Neues aus dem Land der Gallier



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Neues aus dem Land der Gallier

Unter diesem Titel erscheinen Texte zu verschiedenen Themen, quasi eine Fortsetzung zum Buch "Wie Gott in Frankreich".  

Viel Spass!                                                                              

Paperasse – Papierkram

 

 

Ein wunderschönes Wort für den administrativen Papierkram der uns tagtäglich verfolgt, die Hydra aus den griechischen Mythologien. Schlägt man einen Kopf ab, wachsen sogleich zwei neue Köpfe nach.

 

Als wir das erste Haus kauften, verlas Maître Chapuis Favre fünf Schreibmaschinenseiten. Der Verkauf dauerte eine Viertelstunde inklusive Übergabe des Checks der Volksbank gegen Quittung. Wir waren stolze Besitzer, die Kürze des noblen Aktes erlaubte, umgehend zum Aperitif zu schreiten. Traditions-gemäss auf Kosten des Verkäufers. Anschliessend luden er und seine Frau uns gleich an ihren Tisch zum Essen ein. Aber das ist bereits eine andere Geschichte.


Die Masse des begehrten Objektes wurden auf einem Block 5-Millimeter-Häuschenpapier übertragen, das einseitige Formular der Baubewilligung von Hand ausgefüllt und zusammen mit ein paar sauberen Hand-skizzen beim Maire eingereicht. Dieser hieb seinen Stempel darauf und reichte das Mäppchen an das De-partement weiter. Mit der Zusicherung, sollte wir innert drei Monaten keinen Bericht erhalten, könnten wir mit den Arbeiten beginnen. Französisches Recht, mahlen die administrativen Mühlen zu langsam, sind sie selber schuld.

 

Später, beim Erwerb einer anderen Liegenschaft, hatte die Administration eine erste Ausweitung erfah-ren. Maître Waltefaugle, dieu avait beni, ein kleines Männchen hinter einem riesigen eichernen Schreib-tisch beschrieb das mit hoher Stimme etwa so: Ah mon Monsieur, c’est venu compliqué! Ce n’est plus facile à gerer mon métier. Margrit wollte mir meinen Erzählungen zuhause erst gar nicht glauben; aber der Kaufvertrag überzeugt sie von der kabarettreifen Leistung des Notars. Claude, seine langjährige - ordnete die Papiere die der Clerc einzeln kopierte. Auch hier überreichte man den Check gegen Quittung, diesmal allerdings von der Crédit Suisse, die die ehrwürdige Volksbank mittlerweile geschluckt hatte.

 

Jahre später übernahm ich Übersetzung der Verträge einer Notarin für einen Deutschschweizer der

nicht die Gunst hatte, von seinem Unternehmen in den Sprachaufenthalt ins Welschland geschickt worden zu sein. Schon der zehnseitige compromis, der Vorvertrag als Grundlage zu einem späteren Kaufvertrag, forderte einiges ab. Mit Formulierungen, die den zukünftigen Besitzer argwöhnen liessen. Überzeugungs-arbeit war gefragt. Franzosen sind nicht grundsätzlich Gauner, schon gar nicht die Notare. Wenigstens zu-meist. Der Kaufvertrag, in achtfacher Ausführung, war in der Zwischenzeit auf achtzehn Seiten angewach-sen, der hingegen gab arg zu beissen.

 

Der damalige „Lehrlingsbeamte der Kreisdirektion“ mochte mich zwar sehr, bedauerte aber aufrichtig, dass meine Begabungen woanders lagen, als bei der Verfassung von korrekten Dienstschreiben. Da gab es andere, die ihre bare Freude hatten an Formulierungen wie „der guten Ordnung halber, etc“. Doch diese Art von Sprache ist international; anscheinend ist trotzdem etwas hängengeblieben. Vielleicht dank Max Bosshard.

 

Aber zurück zum Kaufvertrag für ein Villa an einen Compatriote suisse. Das war noch die echte, ausge-feilte Beamtensprache. Wie auch schon geschrieben, die kulturellen Sprachunterschiede sind wesentlich. Nehmen wir als Beispiel das Bildes eines Gartenzaunes: geradeaus, ohne Schnörkel, klar hinführend, eine echte handwerkliche Wertarbeit. Anders der französische: voller Phantasie, verschlungen, girlandenreich, goldverziert. Da mäandert die amtliche Sprache zwischen leeren, höflichen Formulierungen und Erinne-rungen an etwelche Vorbesitzende und deren, allerdings heute nicht mehr aktuellen Servitute.

Dazu kamen eine Menge neuer Bestimmungen und Anforderungen. So zum Beispiel musste man mit ein-geschriebener Sendung mit Rückschein die schriftliche Zusicherung des Departementes, dass voraussicht-lich weder der Bau einer durch die Liegenschaft führende Hochspannungsleitung, einer Autobahn oder ein TGV –Trassee,  geplant werde, einholen. Dass diese Bestätigung nie eintraf, spricht für die immense Über-lastung der Administration. Die A6 von Paris bis Marseille ist definitiv gebaut, der TGV fährt hinter dem nächsten Hügelzug vorbei.

Alles in allem sechzehn Stunden mühselige Übersetzungsarbeit. Der administrative Schreibkram war zu einem Berg angewachsen, der vor allem seinen Schatten wirft, aber hinter den niemand mehr so richtig sieht. Ausser vielleicht die Notare, die diese Akte auch entsprechend zu zelebrieren wissen. Aber damit werden auch Arbeitsplätze geschaffen oder zumindest erhalten.

 

Heute durften wir den Kaufvertrag für unsere zukünftige Seniorenresidenz unterschreiben.  Nach einer langen Geschichte der Ungewissheit. Die vorbereite Akte lag auf dem Tisch, die Stimmung von Madame

le Maître war aufgeräumt, sichtlich mehr als ihre Amtsstube; man konnte beginnen. Checks werden nicht mehr akzeptiert, nur Überweisungen auf das Konto des Notariates. Die Akte war auf in der Zwischenzeit

auf umfangreiche fünfundzwanzig Seiten angewachsen, aber die Formulierungen haben keine Reformen erleiden müssen; gehört, gelesen und signiert. Bleibt keine Zeit mehr für den Aperitif.




La maladie helvétique

 

Schweizerische Expats kontaktieren sich nicht so bewusst, wie zum Beispiel die Engländer. Diese treffen sich am Markttag regelmässig im selben Bistro, sogar an denselben Tischen, um sich in ihrer Mutterspra-che auszutauschen. Das mag wohl daran liegen, dass wir aus verschiedenen Sprachregionen kommen. Aber es ist auch so, dass die Romands verständlicherweise sich näher an die Einwohner des Gastlandes Frankreich anlehnen, weil sie der Deutschschweizer Kultur zumeist eher hilflos gegenüberstehen. Deutsch an und für sich wird als schwierig empfunden, Dialekte geradezu als unverständlich. Obgleich in vielen Heimataus-weisen unserer concitoyens romands Bürgerorte nördlich des Froschschenkelgraben stehen. Aber in einer Frage sind wir trotzdem über alle sprachlichen und auch Kantonsgrenzen hinweg einig:

 

                                «Da könnte man doch… On pourrait … Si potrebbe…»

 

Schweizer sind scheinbar unvergleichlich unternehmensfreudig. Sitzt man zusammen in der Gartenwirt-schaft beim Studium der Speisekarte. Bei sommerlichen Temperaturen steht einem nicht der Sinn nach buttertriefenden Schnecken und Hähnchen in dicker, rotbrauner Sauce. Wetten, es fällt umgehend ein: «Wie wäre es mit einem kurzgebratenen saftigen Pouletbrüstchen inmitten eines farbenfrohen Salat-tellers».

In den kleinen Städtchen stehen reihenweise Lokale leer. Zugegeben, einiges wäre schon zu tun, um ein Plätzchen an der Sonne zu kriegen. Aber mal fehlt das Geld, mal die Idee, mal die nötige Motivation und nicht zuletzt manchmal an allen dreien.

Eines dieser Lokale haben wir mit dem Kauf einer alten Liegenschaft im mittelalterlichen Kern zwischen Hoffnungs- und Hutmachergasse erworben. Eine Charcuterie, deren beste Zeit auch nur noch Einheimi-schen, heute mindestens im Rentenalter, erlebt haben. Zugegeben, es hat einiges gekostet, an Geld, an Geduld und an eigentlich freier Zeit, Freizeit. Entstanden ist eine Galerie mit Kunstausstellungen und ein Atelier für Handweberei. Aber nach fünfzehn Jahren sind wir jetzt definitiv in Rente, war ja auch Zeit für zwei in der 3½-Lebensphase. Die Vitrine bleibt weiterhin dekoriert und Margrit sitzt immer noch am Web-stuhl. Denn es gibt an einer Marktgasse fast nichts Deprimierendes als leere Schaufenster. Denken wir.

 

Trotzdem stiegen und steigen immer wieder Ideen hoch. Mal war es eine Brockenstube, mal eine Im-mobilien-Agentur. Margrit’s Träume gingen eher in Richtung Kaffee & Kuchen, meine hingegen nach klei-nen Leckereien für wenige Gäste, nur auf Reservation, keine Karte. Die Alternative, eine Fondue-Stube schien mir persönlich zu einseitig. Trotz rot-weissen Tischtüchern mit handgeschnitzten Chueli und Länd-lermusik ab Band. Heute lachen wir darüber, denn: «In unserem Alter dient man nicht mehr, da lässt man bedienen».

 

Ein befreundeter Gewerbetreibender, immer motiviert, mit ständig frischen Angeboten, einer der weiss, von Nichts kommt nichts. Eigentlich ist er von neun bis neunzehn Uhr präsent. Er ist geradezu beispiel-haft, er kann etwas mehr, als «gratter dans la caisse», in der Kasse scharren, wie er jeweils von seinen Gewer-bekollegen meint. Aber offizielle Öffnungszeiten am Eingang anschreiben, Gott bewahre! Und wenn er mal keine Lust hat? 

Die vielgepriesene französischen Lebensqualität drückt sich eben auch darin aus, dass nichts wirklich eilt, dass Kundschaft grundsätzlich und eigentlich bedient werden muss, dass Gäste immer willkommen sind, wenn es dem Wirt gefällt und dass jederzeit die Tafel «ouvert» gewendet werden kann und dass dazu ein bisschen Unwohlsein absolut reicht.

 

Wissen wir Schweizer tatsächlich immer, wie man sowas richtig anpackt? Sind wir die geborenen Unter-nehmer, ideenreich, risikofreundlich, übermotiviert, einfach tüchtig? Selbstverständlich. Ein Beispiel:

 

- Handwerker zu finden ist auch in der Schweiz eine Kunst. Trotzdem: Das Wasser rinnt, Schaden droht, Anruf genügt, der Sanitär steht beinahe schon unter der Türe. Schaden behoben, Rechnung ab Handy, der Stundenlohn horrend, weil Express-Service.

- Handwerker in Frankreich zu finden ist ebenso schwierig. Trotzdem: «Schliessen Sie den Haupthahn, ich bin drei Dörfer weiter, es geht schon eine Stunde». Aber er kommt. Schaden behoben, Rechnung später, Stundenlohn ohne Aufschlag, weil Dépannage ist courrant normal. Auch am Samstag.

 

Wissen wir Schweizer tatsächlich immer, wie man sowas richtig anpackt? Ja! Theoretisch.




Schwarzarbeit

 

Grundsätzlich gibt es keine Schwarzarbeit in Frankreich

 

Kurz vor Eröffnung der zweiten Ausstellungssaison wurde ich ultimativ in die Mairie gebeten. Monsieur

le Maire et Conseiller Général stellte aufgebracht fest, dass ich meine Galerie illegal betreibe, eine Galerie d‘art, die ich im Vorjahr ausdrücklich auf seinen Rat hin eröffnete und er jeweils meine Discours wortreich ausschmückte. Zur Verstärkung zog er seinen ersten Adjunkt dazu, der mich auf die Schwere meines Ver-gehens aufmerksam machte, mit dem Hinweis, dass Schwarzarbeit auch in der Schweiz geahndet werde. Schliesslich war er früher mal en Suisse tätig.

Natürlich war ich einigermassen verblüfft, aber die beiden hatten schon vorgesorgt und reichten mir einen Zettel mit der Telefonnummer der Chambre de Commerce et Industrie in Mâcon. Umgehend rief ich an, die Dame am anderen Ende war bestens informiert, hatte die entsprechende Formulare in fünffacher Aus-gabe bereits für den Versand vorbereitet. Flugs ausgefüllt, eingesandt und drei Tage später war das Klein-unternehmen gegründet und legalisiert. Beziehungen muss man haben!

 

Grundsätzlich gibt es keine Schwarzarbeit in Frankreich. Trotzdem:

 

-  Ein altes Fenster soll zugemauert und verputzt werden, Bauunternehmen haben auch in Frankreich nie Zeit und vor allem kein Interesse an solchem Kleinkram. Kollege André gibt mir die Adresse von einem Kollegen. Anruf genügt. Der kommt, besieht die Sache, man einigt sich auf 200 Euro, er frägt, „soll ich

eine Rechnung machen?“ Sag ich ja, kann ich nach einem halben Jahr zurückfragen und kriege als Ant-wort „tut mir leid, bin völlig überlastet“. Sage ich nein, steht er am kommenden Samstagmorgen auf

dem Platz.


-  Das Haus frisch gestrichen, fast wie neu, also dann doch auch noch das Büro. Die Rechnung entspricht wie immer genau dem Devis, der Büroanstrich hat keinen Platz mehr gehabt, la secrétaire hatte die Rech-nung schon vorbereitet.

 

In den vergangenen Jahren wurde einiges ausgedacht, um der Schwarzarbeit mächtig zu werden. Selbst der Bezug von Bargeld wurde auf € 1000 limitiert. Aber man kann ja auch etwas zur Seite legen oder abstottern; jedenfalls findet sich sicher ein Weg, dass der hilfreiche Kollege zu seinem Geld kommt. Oder "On fait un troc". Einen Tausch.

Eigentlich ist es mehr nur ein umfangreiches Tauschgeschäft zwischen Facharbeitern, Kollegen von Kolle-gen, im erweiterten Familienkreis. Jeder hat von jedem irgendwann mal was zu Gute. Und solange es quasi „im Dorf“ bleibt, soll sich der Staat gefälligst raus halten. Hingegen in der Stadt sollen sie endlich kontrollieren. Dort lungern Polen und Rumänen auf dem Bau herum und unterbieten unsere hart er-kämpften Mindestlöhne und Prämien. Überhaupt, 35 Stunden bis zum Freitagmittag sind schon richtig. So geht’s ausgeruht an die Mithilfe beim Kollegen am Samstag.

 

Montag bis Freitag schlürfen sie ihren Kaffee zusammen im§§ Bistrot, missmutig, krank, völlig geschafft. Am Samstag aber, gut gelaunt, mit Scherzen, bevor es an die Arbeit geht. Wenn alles klappt, konnte man auch noch den kleinen Laster beim Chef ausleihen. Sagt Francis.




Gloria

 

lateinisch auch „Ruhm“ und steht für die Herrlichkeit Gottes, ist ein häufiger Vorname, nennt sich aber

auch eine Kartoffelsorte, ein Automodell, ein Filmverleih, eine Radiostation, eine mährische Blaskapelle

und vieles mehr. Und nicht zuletzt singt unsere Familie unter dem Weihnachtsbaum alljährlich «Gloria in Excelsis Deo».

 

Aber alles nichts da; für uns heisst Gloria «die Perle». Die Perle, die am Freitag um viertelvorzehn an-kommt und nach einem kurzen Kaffee die Putz-Utensilien schnappt; ab sofort gehört unser Haushalt Gloria. Einst angereist aus einem Dorf in Portugal, wie viele auf der Suche nach Arbeit, gefunden in einem Hotel im Südburgund und bald auch einen der Franco-Portugiesen, die hier gut vertreten sind.

 

Schon im Zuge meiner beruflichen Laufbahn erlebte ich, wie die Portugiesen andere ausländische Mitar-beitende ablösten, weil besonders tüchtig und willig. Jedenfalls erinnere ich mich gut und gerne an einen, der mit Händen wie Schaufeln zupackte und über den Perron schritt, wie wenn er über einen Acker ginge. Aber zurück zu unserer Gloria.

 

Auch Gloria packt zu, zwar ist sie ein blondgelocktes Persönchen, aber wenn sie zu Bürste und Lappen greift, entgeht ihr kein Flecken und kein Stäubchen um sie herum. Im Bad fegt sie, dass man zuweilen um die Fugenmasse fürchtet, alles wird abgeräumt, auf Hochglanz gerieben und wiederaufgebaut. Das-selbe im gesamten Haushalt. Jeder Freitag ist so etwas wie ein Frühlingsputz. Und sie tut dies seit Jahren, seit wir sie von einer abreisenden Auslandschweizerin quasi «erbten». Wie gesagt, von viertelvorzehn bis viertelvoreins. Sie lässt sich nicht beirren, wenn wir am Mittagstisch sitzen. Zugegeben, manchmal ist es in der Gartenwirtschaft gemütlicher, aber Gloria hat ja nicht nur unser Vertrauen sondern auch einen Hausschlüssel.

 

Aber sie tut dies auch für andere, vom Arzthaushalt über die Apotheke und bei ihren Stammkunden. Und überall ist sie gut gelitten, geradezu eine Freundin. Deshalb auch die etwas ungewöhnlich vereinbarte Arbeitszeit, allseits schwer begehrt, weil mehrfache Erfahrungen mit hiesigem Reinigungspersonal nicht sehr fröhlich zu stimmen vermochten. Deshalb eben: Gloria, die Perle!

 


 

Le grand débat ne fait pas des petits

 

Gedanken nach der Verfolgung von mehreren aufgezeichneten Debatten und der Berichterstattung zum Besuch von Emmanuel Macron auch im Burgund.

 

Einesteils ein jugendlicher Präsident, der fünf, sechs Stunden ohne Unterbruch aufmerksam zuhört und für jede Frage aus dem Publikum auch Verständnis zeigt und auch eine schlüssige Antwort zu geben weiss.

Und seien es auch Fragen zum Beamtenstatus des gardes-pêches, der Fischereiaufsehers, des Imports insektizidbehandelter Kirschen aus der Türkei oder der zu hohen Bankspesen. Selbst die zu früh empfun-dene Schliessung der Entenjagdsaison, die schwierigen Kostenteiler interkommunaler Abwässer und die Unterstützung für emotional beeinträchtige Lehrlinge sind Themen, denen Emmanuel Macron kompetent gegenübersteht. Zu Beginn gewohnt korrekt gekleidet, später kravattenlos und hemdärmelig steht Mon-sieur le Président umfassend dem versammelten Volk Rede und Antwort.

 

Andernteils «das Volk» mit so originellen Vorschlägen, wie das unabdingbare Recht auf einen Parkplatzes

an der eigens bewohnten Strasse, die «gerechtere Verteilung» des Landwirtschaftslandes auf alle oder die Versteigerung der Luxusgüter der vierzig reichsten Milliardäre. Aber es gibt auch kreativere Ideen, wie zum Beispiel die kostenfreie Beerdigung für Deputierten, deren Ehegatten und Kinder abzuschaffen. Was ich durchaus begreife, weil derartige absurde Privilegien einem aufrechten Eidgenossen geradezu vorre-volutionär erscheinen. Allerdings im traditionellen Frankreich durchaus gang du gäbe.

 

Die Forderung nach noch mehr garantierter Sozialsicherheit und die massive Senkung der Steuern gehen einher mit jener der staatlichen Förderung des Exportes, Güter, die gerade wegen den zu hohen Geste-hungskosten der ausländischen Konkurrenz nicht standhalten können. Realitäten wie zu hohe Mindest-löhne bei kurzer Arbeitszeit, grosszügige Sozialleistungen, verbreiteter Absentismus und ineffiziente Ver-waltungsabläufe werden grundsätzlich nicht wahrgenommen. «Die Grosse Debatte» ist schlechthin der wichtigste Indikator des fehlenden Interessens der Franzosen für einige der prinzipiellen wirtschaftlichen Erkenntnisse. Die phänomenale Staatsverschuldung von über 2'300 Milliarden – 2018 waren es zusätz-liche 59,9 – und die Staatsausgaben, die 57% des Bruttoinlandproduktes verbrauchen, interessiert schlicht niemanden.

 

Aber selbst Präsident Macron, Verfasser des im Wahlkampf publizierten Buches «Révolution», der eigent-liche Fürsprecher von Gesetzesreformen und Kosteneinsparungen, verfällt derselben französischen Eigen-heit, bei direkter Begegnungen den geladenen  Bürgermeistern durchwegs und ohne Unterlass die Deblo-ckierung zusätzlicher öffentlicher Mittel, staatlichen Hilfen, Subventionen und massive Investitionen  zu versprechen. Und bei all den versammelten Verantwortungsträgern und Kompetenzträgern stellt niemand die direkte Frage: Monsieur le Président, wie wollen Sie konkret die öffentlichen Ausgaben reduzieren?

 

Aber vielleicht kämpft Emanuel Macron bereits nach zwei Jahren der Regierungszeit schlicht und einfach

um sein politischen Überleben. Nach wie vor ist der französische Präsident bewundernswert, ein begna-deter Kommunikator, voller Glauben an die Richtigkeit seiner Idee, dieses grosse und alte Land endlich wieder auf 1. Weltniveau zu bringen. Und bei solch einem Kampf können auch Widerstände entstehen, die der «politisch Jugendliche» nicht in den Griff bekommen kann. Bewundernswert, aber weitgehend unver-standen, von den gelbgewesteten Bewegten ohnehin.

 

Der Blick in die 1. Heimat: Die früher übliche schweizerische «Ochsentour», vom Schulpfleger über den Parteivorstand bis zum endlich gewählten Parlamentarier mochte wohl mühsam sein, brachte aber auch vielerlei Erfahrungen im Kampf um politischen Einfluss. Allerdings, weshalb nach jahrelanger Schleifarbeit der Sprung in die Exekutive so sehr erstrebenswert sein soll, ist stark erklärungsbedürftig. Hingegen er-klärt es in mancher Hinsicht, weshalb die Politik für viele Jugendliche nur noch wenig wünschbar ist. Es gibt Parallelen zum Milizdienst in der Armee: nur einfachere Gemüter stellen sich heutzutage noch frei-willig zur Verfügung. Über das Studium zum gutbezahlten, nicht unbedingt risikoreichen und trotzdem spannenden Job entspricht eher dem gängigen Weg der heutigen Generation. Die Folge ist, dass in der Politik sich zunehmend die «zweite Garnitur» um Mitwirkung bewirbt. Und damit erreichen auch die Eidgenossen langsam, aber stetig europäisches Niveau. 

 

 

 

Mit Garantie


siebenzwanzigsprachig, von Island bis Marokko «Consumer Care, Repairs and spares», die Basisgarantie über 24 Monate. Service après vente, schlichtweg die Vertrauensfrage.

 

Wer allerdings einen Schadenfall hat, soll sich in Geduld üben. Und die richtige Auswahl aus den vier Te-lefonnummer treffen. Die eine ist gut, andere sind nach sechs Monaten bereits Geschichte und auf noch-mals anderen wird versucht eine Garantieverlängerung für zusätzliche zwei zu Jahre verkaufen. Ich habe sie alle ausprobiert und ich staune, wie viele musikalische Kurzvarianten es gibt, bis mir mitgeteilt wird, dass es nur wenige Minuten meiner kostbaren Zeit kosten wird, um mit der zuständigen Fachkompetenz verbunden zu sein. Dazwischen der Hinweis, dass das Gespräch aus kundenorientierten Gründen aufge-zeichnet wird; falls dies nicht erwünscht, drücken Sie beim nächsten Mal die Taste «# ». Und eine ganze Reihe von Fragen, immer verbunden mit dem zu absolvierenden Parcours «Drücken Sie die Taste 1,2,3 usw.».  Besonders raffiniert, das Verlangen, die Fragen mit Worten zu quittieren. Nach der zweiten Rück-frage «Wir haben nicht verstanden» werde ich nach einem deutlichen «Gottvertamminamal» manchmal direkt verbunden…

 

Heute ist es wieder mal der Fall. Der halbjährige Kühlschrank surrt im 20-Minutentakt dermassen laut, dass man getrost auf die Fernsehkommentare verzichten kann. Nachts getraue ich nicht mehr mich zu wenden, mein gesundes Ohr dem Brummen auszusetzen, um anschliessend wieder den unterbrochenen Schlaf zu gewinnen. Hochschrauben, zurück auf Null, nichts kann den Apparat aufhalten, weiter zu lär-men. Na, aber wir kennen ja die Geschichte; siehe oben.

 

Nach dem vierten Anruf mit Musikbegleitung platzt mir der Kragen; jetzt muss die Küchenbaufirma gera-destehen. Madame am anderen Ende versteht mich spontan, bleibt nett und verspricht den Einsatz innert 48 Stunden. Und siehe da, wenig später meldet mir der Maileingang den aufzubietenden Techniker.

«Um ihm den bevorstehenden Service zu erleichtern ist der Code 12NC anzugeben und die hinter dem Gemüsefach fotografierte Produkteetikette mit der 10-stelligen Ziffer zu melden». Kleine Schikanen, um dem Kunden das Reklamieren zu vergraulen. Wer bis jetzt nicht resigniert, ist auf gutem Weg. Dass sich der Techniker weder für den Code noch die Produktenummer interessiert, sei nur am Rande erwähnt. Er will, dass ich ihm den Lärm beschreibe, die Diagnose vorwegnehme. Der Hinweis, dass meine berufliche Laufbahn eher in eine andere Richtung wies, machte ihm deutlich, ich erwarte den Fachmann.  Und ver-spricht, nächsten Donnerstag zwischen 14 und 16 Uhr unsere Kühlkombination zu besuchen.

 

Um die versprochene Garantie wirksam zu machen, sollen die Unterlagen der Küchenbaufirma und die Kaufbestätigung bereitgehalten werden. Andernfalls werden die Kosten der Reparatur dem Kunden be-lastet.

 

Und er ist tatsächlich erschienen, freundlich, hilfsbereit und demontierte die Abdeckungen und kroch unter die Kombination. Also, der Kondensator kann es nicht sein, auch nicht der Motor, aber wenn man auf das tragende Brett drückt, hört es auf zu surren. Eine Weile suchte er in seiner Kiste nach dem Keil, der das Brett nach unten hält. Voilà, c’est réparé, es war nicht unser Apparat! Und ging von hinnen. Kei-ne Unterschrift des Kunden, keine Überprüfung der Kaufbestätigung, echter service après vente wie er-wartet.

 

PS: Am Folgetag fing es wieder an zu surren, aber man hatte ja dazugelernt und schnitzte selbst ein Keil-chen. In der Zwischenzeit hatte sich auch der Küchenbauer des vor sechs Monaten erhaltenen Checks erinnert und ihn endlich eingelöst…

 

  


EDF

 

Die Électricité de France SA ist eine börsennotierte, staatlich dominierte französische Elektrizitätsgesell-schaft. EDF ist der zweitgrößte Stromerzeuger weltweit. EDF beschäftigte 2010 weltweit über 158.000 Mitarbeiter zur Versorgung von etwa 37 Millionen Kunden. Also das was aus französischen Steckdosen kommt, mehrheitlich aus einem der 60 Kernkraftwerke.

 

Allerdings lastet auf diesem Unternehmen eine immense Schuldenlast. Europaweit sinken die Stromprei-se, die französischen Strompreise liegen im Mittelfeld, dann musste EDF und damit der Staat die AREVA, die französische Kernkraftproduzentin mit Milliardenbeträgen retten. Nicht zuletzt sind es desaströse En-gagements in England und Finland und ein betrügerisches Investement in eine nicht existierende Uran-mine in Afrika.

 

Diese Tage haben wir die Stromabrechnung im Rückblick erhalten, der Gesamt- minus den Restbetrag, vierseitig aufgelistete Leistungen. Inklusiv das Blatt «Meine Konsumation und ich» mit schönen Statis-tiken und dem aufmunternden Aufruf «Réduisez les consumations inutiles» zu Deutsch Reduzieren Sie unnötigen Stromverbrauch. Und das muss wirklich studiert werden!

 

Die TVA, die Mehrwertsteuer nimmt 14%, schliesslich muss der Staat auch leben. Zudem die Rubrik

taxes et contributions, Steuern und Beiträge in der Höhe von 18%. Die eigentlichen Serviceleistungen an den Stromverteiler sind mit 9% relativ bescheiden, was man bei den Abonnementskosten von 21% nicht sagen kann. Natürlich haben alle bereits diese Anteile von den hundert Prozenten abgerechnet und sind beim Resultat angelangt: 38 in Worten achtunddreissig %.

 

«Réduisez les consumations inutiles», dazu wurde eine lehrreiche Website, e.quilibre geschaffen, auf der alle Stromfresser in unserem Haushalt angezeigt werden und wie man die Kosten in den Griff bekommt. Nota bene die Kosten des eigenen Verbrauchs.

 

Ich bin mir nicht so sicher, ob nicht vielleicht die EDF selbst ans Sparen gehen müsste.

Allerdings, Fixkosten sind furchtbar schwierig zu verändern, nicht?!




Wi-Fi

 

Im vergangenen Jahr sicherten Sie zu, WiFi wird endlich auch im CHM – im Centre Médicale Mâcon - eingerichtet. Ist ja auch keine Revolution; in jedem Hotel, in vielen Einkaufszentren, natürlich auch im Mac Do und selbst im TGV wird diese Dienstleistung selbstverständlich angeboten. Die IT-Abteilung des CHM hat sich eine besondere Raffinesse ausgedacht: WiFi gibt’s seit Mai 2017 und ebenso ein unver-ständliches Instruktionsblatt. Immerhin, das Personal vom Arzt bis zur Putzfrau und laut denen, auch die Kundschaft dieses Etablissements ist der einhelligen Meinung, der Einstieg ins Internet gestaltet sich überaus kompliziert.

 

Wie gesagt, der ungehinderte Zugang zu Internet ist ein absoluter Must und gehört zu den selbstver-ständlichen Dienstleistungen am Kunden. Kunden sind die Spezies, die Umsätze bringen, natürlich auch vielleicht nicht immer leicht zu erbringende Leistungen abverlangen, aber nicht zuletzt das Unternehmen und die Löhne von der Putzfrau und diesmal hinauf bis zur Direktion finanzieren.

Natürlich ist es manchmal schwierig, den Ansprüchen von Unternehmen, von Krankenkassen, vom viel-leicht schwierig erscheinenden Markt und weiss Gott noch zu entsprechen. Natürlich stellt sich aber auch die Frage, werden denn Patienten überhaupt als Kunden wahrgenommen? Man sollte mal darüber nach-denken und dann ziemlich schnell handeln, zum Wohl der Kunden, nota bene!

 

L’année passée vous avez assuré que le CHM viendra enfin installer le Wi-Fi au public. Ça sera vraiment pas la révolution, ce service à la clientèle est la norme dans les hôtels, dans les grands centres commer-ciaux, naturellement aussi au Mac Do et de même en TGV.

La direction IT présentait une solution de raffinasse extraordinaire : depuis mai 2017 au CHM existe

Wi-Fi accompagné par une feuille d’instruction totalement incompréhensible. Alors, le personnel du mé-decin jusqu’à la femme de ménage et selon eux, de même la clientèle de ces fameux établissements sont du sens commun, l’entrée à l’internet au CHM se produit absolument compliqué.


C’est déjà dit, l’entrée à l’internet sans barrières est un must hors de toutes discussions et est un service absolu à la clientèle. Les clients sont ces spécifs qui fournissent les chiffres d’affaires, naturellement aussi demandant des services pas toujours faciles à exécuter, mais finalement, ils financent l’entreprise et les salaires de la femme de ménage et cette fois jusqu’en haut de la direction.

Naturellement, c’est parfois difficile de suivre des avances de l’entreprise, des caisses de maladie, du marché de sante probablement pas très facile et tout d’autres idées. Mais avec ça se pose aussi la ques-tion, est-ce que l’on respecte les patients vraiment comme client ? Il faut réfléchir cette question et après ça il faut se décider au plus vite que possible. Au positif pour les clients, nota bene !

 

PS : « la dame de qualité » à la direction m’a promis de rendre un service d’aide par une infirmière com-pétente ou un technicien de l’IT ; sans succès pendant toute la journée…




Abri de jardin


Einst schrieb ich: Heute braucht es beinahe für jede neue Dachrinne den Beizug eines Architekten. Das

ist umständlich und teuer, aber wenigstens arbeitsplatzerhaltend. Trotzdem, diesmal ging es ohne.

 

Das «P’tit Clos» ist tatsächlich petit, klein; auf neunzig Quadratmetern ein grosser Wohnraum, die Kü-chenecke, drei Zimmer, WC und Bad, stufenfrei geradeaus, so wie es sich für Menschen in der dreiein-halbten Lebensphase gehört. Kein ausbaubarer Dachstuhl, kein Keller, Stauraum schlicht ein Fremdwort. In der vom Hausgang aus erreichbaren Garage sechs Gestelle Marke «Castorama», die der Aufbewahrung der unabdingbaren Dinge dient, Dinge, die irgendwann doch in die Dechetterie gebracht werden. Beinahe überall steht das Auto vor dem Tor. Nicht etwa, dass der teure Erstwagen in der Garage wohnt, nein, in diesen anscheinend genormten Behältern haben ohnehin nur kleine Mittelklassewagen Platz. Man muss sich deshalb entscheiden: eng wohnen oder stauen in der Ga-rage. Zum Häuschen gehören knappe tau-send Meter Land und deshalb benötigen auch die Garten-geräte ihren Platz. Folgerichtig braucht es ein Gartenhäuschen. Zugegeben kein grosses, aber der letzte Hausstand war von wesentlich grösserer Dimension und die Maschinen und Zubehör hätten in der Garage auch noch die letzte freien Meter belegt.


Wir haben uns erkundigt: Ein Gartenhäuschen, un abri de jardin, kann grundsätzlich im Anzeigeverfah-ren erstellt werden; allerdings gilt unser Dorf wegen seinem mittelalterlichen Dorfkern als klassiert, wo-bei auch die neuen Siedlungen am Zentrumsrand grosszügig miteinbezogen werden. Das heisst, das «kleine Baugesuch» macht seinen Weg über die entfernte Administration, die ein ordentliches Verfahren abwickeln. Nun gut, M. le Maire hat rasch unterzeichnet. Anschliessend musste ich nochmal vorbeischau-en, um schriftlich zu bestätigen, dass mir ernst war. Aber es vergingen nicht Monate wie angedroht und ich konnte die Auswahl im Internet tätigen und dem Maurer den Erfolg vermelden.

 

Der Handel mit Gartenhäusern scheint eine deutsche Domäne zu sein; selbst die in Frankreich gesuchten Bausätze tragen deutsche Namen. Nun, die waldreichen Ostgebiete liegen auch angrenzend an die BRD und die Stundensätze drüben sind auch nochmal einiges tiefer. Also erhielten wir aus Frankreich, einen deutschen Bausatz aus polnischer oder vielleicht tschechischer Fichte, dort  vorgesägt und palettiert, mit Bauplan in siebundzwanzig Sprachen. Vive l’Europe! Der Lastwagen lieferte franko Haus, genau vor die Haustüre.

Zwar war Weihnachten noch ziemlich weit entfernt, aber der Fachmann vertröstete uns Mitte Januar das Häuschen zu erstellen. Er erschien bei Schlechtwetter, studierte die Pläne, stellte fest, dass er dieses Mo-dell noch nie erstellt hätte und begann zu werken. Pünktlich zum Abendessen vermeldete er das Bauende und ging ins Hotel, weil noch andere Kunden in der Region auf sein fachmännisches Wirken warteten.

Trotzdem, das nächste Häuschen erstellen wir in eigener Regie.

 

Ich brachte die Meldung der korrekten Erstellung unter strikter Einhaltung der bewilligten Masse im Hotel de Ville vorbei, die Sekretärin, verzichtete grosszügig auf das Ausfüllen der zwei anderen Formulare und erstellt Kopien. Das Einrichten des abri de jardin konnte beginnen.

 

Heute haben wir das Schreiben des «Service des Impôts», des departementalen Steueramtes erhalten, mit der Erwartung einer Deklaration der Lebensraumerweiterung durch das Gartenhäuschen. Auf dass die 5,84 m2 in der Steuerberechnung einbezogen werden können. Wie wenn neuer Wohnraum geschaffen worden wäre. Gut, man könnte die Elektrizität einziehen, der Wasserhahn ist bereits in Reichweite, und ein Bett hineinstellen. Zugegeben, ein kleines, sehr kleines Zimmer, aber für Spontanbesucher würde es schon reichen, zumal diese nur kurz blieben, was man an Ihnen so besonders schätzt. Immerhin haben sie mir eine Meldefrist von 90 Tagen eingeräumt; ich werde es mir überlegen.

 

Man soll immer auch das Positive nennen: Das Hühnerhäuschen ohne Fundament durfte ohne Bauein-gabe aufgestellt werden.