Nerven, macht dich blass und krank,

Sei doch kein Muselmann, der ihn nicht lassen kann.

 

Mit diesem Kinderreim sind wir aufgewachsen, haben anschliessend eine Phase der Italianità mit Alu-Espressomaschineli und stretissimi durchlaufen und stellen im fortschreitenden Alter und aktivem Umweltrespekt fest, die einzige doch ständig bereite Energiequelle in unserem Haushalt ist die Nespresso-Maschine. What else?

 

Zurzeit haben es „les musulmans“ in unserer 2. Heimat nicht einfach. Wer sich heute en France gen Mekka verneigt, scheint vielleicht suspekt, gefährlich, bedrohlich und in fast jedem Fall als wenig gebildet und deshalb vielmals chancen- und arbeits-los. Dass der Premierminister von einer eigentlichen Apartheid spricht, ist zwar verständlich, aber eine ungeschickte Formulie-rung im aktuellen politischen Klima.

Hier auf dem Land leben die Muselmänner diskret, geradezu unsichtbar. Man trifft sie weder an den Tresen bei Fréd, noch in der Jagdgesellschaft schon gar nicht am Kriegsdenkmal. Höchstens die Hautfarbe „vom Maghreb bis Westafrika“ lässt allenfalls darauf schliessen, dass sie nicht der üblichen Kirche in Frankreich angehören. Wobei ausgerechnet der dunkelste Citoyen un-seres Städtchens kürzlich sein 25. Jubiläum als katholischer Priester feierte. Aber von St. Gengoux-le-National aus liegen Rom, Jerusalem und Mekka ohnehin beinahe in der gleichen Richtung. Und dabei ist weiter auch nicht aufgefallen, dass in der einge-ladenen Menge auch noch zwei zürcherische Protestanten das Chardonnay-Glas in die Höhe hielten.

 

Anders in den Städten, vor allem In der Hauptstadt. Nun ja, die Muslime haben es schon deshalb nicht leicht, weil sie unter-einander so verschieden sind. Nebst dem alten Harki, der samt Familie mit der französischen Armee aus seiner Heimat Algerien flüchten musste und jetzt seine mickerige Rente ins Teehaus trägt, gibt es den weissgewandeten Salafisten aus Marokko mit dem Koran unter dem Arm. Neben der Toilettenfrau aus Mali ist auch die Tiefverschleierte, die nach wie vor ihre zahlreichen Kinder in den muslimischen Kindergarten begleitet. Und wegen des Tragens des Niqab in der Öffentlichkeit regelmässig gebüsst wird. Im Gegensatz zur ebenso verschleierten Dame aus dem Nahen Osten, die unbehelligt ihre Einkäufe am noblen Elysee tätigt. Aber schliesslich gehört der absolute Stolz der Parisiens, der FC Paris Saint Germain, dem Scheich aus einem dieser Länder.

 

Zurück zum Kinderlied. Damals galten die Türken als die absolute Bedrohung des christlichen Europas; immerhin belagerten sie einst zweimal die östliche Hauptstadt Wien. Nun. die Wiener haben dem Muselmann vom Bosporus längst verziehen, ist doch eine der Spezialitäten der traditionellen Kaffeehäuser ein doppelt aufgebrühter „Türkischer“. Dass der Pole Georg Franz Kolschitzky mit 500 Sack Kaffee, die durch den Sieg über die Türken vor Wien 1683 erbeutet worden wären, das erste Kaf-feehaus eröffnet hätte, ist ins Reich der Legenden zu verweisen. Es war ein armenischer Händler, der ab 1671 dieses Privileg genoss. Abgesehen davon: die „Muselmänner“, die zahlreichen Muslime zwischen Nordafrika und Stockholm sind ausge-sprochene Teetrinker…

 

 

Protestant

 

Wir wohnen seit Jahren quasi in Sichtweite von Taizé entfernt, haben mit Erschrecken den Mord an Frère Roger und mit einiger Verwunderung von dessen umgehender Vereinnahmung durch die katholische Kirche Kenntnis genommen.

Wenn ich meine Runde als deutschsprachiger Stadtführer drehe und bei der Kirche Saint Louis anhalte, denke ich an meinen französischsprachigen Kollegen Gérard, der jeweils unter dem Portal sehr, aber sehr empört die Verbrennung der sieben Mön-che durch die protestantischen Truppen schildert. Der Anlass zum Edikt von Nantes und die Bartholomäusnacht werden auch heute noch schlicht ausgeblendet; nicht nur von Gérard. Zwar gehen 70% der Franzosen nie zur Kirche, aber in Frankreich ge-boren zu werden, heisst nach wie vor, wenigstens grundsätzlich katholisch zu sein. Auch wenn im Gemeinderat das Los ent-scheidet, wer den Bürgermeister zur Antrittspredigt des neuen Priesters begleiten muss.

 

Wirklich katholisch geblieben sind nur noch die Adeligen. Zwar leben sie eher diskret, bleiben unter seinesgleichen, aber am Palmsonntag stehen sie beim Einsegnen der Buchszweige in der vordersten Reihe. Auch im Südburgund sind Palmwedel eher selten. Das einfache Volk verhält sich gegenüber der Communauté Taizé sehr erfreulich. Wohl auch deshalb, weil die dort die sichtbar gelebte Oekumene sich wohltuend gegenüber dem Verhalten des hiesigen Monsieur le Curé abhebt. Immer wenn er an unserer Haustüre vorbeischleimt, erinnert er mich an einen ehemaligen „fernsehgeilen Sekretär aus dem Bistums Basel“.

Dann die erste Begegnung mit dem pensionierte Pastor unseres Bezirkes, Mr. Westphal (sic!), der mich einst beim Wischen auf der Gasse erst begrüsste, dann umkreiste und letztlich fragte: Vous êtes Suisse? Oui Mon-sieur. Et vous venez de Zurich? Mais oui, Monsieur. Dans ce cas vous êtes protestant? Mais biensur, Monsieur. "Alors, nous sommes cinq à Saint Gengoux!" Dem-nach sind wir jetzt zu fünft in Saint Gengoux. Selbstverständlich nicht eingerechnet mein vor vielen Jahren protestantisch ge-ehlichtes Weib. Ich habe es nicht über das Herz gebracht, Mr. le Pasteur über mein heutiges Heidendasein aufzuklären. Denn als waschechter Zürcher geboren zu werden, hiess früher auch, wenigstens grundsätzlich als Protestant geboren zu werden; als „Weber von Egg“ ohnehin. Jene die „im alten Glauben verharrten“, mussten damals nach Luzern aus-wandern.

 

Herr Westphal wusste so Manches über die Schweiz; seine Mutter stammte aus einer bekannten Familie in Lausanne. Dass er Jungeselle blieb, hatte vermutlich weniger mit dem Nichtwollen, als mit der fehlenden Auswahl in Frankreich zu tun. Jedenfalls war er immer sehr charmant gegenüber den Damen. Inzwischen ist er gestorben und die Kirche war zum Bersten voll. Auf-fallend, die angereisten Glaubensbrüder und –schwestern waren im Gegensatz zu den katholischen Einheimischen in äusserst korrektem Schwarz gekleidet…

 

Kürzlich gestand mir Jeannine, sie wäre zeitlebens gerne Protestantin gewesen, hätte aber keine Gelegenheit gehabt, diese Glaubensrichtung kennen zu lernen. Sie ist immerhin achtzig, aber von charmantem und wachem Geiste. Ihre Frage nach dem wesentlichen Unterschied habe ich ungefähr so erklärt:

Protestanten telefonieren mit dem Himmel direkt, die Katholen tun dies über die Vermittlung. Und wer weiss, was diese dem Herrgott erzählt…

Und dies hat Jeannine gut verstanden.

 

 

Rot – blau - grün

 

Seit ein paar Monaten sind in unserem Postbüro nur noch die grünen Briefmarken zu finden. Grundsätzlich sind die A-Post-marken rot, jene der ersten Gewichtsstufe ins Ausland blau und seit vergangenem Jahr die Marken für B-Post grün. Grün weil ökologisch, weil diese Briefe nie in einem Flugi befördert werden – versprochen! – grün, weil dieser Tribut an die Natur natür-lich etwas länger dauert. Ist ja klar.

 

Aber eigentlich liegt es nicht in der Natur, irgendwelche Briefschaften quasi verzögert in der Weltgeschichte herumzusenden. Schliesslich hat man bis zum definitiv letztmöglichen Termin mit der Erledigung gewartet und deshalb sollte wenigstens die rote Briefmarke den guten Willen bezeugen.

 

Also wird nachgefragt. Der Begründungen sind es viele, mal ist es das Abwarten der vorgesetzten Stelle, mal das zögerlichen Verhalten des Gouvernements, das vielleicht an eine Taxerhöhung denkt und mal sind die Druckereien schuld, die partout nicht liefern können oder wollen. Jedenfalls an der Poste liegt es nicht, sagen alle.

 

Aber zuerst hinter vorgehaltener Hand und kürzlich dank einem Leck nun auch in unserem Provinzblatt liegen die Gründe et-was anders. Übrigens, ein Whistleblower heisst auf französisch „lanceur d'alerte“.

 

La Poste diesmal française, ist über die Statistik und in sich gegangen, weil die A-Post,“ A „ wie anderntags, gerademal zu 36% wirklich am Folgetag ausgetragen wird. Streik- und andere freie Tage nicht berücksich-tigt, nota bene. Nun natürlich gibt es verschiedene Wege, um eine Anpassung an die europaweiten Standards zu erreichen. La Poste hat den Weg über die künst-liche Verknappung gewählt; auf diese Weise kann die Menge eher dem Angebot angepasst werden, ohne dass man mehr Per-sonal oder Maschinen beschaffen muss. Und wenn man etwas Glück hat und trotzdem rote Marken auftreiben kann, gelangt die Post tatsächlich oder meistens am Folgetag auch zum Empfänger. Aber nicht vergessen, die Sendung muss spätestens um 15 Uhr 40 bei unserer Post aufgegeben werde; schliesslich sind wir 22 km vom nächsten Briefzentrum entfernt.

 

Insider allerdings meinen, dass mit diesem Vorgehen das Terrain vorbereitet wird, um die von den Gewerkschaften schon lange bekämpfte Briefsortierung in der Nacht abzuschaffen. Allerdings wäre damit auch die A-Post prioritaire, ein europäischer Stan-dard, bei der Poste française endgültig gestorben.

 

 

Sankt Blasius

 

Als eben geouteter Protestant müsste ich mich ja nicht um den Heiligen und dessen Wundertaten kümmern. Trotzdem weist Saint Blaise auf eine Tradition in unserem Dörfchen hin, die wir bis anhin nie ausliessen.

 

Unsere besondere Aufmerksamkeit erregte er, weil Sankt Blasius unter anderem als Schutzheiliger der Müller und Wollweber gilt. Eigentlich klar, wenn man in einer Mühle wohnt, Weber heisst und das angeheiratete Weibchen daselbst ein Atelier für Handweberei betreibt. Zudem sollen die Gebeine des aus der Gegend von Armenien stammenden Gottesmannes um 855 auf der schweizerischen Insel Rheinau gelegen haben, bis sie im 11. Jahr-hundert ins deutsche Sankt Blasien im Schwarzwald überführt wurden. Dies zur Geschichte, bevor der 15. Februar dem Sankt Valentin und den Blumenhändlern zugesprochen wur-de. Und damit zur Gegenwart, in eine Zeit, in der auch bei den französischen Katholen die Heiligkeit etwas verblasst ist.

 

In unserem Dorf wird dem Saint Blaise am zweiten oder dritten Februarsonntag gedenkt. Gedenkt Im Rahmen einer Einladung zum gemeinsamen, sehr familiären Mittagessen. Ein Essen, das früher von Jeannine und Josiane zubereitet wurde und heute nicht minder gut unter der Leitung von Cécile et Cécile im salle rurale, dem Gemeindesaal, serviert wird. Und wie könnte es anders sein, als Apéritif, Vorspeise, Hauptgang, Käse und Dessert, begleitet von Chardonnay, Rotwein, Crémant und Kaffee; Kostenpunkt € 14 pro Person, Kinder bis 12 gratis. Die Polonaise aller mit den Kindern und Tanz von Musette bis Rock `n` Roll mit der Bürgermeisterin sind definitiv ein must, die Musik stellt wie jedes Jahr der Automechaniker zusammen.

 

Und wir mittendrin, eigentliche Exoten, nicht einmal Europäer aber trotzdem gut aufgenommen, zuweilen besser als irgend welche hochnäsige Parisiens. Natürlich muss Tony sein Sprüchlein vom petit suisse loswerden, aber korrekt heisst es schliess-lich „trois petits suisses“. Man sollte sich nie kleiner machen. Ein Nachmittag, einfach fröhlich, nett und lustig, gespickt mit kleinen Sticheleien, die aber ebenso nett pariert werden. Hier trifft sich eine Dorfbevölkerung, in der jeder jeden kennt und von allen alles weiss und zu irgend einer der wenigen Familien gehört, die seit je hier ansässig sind.

Auch zwei Jäger sitzen am Tisch, beide waren am Morgen noch auf der Pirsch. Als ich Dédé darauf anspreche, sagte er, er wäre schon gerne nochmal gegangen, aber seine Frau hätte es nicht zugelassen; für Roger kein Problem: Er hat seine Wildsau geschossen.

 

Sankt Blasius soll auch Halsschmerzen heilen. Ob er auch für Kopfschmerzen zuständig ist? War es allenfalls das letzte Glas, das nicht mehr gut tat?

 

 

Schnell unterwegs

 

Das allererste Auto wurde nicht 1886 gebaut und nicht Carl Benz hat es erfunden. Das behauptet ein Schweizer Historiker und legt interessante Argumente vor. Folgt man ihnen, gerät man tief ins Frankreich des 18. Jahrhunderts.

 

Sollte dem so sein, ist das derart innige Verhältnis der Franzosen zu ihrem Wagen verständlich. Gut, der ÖV in der Provinz ist derart dürftig, dass ein Leben ohne Fahrzeug auf dem Land schlicht nicht vorstellbar ist, ausser man ist Selbstversorger oder kann definitiv nicht fahren. Das hat zur Folge, dass in Frankreich jedermann bis ins hohe Alter noch mit dem Auto unterwegs ist. Sollte ihnen ein kleiner verbeulter Wagen den Weg versperren, der mit 40 kmh dahinzuckelt, seien sie gewiss, der Herr trägt sein Beret und seine 90 Lenze mit Würde. Haben sie Geduld, erschrecken sie mir den Alten nicht. Bis zur Boulangerie schafft er es allemal.

 

Unterwegs sind auch jene meines Alters, hochanständig, mit dosierter vitesse. Ausfahrt übers Land, nicht nur am Sonntag, vielmals auch am Montag. Dann wenn die örtliche Epicerie geschlossen ist und die nächste Superette im Hauptort steht. Dahin geht es dann mit satten 70 kmh über die Departementale und ebenso ungebremst durch die Dörfer. Mit Blick nach links und rechts, ob man nicht etwa einen Bekannten sieht. Verzichten Sie auf die Lichthupe, so was wird ignoriert, ausser eben, man sieht einen Bekannten. Wobei anscheinend jeder und jede ohnehin sämtliche Autos im Canton kennt, man winkt sich und frägt sich, jedenfalls ich, im Nachhinein, wer war das denn?

 

Dann, vornehmlich kurz nach acht, sicher aber um halb zwei Uhr, sehr rassig unterwegs, frisch gestärkt direkt vom Mittag-essen mit allem Drum und Dran. Und natürlich etwas knapp in der Zeit. Alles normal, denn wer möchte schon einen Hand-werker auf dem Weg zur Arbeit aufhalten, jene Spezies, auf die alle jeweils so sehnsüchtig warten. Vermeiden sie, ihnen im Fahrtwind zu folgen, die Leiter, schnell auf den Träger geworfen, könnte ebenso ungebremst der Schwerkraft folgen.

 

Ich habe mich mittlerweile angepasst. Zu Beginn war mir klar, dass ein Wagen mit einer ausländischen Nummer zwingend überholt werden muss; dessen Fahrer ist ohnehin ortsfremd und mit den hiesigen Gewohnheiten unvertraut. Nachdem ich beschloss, meinem Citroën seine Heimat wieder zurückzugeben, hoffte ich, auch tempomässig mit dabei zu sein. Für die Einfuhr verlangte der Zoll eine Konformitätsbescheinigung, Kostenpunkt € 60. Hauptsitz Citroën in Paris liess ich wissen, „Ich importiere kein Auto, es handelt sich hier um eine Repatriierung“. Sie händigte mir die Bescheinigung aus und verzichtete auf das Inkasso des beigelegten Checks. Überzeugung oder Schlamperei, ich fand es jedenfalls gut. In drei Anläufen auf der Souspréfecture - dies allein ergäbe auch eine eigene kleine Story - brachte ich es zum begehrten Papier, auf dass mir eine plaque française zugestanden werde. Stolz liess ich sie an mein Fahrzeug schrauben, endlich gehörte ich dazu.

Gut, es hat noch eine Weile gedauert, bis ich merkte, dass im Gegensatz zu meiner ersten Heimat, in Frankreich ausserorts

90 kmh gestattet sind. Selbst auf Nebennebenstrassen von drei Metern Breite. Laut aktueller Statistik halten sich gerade mal 28% an die vorgegebenen Geschwindigkeiten. In dieser Hinsicht bin ich immer noch le petit suisse. Man ist schnell unterwegs en France !

 

 

Soziales Netz

 

François Holland versprach in seiner Wahlkampagne die Rückkehr zum Rentenalter 60. Die Streichung des noch unter Sarkozy verabschiedeten Gesetzes ist mehrheitlich realisiert, ein paar Details stehen noch zur Diskussion.

Ganz vorneweg: Mein 60. Geburtstag war zugleich mein letzter Arbeitstag. Also zählte auch ich in der Schweiz zu den Privi-legierten. In einem Land, in dem für lange Zeit die Frühpension nur offen stand für Langzeitkranke, Weicheier, Unwillige und für Mitarbeitende, auf die man gerne verzichtete. Zugegeben, ich profitierte von einer damals guten Situation in unserem Unter-nehmen und von einer „falschen“ Berechnung beim Einkauf in die Pensionskasse. Die Übergangsrente bis 65 und eine Kürzung von 10% bis zum Lebensende verschmerzt man leicht ob der gewonnenen Freiheit in Hinblick auf die noch verbleibenden Jahre. Zumindest von der Statistik aus gesehen. Oder hatte mich bereits die französische Mentalität im Griff?

Mon cher ami Bruno erkundigte sich bereits bei meinem 58. Geburtstag, ob ich mich nicht ein bisschen krank fühle. Stolz wehrte ich mich gegen dieses Ansinnen, ich und krank, keineswegs, toppfit wie ich mich fühle. Mit der Frage „nicht ein bisschen schlapp, frustriert, ausgelaugt“ spürte ich, wo hinaus er wollte. Mit diesen drei Worten umschreibt man en France das „être fatigué“, was wir fälschlicherweise mit müde übersetzen. Jedenfalls rettete sich Bruno eben gerade mit knapp achtundfünfzig aus der in seinem Grossunternehmen drohenden Arbeitslosigkeit.

 

Ich kenne tatsächlich niemanden im nahen Umfeld, der wirklich bis zum Sechzigsten arbeitete. Ausgenommen von dieser Regel sind die selbständig Erwerbenden, die heute bis 67 arbeiten dürfen, sollen, müssen; siehe oben unter „Detail“. Natürlich klönen diese wegen den kleinen Renten, aber sie sind auch nicht erpicht, ihre Einkommensverhältnisse einfach so preiszugeben, ob-gleich selbst der Tabakhändler, der hier le buraliste heisst, seine Buchhaltung von einem Treuhänder erstellen lässt. Ihre aus-drückliche Ablehnung buchhalterischer Kenntnisse, hat sie deshalb auch veranlasst, mich zum „tresorier“ des Gewerbevereins zu wählen.

Als wir unser kleines Unternehmen gründete, wurde von der Chambre de Commerce erwartet, dass ich meine Sozialversi-cherungen regeln werde. In meinem Gesuch um Verzicht auf meine Mitgliedschaft, schilderte ich, dass ich bereits eine Rente beziehe und über eine obligatorische Krankenversicherung verfüge, getreu dem Motto, keine Versicherung wird sich wohl gegen einen Verzicht eines Risikokunden 60+ wehren. Nicht so en France. Und seit dem bezahle ich getreulich meine Rente und Krankenkasse, dies nach dem untersten Ansatz eines selbständig Erwerbenden, just um die 1500 Euro im Jahr. Zugegeben, die Minimalrente von 150 € pro Monat, die ich dereinst kriege, ist nicht viel, sie reicht gerademal zur Einkehr bei einem der Gault-Millau-Köche, aber meine Beiträge sind nach wenigen Jahren auch bereits wieder amortisiert. Mit der Zusatzkrankenkasse bin ich immerhin halbprivat versichert, inklusive Einzelzimmer in der Psychiatrie (!) und ich bezahle nicht die Hälfte der schweizeri-schen Beiträge, nota bene ohne den Selbstbehalt von CHF 2‘500. Und die regelmässige Dentalhygiene wird zu 60% rückver-gütet; innert drei Tagen. Erratum: Mit der Zusatzversicherung gibt es 100% zurück!

Frankreich ist ein sehr sozialer Staat, das Netz ist dicht gewoben, für die einen vielleicht ein bisschen allzu dicht. Aber vielleicht dient dies als Ausgleich zu jenen, die allzu unverschämt auf die Seite scheffeln. François Holland versucht heute, etwas ge-rechter zu sein als sein Vorgänger. Aber wie überall funktioniert das auch hier nach dem „Pendelprinzip“.

PS: Noch im März 2013 will Mr. Hollande in einem Fernsehauftritt erklären, wieso es nur zwei Möglichkeiten gibt: Länger einzahlen oder weniger Rente. Man darf gespannt sein.

 

PS +: „Die Meinungsforschungsinstitute erwarteten denn auch nicht, dass sich die dramatisch schlechten Beliebtheitswerte von Hollande nach dem Fernsehauftritt zum Positiven wenden. Halten doch nur noch 22 Prozent der Franzosen den 58-Jährigen für einen «guten Präsidenten», wie eine CSA-Umfrage diese Woche ergab.“

 

 

Ventre de charme, der Waschbrettbauch

Zugegeben, das wöchentliche Mähen, ein halbes Tagwerk, kann wohl kaum als sportliche Tätigkeit gezählt werden. Zwar werden die Beinmus-keln ein bisschen trainiert, denn geradeaus marschieren auf Wiesen, auf denen vor zwei Jahren noch weisse Rinder weideten, kann ganz schön anstrengend sein.

 

Trotzdem, dreieinhalb Stunden bei einer Mähgeschwindigkeit von 3,8 km pro Stunde minus 10% fürs Wenden und Auftanken ergibt knappe 12 km Marschleistung. Auch der Oberkörper ist gefordert, gilt es doch, den Mäher auf dem unebenen Terrain an allzu tollen Hüpfern zu hindern. Im vergangenen Jahr hat mir ein Freund seinen „John Deere“ geliehen. Es scheint, dieser traditionelle Mähtraktor läuft wohl besser auf gepflegten Rasenflächen oder Landstrassen quer durch die USA als auf „ghögerigen Charollaisweiden“. Das war beinahe wie Rodeo.

 

Zwar gelten unsere burgundischen Gastgeber eher als bodenständig, kräftig gebaut, nicht zu lang gewachsen, schliesslich wachsen die Reben auch nicht höher als eins fünfzig. Trotzdem, vergangenes Wochenende geriet der flache Bauch als Thema in den Freizeitbund der Regionalzeitung: ventre plat, notre ventre du charme! Also zurück zum Waschbrettbauch.

 

Wohl hat unsere Mutter noch mit Waschhafen und Wasserschwinge unsere Wäsche sauber gebracht, aber in den 50er-Jahren kam dann ein Österreicher und erfand für die geplagten Hausfrauen die vollautomatische Waschmaschine und die wenigen verbleibenden Waschbretter fanden lediglich noch Verwendung als Rhythmusinstrument. Warum moderne Frauen sich immer noch partout nach einem Partner mit Waschbrettbauch sehnen, bleibt mir deshalb unverständlich.

 

Jene Herren, die umgehend dem Wunsch der Damen oder auch Herren – heutzutage weiss man das ja nie, was gerade in Trend ist – folgen, na ja. Jedenfalls ärgert mich zuweilen die jetzt aufkommende Heterophobie; jene, die sich entsprechend im Fitnesscenter maschinell aufrüsten lassen, haben wohl auch noch ein Problem mit ihrem body.

 

Zurück zum Journal de Saône et Loire. Normalerweise blättere ich weiter, doch dann stach mir die französische Übersetzung für den Waschbrettbauch ins Auge stach: tablettes de chocolat. Tönt doch um einiges sympathischer als der antiquierte Ausdruck aus Mutters Waschküche, nicht!?

PS: „Je mehr sixpacks, desto weniger sixpacks“, denn in meiner Jugend-zeit war ein sixpacks noch eine Sechserpackung Büchsenbier. Allerdings, der jährliche Bierkonsum in unserem Haus beschränkt sich weitgehend auf den 24er-Carton „Feldschlössli, das Original“, das jeweils Kollegen Roland als Gastgeschenk mitbringt.

 

 

 

Vive l’Empereur

 

Am 2. 12. 2014 gedachte das Magazin „Le Point“ und damit ein wichtiger Teil der französischen Gesellschaft dem 210. Jahrestag der Krönung von Napoleon Buo-naparte zum Kaiser „ Napoléon 1e Empereur des Français“.

 

Dazu wurde ein Video zusammengestellt, das den denkwürdigen Tag im Dezem-ber 1804 genau nachzeichnete, alle Vorbereitungen, Auftritte und Zeremonien von 7 Uhr 30 bis 18 Uhr, in Echtzeit wohlverstanden! Inklusive der damals auf-geführten Musik in der Kathedrale Notre Dame de Paris.

Ein grandioser Umzug mit 25 Karossen, sechs Kavallerie-Regimentern, die Garde erfolgte durch Paris, die Artillerie schoss den Salut. Der an die Sänfte gewohnte Papst Pius VII musste diesmal zu Fuss zu seinem Stuhl im Chor der Notre Dame gelangen.

Bonaparte, im 40 kg schweren Hermelinmantel mit goldenem Lorbeer auf dem Kopf trat zusammen mit Josephine auf, Madame in grosser Robe im Stil von Kat-harina von Medici; die Schleppe trugen die Schwestern Bonapartes. Den üblichen Krönungsakt, bei der der Papst den zukünftigen Herrscher salbt und krönt, liess man kurzerhand bei Seite, der Gottesmann blieb sitzen und Bonaparte setzte sich die Krone gleich selbst auf das Haupt. Toujours la Grande Nation!

 

Den Rest der Geschichte kennen wir aus der Schule: der Zug der Grossen Armee bis vor das brennende Moskau, der kata-strophale Rückzug über die Beresina, gedeckt durch die treuen Schweizer Regimenter. Kommandeurs Blattmann befahl Thomas Legler das „Beresinalied“ anzustimmen, dies ging in die Geschichte ein. Und bewog meinen Vater, 1943 seinen Sohn Hans Thomas zu taufen. Dann noch Waterloo. Die endgültige Verbannung auf St. Helena, befreite halb Europa von einem Herrscher, den man erst als Befreier, später als revolutionären Diktator begriff.

 

Gleichzeitig, am 2. Dezember 2014, 210 Jahre nach Napoleons Krönung, meldete „Le Point“ den überwältigenden Wahlsieg von Nicolas Sarkozy zum neuen Präsidenten der rechtstehenden UMP. Das Bild, wie gewohnt ein martialisch in die Linse blickender Sarkozy. Mit dieser Wahl hat er eine erste Schlacht auf dem Weg zur Wiederwahl als „Le Président des Français“ im Jahr 2017 geschlagen. Bis dahin hofft man, sind die sehr gemischte Bilanz seines „Quinquennats“ von 2007 bis 2012 und die nach wie vor anstehenden dubiosen Affären vergessen.

 

Nicht dass er sich die „Krone“ selbst aufs Haupt gesetzt hätte und anstelle des Hermelins musste es der dunkle Anzug mit dunkelblauer Krawatte auch tun. Aber Bescheidenheit ist keine Charaktereigenschaft des früheren französischen Staats-präsidente, dem seine Kritiker gerne mal bonapartistische Züge vorwerfen. Im Hintergrund lauern weitere Schwergewichte, allen voran der etwas ältere Alain Juppé, der von dreiviertel der Citoyens als fähiger und absolut integrer Kandidat gewertet wird. Dieser wurde 2004 zu einer bedingten Gefängnisstrafe und einem Jahre Einstellung in die Wählbarkeit im Zusammenhang mit einer Parteifinanzierungsaffäre verurteilt. Aber das ist auch schon lange her.

 

Das Wahlresultat von lediglich gut 64% gab allerdings, keinen Anlass zu ausgedehnten Siegesfeiern.

 

 

 

Was französische Kinder essen

 

Natürlich haben wir mehrheitlich auch das gekocht, was unser Nachwuchs besonders liebte. Ein einziges peinliches Momentchen an der table d’hôte im noblen Hotel Fiesole oberhalb Firenze war wieder bald vergessen: Zwei völlig übermüdete Kleine verlangten Pommes mit Ketchup und Spaghetti ohne Sauce, nur mit Butter. Ein leises Kopfschütteln ob unserem schlecht erzogenen Nachwuchs ging durch die Tafelrunde…

Kürzlich lobt eine amerikanische Journalistin in Sachen Essen die französi-schen Kinder, die ohne Murren und diszipliniert im Restaurant zusammen mit ihren Eltern Fisch und Blanquette de veau verspeisten. Etwas, das in USA schlicht nicht vorstellbar sei. Mittlerweilen haben wir erfahren, dass die amerikanischen Essgewohnheiten schon längst auch die helvetischen Familien erreicht haben.

 

La grande Nation hingegen wehrt sich mit Erfolg, ignoriert Sonderwünsche weitgehend und erreicht damit, dass eine klassische französische Speisefolge schon in frühkindlicher Phase in Fleisch und Blut übergehen kann. In unserem, zugegeben sehr provinziellen, Journal de Saône & Loire werden jeweils zu Beginn der Woche die vierteiligen Mittagesmenüs der Schule publiziert, „Ce que les petits Mâconnais vont manger cette semaine“ und wir lesen mit Erstaunen:

 

Montag : Taboulé / Rindsvoressen Burgunderart, Brocoli und Blumenkohl / Frischkäse Boursin mit Knoblauch und Kräutern / Früchte.

Dienstag gibt es Gemüseterrine / panierte Käseschnitte mit Teigwaren / Dessert „Flamby“,

Mittwoch ist schulfrei und am

Donnerstag steht auf dem Menü: Sellerie an Remouladensauce / Cordon-Bleu mit Kartoffelstock und Karotten / Schafskäse / Fruchtjoghurt.

Freitag, quasi Bündelitag vor den Ferien: Toast mit Gänseleber / Lachsfilet amerikanische Art / die Käseplatte / Weihnachts-dessert.

Dies alles wird in der französischen Schulkantine vorgesetzt und klaglose – soweit wir wissen – vertilgt. Kein erstauntes Kommentärchen von Papi, „Schätzeli, zuhause isst Du doch nie Gemüse…“

Dass sich diese Gewohnheiten geradewegs im Erwachsenenleben fortsetzen, ist gegeben. So werden in den meisten Restaurants auf dem Lande zu Mittag dieselben Speisefolgen den Handwerkern serviert, zu 11, 12 wenn’s hochkommt zu 14 Euro, vielmals das Viertel Wein und der Kaffee inbegriffen, ebenso Brot, viel Brot und die Karaffe mit Wasser. Wir selbst haben uns nach kurzem Sträuben ebenfalls den mittäglichen Ritualen ergeben; den Käse servieren wir allerdings nur, wenn am Tisch franzö-sische Gäste Platz genommen haben. Schliesslich gilt der Käse bei uns als „Magenschliesser“ und hinterher noch einen Dessert nachzuschieben ergibt wenig Sinn. Immer natürlich aus der Sicht eines Eidgenossen, der partout allem und jedem auf den Grund gehen möchten.

Wirklich dicke Kinder sieht man in Frankreich wenige, ebenso Männer. Lediglich (und leider) viele noch junge Mütter neigen schon kurz nach der ersten Geburt zu matrimonialer Fülle. Ob die Zuhausegebliebenen zu Naschereien, statt zu gesunder Kost neigen? Oder sind es die paradiesisch riesigen Angebote von Fertiggerichten, die im Supermarché angeboten werden? Wäre ich eine Hausfrau, ich würde eine Karriere zur "Betty Bossi en France" anstreben!

PS: Auch wenn die Mittagessen zu Preisen der 50er-Jahre angeboten wer-den, halten zumeist die angebotenen Menüs den Künsten eines wirklich ausgebildeten Koches nicht stand. Es ist halt nicht jeder ein Bocuse, und der kocht auch nicht wahnsinnig gut … ehrlich.