Ausland - Schweizer



weber-bourgogne.com

Ausland  -  Schweizer

Und hier erscheinen Kommentare aus ganz persönlicher Sicht, ein Blick von uns aus auf die Schweiz, unsere Schweiz. Sie sind ebenso spontan entstanden, aus einem Erlebnis heraus, nach Wahlen und nach Berichten aus verschiedenen Quellen.

Gut, wenn Sie der selben Meinung, wenn nicht, auch gut. Viel Spass!                                             ©jtw

Ab uf …

 

Unsere Generation erlaubte sich als jugendliche Erwachsene, die Kriegszeit etwas differenzierter zu be-trachten. Nicht die Haltung unseres Vaters, der im Abschnitt Untersee bis Stein am Rhein als Häuptling diente, aber die jener Stäbler, die in der sicheren Etappe sich zwischen Anpassung und Nachkriegszeit entscheiden mussten.

 

Eben unser Vater spielte einst mit dem Gedanken, als Gesandtschaftsbeamter nach neuen Ufern aufzu-brechen. Santiago war damals très en mode. Aber er entschloss sich, wohl auch zusammen mit seiner wesentlich nüchterner denkenden Claire, zu „Bleib' im Land und ernähr‘ dich redlich“. Ein nicht sehr mutiger Entscheid, aber angesichts der späteren politischen Entwick-lung, ein gescheiter. Immer natürlich im Rückblick. In jenen Jahren, als Allende in Chile die Sozialdemokratie installieren wollte, träumten ich und Margrit bereits weiter: Saint Pierre et Miquelon oder gar Sankt Helena. Dann übernahmen wir die Jugendher-berge im Bündnerland und das war damals fast Auswandern auf halbem Weg…

 

Aber nochmals zurück. Wir Altersgenossen überlegten in Vielem etwas anders, wenigstens ein Teil von uns. Mao musste und durfte gelesen werden, das „Hodscha“ redigiert von Pinkus junior ging in den  Strassen-verkauf, der Vietnamkrieg öffnete vielen die Augen zur Machtpolitik der USA . Endlich! Aber der Zürcher Oberländer,  damals noch „Der Freisinnige“, empfahl den linken Brüdern das Einfachbillett „ab nach Mos-kau“. Genauso wie den armengenössigen Handwebern aus dem Oberland einen Dritt-klassfahrschein nach Amerika anerboten wurde. Und Sepp Hürlimann las die „Pravda“ in Griechisch. Das machte Eindruck, zu-mindest auch mir.

 

„Ab 6.52 wird zurückgeschossen! „ Nach einer Nacht der Höhenfeuer im ganzen Kanton Zürich wird der Tribun auf der Altrüti in Gossau vor sein Volk treten. Höhenfeuer, Warnfeuer, Feuer der Vernichtung, der Hexenverbrennung, der Bücherverbrennung? Aufmarsch der Tambouren und Treichler, bodenständig, knochenkonservativ, überzeugt, hinter dem nächsten Hügel wartet Morgarten." usw.

Zugegeben, ein provokanter Artikel zur 50. Jubiläumfeier der Zürcher SVP auf offener Wiese ob Gossau. Anderntags wurde mein Briefkasten überschwemmt mit Schimpftiraden, erstaunlicherweise fast alle aus der Innerschweiz, obgleich der Artikel im Züri-Oberländer erschien. Ein Transporteur aus dem Luzerner Hinterland anerbot sich gar, unser Hab und Gut kostenlos über die Grenze zu transportieren. Eigentlich hätte ich das Angebot annehmen sollen, aber es war schlicht noch zu früh.

 

Zu jener Zeit hatten wir unser ehemaliges Grotto im Malcantone zugunsten eines Reihenhauses in einer selbstverwalteten Eigentümergemeinschaft veräussert, aber der Zug in die Ferne blieb.  Keine zehn Jahre nach der Sesshaftwerdung, stach uns erneut der Hafer: Italien, die Ardèche, u.a.; allerdings bell’Italia war bereits teuer ausverkauft, die Ardèche zu abgelegen. Auf dem Heimweg gerieten wir ins Clunisois,  zurück in eine bereits bewältigte Erinnerung vergangener Christlichkeit. Für diesen Ausrutscher hatte unser zwing-lianische Vater wesentlich mehr Verständnis, als für das sehr linke Engagement zweier seiner Kinder.

Mittlerweilen sind mehr als ein Vierteljahrhundert vergangen zwischen dem ersten Häuschen im Südbur-gund, der frühgewählten Pension, den Jahren im centre médiévale von Saint Gengoux le National und der Moulin de Chigy. Die Frage der Rückkehr stellt sich frühestens  nach dem Ableben der einen Hälfte unserer bald 50-jährigen Gemeinschaft. Ab uf … und es gibt immer noch Träume!

 


 

Amis

 

Dankbarkeit gegenüber den Amerikanern forderte kürzlich eine Freundin; immer daran denken, dass sie uns vor dem Bösen im Norden bewahrten.

 

Dann folgte unsere Generation und stellte Fragen. Unangenehme Fragen. Unsere Heimat tat sich anfäng-lich schwer mit deren Beantwortung. Das Pendel schlug in Richtung Friedensbewegung, „ab nach Moskau“ kam aus der Mode. Aber das Pendel kehrte immer wieder. Der besonders eifrige Wachtmeister redete über den Kommunismus und für das Tragen von roten statt schwarzen Socken gab es drei Tage Ausgehverbot. Eine Infanteriekompagnie zog auf dem appenzellischen Dorfplatz die Hosen hoch zur Sockenkontrolle!

 

Die grausamen Bilder aus Vietnam, das Elend der Heerscharen von Kriegsversehrten, Traumatisierten, Drogensüchtigen, die ihre Heimat USA eigentlich lieber entsorgt hätte, das alles lud zum Nachdenken ein. Die USA als Reiseland kam schlicht  nicht in Frage, nicht für meine Freunde und schon gar nicht  für solche mit roten Socken.

 

Die Staaten wurden erst zur Destination, als unsere Tochter dort arbeitete, wir reisten dahin und erlebten einiges. Ehrlich, das Land ist schön, die Natur überwältigend, das Reisen im Camping-Car ein Erlebnis (ausser wenn man aus der dritten Spur der 8-spurigen Autobahn die Ausfahrt sucht).

Dass meine für unsrere Nicole liebevoll produzierten Cordon bleu nicht so richtig schmecken wollten, lag am gesüssten Käse und am Schinken von der Konsistenz eines Waschlappens. Der Gang durch die Tief-kühlketten liess vergessen, dass Gemüse irgendwo mal frisch gedeiht, die Waschmittelkartons gefüllt mit frisch geröstetem Popcorn macht die Überbreite der Stühle verständlich. It never rains in Southern Cali-fornia mag wohl stimmen, in Northern schneite es. Das Frühstück mit einem Riesensteak nach einer bitter kalten Nacht im Park konnte mich kurzfristig umstimmen. Immer und überall gibt es ein Highlight. Zurück in Zürich-Kloten, glücklich mit der festen Einsicht: Das eine Mal reicht.

 

Dankbarkeit den Amerikanern gegenüber, von wegen. Da müssten wir eigentlich auch Stalins Soldaten dankbar sein. Schliesslich haben sie auch mit ihrem Einsatz den zügigen Einmarsch im Westen ermöglich. Und sie haben schwer geblutet dafür. Alle kämpften für die Freiheit und Demokratie, aber für welche ei-gentlich? Für eine republikanische oder für eine Volksdemokratie? Für jene, die so grossartig scheiterte an der Realität oder jene, die den zum Präsidenten macht, der am meisten Gelder sammelt, die grössten Ver-sprechungen abgibt oder die dümmsten Sprüche in die Welt setzt.

 

Aug um Aug und Zahn um Zahn, so steht es im Alten Testament, eine Geschichte, die auch als eine der Grundlagen für die Religion der Gotteskrieger steht. Und mitten drin in dieser unsäglichen Geschichte die USA, bar jeden Verständnisses für historische und kulturelle Unterschiede, im Herzen eine Demokratie, frei formuliert nach Readers Digest. Immer erstaunt, dass niemand ihrer Frohbotschaft Glauben schenken will. Weil die reale Welt nicht dem amerikanischen Traum entspricht. Wer glaubt wohl jemandem, der erst mal schiesst bevor er Fragen stellt. Und dieser fühlt sich auch noch im Recht, weil der Gegenüber nicht ant-wortet, vielleicht nicht mehr antworten kann.

 

Eigentlich hatte ich mich mit dem grossen Nachbarn im Westen schon ein bisschen ausgesöhnt, ein neuer Präsident liess Hoffnungen reifen, dass Amerika endlich im 21. Jahrhundert ankommen wird. Yes we can! Seine Tränen der Hilflosigkeit gegenüber einer Waffenlobby, die partout keine Gesetze ändern wollte, wirkten glaubwürdig. Aber die Erwartungen waren zu hoch, die politische Vernunft auch in acht Jahren in keiner Weise gereift.

Ein Nachfolger wurde gewählt, der weder gescheit, noch vernünftig und schon gar nicht verlässlich ist. Ein Nachfolger, der heute eine latente Gefahr für den Weltfrieden ist und der den 71jährigen Lümmel spielt.

Ein Nachfolger der sich bereits auf seine Wiederwahl vorbereitet und das niemand verhindern möchte, sei es aus machtpolitischen, wirtschaftlichen oder weiss Gott was für Gründen.

 

Dankbar den Amerikanern? Hohe Zeit, endlich über ein föderalistisches Europa nachzudenken. Die Schweiz könnte dabei mit-helfen, aber sie hat sich entschlossen, weiterhin abseits zu stehen, „sei es aus macht-politischen, wirtschaftlichen oder weiss Gott was für Gründen...“

 


 

Ecopop: Und ein Stein fiel vom Herzen…

 

Ganz zuerst, Ecopop hat weder mit ökologischer noch mit ökonomischer Popmusik zu tun. Höchstens dass selbst der Initiativtext geradezu disharmonisch anzufühlen war.

 

Nun, Schwamm drüber, das Volk hat sich brav gezeigt und überzeugend entschieden. Wohl auch jene, die am 9. Februar die Regierenden einfach mal ohrfeigen wollte und im Nachhinein arg über das knappe, aber eindeutige Resultat erschraken. Und nicht zuletzt auch jene, die das Desaster am Neunten-Zweiten gar einbrockten und jetzt merken, dass sie sich nicht aus der Pflicht schleichen können. Mitgefangen-mitge-hangen, ätsch!

 

In der „Swisscommunity“, einer Plattform für Auslandschweizer, wogten die Meinung hin und her, schon deshalb, weil die Rückkehr in die 1. Heimat allenfalls auch unter das Kontingent der 16‘000 hätten fallen müssen. Schon der Gedanke, das in der Verfassung verbriefte Recht der freien Niederlassung könnte gefährdet sein, erregte die Gemüter. Nicht dass man sich vorstellen müsste, dass schon morgen 750‘000 Schweizerbürgerinnen und -bürger um Einlass begehren würden. Das wäre zugegebenermassen schlecht zu bewältigen. Aber der Grossteil dieser Eidgenossen im Ausland ist in ihrer 2. Heimat  integriert, verhei-ratet, seit Generationen fester Bestandteil der Landesbevölkerung. Vielmals ist der rote Pass ein Relikt der Treue zur Herkunft, ein Nachweis  kultureller Flexibilität und zugegeben manchmal auch ein bisschen Nos-talgie. Manchem wackeren Mitglied des Schützenvereins San Francisco würde die heimatliche Enge etliche Mühe bereiten.

Aber schon gleichentags schoben professionellen Brandstifter, jene, die die Schweizerische Pressefreiheit  als höchstpersönliches Mobile nutzen, wieder Zunder in die Glut. Auf dass die permanente Kritik an den sechs Bundesrätinnen und -räten nicht.

Nebenbei: Nummer 7 hat sich kürzlich selbst aus dem Rennen genommen mit seinem Antrag, die Europä-ische Menschenrechskonvention aufzukündigen. Wer derart bar jeder Vernunft mitredet, hat in den ver-gangenen sechs Jahren wenig dazugelernt und müsste eigentlich freiwillig abgehen.

 

Aber zurück zum Zunder. Obgleich die zuständige Bundesrätin, der Pressesprecher des Bundeshauses und andere Kompetente glaubhaft versichern, dass die Ablehnung dieser Initiative in keinem Zusammenhang mit der jener vom Februar steht, wird schon wieder das Misstrauen geschürt, der Bundesrat wolle sich vor der Umsetzung der Initiative „Gegen die Masseneinwanderung“ drücken.

 

Eigentlich hätte der Bundesrat drei Jahre Zeit, um vernünftig und unaufgeregt an die Lösung der mittler-weile allseits anerkannten Probleme zu gehen. Dummerweise stehen im nächsten Jahr wieder mal Wahlen an. Natürlich ist es nicht gesetzes-widrig, mit diesem geradezu zwangshaften Misstrauen Wahlpropaganda zu betreiben. Aber es ist auch nicht gesetzeswidrig, dem Wahlkampfleiter und dem vizepräsidialen Pro-pheten entgegenzuhalten, dass ihr Verhalten nicht nur unanständig und ohne Stil, sondern auch verant-wortungslos ist. Biedermann und Brandstifter!

 


 

EUROPA

 

Weshalb sich die Schweiz nach wie vor konstant weigert, Europa beizutreten, beantworte ich jeweils  mit der Gegenfrage: „Wann tritt Europa endlich der Schweiz bei?!“

 

Zugegeben, das „Europa von Brüssel“ ist sich der Demokratiedefizite bewusst und unternimmt immer wieder Anläufe, diesen entgegen zu wirken. Allerdings liegen dem Zweierlei im Wege: der in europäischen Kreisen unübliche Föderalismus und knapp zwei spannende Jahrhunderte. Föderalismus, in Dosen verab-reicht, gestattete zum einen Teil eigenständig zu bleiben und gleichzeitig sich mehr oder weniger freiwillig in einen Verband einzufügen, der persönliche und Rechtssicherheit nach innen wie nach aussen gewähr-leistet. Dass dies nicht im Zeitraum einer Generation geschehen musste, war eine Chance, die die meisten Staaten nie hatten. Das Abseitsstehen hatte sich in dieser Hinsicht gelohnt.

 

Heute spielt der Wirtschaftskanton Zürich eine ähnliche Rolle, wie Deutschland in Europa, die Ost- und die Nordwestschweiz spiegeln sich in den europäischen Staaten nördlich der Alpen und auch wir haben unsere compatriots vom alemannischen Elsass bis zu den um einiges lässigeren nicht zwingend nachlässigeren Miteidgenossen. Eine an dieser Stelle angedeutete Nähe zwi-schen den  Hellenen und den Stämmen ent-lang der Rotte ist durchaus gewollt. Und unser Luxembourg heisst Kanton Zug. Auch wir haben unsere un-terschiedlichen Steuergesetze und den weitgehend sanktionierten Steuerausgleich zwischen den Kantonen, alles im Rahmen der gerade noch tolerierbaren und deshalb verbindenden Ungerechtigkeit. Getreu dem Motto: Alle sollen nach ihrem Können beitragen und jene die dies partout nicht wollen, lässt man auch in Ruhe.

 

Allerdings liegt auch ein kultureller Unterschied vor: In der liberalen Schweiz versucht die Politik der Wirt-schaft auf den Fersen zu bleiben. Im Gegensatz, in manchen europäischen Staaten sagt die Politik der Wirtschaft, was Sache ist. Das gipfelt manch-mal darin, dass der Wirtschafts- dem Innenminister ins Ge-hege kommt, weil der eine dem eben geadelten Bäckermeister „Meilleure Baguette de France“ hilft, Ar-beitsstellen zu sichern und der andere aus formalistischen Gründen für denselben Meister unbedingt den freien Sonntag fordert. Vermutlich deshalb erwähnt der französische Staatspräsident bei jeder Gelegenheit die Wichtigkeit der „Egalité“. Der ist eben noch ein richtiger Linker.

 

Dabei wäre gerade jetzt doch der Zeitpunkt günstig: Die „Eurozone“ könnte dem Schweizer Franken bei-treten, schliesslich liegt die Wechselkursdifferenz gerademal um 5 Cents, respektive Centimes oder Rappen auseinander. Aber stelle man sich mal vor, die Windeln ennet dem Rhein würden plötzlich gleichviel Kosten wie im Coop in Sarnen. Schlicht unvorstellbar. Nun, nicht immer die erste Idee sei die Beste!

 

Aus diesen und vielen anderen Gründen wird Europa wohl nicht so bald der föderalistischen Schweiz bei-treten. Obgleich ein sehr in die Jahre gekommener Uraltpräsident Frankreichs mit denselben Überlegungen spielt, allerdings unter peinlichstem Einhalten der weitmöglichsten Distanz vom bereits erfundenen Modell. Reden wir nicht vom Verrat an den Helvetiern, nicht von den Bur-gunderkriegen, der untergegangenen Garde von Louis XVI und dem Schweizerregiment, das den Rückzug über die Beresina deckte. Die trugen schliesslich alle selber Schuld oder so. Dass die Grande Nation ausgerechnet dem Kleinstaat nicht beitreten mag, der ihm über einen dermassen langen Zeitraum so viel Ungemach bereitete, kann ich begreifen. Und aus ähnlichen Gründ-en käme dies wohl den wenigsten Staaten des uneinigen Europas in den Sinn. Aber das alles ist nicht von Belang; vermutlich würden ohnehin wieder 52% der Schweizer gegen einen Beitritt stimmen.



 

Fiablilité

 

Zuverlässigkeit ist scheinbar ein nordeuropäisches Merkmal; irgendwo zwischen Calais und München muss eine unsichtbare Grenze bestehen. 

 

Im Gespräch unter Freunden gelten wir Schweizer als zwar etwas hölzern und überkorrekt, aber durchaus zuverlässig und pünktlich. Jedenfalls hat es sich im Dreieck Kunde-Künstler-Galerie durchaus bewährt. Die Künstler fanden in uns einen Partner, der sie in keiner Weise versuchte reinzulegen, der sich an die Verein-barungen hielt und auch gegenüber Kunden ihre Interessen wahrte. Und die Kunden konnten vertrauen, dass ihre Wünsche berücksichtigt wurden und sie das reservierte Werk gegen Ende der Ausstellung abho-len konnten, manchmal sogar bis ins Ausland geliefert bekamen.

 

Etwas mehr Aufwand bereitete unsere Anpassung an das «französischen Zeitmanagement». Zu spät er-scheinen ist Usus, ein «vers neuf heures», darf nicht mit «gegen neun» verstanden sein, vielmehr als «so um neun Uhr», was da heisst nicht vor viertel nach, eher gegen halb zehn. Wenn’s gut geht. Der Weiss-wein bleibt bis dahin an der Kühle, das Kleingebäck muss nicht mehr direkt aus dem Ofen kommen. Wir geben uns Mühe. Trotzdem steht man zuweilen in geputzten Schuhen und Jacke unter der eigenen Haus-türe, weil man einmal mehr wieder zu früh dran ist für französische Verhältnisse. Und warten ist mühsam, wenigstens für uns beide. Schön ist hingegen, auch französische Gäste erscheinen schon seit eh bei uns zur vereinbarten Zeit. Zugegeben, wir schätzen das sehr.

 

Franzosen und Französinnen können sich aber durchaus auch anpassen. Über 150'000 haben sich in der Schweiz niedergelassen. Neunzig Prozent der Auslandfranzosen leben in der Welschschweiz; natürlich vor allem wegen der gleichen Sprache. Allerdings für eine erweiterte Karriere muss man in Kauf nehmen, auch die Kultur der alemannischen Schweiz kennen zu lernen.

 

Marie Maurisse, eine französische Journalistin äusserte sich mit einem Büchlein «Bienvenue au paradis» sehr abfällig über die Schweiz. In der Deutschschweiz kaum wahrgenommen, aber la presse romande regte sich wochenlang sehr darüber auf. Bref, ein Redaktor schloss das Thema mit der Bemerkung ab: «eine eingebildete Tussi eben, inkompetent und unprofessionell».

 

Trotz allen Spannungen lebt Maurisse heute gerne in Lausanne. «Die Schweiz ist meine Wahlheimat ge-worden.» Was sie anfänglich erstaunt habe in der Schweiz, seien die zwischenmenschlichen Beziehungen, namentlich der Respekt. «Hierzulande lässt man das Gegenüber eher reden, man hört aufmerksamer zu. In der Arbeitswelt kommt man schneller voran, im Vordergrund stehen die Fähigkeiten, nicht irgendwelche Diplome.» Zudem biete die Schweiz ein exzellentes kulturelles Angebot.



 

Hurra, Abstimmung zur Masseneinwanderung

 

Hurra! Am Fernseher der strahlende Parteipräsident, jener, der hoch über dem längst okkupierten Tog-genburg thront. Es jubelt noch ein Präsident, ebenfalls ein Bergler, der im zivilen Leben dringend auf ausländische „Bauchnuschtis“ angewiesen ist und  es jubelt der Volkstribun von „Liebi Fraue und Manne“, zwar auch so ein aus dem Norden Zugewanderter, aber ein sehr erfolgreicher, der für das vergangene Jahr wiederum dreistellig Millionen abräumte. Zusammen mit  seiner Tochter mit ihrem Süditalo. Zugegeben, etwas weit gegriffen, die Schweiz wie  anno dazumal im deutsch-italienischen Sandwich. Dabei ist ja be-kanntlich der Schinken in der Mitte das Beste – (alles andere ist Beilage,O-Ton Metzgermeisterverband)  – und davon möchten schon lange all jene Zuwanderer aus Nord und Süd profitieren. Und definitiv zuletzt jener, der den Eidgenossen eine griffig tönende, aber völlig harmlose Initiative unterjubelte; den können sie jetzt endgültig bei der ehemaligen Bünzli-Ghackets und Bierpartei aufnehmen. Dem glaubt man nicht einmal mehr die Versprechungen auf dem Mundwässerli.

 

Hurra schreien jene vor und hinter dem Säntis, der Rigi und Jungfrau, Mönch und Eiger, denn sie fühlen sich besonders als Betroffene. Erst jede beste Aussichtslage teuer an einen Ausländer verkaufen und dann die Faust aus dem Sack nehmen. Heuchler elendige. Die werden erst nicht mehr Hurra schreien, wenn der Finanzausgleich aufhört aus den Wirtschaftskantonen zu fliessen. Dort wohnen und arbeiten nämlich mehr-heitlich jene, die das Geld verdienen und mit den Zuwanderern leben. Jedenfalls sind in Appenzell weder die SBB-Sitzplätze überbesetzt noch die Autobahnen verstopft. Wohl deshalb, weil sie keins von beiden haben.

 

Hurra, die Schweiz bietet Europa die Stirn. Wenigstens ein bisschen und nur sonntags. An Werk- und abstimmungsfreien Tagen arbeiten die Eidgenossen fleissig und stolz für die Wirtschaft, die erfolgreich exportiert und seit ein paar Jahren etwas weniger erfolgreich einiges an luscherem Geld importiert. Jeder 3. Franken stamme  aus Europa, sagt man und die Unseren hauen de-nen mit der Hellebarde auf den Schädel. Wenn das nicht der Hund ist, der in die Hand beisst, die ihn nährt. Nun manchmal hat eben auch Demokratie nicht unbedingt mit Intelligenz zu tun, aber Emotionen sind ja auch was Schönes, nicht? Ir-gendwann in der alten Schweizer Geschichte hatte man begriffen: „Handel statt Händel“. Sind die alle so vergesslich geworden?

 

Stolz bin ich trotzdem ein bisschen: Die Vernünftigsten in diesem Chor singen Züritütsch oder Französisch; stolz, weil ich von den einen abstamme und mit den andern lebe. Hurra!

 

 


Nespresso! What else?

 

Wir sind stolze Besitzer zweier Maschinen und  der vierteljährliche Service beschert uns per Post via Paris unsere dosettes von Arpeggio bis Vivalto lungo für 284 Euro.

 

Im November machte der Club ein Sonder-Angebot für das Büro, schliesslich haben wir sowas in unserem Kleinstgewerbe-betrieb. Eines der neuen Maschineli  ist uns ins Auge gestochen und wir wollten den Rabatt nutzen. Also, Formular ausfüllen am Kompi, getreulich wie immer bis fast zum Ende, dort nämlich, wo  le numéro du portable, verlangt wird. Zugegeben, mit zwei Festnummern war der Bedarf nie dringend und das altmodische Handy meiner Gattin aus 1. Ehe läuft immer noch über die ewigwährende SIM-Karte schweizerischer Provenienz. Ich bin in dieser Hinsicht anscheinend noch etwas sehr zurück. Jedenfalls ge-lang es nicht, eine neue Kaffeemaschine zu bestellen. Einigermassen erbost schrieb ich an die Zentrale in Paris, schliesslich bin ich treuer Kunde seit über zehn Jahren. Dies war am 21. November 2014.

 

Im neuen Jahr erreichte mich ein Schreiben, datiert vom 30. Dezember  vom  Boulevard Pasteur in Paris. M. Pierre Savonet drückte mir seine Freude zu meinem Interesse an Ihren Maschinen  aus. Gleichzeitig teilte er mir mit, dass das Sonder-Angebot abgelaufen sei. Weiter wünschte er ein gutes Neues Jahr be-gleitet von délisieuses dégustations…

 

Dass meine Bestellung daran scheiterte, dass ich über keine Handynummer verfüge, kann ich zwar nicht verstehen, aber es gibt noch viele andere Dinge, die man im modernen Leben nicht einfach so versteht. Zwar wird mir nach wie vor eines wachen Geistes versichert, aber vielleicht ist das auch nur rücksichtsvol-le Freundlichkeit.


Aber dass Herr Savonet beinahe volle 40 Tage benötigte, um ein dürftiges Brieflein zu verfassen, einem Kunden eine Antwort zu geben, die Ihn nicht frustriert sondern vielleicht ein bisschen tröstet, dafür habe ich nun definitiv kein Verständnis. Gut, der Kunde als solcher muss in Frankreich noch erst erfunden wer-den, aber Nespresso, immerhin eine Firma, die unter dem Namen eines der wichtigsten Flaggschiffe der schweizerischen Wirtschaft segelt, kann ich sowas nicht leicht verzeihen. Da nützt keine noch so originelle „George Clooney“- Werbung, wenn der Kunde nicht als solcher behandelt wird. Nach wie vor bin ich ein treu und verständnisvoll, obgleich kürzlich eine meiner Kundinnen den angebotenen Nespresso verweiger-te mit dem Hinweis, sie wolle die arroganten und kundenfernen Mitarbeiter des Pariser Clubs nicht auch noch unterstützen. Und ich möchte weiterhin meinen Nespresso schlürfen.

 

Vielleicht müsste Herr Direktor auch mal Paris einen Besuch abstatten. Immerhin sollte es kein Sprach-probleme geben. So wie wir Auslandschweizer täglich versuchen, gute Botschafter für unsere 1. Heimat

zu sein, muss es auch eine der wichtigen Führungsaufgaben bleiben, den guten Ruf schweizerischer Wert-arbeit weiterhin zu pflegen und zu erhalten.

 

 

 

„Sind lieb mitenand!“

 

Ich nehme Motto auf, das eine viel wichtigere Persönlichkeit vor ein paar Monaten aufnahm, um ein paar Gedanken zum Thema Begegnungen im Alltag, Integration und Zufriedenheit zu ordnen. Ihr Beitrag endet mit der Frage: Wenn schon die Welt nicht lächelt, warum lächeln wir nicht etwas mehr?

 

Vater des Ausspruches ist niemand anders als Emil Landolt, liebevoll Stapi genannt, der das hohe Amt des Zürcher Stadtpräsidenten während satten 17 Jahren ausübte. Volksnah, gescheit, spontan, liebenswürdig und ein Mann, der nicht vergessen hatte, dass er aus einer  alten Weinhändlerfamilie stammt. Jener Stapi hat mir einst auf dem Weg zu einem weiteren Weisswein in einer Beiz am oberen Rennweg erzählt, seine Eheringe seien vom Goldschmid Weber. Über lange Zeit stellte diese Familie die Zunftmeister der Gold-schmiede. Ich war damals mächtig stolz, obgleich ich der bäuerlichen Linie aus Egg abstamme, jene, die die Stadtfamilien vom Hungern zu bewahren hatte. Aber inzwischen ist Zeit, sehr viel Zeit vergangen.

 

Bei Besuchen in der 1. Heimat erschrecke ich zuweilen. Als ich einer jungen werdenden Mutter im Bus meinen Sitzplatz anbot, hiesse es nicht „danke“ sondern „Was söll die blödi Aamachi?! Das ist weder zum Lächeln noch zum Lachen. Habe ich etwas verpasst? Jedenfalls schien mir das zukünftige Mami im Bus recht gut integriert zu sein, zumindest in sprachlicher Hinsicht. Obgleich alles darauf hinwies, dass ihre Herkunft möglicherweise weit südlicher als Affoltern am Albis liegt.

 

Als ich mich vor über 55 Jahren um eine Beamtenstelle bemühte, waren gerademal vier von zweiund-dreissig Kandidaten aus dem Kanton Zürich. Der Rest, Ausserkantonale. Heute müsste man von Wirt-schaftsmigranten sprechen. Dabei nutzten sie lediglich Chancen, die ihnen ihre Heimat nicht bieten konn-ten. Gut, sie liessen sich leicht integrieren, sie waren  zumeist Deutsch schweizer oder wenigstens katho-lisch. Aber „die Rache der Zürcher“ folgte ohnehin eine Generation weiter, wenn die Kinder auf zürich-deutsch auf das heimatliche Idiom ihrer Eltern antworteten.

 

Wenn sich nun männiglich wegen der Flut von Ausländern beklagt, die an den Ufern der Limmat stranden, müsste man eigentlich auf die Herkunft unserer Mitbewohner hinweisen , auch wenn sie zum Teil weit zurückliegt. Betrachten wir das Fremdsein doch mal als Chance, denn auch diese Kinder werden weiterhin auf zürichdeutsch antworten, obgleich die Eltern eine andere Sprache sprechen und vielleicht eine andere Hautfarbe oder auch Religion haben.

 

Eine neue Heimat finden ist vor allem eine Frage der Zeit, der Geduld und der Toleranz. Heimat muss man sich auch auf eine Art verdienen. Das ist die Botschaft an all jene, die nicht nur eine Weile bei uns bleiben werden. Worte wie Grüezi, Bitte, Danke sind Schlüsselwörter, die man lernen kann. Zugegeben, das gälte auch für manche, die den Schweizerpass schon immer hatten.

Dieselbe Botschaft gilt auch für Schweizer im Ausland, auch für mich, der diesmal „der Fremde“ ist. Auch nach vielen Jahren in der 2. Heimat muss ich sprachliche Bruchstücke zusammen suchen, wenn die Unter-haltung ins ländliche Patois abgleitet. Aber unsere neuen Mitmenschen leisten sich eben den Luxus an Zeit, Geduld und Toleranz. Gemeinsam lächeln, gemeinsam lachen.

 

Übrigens: Mehr lächeln ok, und sei es nur ein mildes Lächeln vis-à-vis dem alternden Grosspapi.

 

 

 

Vous les Suisses, vous avez bien juste…

 

Im Februar  durfte Margrit  zum letzten Mal in der Schweiz abstimmen, zur „Initiative gegen die Massen-einwanderung“  und sie hatte ein überzeugtes Nein in die Urne eingelegt; schliesslich geniessen wir seit über zehn Jahren ein grosszügiges Gastrecht in Frankreich. Natürlich ergab es deshalb auch Fragen, just an jenem Sonntag, als wir gemeinsam „mit dem Dorf“ zu Tische sassen.

 

Nachhause gekehrt wurde SRF eingeschaltet und wir wurden durch das Geschrei der Sieger und die be-lämmerten Kommentare der übrigen Parteipräsidenten arg geschreckt. Den Sieg hatte niemand, selbst

die SVP nicht erwartet. Wie sollten wir reagieren? Selbstverständlich ist der Volksentscheid zu akzeptieren, aber wir sind zum einen Teil auch „das Volk“ und andernteils als Auslandschweizer unseren Nachbarn, in deren Mitte wir leben, nota bene gut leben, verpflichtet. Basisdemokratisch geübt, legt man sich in einer solchen Situation eine Argumentation zurecht, mittels dem man  versucht, direktdemokratische Rechte

und Pflichten zu erklären und eben unsere Nachbarn nicht vor den Kopf zu stossen. Meistens gelingt es recht gut.

 

Steinmetz Philippe sagt es geradeaus: Mein Sohn arbeitet als Kunstschlosser in der Nähe von Genf, also

er hat sich nicht um eine Stelle beworben, vielmehr wurde sie ihm angeboten. Natürlich wäre es fatal, wenn er jetzt keine Arbeitsbewilligung mehr erhielte, aber andrerseits verstehen wir die Suisses ganz gut. Und immer wieder: „Wenn wir in Frankreich in dieser Frage mit-bestimmen dürften, wäre diese Initiative noch weitaus deutlicher angenommen worden…“  Romain, dem eben diplomierten Architekten historischer Richtung, habe ich gleichwohl zu spontanen Bewerbungen in der Schweiz empfohlen. Er spricht Italienisch und Deutsch dank seinen Studien in Rom und Wien. Erasmus lässt grüssen!

 

Wo wir unseren Mitmenschen begegnen, treffen wir auf Verständnis. Natürlich gab es schon immer Zu-stimmung von Franzosen wegen dem schweizerischen Abseitsstehen in Europa, aber jene, die mir beson-ders kräftig die Hand drücken, sind mir zuweilen wenig geheuer. Dabei stehen den 22,8% Ausländern in der Schweiz, gerade mal 5,83% in Frankreich gegenüber und trotzdem schenken immerhin  12% der Saône-et-Loireens der Partei der Familie Le Pen ihr Vertrauen und ihre Stimme. Und gerade deren ausge- sprochen nahen Freunde in der Schweiz haben mich bei meinem Entschluss zum Auswandern mit bestärkt. 

 

Zurück aus dem Verkehrschaos im  Zürcher Oberland wiegt das Verständnis für den Entscheid der Mit-eidgenossen trotzdem leichter als die Offenheit und Herzlichkeit der meisten französischen Gastgeber. Ich beginne weiterhin den Morgenkaffee mit einem Blick in den „Telematin“ auf France 2 und beschliesse den Abend zumeist mit „10 vor 10“.