Neues aus dem Land der Gallier



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Neues aus dem Land der Gallier

Unter diesem Titel erscheinen Texte zu verschiedenen Themen, quasi eine Fortsetzung zum Buch "Wie Gott in Frankreich".  

Viel Spass!                                                                              

Paperasse – Papierkram

 

 

Ein wunderschönes Wort für den administrativen Papierkram der uns tagtäglich verfolgt, die Hydra aus den griechischen Mythologien. Schlägt man einen Kopf ab, wachsen sogleich zwei neue Köpfe nach.

 

      Als wir das erste Haus kauften, verlas Maître Chapuis Favre fünf Schreibmaschinenseiten. Der Verkauf dauerte eine Viertelstunde inklusive Übergabe des Checks der Volksbank gegen Quittung. Wir waren stolze Besitzer, die Kürze des noblen Aktes erlaubte, umgehend zum Aperitif zu schreiten. Traditionsgemäss auf Kosten des Verkäufers. Anschliessend luden er und seine Frau uns gleich an ihren Tisch zum Essen ein. Aber das ist bereits eine andere Geschichte.


      Die Masse des begehrten Objektes wurden auf einem Block 5-Millimeter-Häuschenpapier übertragen, das einseitige Formular der Baubewilligung von Hand ausgefüllt und zusammen mit ein paar sauberen Handskizzen beim Maire eingereicht. Dieser hieb seinen Stempel darauf und reichte das Mäppchen an das Departement weiter. Mit der Zusicherung, sollte wir innert drei Monaten keinen Bericht erhalten, könnten wir mit den Arbeiten beginnen. Französisches Recht, mahlen die administrativen Mühlen zu langsam, sind sie selber schuld.

 

      Später, beim Erwerb einer anderen Liegenschaft, hatte die Administration eine erste Ausweitung erfah-ren. Maître Waltefaugle, dieu avait beni, ein kleines Männchen hinter einem riesigen eichernen Schreibtisch beschrieb das mit hoher Stimme etwa so: Ah mon Monsieur, c’est venu compliqué! Ce n’est plus facile à gerer mon métier. Margrit wollte mir meinen Erzählungen zuhause erst gar nicht glauben; aber der Kaufver-trag überzeugt sie von der kabarettreifen Leistung des Notars. Claude, seine langjährige Sekretärin ordnete die Papiere die der Clerc einzeln kopierte. Auch hier überreichte man den Check gegen Quittung, diesmal allerdings von der Crédit Suisse, die die ehrwürdige Volksbank mittlerweile geschluckt hatte.

 

     Jahre später übernahm ich Übersetzung der Verträge einer Notarin für einen Deutschschweizer der

nicht die Gunst hatte, von seinem Unternehmen in den Sprachaufenthalt ins Welschland geschickt worden zu sein. Schon der zehnseitige compromis, der Vorvertrag als Grundlage zu einem späteren Kaufvertrag, forderte einiges ab. Mit Formulierungen, die den zukünftigen Besitzer argwöhnen liessen. Überzeugungs-arbeit war gefragt. Franzosen sind nicht grundsätzlich Gauner, schon gar nicht die Notare. Wenigstens zu-meist. Der Kaufvertrag, in achtfacher Ausführung, war in der Zwischenzeit auf achtzehn Seiten angewach-sen, der hingegen gab arg zu beissen.

 

      Der damalige „Lehrlingsbeamte der Kreisdirektion“ mochte mich zwar sehr, bedauerte aber aufrichtig, dass meine Begabungen woanders lagen, als bei der Verfassung von korrekten Dienstschreiben. Da gab es andere, die ihre bare Freude hatten an Formulierungen wie „der guten Ordnung halber, etc“. Doch diese Art von Sprache ist international; anscheinend ist trotzdem etwas hängengeblieben. Vielleicht dank Max Bosshard.

 

     Aber zurück zum Kaufvertrag für ein Villa an einen Compatriote suisse. Das war noch die echte, ausge-feilte Beamtensprache. Wie auch schon geschrieben, die kulturellen Sprachunterschiede sind wesentlich. Nehmen wir als Beispiel das Bildes eines Gartenzaunes: geradeaus, ohne Schnörkel, klar hinführend, eine echte handwerkliche Wertarbeit. Anders der französische: voller Phantasie, verschlungen, girlandenreich, goldverziert. Da mäandert die amtliche Sprache zwischen leeren, höflichen Formulierungen und Erinnerun-gen an etwelche Vorbesitzende und deren, allerdings heute nicht mehr aktuellen Servitute.

Dazu kamen eine Menge neuer Bestimmungen und Anforderungen. So zum Beispiel musste man mit ein-geschriebener Sendung mit Rückschein die schriftliche Zusicherung des Departementes, dass voraussicht-lich weder der Bau einer durch die Liegenschaft führende Hochspannungsleitung, einer Autobahn oder ein TGV –Trassee,  geplant werde, einholen. Dass diese Bestätigung nie eintraf, spricht für die immense Über-lastung der Administration. Die A6 von Paris bis Marseille ist definitiv gebaut, der TGV fährt hinter dem nächsten Hügelzug vorbei.

Alles in allem sechzehn Stunden mühselige Übersetzungsarbeit. Der administrative Schreibkram war zu einem Berg angewachsen, der vor allem seinen Schatten wirft, aber hinter den niemand mehr so richtig sieht. Ausser vielleicht die Notare, die diese Akte auch entsprechend zu zelebrieren wissen. Aber damit werden auch Arbeitsplätze geschaffen oder zumindest erhalten.

 

     Heute durften wir den Kaufvertrag für unsere zukünftige Seniorenresidenz unterschreiben.  Nach einer langen Geschichte der Ungewissheit. Die vorbereite Akte lag auf dem Tisch, die Stimmung von Madame le Maître war aufgeräumt, sichtlich mehr als ihre Amtsstube; man konnte beginnen. Checks werden nicht mehr akzeptiert, nur Überweisungen auf das Konto des Notariates. Die Akte war auf in der Zwischenzeit

auf umfangreiche fünfundzwanzig Seiten angewachsen, aber die Formulierungen haben keine Reformen erleiden müssen; gehört, gelesen und signiert. Bleibt keine Zeit mehr für den Aperitif.




La maladie helvétique

 

     Schweizerische Expats kontaktieren sich nicht so bewusst, wie zum Beispiel die Engländer. Diese treffen sich am Markttag regelmässig im selben Bistro, sogar an denselben Tischen, um sich in ihrer Muttersprache auszutauschen. Das mag wohl daran liegen, dass wir aus verschiedenen Sprachregionen kommen. Aber es ist auch so, dass die Romands verständlicherweise sich näher an die Einwohner des Gastlandes Frankreich anlehnen, weil sie der Deutschschweizer Kultur zumeist eher hilflos gegenüberstehen. Deutsch an und für sich wird als schwierig empfunden, Dialekte geradezu als unverständlich. Obgleich in vielen Heimataus-weisen unserer concitoyens romands Bürgerorte nördlich des Froschschenkelgraben stehen. Aber in einer Frage sind wir trotzdem über alle sprachlichen und auch Kantonsgrenzen hinweg einig:

 

                                «Da könnte man doch… On pourrait … Si potrebbe…»

 

     Schweizer sind scheinbar unvergleichlich unternehmensfreudig. Sitzt man zusammen in der Garten-wirtschaft beim Studium der Speisekarte. Bei sommerlichen Temperaturen steht einem nicht der Sinn nach buttertriefenden Schnecken und Hähnchen in dicker, rotbrauner Sauce. Wetten, es fällt umgehend ein: «Wie wäre es mit einem kurzgebratenen saftigen Pouletbrüstchen inmitten eines farbenfrohen Salattellers».

 

     In den kleinen Städtchen stehen reihenweise Lokale leer. Zugegeben, einiges wäre schon zu tun, um ein Plätzchen an der Sonne zu kriegen. Aber mal fehlt das Geld, mal die Idee, mal die nötige Motivation und nicht zuletzt manchmal an allen dreien.

Eines dieser Lokale haben wir mit dem Kauf einer alten Liegenschaft im mittelalterlichen Kern zwischen Hoffnungs- und Hutmachergasse erworben. Eine Charcuterie, deren beste Zeit auch nur noch Einheimi-schen, heute mindestens im Rentenalter, erlebt haben. Zugegeben, es hat einiges gekostet, an Geld, an Geduld und an eigentlich freier Zeit, Freizeit. Entstanden ist eine Galerie mit Kunstausstellungen und ein Atelier für Handweberei. Aber nach fünfzehn Jahren sind wir jetzt definitiv in Rente, war ja auch Zeit für zwei in der 3½-Lebensphase. Die Vitrine bleibt weiterhin dekoriert und Margrit sitzt immer noch am Web-stuhl. Denn es gibt an einer Marktgasse fast nichts Deprimierendes als leere Schaufenster. Denken wir.

 

     Trotzdem stiegen und steigen immer wieder Ideen hoch. Mal war es eine Brockenstube, mal eine Im-mobilien-Agentur. Margrit’s Träume gingen eher in Richtung Kaffee & Kuchen, meine hingegen nach kleinen Leckereien für wenige Gäste, nur auf Reservation, keine Karte. Die Alternative, eine Fondue-Stube schien mir persönlich zu einseitig. Trotz rot-weissen Tischtüchern mit handgeschnitzten Chueli und Ländlermusik ab Band. Heute lachen wir darüber, denn: «In unserem Alter dient man nicht mehr, da lässt man bedie-nen».

 

     Ein befreundeter Gewerbetreibender, immer motiviert, mit ständig frischen Angeboten, einer der weiss, von Nichts kommt nichts. Eigentlich ist er von neun bis neunzehn Uhr präsent. Er ist geradezu beispielhaft, er kann etwas mehr, als «gratter dans la caisse», in der Kasse scharren, wie er jeweils von seinen Gewer-bekollegen meint. Aber offizielle Öffnungszeiten am Eingang anschreiben, Gott bewahre! Und wenn er mal keine Lust hat? 

Die vielgepriesene französischen Lebensqualität drückt sich eben auch darin aus, dass nichts wirklich eilt, dass Kundschaft grundsätzlich und eigentlich bedient werden muss, dass Gäste immer willkommen sind, wenn es dem Wirt gefällt und dass jederzeit die Tafel «ouvert» gewendet werden kann und dass dazu ein bisschen Unwohlsein absolut reicht.

 

     Wissen wir Schweizer tatsächlich immer, wie man sowas richtig anpackt? Sind wir die geborenen Unter-nehmer, ideenreich, risikofreundlich, übermotiviert, einfach tüchtig? Selbstverständlich. Ein Beispiel:

 

- Handwerker zu finden ist auch in der Schweiz eine Kunst. Trotzdem: Das Wasser rinnt, Schaden droht, Anruf genügt, der Sanitär steht beinahe schon unter der Türe. Schaden behoben, Rechnung ab Handy, der Stundenlohn horrend, weil Express-Service.

- Handwerker in Frankreich zu finden ist ebenso schwierig. Trotzdem: «Schliessen Sie den Haupthahn, ich bin drei Dörfer weiter, es geht schon eine Stunde». Aber er kommt. Schaden behoben, Rechnung später, Stundenlohn ohne Aufschlag, weil Dépannage ist courrant normal. Auch am Samstag.

 

Wissen wir Schweizer tatsächlich immer, wie man sowas richtig anpackt? Ja! Theoretisch.




Schwarzarbeit

 

Grundsätzlich gibt es keine Schwarzarbeit in Frankreich

 

     Kurz vor Eröffnung der zweiten Ausstellungssaison wurde ich ultimativ in die Mairie gebeten. Monsieur

le Maire et Conseiller Général stellte aufgebracht fest, dass ich meine Galerie illegal betreibe, eine Galerie d‘art, die ich im Vorjahr ausdrücklich auf seinen Rat hin eröffnete und er jeweils meine Discours wortreich ausschmückte. Zur Verstärkung zog er seinen ersten Adjunkt dazu, der mich auf die Schwere meines Ver-gehens aufmerksam machte, mit dem Hinweis, dass Schwarzarbeit auch in der Schweiz geahndet werde. Schliesslich war er früher mal en Suisse tätig.

Natürlich war ich einigermassen verblüfft, aber die beiden hatten schon vorgesorgt und reichten mir einen Zettel mit der Telefonnummer der Chambre de Commerce et Industrie in Mâcon. Umgehend rief ich an, die Dame am anderen Ende war bestens informiert, hatte die entsprechende Formulare in fünffacher Ausgabe bereits für den Versand vorbereitet. Flugs ausgefüllt, eingesandt und drei Tage später war das Kleinunter-nehmen gegründet und legalisiert. Beziehungen muss man haben!

 

Grundsätzlich gibt es keine Schwarzarbeit in Frankreich. Trotzdem:

 

- Ein altes Fenster soll zugemauert und verputzt werden, Bauunternehmen haben auch in Frankreich nie Zeit und vor allem kein Interesse an solchem Kleinkram. Kollege André gibt mir die Adresse von einem Kollegen. Anruf genügt. Der kommt, besieht die Sache, man einigt sich auf 200 Euro, er frägt, „soll ich

eine Rechnung machen?“ Sag ich ja, kann ich nach einem halben Jahr zurückfragen und kriege als Antwort „tut mir leid, bin völlig überlastet“. Sage ich nein, steht er am kommenden Samstagmorgen auf dem Platz.


- Das Haus frisch gestrichen, fast wie neu, also dann doch auch noch das Büro. Die Rechnung entspricht wie immer genau dem Devis, der Büroanstrich hat keinen Platz mehr gehabt, la secrétaire hatte die Rech-nung schon vorbereitet.

 

     In den vergangenen Jahren wurde einiges ausgedacht, um der Schwarzarbeit mächtig zu werden.

Selbst der Bezug von Bargeld wurde auf € 1000 limitiert. Aber man kann ja auch etwas zur Seite legen

oder abstottern; jedenfalls findet sich sicher ein Weg, dass der hilfreiche Kollege zu seinem Geld kommt. Oder "On fait un troc". Einen Tausch.

Eigentlich ist es mehr nur ein umfangreiches Tauschgeschäft zwischen Facharbeitern, Kollegen von Kolle-gen, im erweiterten Familienkreis. Jeder hat von jedem irgendwann mal was zu Gute. Und solange es quasi „im Dorf“ bleibt, soll sich der Staat gefälligst raus halten. Hingegen in der Stadt sollen sie endlich kontrol-lieren. Dort lungern Polen und Rumänen auf dem Bau herum und unterbieten unsere hart erkämpften Min-destlöhne und Prämien. Überhaupt, 35 Stunden bis zum Freitagmittag sind schon richtig. So geht’s aus-geruht an die Mithilfe beim Kollegen am Samstag.

 

Montag bis Freitag schlürfen sie ihren Kaffee zusammen im§§ Bistrot, missmutig, krank, völlig geschafft. Am Samstag aber, gut gelaunt, mit Scherzen, bevor es an die Arbeit geht. Wenn alles klappt, konnte man auch noch den kleinen Laster beim Chef ausleihen. Sagt Francis.




Gloria

 

lateinisch auch „Ruhm“ und steht für die Herrlichkeit Gottes, ist ein häufiger Vorname, nennt sich aber

auch eine Kartoffelsorte, ein Automodell, ein Filmverleih, eine Radiostation, eine mährische Blaskapelle

und vieles mehr. Und nicht zuletzt singt unsere Familie unter dem Weihnachtsbaum alljährlich «Gloria in Excelsis Deo».

 

Aber alles nichts da; für uns heisst Gloria «die Perle». Die Perle, die am Freitag um viertelvorzehn an-kommt und nach einem kurzen Kaffee die Putz-Utensilien schnappt; ab sofort gehört unser Haushalt Gloria. Einst angereist aus einem Dorf in Portugal, wie viele auf der Suche nach Arbeit, gefunden in einem Hotel

im Südburgund und bald auch einen der Franco-Portugiesen, die hier gut vertreten sind.

 

Schon im Zuge meiner beruflichen Laufbahn erlebte ich, wie die Portugiesen andere ausländische Mitar-beitende ablösten, weil besonders tüchtig und willig. Jedenfalls erinnere ich mich gut und gerne an einen, der mit Händen wie Schaufeln zupackte und über den Perron schritt, wie wenn er über einen Acker ginge. Aber zurück zu unserer Gloria.

 

Auch Gloria packt zu, zwar ist sie ein blondgelocktes Persönchen, aber wenn sie zu Bürste und Lappen greift, entgeht ihr kein Flecken und kein Stäubchen um sie herum. Im Bad fegt sie, dass man zuweilen um die Fugenmasse fürchtet, alles wird abgeräumt, auf Hochglanz gerieben und wiederaufgebaut. Dasselbe im gesamten Haushalt. Jeder Freitag ist so etwas wie ein Frühlingsputz. Und sie tut dies seit Jahren, seit wir sie von einer abreisenden Auslandschweizerin quasi «erbten». Wie gesagt, von viertelvorzehn bis viertel-voreins. Sie lässt sich nicht beirren, wenn wir am Mittagstisch sitzen. Zugegeben, manchmal ist es in der Gartenwirtschaft gemütlicher, aber Gloria hat ja nicht nur unser Vertrauen sondern auch einen Haus-schlüssel.

 

Aber sie tut dies auch für andere, vom Arzthaushalt über die Apotheke und bei ihren Stammkunden. Und überall ist sie gut gelitten, geradezu eine Freundin. Deshalb auch die etwas ungewöhnlich vereinbarte Arbeitszeit, allseits schwer begehrt, weil mehrfache Erfahrungen mit hiesigem Reinigungspersonal nicht sehr fröhlich zu stimmen vermochten. Deshalb eben: Gloria, die Perle!

 


 

Le grand débat ne fait pas des petits

 

Gedanken nach der Verfolgung von mehreren aufgezeichneten Debatten und der Berichterstattung zum Besuch von Emmanuel Macron auch im Burgund.

 

Einesteils ein jugendlicher Präsident, der fünf, sechs Stunden ohne Unterbruch aufmerksam zuhört und für jede Frage aus dem Publikum auch Verständnis zeigt und auch eine schlüssige Antwort zu geben weiss.

Und seien es auch Fragen zum Beamtenstatus des gardes-pêches, der Fischereiaufsehers, des Imports insektizidbehandelter Kirschen aus der Türkei oder der zu hohen Bankspesen. Selbst die zu früh empfun-dene Schliessung der Entenjagdsaison, die schwierigen Kostenteiler interkommunaler Abwässer und die Unterstützung für emotional beeinträchtige Lehrlinge sind Themen, denen Emmanuel Macron kompetent gegenübersteht. Zu Beginn gewohnt korrekt gekleidet, später kravattenlos und hemdärmelig steht Mon-sieur le Président umfassend dem versammelten Volk Rede und Antwort.

 

Andernteils «das Volk» mit so originellen Vorschlägen, wie das unabdingbare Recht auf einen Parkplatzes

an der eigens bewohnten Strasse, die «gerechtere Verteilung» des Landwirtschaftslandes auf alle oder die Versteigerung der Luxusgüter der vierzig reichsten Milliardäre. Aber es gibt auch kreativere Ideen, wie zum Beispiel die kostenfreie Beerdigung für Deputierten, deren Ehegatten und Kinder abzuschaffen. Was ich durchaus begreife, weil derartige absurde Privilegien einem aufrechten Eidgenossen geradezu vorrevolu-tionär erscheinen. Allerdings im traditionellen Frankreich durchaus gang du gäbe.

 

Die Forderung nach noch mehr garantierter Sozialsicherheit und die massive Senkung der Steuern gehen einher mit jener der staatlichen Förderung des Exportes, Güter, die gerade wegen den zu hohen Geste-hungskosten der ausländischen Konkurrenz nicht standhalten können. Realitäten wie zu hohe Mindestlöhne bei kurzer Arbeitszeit, grosszügige Sozialleistungen, verbreiteter Absentismus und ineffiziente Verwaltungs-abläufe werden grundsätzlich nicht wahrgenommen. «Die Grosse Debatte» ist schlechthin der wichtigste Indikator des fehlenden Interessens der Franzosen für einige der prinzipiellen wirtschaftlichen Erkenntnisse. Die phänomenale Staatsverschuldung von über 2'300 Milliarden – 2018 waren es zusätzliche 59,9 – und

die Staatsausgaben, die 57% des Bruttoinlandproduktes verbrauchen, interessiert schlicht niemanden.

 

Aber selbst Präsident Macron, Verfasser des im Wahlkampf publizierten Buches «Révolution», der eigent-liche Fürsprecher von Gesetzesreformen und Kosteneinsparungen, verfällt derselben französischen Eigen-heit, bei direkter Begegnungen den geladenen  Bürgermeistern durchwegs und ohne Unterlass die Deblo-ckierung zusätzlicher öffentlicher Mittel, staatlichen Hilfen, Subventionen und massive Investitionen  zu versprechen. Und bei all den versammelten Verantwortungsträgern und Kompetenzträgern stellt niemand die direkte Frage: Monsieur le Président, wie wollen Sie konkret die öffentlichen Ausgaben reduzieren?

 

Aber vielleicht kämpft Emanuel Macron bereits nach zwei Jahren der Regierungszeit schlicht und einfach

um sein politischen Überleben. Nach wie vor ist der französische Präsident bewundernswert, ein begna-deter Kommunikator, voller Glauben an die Richtigkeit seiner Idee, dieses grosse und alte Land endlich wieder auf 1. Weltniveau zu bringen. Und bei solch einem Kampf können auch Widerstände entstehen, die der «politisch Jugendliche» nicht in den Griff bekommen kann. Bewundernswert, aber weitgehend unver-standen, von den gelbgewesteten Bewegten ohnehin.

 

Der Blick in die 1. Heimat: Die früher übliche schweizerische «Ochsentour», vom Schulpfleger über den Parteivorstand bis zum endlich gewählten Parlamentarier mochte wohl mühsam sein, brachte aber auch vielerlei Erfahrungen im Kampf um politischen Einfluss. Allerdings, weshalb nach jahrelanger Schleifarbeit der Sprung in die Exekutive so sehr erstrebenswert sein soll, ist stark erklärungsbedürftig. Hingegen er-klärt es in mancher Hinsicht, weshalb die Politik für viele Jugendliche nur noch wenig erstrebenswert scheint. Es gibt Parallelen zum Milizdienst in der Armee: nur einfachere Gemüter stellen sich heutzutage noch freiwillig zur Verfügung. Über das Studium zum gutbezahlten, nicht unbedingt risikoreichen und trotzdem spannenden Job entspricht eher dem gängigen Weg der heutigen Generation. Die Folge ist, dass in der Politik sich zunehmend die «zweite Garnitur» um Mitwirkung bewirbt. Und damit erreichen auch die Eidgenossen langsam, aber stetig europäisches Niveau.