Ausland - Schweizer



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Ausland  -  Schweizer

Und hier erscheinen Kommentare aus ganz persönlicher Sicht, ein Blick von uns aus auf die Schweiz, unsere Schweiz. Sie sind ebenso spontan entstanden, aus einem Erlebnis heraus, nach Wahlen, Abstim-mungen und nach Berichten aus verschiedenen Quellen.

Gut, wenn Sie der selben Meinung sind, wenn nicht, auch gut. Viel Spass!                                     ©jtw

Ab uf …

 

Unsere Generation erlaubte sich als jugendliche Erwachsene, die Kriegszeit etwas differenzierter zu be-trachten. Nicht die Haltung unseres Vaters, der im Abschnitt Untersee bis Stein am Rhein als Häuptling diente, aber die jener Stäbler, die in der sicheren Etappe sich zwischen Anpassung und Nachkriegszeit entscheiden mussten.

 

Eben unser Vater spielte einst mit dem Gedanken, als Gesandtschaftsbeamter nach neuen Ufern aufzu-brechen. Santiago war damals très en mode. Aber er entschloss sich, wohl auch zusammen mit seiner wesentlich nüchterner denkenden Claire, zu „Bleib' im Land und ernähr‘ dich redlich“. Ein nicht sehr mutiger Entscheid, aber angesichts der späteren politischen Entwicklung, ein gescheiter. Immer natürlich im Rückblick. In jenen Jahren, als Allende in Chile die Sozialdemokratie installieren wollte, träumten ich und Margrit bereits weiter: Saint Pierre et Miquelon oder gar Sankt Helena. Dann übernahmen wir die Jugendherberge im Bündnerland und das war damals fast Auswandern auf halbem Weg…

 

Aber nochmals zurück. Wir Altersgenossen überlegten in Vielem etwas anders, wenigstens ein Teil von uns. Mao musste und durfte gelesen werden, das „Hodscha“ redigiert von Pinkus junior ging in den  Strassen-verkauf, der Vietnamkrieg öffnete vielen die Augen zur Machtpolitik der USA . Endlich! Aber der Zürcher Oberländer,  damals noch „Der Freisinnige“, empfahl den linken Brüdern das Einfachbillett „ab nach Mos-kau“. Genauso wie den armengenössigen Handwebern aus dem Oberland einen Drittklassfahrschein nach Amerika anerboten wurde. Und Sepp Hürlimann las die „Pravda“ in Griechisch. Das machte Eindruck, zu-mindest auch mir.

 

„Ab 6.52 wird zurückgeschossen! „ Nach einer Nacht der Höhenfeuer im ganzen Kanton Zürich wird der Tribun auf der Altrüti in Gossau vor sein Volk treten. Höhenfeuer, Warnfeuer, Feuer der Vernichtung, der Hexenverbrennung, der Bücherverbrennung? Aufmarsch der Tambouren und Treichler, bodenständig, knochenkonservativ, überzeugt, hinter dem nächsten Hügel wartet Morgarten." 

Zugegeben, ein provokanter Artikel zur 50. Jubiläumfeier der Zürcher SVP auf offener Wiese ob Gossau. Anderntags wurde mein Briefkasten überschwemmt mit Schimpftiraden, erstaunlicherweise fast alle aus der Innerschweiz, obgleich der Artikel im Züri-Oberländer erschien. Ein Transporteur aus dem Luzerner Hinterland anerbot sich gar, unser Hab und Gut kostenlos über die Grenze zu transportieren. Eigentlich hätte ich das Angebot annehmen sollen, aber es war schlicht noch zu früh.

 

Zu jener Zeit hatten wir unser ehemaliges Grotto im Malcantone zugunsten eines Reihenhauses in einer selbstverwalteten Eigentümergemeinschaft veräussert, aber der Zug in die Ferne blieb.  Keine zehn Jahre nach der Sesshaftwerdung, stach uns erneut der Hafer: Italien, die Ardèche, u.a.; allerdings bell’Italia

war bereits teuer ausverkauft, die Ardèche zu abgelegen. Auf dem Heimweg gerieten wir ins Clunisois, zu-rück in eine bereits bewältigte Erinnerung vergangener Christlichkeit. Für diesen Ausrutscher hatte unser zwing-lianische Vater wesentlich mehr Verständnis, als für das sehr linke Engagement zweier seiner Kinder.

Mittlerweilen sind mehr als ein Vierteljahrhundert vergangen zwischen dem ersten Häuschen im Südbur-gund, der frühgewählten Pension, den Jahren im centre médiévale von Saint Gengoux le National und der Moulin de Chigy. Die Frage der Rückkehr stellt sich frühestens  nach dem Ableben der einen Hälfte unserer bald 50-jährigen Gemeinschaft. Ab uf … und es gibt immer noch Träume!

 


 

Amis

 

Dankbarkeit gegenüber den Amerikanern forderte kürzlich eine Freundin; immer daran denken, dass sie uns vor dem Bösen im Norden bewahrten.

 

Dann folgte unsere Generation und stellte Fragen. Unangenehme Fragen. Unsere Heimat tat sich anfäng-lich schwer mit deren Beantwortung. Das Pendel schlug in Richtung Friedensbewegung, „ab nach Moskau“ kam aus der Mode. Aber das Pendel kehrte immer wieder. Der besonders eifrige Wachtmeister redete über den Kommunismus und für das Tragen von roten statt schwarzen Socken gab es drei Tage Ausgehverbot. Eine Infanteriekompagnie zog auf dem appenzellischen Dorfplatz die Hosen hoch zur Sockenkontrolle!

 

Die grausamen Bilder aus Vietnam, das Elend der Heerscharen von Kriegsversehrten, Traumatisierten, Drogensüchtigen, die ihre Heimat USA eigentlich lieber entsorgt hätte, das alles lud zum Nachdenken ein. Die USA als Reiseland kam schlicht  nicht in Frage, nicht für meine Freunde und schon gar nicht  für sol-che mit roten Socken.

 

Die Staaten wurden erst zur Destination, als unsere Tochter dort arbeitete, wir reisten dahin und erlebten einiges. Ehrlich, das Land ist schön, die Natur überwältigend, das Reisen im Camping-Car ein Erlebnis (ausser wenn man aus der dritten Spur der 8-spurigen Autobahn die Ausfahrt sucht).

Dass meine für unsrere Nicole liebevoll produzierten Cordon bleu nicht so richtig schmecken wollten, lag am gesüssten Käse und am Schinken von der Konsistenz eines Waschlappens. Der Gang durch die Tief-kühlketten liess vergessen, dass Gemüse irgendwo mal frisch gedeiht, die Waschmittelkartons gefüllt mit frisch geröstetem Popcorn macht die Überbreite der Stühle verständlich. It never rains in Southern Cali-fornia mag wohl stimmen, in Northern schneite es. Das Frühstück mit einem Riesensteak nach einer bitter kalten Nacht im Park konnte mich kurzfristig umstimmen. Immer und überall gibt es ein Highlight. Zurück in Zürich-Kloten, glücklich mit der festen Einsicht: Dies eine Mal reicht.

 

Dankbarkeit den Amerikanern gegenüber, von wegen. Da müssten wir eigentlich auch Stalins Soldaten dankbar sein. Schliesslich haben sie mit ihrem Einsatz den zügigen Einmarsch im Westen ermöglicht. Und sie haben schwer geblutet dafür. Alle kämpften für die Freiheit und Demokratie, aber für welche eigent-lich? Für eine republikanische oder für eine Volksdemokratie? Für jene, die so grossartig scheiterte an der Realität oder jene, die den zum Präsidenten macht, der am meisten Gelder sammelt, die grössten Ver-sprechungen abgibt oder die dümmsten Sprüche in die Welt setzt.

 

Aug um Aug und Zahn um Zahn, so steht es im Alten Testament, eine Geschichte, die auch als eine der Grundlagen für die Religion der Gotteskrieger steht. Und mitten drin in dieser unsäglichen Geschichte die USA, bar jeden Verständnisses für historische und kulturelle Unterschiede, im Herzen eine Demokratie

frei formuliert nach Readers Digest. Immer erstaunt, dass niemand ihrer Frohbotschaft Glauben schenken will. Weil die reale Welt nicht dem amerikanischen Traum entspricht. Wer glaubt wohl jemandem, der erst mal schiesst bevor er Fragen stellt. Und dieser fühlt sich auch noch im Recht, weil der Gegenüber nicht antwortet, vielleicht nicht mehr antworten kann.

 

Eigentlich hatte ich mich mit dem grossen Nachbarn im Westen schon ein bisschen ausgesöhnt, ein neuer Präsident liess Hoffnungen reifen, dass Amerika endlich im 21. Jahrhundert ankommen wird. Yes we can! Seine Tränen der Hilflosigkeit gegenüber einer Waffenlobby, die partout keine Gesetze ändern wollte, wirkten glaubwürdig. Aber die Erwartungen waren zu hoch, die politische Vernunft auch in acht Jahren in keiner Weise gereift.

Ein Nachfolger wurde gewählt, der weder gescheit, noch vernünftig und schon gar nicht verlässlich ist. Ein Nachfolger, der heute eine latente Gefahr für den Weltfrieden ist und der den 73jährigen Lümmel spielt.

Ein Nachfolger der sich bereits auf seine Wiederwahl vorbereitet und die niemand verhindern kann, sei es aus machtpolitischen, wirtschaftlichen oder weiss Gott was für Gründen.

 

Dankbar den Amerikanern? Hohe Zeit, endlich über ein föderalistisches Europa nachzudenken. Unsere erste Heimat, die Schweiz könnte dabei mithelfen, aber sie hat sich entschlossen, weiterhin abseits zu stehen, „sei es aus machtpolitischen, wirtschaftlichen oder weiss Gott was für Gründen...“

 

 


Ecopop: Und ein Stein fiel vom Herzen…

 

Ganz zuerst, Ecopop hat weder mit ökologischer noch mit ökonomischer Popmusik zu tun. Höchstens dass selbst der Initiativtext geradezu disharmonisch anzufühlen war.

 

Nun, Schwamm drüber, das Volk hat sich brav gezeigt und überzeugend entschieden. Wohl auch jene, die am 9. Februar die Regierenden einfach mal ohrfeigen wollte und im Nachhinein arg über das knappe, aber eindeutige Resultat erschraken. Und nicht zuletzt auch jene, die das Desaster am Neunten-Zweiten gar einbrockten und jetzt merken, dass sie sich nicht aus der Pflicht schleichen können. Mitgefangen-mitge-hangen, ätsch!

 

In der „Swisscommunity“, einer Plattform für Auslandschweizer, wogten die Meinung hin und her, schon deshalb, weil die Rückkehr in die 1. Heimat allenfalls auch unter das Kontingent der 16‘000 hätten fallen müssen. Schon der Gedanke, das in der Verfassung verbriefte Recht der freien Niederlassung könnte gefährdet sein, erregte die Gemüter. Nicht dass man sich vorstellen müsste, dass schon morgen 750‘000 Schweizerbürgerinnen und -bürger um Einlass begehren würden. Das wäre zugegebenermassen schlecht zu bewältigen. Aber der Grossteil dieser Eidgenossen im Ausland ist in ihrer 2. Heimat  integriert, verhei-ratet, seit Generationen fester Bestandteil der Landesbevölkerung. Vielmals ist der rote Pass ein Relikt der Treue zur Herkunft, ein Nachweis  kultureller Flexibilität und zugegeben manchmal auch ein bisschen Nos-talgie. Manchem wackeren Mitglied des Schützenvereins San Francisco würde die heimatliche Enge etliche Mühe bereiten.

Aber schon gleichentags schoben professionellen Brandstifter, jene, die die Schweizerische Pressefreiheit  als höchstpersönliches Mobile nutzen, wieder Zunder in die Glut. Auf dass die permanente Kritik an den sechs Bundesrätinnen und -räten nicht abreisst.

Nebenbei: Nummer 7 hat sich kürzlich selbst aus dem Rennen genommen mit seinem Antrag, die Europä-ische Menschenrechskonvention aufzukündigen. Wer derart bar jeder Vernunft mitredet, hat in den ver-gangenen sechs Jahren wenig dazugelernt und müsste eigentlich freiwillig abgehen.

 

Aber zurück zum Zunder. Obgleich die zuständige Bundesrätin, der Pressesprecher des Bundeshauses und andere Kompetente glaubhaft versichern, dass die Ablehnung dieser Initiative in keinem Zusammenhang mit der jener vom Februar steht, wird schon wieder das Misstrauen geschürt, der Bundesrat wolle sich vor der Umsetzung der Initiative „Gegen die Masseneinwanderung“ drücken.

 

Eigentlich hätte der Bundesrat drei Jahre Zeit, um vernünftig und unaufgeregt an die Lösung der mittler-weile allseits anerkannten Probleme zu gehen. Dummerweise stehen im nächsten Jahr wieder mal Wahlen an. Natürlich ist es nicht gesetzeswidrig, mit diesem geradezu zwangshaften Misstrauen Wahlpropaganda zu betreiben. Aber es ist auch nicht gesetzeswidrig, dem Wahlkampfleiter und dem vizepräsidialen Pro-pheten entgegenzuhalten, dass ihr Verhalten nicht nur unanständig und ohne Stil, sondern auch verant-wortungslos ist. Biedermann und Brandstifter!

 


 

EUROPA

 

Weshalb sich die Schweiz nach wie vor konstant weigert, Europa beizutreten, beantworte ich jeweils  mit der Gegenfrage: „Wann tritt Europa endlich der Schweiz bei?!“

 

Zugegeben, das „Europa von Brüssel“ ist sich der Demokratiedefizite bewusst und unternimmt immer wieder Anläufe, diesen entgegen zu wirken. Allerdings liegen dem Zweierlei im Wege: der in europäischen Kreisen unübliche Föderalismus und knapp zwei spannende Jahrhunderte. Föderalismus, in Dosen verab-reicht, gestattete zum einen Teil eigenständig zu bleiben und gleichzeitig sich mehr oder weniger freiwillig in einen Verband einzufügen, der persönliche und Rechtssicherheit nach innen wie nach aussen gewähr-leistet. Dass dies nicht im Zeitraum einer Generation geschehen musste, war eine Chance, die die meisten Staaten nie hatten. Das Abseitsstehen hatte sich in dieser Hinsicht gelohnt.

 

Heute spielt der Wirtschaftskanton Zürich eine ähnliche Rolle, wie Deutschland in Europa, die Ost- und die Nordwestschweiz spiegeln sich in den europäischen Staaten nördlich der Alpen und auch wir haben unsere compatriots vom alemannischen Elsass bis zu den um einiges lässigeren nicht zwingend nachlässigeren Miteidgenossen. Eine an dieser Stelle angedeutete Nähe zwischen den  Hellenen und den Stämmen ent-lang der Rotte ist durchaus gewollt. Und unser Luxembourg heisst Kanton Zug. Auch wir haben unsere un-terschiedlichen Steuergesetze und den weitgehend sanktionierten Steuerausgleich zwischen den Kantonen, alles im Rahmen der gerade noch tolerierbaren und deshalb verbindenden Ungerechtigkeit. Getreu dem Motto: Alle sollen nach ihrem Können beitragen und jene die dies partout nicht wollen, lässt man auch in Ruhe.

 

Allerdings liegt auch ein kultureller Unterschied vor: In der liberalen Schweiz versucht die Politik der Wirt-schaft auf den Fersen zu bleiben. Im Gegensatz, in manchen europäischen Staaten sagt die Politik der Wirtschaft, was Sache ist. Das gipfelt manchmal darin, dass der Wirtschafts- dem Innenminister ins Ge-hege kommt, weil der eine dem eben geadelten Bäckermeister „Meilleure Baguette de France“ hilft, Ar-beitsstellen zu sichern und der andere aus formalistischen Gründen für denselben Meister unbedingt den freien Sonntag fordert. Vermutlich deshalb erwähnt der französische Staatspräsident bei jeder Gelegenheit die Wichtigkeit der „Egalité“. Der ist eben noch ein richtiger Linker.

 

Dabei wäre gerade jetzt doch der Zeitpunkt günstig: Die „Eurozone“ könnte dem Schweizer Franken bei-treten, schliesslich liegt die Wechselkursdifferenz gerademal um 5 Cents, respektive Centimes oder Rappen auseinander. Aber stelle man sich mal vor, die Windeln ennet dem Rhein würden plötzlich gleichviel Kosten wie im Coop in Sarnen. Schlicht unvorstellbar. Nun, nicht immer die erste Idee sei die Beste!

 

Aus diesen und vielen anderen Gründen wird Europa wohl nicht so bald der föderalistischen Schweiz bei-treten. Obgleich ein sehr in die Jahre gekommener Uraltpräsident Frankreichs mit denselben Überlegungen spielt, allerdings unter peinlichstem Einhalten der weitmöglichsten Distanz vom bereits erfundenen Modell. Reden wir nicht vom Verrat an den Helvetiern, nicht von den Burgunderkriegen, der untergegangenen Garde von Louis XVI und dem Schweizerregiment, das den Rückzug über die Beresina deckte. Die trugen schliesslich alle selber Schuld oder so. Dass die Grande Nation ausgerechnet dem Kleinstaat nicht beitreten mag, der ihm über einen dermassen langen Zeitraum so viel Ungemach bereitete, kann ich begreifen. Und aus ähnlichen Gründen käme dies wohl den wenigsten Staaten des uneinigen Europas in den Sinn. Aber das alles ist nicht von Belang; vermutlich würden ohnehin wieder 52% der Schweizer gegen einen Beitritt stimmen.



Expats

 

Selbstverständlich ist man mit «Auslandschweizern» und «Schweizern im Ausland» im Gespräch, so bei der üblichen Pflege von Beziehungen unter Landsleuten, die aus irgendeinem Grund ihren Lebensmittelpunkt auch ausserhalb der ersten Heimat wählten und manchmal ganz auch spontan bei Begegnungen im tägli-chen Leben. Auslandschweizer unter sich haben eigene Themen: Erfahrungen mit Handwerkern, mit Dienstleistungen oder einfach mit der französischen Politik und der nicht ganz einfachen Administration. Und natürlich Tipps zur Gastronomie. Viele sind auch zu Freunden geworden, die man ab und zu trifft oder besucht. Und letztlich erkennt man viele gar nicht, weil sie schon längst integriert  oder gar naturalisiert sind. Weder an irgendwelchen Balkongeländern oder gar Fahnenstangen wird die Herkunft angezeigt.

Schliesslich tun dies die Franzosen auch nicht, ausser sie sind gerade Weltmeister geworden.


Als Schweizer im Ausland, "dit les hirondelles", gelten jene die zumeist nur in der Saison ihre Häuser, eben Ferienhäuser bewohnen. Mit ihnen sitzt man manchmal zu einem Glas Wein oder Kaffee zusammen, man begrüsst sie gerne und vergisst sie ebenso bis zur nächsten Saison. Sie tragen manchmal Themen mit, die uns definitiv fern sind. Die grosse Frage nach dem Recht der Kühe auf Hörner beschäftigt uns weniger. In unserem Umfeld tragen die Charollaisrinder der etwas aufgeklärteren Bauern wieder Horn. 

Dazwischen gibt es auch Landsleute, zwar ganzjährig ansässige, die regelmässig zu Arztbesuchen und un-verzichtbaren Anlässen in die Schweiz zurückkehren. Anscheinend überwiegen Steuern und Sozialwerke immer noch die Risiken, die man allenfalls eingehen müsste. Ihre Schriften – eine echt schweizerischen Bezeichnung für die Ausweispapiere und dementsprechend im Duden vermerkt – lagern bei der Familie,

bei Freunden oder allenfalls in einem gemieteten Zimmer, der letzte Anker in der Heimat. Auch weil ein ständiger Wohnsitz in der Schweiz eine an und für sich luxuriöse Angelegenheit ist, zumal die Kantone in der Zwischenzeit auch Steuern für die Ferienhäuser in Frankreich aufgrund individueller Eigenmietwerte in Rechnung stellen. 

 

Und: Am 1. August im Hypermarché, über die Gestelle hinweg, «Mami Mami, ich häs gfundä», alle in ein-heitlichem T-Shirt ‘rot mit Schweizerkreuz’ eingekleidet, die klassische Familie, vermutlich aus Schwamen-dingen, Zürich Ost. Definitiv ungeniert und fest in der Meinung, uns versteht man ja ohnehin nicht. Ei-gentlich bin ich stolz auf unsere unterschiedlichen Dialekte, aber muss das immer so penetrant laut sein? Umgehender Wechsel ins Französische, um nicht erkannt zu werden. Auch weil solche Leute zuweilen andere Landsleute grundsätzlich duzen.

 

Vor ein paar Jahren begleitete ich einen Landsmann beim Erwerb einer Liegenschaft, einen, der nicht die Gunst hatte, von seinem Arbeitgeber zum Sprachaufenthalt ins Welschland versetzt zu werden. Dabei wur-den mir die kulturellen Unterschiede noch um einiges bewusster. Von Grund auf misstraute er dem an- bietenden Immobilier zutiefst. Unfähig auch nur einfache Texte zu verstehen, ortete er hinter jeder Rede-wendung, und von denen gibt es nicht wenige, eine Falle, um ihm «sein Geld» aus der Tasche zu locken.


Die Beurteilung der Liegenschaft und eine Schätzung der zu erwartenden Kosten akzeptierte er, aber als

er eine Budgetierung der zu erwartenden Lebenshaltungskosten verlangte, wurde ich hellhörig. Der Aus-tausch per Mail wuchs ins Unermessliche, Versicherungsofferten wurden nicht beantwortet, ebenso das Angebot, ein hilfreiches Konto eröffnen zu lassen. Für das mit vielerlei Technik ausgerüstete Haus verlang-te er Gebrauchsanweisungen in Deutsch und nicht zuletzt meinte er, man könne auch noch die berech-tigten Ansprüche des Immobiliers umgehen. Schön hat er wenigstens die zwanzigtausend, die ich für ihn herausholte, begrüsst. Allein die Übersetzungen der überaus aufwändigen Texte haben weit über zwanzig Stunden in Anspruch genommen und jede noch so ‘französisch’ aussehende Formulierung musste pein-lichst begründet werden. Schlicht ein unangenehmer Zeitgenosse, so wie manche hier "ces Suisses riches", diese reichen Schweizer eben einschätzen.


Nun, der Vorvertrag und der Termin beim Notar sind über die Bühne gegangen, aber ich habe mir selbst nicht verziehen, einem derartigen Mitmenschen das Tor zu unserer zweiten Heimat aufgestossen zu haben.

 


Fiablilité

 

Zuverlässigkeit ist scheinbar ein nordeuropäisches Merkmal; irgendwo zwischen Calais und München muss eine unsichtbare Grenze bestehen. 

 

Im Gespräch unter Freunden gelten wir Schweizer als zwar etwas hölzern und überkorrekt, aber durchaus zuverlässig und pünktlich. Jedenfalls hat es sich im Dreieck Kunde-Künstler-Galerie durchaus bewährt. Die Künstler fanden in uns einen Partner, der sie in keiner Weise versuchte reinzulegen, der sich an die Verein-barungen hielt und auch gegenüber Kunden ihre Interessen wahrte. Und die Kunden konnten vertrauen, dass ihre Wünsche berücksichtigt wurden und sie das reservierte Werk gegen Ende der Ausstellung abho-len konnten, manchmal sogar bis ins Ausland geliefert bekamen.

 

Etwas mehr Aufwand bereitete unsere Anpassung an das «französischen Zeitmanagement». Zu spät er-scheinen ist Usus, ein «vers neuf heures», darf nicht mit «gegen neun» verstanden sein, vielmehr als «so um neun Uhr», was da heisst nicht vor viertel nach, eher gegen halb zehn. Wenn’s gut geht. Der Weiss-wein bleibt bis dahin an der Kühle, das Kleingebäck muss nicht mehr direkt aus dem Ofen kommen. Wir geben uns Mühe. Trotzdem steht man zuweilen in geputzten Schuhen und Jacke unter der eigenen Haus-türe, weil man einmal mehr wieder zu früh dran ist für französische Verhältnisse. Und warten ist mühsam, wenigstens für uns beide. Schön ist hingegen, auch französische Gäste erscheinen schon seit eh bei uns zur vereinbarten Zeit. Zugegeben, wir schätzen das sehr.

 

Franzosen und Französinnen können sich aber durchaus auch anpassen. Über 150'000 haben sich in der Schweiz niedergelassen. Neunzig Prozent der Auslandfranzosen leben in der Welschschweiz; natürlich vor allem wegen der gleichen Sprache. Allerdings für eine erweiterte Karriere muss man in Kauf nehmen, auch die Kultur der alemannischen Schweiz kennen zu lernen.

 

Marie Maurisse, eine französische Journalistin äusserte sich mit einem Büchlein «Bienvenue au paradis» sehr abfällig über die Schweiz. In der Deutschschweiz kaum wahrgenommen, aber la presse romande regte sich wochenlang sehr darüber auf. Bref, ein Redaktor schloss das Thema mit der Bemerkung ab: «eine eingebildete Tussi eben, inkompetent und unprofessionell».

 

Trotz allen Spannungen lebt Maurisse heute gerne in Lausanne. «Die Schweiz ist meine Wahlheimat ge-worden.» Was sie anfänglich erstaunt habe in der Schweiz, seien die zwischenmenschlichen Beziehungen, namentlich der Respekt. «Hierzulande lässt man das Gegenüber eher reden, man hört aufmerksamer zu. In der Arbeitswelt kommt man schneller voran, im Vordergrund stehen die Fähigkeiten, nicht irgendwelche Diplome.» Zudem biete die Schweiz ein exzellentes kulturelles Angebot.



 

Hurra, Abstimmung zur Masseneinwanderung

 

Hurra! Am Fernseher der strahlende Parteipräsident, jener, der hoch über dem längst okkupierten Tog-genburg thront. Es jubelt noch ein Präsident, ebenfalls ein Bergler, der im zivilen Leben dringend auf ausländische „Bauchnuschtis“ angewiesen ist und  es jubelt der Volkstribun von „Liebi Fraue und Manne“, zwar auch so ein aus dem Norden Zugewanderter, aber ein sehr erfolgreicher, der für das vergangene Jahr wiederum dreistellig Millionen abräumte. Zusammen mit  seiner Tochter mit ihrem Süditalo. Zugegeben, etwas weit gegriffen, die Schweiz wie  anno dazumal im deutsch-italienischen Sandwich. Dabei ist ja be-kanntlich der Schinken in der Mitte das Beste – (alles andere ist Beilage,O-Ton Metzgermeisterverband)  – und davon möchten schon lange all jene Zuwanderer aus Nord und Süd profitieren. Und definitiv zuletzt jener, der den Eidgenossen eine griffig tönende, aber völlig harmlose Initiative unterjubelte; den können sie jetzt endgültig bei der ehemaligen Bünzli-Ghackets und Bierpartei aufnehmen. Dem glaubt man nicht einmal mehr die Versprechungen auf dem Mundwässerli.

 

Hurra schreien jene vor und hinter dem Säntis, der Rigi und Jungfrau, Mönch und Eiger, denn sie fühlen sich besonders als Betroffene. Erst jede beste Aussichtslage teuer an einen Ausländer verkaufen und dann die Faust aus dem Sack nehmen. Heuchler elendige. Die werden erst nicht mehr Hurra schreien, wenn der Finanzausgleich aufhört aus den Wirtschaftskantonen zu fliessen. Dort wohnen und arbeiten nämlich mehr-heitlich jene, die das Geld verdienen und mit den Zuwanderern leben. Jedenfalls sind in Appenzell weder die SBB-Sitzplätze überbesetzt noch die Autobahnen verstopft. Wohl deshalb, weil sie keins von beiden haben.

 

Hurra, die Schweiz bietet Europa die Stirn. Wenigstens ein bisschen und nur sonntags. An Werk- und abstimmungsfreien Tagen arbeiten die Eidgenossen fleissig und stolz für die Wirtschaft, die erfolgreich exportiert und seit ein paar Jahren etwas weniger erfolgreich einiges an luscherem Geld importiert. Jeder 3. Franken stamme  aus Europa, sagt man und die Unseren hauen denen mit der Hellebarde auf den Schädel. Wenn das nicht der Hund ist, der in die Hand beisst, die ihn nährt. Nun manchmal hat eben auch Demokratie nicht unbedingt mit Intelligenz zu tun, aber Emotionen sind ja auch was Schönes, nicht? Ir-gendwann in der alten Schweizer Geschichte hatte man begriffen: „Handel statt Händel“. Sind die alle so vergesslich geworden?

 

Stolz bin ich trotzdem ein bisschen: Die Vernünftigsten in diesem Chor singen Züritütsch oder Französisch; stolz, weil ich von den einen abstamme und mit den andern lebe. Hurra!

 


 

Lettres de la Bourgogne No 30


Liebe Freunde und Verwandte


Es sind wieder mal bald zehn Jahre dahin, Zeit für eine Neuorientierung; wie immer, „der Weg ist das Ziel“. Zugegeben, eine „Planung für das kommende Jahrhundertviertel“ wäre etwas vermessen, also ganz ein-fach, „Mehr eigene Zeit“.


Dazu sind ein paar Schritte zu tun, zum Beispiel die Beendigung der Geschäftstätigkeit, Schliessung der Galerie und des Webateliers, der Gang in die Rente, obgleich die französische Rente gerademal reichen wird, um monatlich einmal in einem renom-mierten Haus zu speisen. Natürlich bleibt das Schaufenster dekoriert und Margrit wird weiter weben und ebenso selbstver-ständlich bleibt die Türe zum Atelier offen. Trotzdem, Mitte Dezember werden wir zur „Finissage“ einladen.


Und wir trennen uns vom Luxus eines Sommerhauses, sprich, die Moulin de Chigy steht zum Verkauf www.moulindechigy.fr. Vielleicht gibt es sogar Einsteiger im Frührentneralter in Eurem Umfeld. Und der Preis ist wirklich vernünftig, nachzufragen lohnt sich.


Jedenfalls geht es uns gut, wir sind in die Gesellschaft hineingewachsen. Man deklariert korrekt die Steu-ern, kriegt die Einladung zum repas des ainés, das Sonntagmittagessen der Alten, man kennt sich, wie man sich eben im Dorf kennt und am Montag geht Margrit regelmässig zum Chorsingen. Selbstverständ-lich bleibt man les Suisses, den liebevollen Hinweis auf den „petit accent sympa“ nimmt man gelassen. Man gehört ein bisschen dazu. Aber auch nach vielen Jahren in der 2. Heimat muss ich sprachliche Bruch-stücke zusammen suchen, wenn die Unterhaltung ins Patois abgleitet.


In diesen Jahren hat man la démocratie participative entdeckt, den Einbezug der Bürger in politische Ent-scheidungen; noch etwas zögerlich für basisdemokratisch infizierte Schweizer, aber es regt sich was mit der Verlagerung der Aufgaben auf die Regionen. Dabei bleiben Paris et les parisiens ohnehin eine eigene Gattung in Frankreich, die Hauptstadt ist geradezu heilig gesprochen, „on monte sur Paris“. Aber insge-heim hält der Burgunder diese unfreundlichen, lauten und unzuverlässigen Hauptstädter allesamt für Idi-oten, die nicht einmal anständig auf unseren Strassen fahren können.

Aber zurück zur Mitbeteiligung am Staat. Regelmässig wird man auf Wunsch hin zu Umfragen und öffent-lichen Diskussionen eingeladen, vielmals zu Fragen des öffentlichen Verkehrs – in der Provinz schlicht nicht existent – aber auch zu touristischen Monsterplänen, zu denen die privaten Investoren den Staat zur fi-nanziellen Mitbeteiligung bitten möchten. Kürzlich hat mir ein französischer Freund die Vorzüge der schwei-zerischen direkten Demokratie bis in die Details erklärt; ich habe auf jegliche Hinweise auf allfällige Re-alitäten verzichtet, ich wollte ihn nicht enttäuschen in seiner Begeisterung.


Erstaunlich ist, dass mit dem neuen Präsidenten diese Diskussionen eher in den Hintergrund rücken. Es wird wieder mehr von Paris aus regiert, der junge Macron will Frankreich wiederum zur Grand Nation brin-gen, die auf Augenhöhe zu Deutschland Europa anführt. Und deshalb blickt alles gebannt auf die sinken-den Popularitätswerte und bereits wieder drohende Streik-drohungen. Wen wundert‘s, denn die neue Re-gierung will allen Ernstes Reformen an die Hand nehmen. Deshalb, einmal mehr ist man versucht nein zu sagen, ohne zu wissen, zu was man eigentlich nein sagt. Dies in einem Land, das stolz darauf hinweist, dass zu einem wirklichen Umbruch auch eine gehörige Revolution gehört, Nur gut wurde die Guillotine vor bald neunzig Jahren definitiv in Rente geschickt. Aber nicht umsonst trägt das Buch von Macron den Titel „Revolution“. Noch nicht alle haben es gelesen.


In diesem Sinne seid herzlich gegrüsst aus dem immer noch sonnigen Südburgund


Margrit & Thomas


Mit der 30sten Ausgabe endet diese Serie, wir sind angekommen. Danke für euer Interesse und Kommentare.

Herbst 2017




Nespresso! What else?

 

Wir sind stolze Besitzer zweier Maschinen und  der vierteljährliche Service beschert uns per Post via Paris unsere dosettes von Arpeggio bis Vivalto lungo für 284 Euro.

 

Im November machte der Club ein Sonder-Angebot für das Büro, schliesslich haben wir sowas in unserem Kleinstgewerbebetrieb. Eines der neuen Maschineli  ist uns ins Auge gestochen und wir wollten den Rabatt nutzen. Also, Formular ausfüllen am Kompi, getreulich wie immer bis fast zum Ende, dort nämlich, wo  le numéro du portable, verlangt wird. Zugegeben, mit zwei Festnummern war der Bedarf nie dringend und das altmodische Handy meiner Gattin aus 1. Ehe läuft immer noch über die ewigwährende SIM-Karte schweizerischer Provenienz. Ich bin in dieser Hinsicht anscheinend noch etwas sehr zurück. Jedenfalls ge-lang es nicht, eine neue Kaffeemaschine zu bestellen. Einigermassen erbost schrieb ich an die Zentrale in Paris, schliesslich bin ich treuer Kunde seit über zehn Jahren. Dies war am 21. November 2014.

 

Im neuen Jahr erreichte mich ein Schreiben, datiert vom 30. Dezember  vom  Boulevard Pasteur in Paris. M. Pierre Savonet drückte mir seine Freude zu meinem Interesse an Ihren Maschinen  aus. Gleichzeitig teilte er mir mit, dass das Sonder-Angebot abgelaufen sei. Weiter wünschte er ein gutes Neues Jahr be-gleitet von délisieuses dégustations…

 

Dass meine Bestellung daran scheiterte, dass ich über keine Handynummer verfüge, kann ich zwar nicht verstehen, aber es gibt noch viele andere Dinge, die man im modernen Leben nicht einfach so versteht. Zwar wird mir nach wie vor eines wachen Geistes versichert, aber vielleicht ist das auch nur rücksichtsvol-le Freundlichkeit.


Aber dass Herr Savonet beinahe volle 40 Tage benötigte, um ein dürftiges Brieflein zu verfassen, einem Kunden eine Antwort zu geben, die Ihn nicht frustriert sondern vielleicht ein bisschen tröstet, dafür habe ich nun definitiv kein Verständnis. Gut, der Kunde als solcher muss in Frankreich noch erst erfunden wer-den, aber Nespresso, immerhin eine Firma, die unter dem Namen eines der wichtigsten Flaggschiffe der schweizerischen Wirtschaft segelt, kann ich sowas nicht leicht verzeihen. Da nützt keine noch so originelle „George Clooney“- Werbung, wenn der Kunde nicht als solcher behandelt wird. Nach wie vor bin ich ein treu und verständnisvoll, obgleich kürzlich eine meiner Kundinnen den angebotenen Nespresso verweiger-te mit dem Hinweis, sie wolle die arroganten und kundenfernen Mitarbeiter des Pariser Clubs nicht auch noch unterstützen. Und ich möchte weiterhin meinen Nespresso schlürfen.

 

Vielleicht müsste Herr Direktor auch mal Paris einen Besuch abstatten. Immerhin sollte es kein Sprach-probleme geben. So wie wir Auslandschweizer täglich versuchen, gute Botschafter für unsere 1. Heimat

zu sein, muss es auch eine der wichtigen Führungsaufgaben bleiben, den guten Ruf schweizerischer Wert-arbeit weiterhin zu pflegen und zu erhalten.

 

 

 

„Sind lieb mitenand!“

 

Ich nehme das Motto auf, das eine viel wichtigere Persönlichkeit vor ein paar Monaten aufnahm, um ein paar Gedanken zum Thema Begegnungen im Alltag, Integration und Zufriedenheit zu ordnen. Ihr Beitrag endet mit der Frage: Wenn schon die Welt nicht lächelt, warum lächeln wir nicht etwas mehr?

 

Vater des Ausspruches ist niemand anders als Emil Landolt, liebevoll Stapi genannt, der das hohe Amt des Zürcher Stadtpräsidenten während satten 17 Jahren ausübte. Volksnah, gescheit, spontan, liebenswürdig und ein Mann, der nicht vergessen hatte, dass er aus einer  alten Weinhändlerfamilie stammt. Jener Stapi hat mir einst auf dem Weg zu einem weiteren Weisswein in einer Beiz am oberen Rennweg erzählt, seine Eheringe seien vom Goldschmid Weber. Über lange Zeit stellte diese Familie die Zunftmeister der Gold-schmiede. Ich war damals mächtig stolz, obgleich ich der bäuerlichen Linie aus Egg abstamme, jene, die die Stadtfamilien vom Hungern zu bewahren hatte. Aber inzwischen ist Zeit, sehr viel Zeit vergangen.

 

Bei Besuchen in der 1. Heimat erschrecke ich zuweilen. Als ich einer jungen werdenden Mutter im Bus meinen Sitzplatz anbot, hiesse es nicht „danke“ sondern „Was söll die blödi Aamachi?! Das ist weder zum Lächeln noch zum Lachen. Habe ich etwas verpasst? Jedenfalls schien mir das zukünftige Mami im Bus recht gut integriert zu sein, zumindest in sprachlicher Hinsicht. Obgleich alles darauf hinwies, dass ihre Herkunft möglicherweise weit südlicher als Affoltern am Albis liegt.

 

Als ich mich vor über 55 Jahren um eine Beamtenstelle bemühte, waren gerademal vier von zweiund-dreissig Kandidaten aus dem Kanton Zürich. Der Rest, Ausserkantonale. Heute müsste man von Wirt-schaftsmigranten sprechen. Dabei nutzten sie lediglich Chancen, die ihnen ihre Heimat nicht bieten konn-ten. Gut, sie liessen sich leicht integrieren, sie waren  zumeist Deutschschweizer oder wenigstens katho-lisch. Aber „die Rache der Zürcher“ folgte ohnehin eine Generation weiter, wenn die Kinder auf zürich-deutsch auf das heimatliche Idiom ihrer Eltern antworteten.

 

Wenn sich nun männiglich wegen der Flut von Ausländern beklagt, die an den Ufern der Limmat stranden, müsste man eigentlich auf die Herkunft unserer Mitbewohner hinweisen , auch wenn sie zum Teil weit zurückliegt. Betrachten wir das Fremdsein doch mal als Chance, denn auch diese Kinder werden weiterhin auf zürichdeutsch antworten, obgleich die Eltern eine andere Sprache sprechen und vielleicht eine andere Hautfarbe oder auch Religion haben.

 

Eine neue Heimat finden ist vor allem eine Frage der Zeit, der Geduld und der Toleranz. Heimat muss man sich auch auf eine Art verdienen. Das ist die Botschaft an all jene, die nicht nur eine Weile bei uns bleiben werden. Worte wie Grüezi, Bitte, Danke sind Schlüsselwörter, die man lernen kann. Zugegeben, das gälte auch für manche, die den Schweizerpass schon immer hatten.

Dieselbe Botschaft gilt auch für Schweizer im Ausland, auch für mich, der diesmal „der Fremde“ ist. Auch nach vielen Jahren in der 2. Heimat muss ich sprachliche Bruchstücke zusammen suchen, wenn die Unter-haltung ins ländliche Patois abgleitet. Aber unsere neuen Mitmenschen leisten sich eben den Luxus an Zeit, Geduld und Toleranz. Gemeinsam lächeln, gemeinsam lachen.

 

Übrigens: Mehr lächeln ok, und sei es nur ein mildes Lächeln vis-à-vis dem alternden Grosspapi.

 


Streichen – Kumulieren – Panaschieren

 

Es ist wieder an der Zeit, Wahlen stehen an, Parlamentswahlen am 20. Oktober, am Sonntag, an dem ich eigentlich den viertletzten vor dem nächsten Dezennium feiern wollte. Aber Geburtstage sollte man ohne-hin nicht im Voraus feiern, zumal man in der dreieinhalbten Lebensphase nicht sicher ist, ob man sich am Folgetag noch selbst rasieren muss.

 

Frühzeitig habe ich den dicken Umschlag aus der ersten Heimat erhalten, das «Abstimmungsmaterial» im Bureau ausgelegt, bereit zum intensiven Studium. Interessenshalber blättert man erstmal das Wahlzettel-set durch. Keine leichte Aufgabe im volkreichsten Kanton der Schweiz, 35 Sitze gerecht zu verteilen, ge-recht nach meinen ganz persönlichen Vorstellungen, wer und wie meine «compatriotes» zuhause regiert werden sollen, gerecht meinen Vorstellungen, wie das künftige Parlament Politik betreiben soll, die sich auch nicht zum Schaden der fünften Schweiz auswirken werden. Schliesslich wohnt laut Erhebung 2018 jeder Neunte mit einem Schweizer Bürgerrecht ausserhalb der grossen Mauer, sprich im Ausland. Mein Auftrag ist also klar, nur die Besten sollen für uns nach Bern reisen, man muss entsprechend seriös ans Werk gehen. Aber wie gesagt, das ist nicht so leicht.

 

Natürlich gibt es Listen, die man kurz überfliegt. Ach ja, auf Position 15 ein Ehemaliger der wieder zum Futtertrog drängt. Auf geht’s zu bekannten Ufern, jetzt mit einer um eine Generation jüngeren Flamme. Altmännersyndrom, jung und blond. Auf anderen Listen haben sich wie gehabt die Bisherigen auf den Spitzenplätzen eingerichtet oder haben Frauen den Vortritt gelassen. Umweltbewusste Damen haben 2019 gute Chancen, sagt man. In den Jungparteien stehen bereits die letzten Jahrgänger des 20. Jahrhunderts in den Startlöchern. Es folgen die Listen, auf denen die Namen im Doppelpack aufgeführt sind. Fünfund-dreissig Kandidatinnen und Kandidaten sind eben schon eine hohe Hürde. «Die Guten», eine höchst origi-nelle Liste, alle Namen auch gleich mit einem Pseudo mehrheitlich aus der italienischen Küche versehen. Zwei Rentnerlisten für jene, die partout nicht Platz machen wollen und nicht zuletzt zwei Einzelkämpfer

mit Migrationshintergrund. Einer, ein Jusstudent und Klimaaktivist mit Jahrgang 1970. Beide bereit zum ganz persönlichen Risiko. Chapeau!

 

Ans Werk, aber wie gesagt, es ist nicht so leicht.

Also ist Streichen angesagt; vielleicht jener Typ streichen, der jeden Morgen vorbeidrängt und mit dem

Velo über den Stopp hinausfährt oder jene, die hintenherum eine Lesbe ist? Oder eben jenen auf Position 15 zweimal aufführen, auf dass seine Wahlchance intakt bleibt? Das nennt man laut beigelgter Wahlan-leitung Kumulieren. Oder auf der Lieblingsliste von Hand die Stars von anderen Listen übertragen. Das heisst dann Panaschieren. Bref, um eine ausgewogene und gerechte Auswahl zu treffen, müsste man eigentlich die leere Liste von Hand ausfüllen. Und das kann in Arbeit ausarten. Oder umziehen ins Ap-penzellische, die schicken nur einen nach Bern. Aber das geht ja gar nicht, ich bin ja schon längst aus-gezogen.

 

« Alors, Mademoiselle, un panaché, s.v.p.* !» Zum besseren Verständnis :

* s’il vous plaît, französische Abkürzung für «bitte».



vīmentum 

 

Zu Deutsch das Flechtwerk, zeitgemäss «net»

 

Nicht dass ich mit Lateinkenntnissen, über die ich nicht verfüge, brillieren möchte. Dazu ist Google da. Ebendort findet man auch den  schweizerischen gemeinnützigen Verein «Vimentis» (pluralis) der sich zum Ziel gesetzt hat, den Informationsstand der Bevölkerung zu politischen Themen zu verbessern. Dazu publiziert der Verein – nach eigenen Angaben – politisch neutrale, einfach verständliche, umfassende und doch kurzgefasste Publikationen zu verschiedenen politischen Themen und im Speziellen zu eidgenössi-schen Abstimmungen.

Eine ganze Reihe von Politikern jeglicher Prägung sind präsent mit Beiträgen und Blogs in denen sie ihre Vorstösse und Haltungen erklären. Als Auslandschweizer bin ich darauf angewiesen, vor den Abstimmun-gen und Wahlen auf eine einfache Weise meine Meinungen zu bilden. Und deshalb öffne ich auch regel-mässig diese Webseite.

 

Verständlicherweise sind die Beiträge auch dazu da, die Bürgerinnen und Bürger auf sich aufmerksam zu machen; man möchte gehört und auch gewählt werden. Dies tun diese Damen und Herren der Politik manchmal sogar geschickt, zumal sich nicht wenige zu den «Kurbeln der Macht» drängen. Da kann es

auch vorkommen, dass der Eifer nicht mit den nötigen Recherchen nach Fakten Schritt hält. Und so wird mit Wahrheiten hantiert, die eigentlich aufgrund offizieller Publikationen und ausgewiesener Fakten eben doch nur halbe sind. Und damit auf Stimmenfang zu gehen, ist zwar weder anständig noch korrekt, aber wenigstens zeitgemäss. Unlautere politische Werbung wird ja schon lange betrieben, wurde aber erst

durch den aktuellen USA-Präsidenten auch mit der eigens dafür geschaffenen Bezeichnung «fakenews» gekrönt.

 

Da es wieder mal auf die Wahlen zugeht, bin ich etwas vermehrt auf der Website der Vimentis. Man möch-te natürlich gerne wissen, wie ehrlich und aufrichtig die Kandidatinnen und Kandidaten sich um ein hohes Amt bewerben. Dabei lohnt es sich, auch in den persönlichen Blogs herum zu schmökern. Und nicht zu-letzt ermöglicht es, über den «Smartspider» die Kandidierenden richtig zu positionieren und in der Folge die persönliche Wahlliste nach eigener Präferenz zu gestalten.

 

Kürzlich gestattete ich mir, einen Kandidaten, der die Fakten etwas gar individuell interpretiert und seine persönlichen Wahrheiten verbreitet, als wenig geeignet zu bezeichnen. Es vergingen gerademal zwölf Minuten (!) bis ein Kommentar einging. Nicht etwa seitens des Kandidaten, sondern einer der Mitläufers des Gottvaters am Zürichsee betet seine Argumente vor, die darin gipfelten, es gehe ja nur darum, eine Partei, die ich hier nicht nennen möchte, zu verunglimpfen. Der Versuch, ihn auf die Unrichtigkeit der Botschaft des Kandidaten aufmerksam zu machen, scheiterte. Der Kommentierende verbiss sich in seine Meinung; in der Folge gestand ich, dass eine Politik, die Mitmenschen gegeneinander aufhetzt, nicht die meinige sein kann. Toujours à mon avis, nämlich die eines selbständig denkenden Bürgers. Meine Bot-schaft war: Geschätzter Herr, Sie haben gewonnen! Ende der Diskussion.

 

Ich werde mich hüten, weiterhin derartige Diskussionen auszulösen; da tummeln sich auch Mitmenschen, deren Demokratieverständnis nach jenem von «Readers Digest» steht.



Vous les Suisses, vous avez bien juste…

 

Im Februar  durfte Margrit  zum letzten Mal in der Schweiz abstimmen, zur „Initiative gegen die Massen-einwanderung“  und sie hatte ein überzeugtes Nein in die Urne eingelegt; schliesslich geniessen wir seit über zehn Jahren ein grosszügiges Gastrecht in Frankreich. Natürlich ergab es deshalb auch Fragen, just an jenem Sonntag, als wir gemeinsam „mit dem Dorf“ zu Tische sassen.

 

Nachhause gekehrt wurde SRF eingeschaltet und wir wurden durch das Geschrei der Sieger und die be-lämmerten Kommentare der übrigen Parteipräsidenten arg geschreckt. Den Sieg hatte niemand, selbst

die SVP nicht erwartet. Wie sollten wir reagieren? Selbstverständlich ist der Volksentscheid zu akzeptieren, aber wir sind zum einen Teil auch „das Volk“ und andernteils als Auslandschweizer unseren Nachbarn, in deren Mitte wir leben, nota bene gut leben, verpflichtet. Basisdemokratisch geübt, legt man sich in einer solchen Situation eine Argumentation zurecht, mittels der man versucht, direktdemokratische Rechte

und Pflichten zu erklären und eben unsere Nachbarn nicht vor den Kopf zu stossen. Meistens gelingt es recht gut.

 

Steinmetz Philippe sagt es geradeaus: Mein Sohn arbeitet als Kunstschlosser in der Nähe von Genf, also

er hat sich nicht um eine Stelle beworben, vielmehr wurde sie ihm angeboten. Natürlich wäre es fatal, wenn er jetzt keine Arbeitsbewilligung mehr erhielte, aber andrerseits verstehen wir die Suisses ganz gut. Und immer wieder: „Wenn wir in Frankreich in dieser Frage mitbestimmen dürften, wäre diese Initiative noch weitaus deutlicher angenommen worden…“  Romain, dem eben diplomierten Architekten historischer Richtung, habe ich gleichwohl zu spontanen Bewerbungen in der Schweiz empfohlen. Er spricht Italienisch und Deutsch dank seinen Studien in Rom und Wien. Erasmus lässt grüssen!

 

Wo wir unseren Mitmenschen begegnen, treffen wir auf Verständnis. Natürlich gab es schon immer Zu-stimmung von Franzosen wegen dem schweizerischen Abseitsstehen in Europa, aber jene, die mir beson-ders kräftig die Hand drücken, sind mir zuweilen wenig geheuer. Dabei stehen den 22,8% Ausländern in der Schweiz, gerade mal 5,83% in Frankreich gegenüber und trotzdem schenken immerhin  12% der Saône-et-Loireens der Partei der Familie Le Pen ihr Vertrauen und ihre Stimme. Und gerade deren ausge- sprochen nahen Freunde in der Schweiz haben mich bei meinem Entschluss zum Auswandern mitbe-stärkt. 

 

Zurück aus dem Verkehrschaos im  Zürcher Oberland wiegt das Verständnis für den Entscheid der Mit-eidgenossen trotzdem leichter als die Offenheit und Herzlichkeit der meisten französischen Gastgeber. Ich beginne weiterhin den Morgenkaffee mit einem Blick in den „Telematin“ auf France 2 und beschliesse den Abend zumeist mit „10 vor 10“.