Neues aus dem Land der Gallier



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Neues aus dem Land der Gallier

Unter diesem Titel erscheinen Texte zu verschiedenen Themen, quasi eine Fortsetzung zum Buch "Wie Gott in Frankreich".  

Viel Spass!                                                                              

Abri de jardin


Einst schrieb ich: Heute braucht es beinahe für jede neue Dachrinne den Beizug eines Architekten. Das

ist umständlich und teuer, aber wenigstens arbeitsplatzerhaltend. Trotzdem, diesmal ging es ohne. Das «P’tit Clos» ist tatsächlich petit, klein; auf neunzig Quadratmetern ein grosser Wohnraum, die Küchen-ecke, drei Zimmer, WC und Bad, stufenfrei geradeaus, so wie es sich für Menschen in der dreieinhalbten Lebensphase gehört. Kein ausbaubarer Dachstuhl, kein Keller, Stauraum schlicht ein Fremdwort. In der vom Hausgang aus erreichbaren Garage sechs Gestelle Marke «Castorama», die der Aufbewahrung der unabdingbaren Dinge dient, Dinge, die irgendwann doch in die Dechetterie gebracht werden. Beinahe überall in der kleinen Siedlung steht das Auto vor dem Tor. Nicht etwa, dass der teure Erstwagen in der Garage wohnt, nein, in diesen anscheinend genormten Behältern haben ohnehin nur kleine Mittelklasse-wagen Platz. Man muss sich deshalb entscheiden: eng wohnen oder stauen in der Garage.


Zum Häuschen gehören knappe tausend Meter Land und deshalb benötigen auch die Gartengeräte ihren Platz. Folgerichtig braucht es ein Gartenhäuschen. Zugegeben kein grosses, aber der letzte Hausstand

war von wesentlich grösserer Dimension und die Maschinen und Zubehör hätten in der Garage auch noch die letzte freien Meter belegt.

Wir haben uns erkundigt: Ein Gartenhäuschen, un abri de jardin, kann grundsätzlich im Anzeigeverfahren erstellt werden; allerdings gilt unser Dorf wegen seinem mittelalterlichen Dorfkern als klassiert, wobei auch die neuen Siedlungen am Zentrumsrand grosszügig miteinbezogen werden. Das heisst, das «kleine Baugesuch» macht seinen Weg über die weit entfernte Administration, die ein ordentliches Verfahren ab-wickelt. Nun gut, M. le Maire hat rasch unterzeichnet. Anschliessend musste ich nochmal vorbeischauen, um schriftlich zu bestätigen, dass es mir ernst war. Aber es vergingen nicht Monate wie angedroht und

ich konnte die Auswahl des Häuschens im Internet tätigen und dem Maurer den Erfolg vermelden.


Der Handel mit Gartenhäusern scheint eine deutsche Domäne zu sein; selbst die in Frankreich gesuchten Bausätze tragen deutsche Namen. Nun, die waldreichen Ostgebiete liegen auch angrenzend an die BRD und die Stundensätze drüben sind auch nochmal einiges tiefer. Also erhielten wir aus Frankreich, einen deutschen Bausatz aus polnischer oder vielleicht tschechischer Fichte, dort vorgesägt und palettiert, mit Bauplan in siebundzwanzig Sprachen. Vive l’Europe! Der Lastwagen lieferte franko Haus, genau vor die Haustüre.


Zwar war Weihnachten noch ziemlich weit entfernt, aber der Fachmann vertröstete uns Mitte Januar das Häuschen zu erstellen. Er erschien bei Schlechtwetter, studierte die Pläne, stellte fest, dass er dieses Mo-dell noch nie erstellt hätte und begann zu werken. Pünktlich zum Abendessen vermeldete er das Bauende und ging ins Hotel, weil noch andere Kunden in der Region auf sein fachmännisches Wirken warteten. Trotzdem, das nächste Häuschen erstellen wir in eigener Regie.

Ich brachte die Meldung der korrekten Erstellung unter strikter Einhaltung der bewilligten Masse im Hotel de Ville vorbei, die Sekretärin verzichtete grosszügig auf das Ausfüllen der zwei anderen Formulare und erstellt Kopien. Das Einrichten des abri de jardin konnte beginnen.


Heute haben wir das Schreiben des «Service des Impôts», des departementalen Steueramtes erhalten, mit der Erwartung einer Deklaration der Lebensraumerweiterung durch das Gartenhäuschen. Auf dass

die 5,84 m2 in der Steuerberechnung einbezogen werden können. Wie wenn neuer Wohnraum geschaffen worden wäre. Gut, man könnte die Elektrizität einziehen, der Wasserhahn ist bereits in Reichweite, und ein Bett hineinstellen. Zugegeben, ein kleines, sehr kleines Zimmer, aber für Spontanbesucher würde es schon reichen, zumal diese nur kurz blieben, was man an Ihnen so besonders schätzt. Immerhin haben sie mir eine Meldefrist von 90 Tagen eingeräumt; ich werde es mir überlegen.

 

Man soll immer auch das Positive nennen: Das Hühnerhäuschen ohne Fundament durfte ohne Bauein-gabe aufgestellt werden.



Bargeld

 

Die violette 500er-Euronote geht diese Tage in den Druck, allerdings haben die Mehrzahl der National-banken bereits zum Voraus auf deren Einführung verzichtet. Denn das Bargeld soll abgeschafft werden; abgeschafft, weil als unnötig erachtet, weil ohnehin jedermann mit Karte bezahle, im Kampf gegen Kor-ruption, Terror, Schwarzarbeit und das Geldhorten unter der Matratze. Jeder Euro soll erfassbar, kontrol-lierbar, verfolgbar sein. 

 

Gut, Korruption bedarf natürlich der Definition. Wenn man von einer guten Flasche Wein spricht, handelt es sich zumeist um eine nette Geste, einen Dank für einen guten Tipp, einen kleinen Dienst. Korruption geschieht auf einem ganz anderen Niveau: Der Chemiekonzern lädt leitende Psychiater zu einer Seminar-woche zum Thema Suizid nach Bali ein; all included. Das Grossbaugewerbe spricht die Offerten an die öffentliche Hand vorgängig ab und lenkt damit die Auftragsvergabe, usw. Dabei fliesst kein einziger Euro in bar.

 

Terroristen werden eingeflogen, ausgerüstet, logistisch begleitet und notfalls wieder aus dem Gefahren-bereich abgezogen. Auch dabei fliesst wenig Bargeld in Europa, den grossen Lohn erhalten sie anderswo oder in Form von zweiundsiebzig Jungfrauen im Paradies. 

 

Kampf gegen Schwarzarbeit. Mit dieser Begründung hat man in Frankreich bereits vor Jahren den Bar-bezug auf 1000 Euro limitiert. Wie wenn man damit das beliebteste Wochenendvergnügen einschränken könnte, die Bricolage, das Umbauen und Renovieren. Aber man ist lernfähig. 1‘600 für den Maurer, so auf die Schnelle? Bezug am Automaten und flugs dieselbe Summe am Schalter abholen; bis sich die beiden Buchungen im Finanzzentrum begegnen, ist der Maurer bereits ins Wochenende abgereist. Der Tipp übrigens vom Bankdirektor. Kann auch nächste Woche wiederholt werden.

Die Anzahl der Bankomaten ist zwar stark ausgedünnt, auf dem Lande geht bereits heute gar nichts mehr. Und wenn das Programm spinnt oder genau in diesem Moment released wird und der Apparat partout kein Geld ausspucken will? Und wenn die Hacker wieder einmal ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgehen? Wohl dem, der noch einige Noten in den Westentaschen findet. Glücklich, wer beim Epicier anschreiben lassen kann!

 

Vor vielen Jahren suchte ich einen Dachdecker und wurde fündig beim Nachbar. Also nachfragen. Mon-sieur lachte verschmitzt und antwortete: Er rückt nur ein paar Ziegel zurecht, eine Gegenleistung. Un troc, on dit. Tauschen ist schwer kontrollierbar und definitiv steuerfrei.

 

Gut, der in Frankreich sehr beliebte Check wird einstweilen beibehalten, auf dass Madame im Einkaufs-center ihre Kaufkraft unter Beweis stellen kann. Und wenn es sich lediglich um zwanzig Euros handelt.

Immer ein Akt, der das Einkaufserlebnis der Ungeduldigen in der Schlange erheblich schmälert. Seit Kurzem hat unser Buraliste eine Affiche aufgehängt  «Ici on accepte pas des chèques». Er ist es leid, auf den ungedeckten Checks für Zigaretten und Lose sitzen zu bleiben.

 

Mit der Abschaffung des Bargeldes fallen auch andere liebgewordene Gewohnheiten weg: Der Zehner für den Feuerwehrkalender, die Münzen für den besonders guten Service im Lieblingsrestaurant, der Euro für die Champoneuse, das Kaffeegeld für den Mechaniker, der regelmässig den Reifendruck prüft. Ich könnte seitenweise aufzählen. Das Bargeld ist tatsächlich das kleine Schmiermittel für die kleinen Dinge, von kleinen Leuten an kleine Leute.

Die wichtigsten Wirtschaftsträger sind national gesehen nicht die börsenkotierten Konzerne, sondern die kleinen und mittleren Unternehmen, Handwerker, Kaufleute, Dienstleister. Wer dies immer noch nicht be-griffen hat, ist in der ersten Lektion Betriebswirtschaft sitzen geblieben. Was lernt man eigentlich an den Hochschulen? 


Ich komme aus einem Land, da gilt «Wer Geld hat, braucht keinen Kredit». Da gibt es noch 500er und 1000er, dafür hat man die roten Räppler abgeschafft. Aus einem Land, in dem der Bargeldbezug auf ma-ximal 100'000 beschränkt bleibt; hat nämlich das Parlament bestimmt. Persönlich schleppe ich nach wie vor mein Portemonnaie mit, auch im Vertrauen, dass damit dem spesenfreien Handel mehr gedient ist. 

 

Neu habe ich jetzt eine Karte, die bis zu 30€ ohne Pin verbucht; das reicht für das Mittagessen für zwei Personen, bestehend aus Vorspeise, Hauptgang, Käseplatte, Dessert, zwei Viertel Wein und Kaffee. Das neue Signet auf der ebenso neuen Karte, die vier Viertelkreise hatte ich gar nicht bemerkt, aber die

junge Serviererin hat mich darauf aufmerksam gemacht. Na ja.

 


EDF

 

Die Électricité de France SA ist eine börsennotierte, staatlich dominierte französische Elektrizitätsgesell-schaft. EDF ist der zweitgrößte Stromerzeuger weltweit. EDF beschäftigte 2010 weltweit über 158'000 Mitarbeiter zur Versorgung von etwa 37 Millionen Kunden. Also das was aus französischen Steckdosen fliesst, kommt mehrheitlich aus einem der 60 Kernkraftwerke. 

Allerdings lastet auf diesem Unternehmen eine immense Schuldenlast. Europaweit sinken die Strom-preise, die französischen Strompreise liegen im Mittelfeld, aber dann musste EDF und damit der Staat die AREVA, die französische Kernkraftproduzentin mit Milliardenbeträgen retten. Nicht zuletzt sind es desas-tröse Engagements in England und Finnland und ein betrügerisches Investment in eine nicht existierende Uranmine in Afrika.

 

Diese Tage haben wir die Stromabrechnung im Rückblick erhalten, der Gesamt minus den Restbetrag, vierseitig aufgelistete Leistungen. Inklusiv das Blatt «Meine Konsumation und ich» mit schönen Statistiken und dem aufmunternden Aufruf «Réduisez les consumations inutiles» zu Deutsch Reduzieren Sie unnö-tigen Stromverbrauch. Und das muss wirklich studiert werden!

 

Die TVA, die Mehrwertsteuer nimmt 14%, schliesslich muss der Staat auch leben. Zudem die Rubrik "ta-xes et contributions", Steuern und Beiträge in der Höhe von 18%. Die eigentlichen Serviceleistungen an den Stromverteiler sind mit 9% relativ bescheiden, was man bei den Abonnementskosten von 21% nicht sagen kann. Natürlich haben alle bereits diese Anteile von den hundert Prozenten abgerechnet und sind beim Resultat angelangt: 38, in Worten achtunddreissig %.

 

«Réduisez les consumations inutiles», dazu wurde eine lehrreiche Website genannt e. quilibre geschaffen, auf der alle Stromfresser in unserem Haushalt angezeigt werden und wie man die Kosten in den Griff be-kommt. Nota bene die Kosten des eigenen Verbrauchs.

 

Ich bin mir nicht so sicher, ob nicht vielleicht die EDF ans Sparen gehen müsste. Allerdings, Fixkosten

sind furchtbar schwierig zu verändern, nicht?!



Égalité


Am vergangenen Wochenende trafen sich wieder die Gilets jaunes, allerdings ist die Zahl der Aktivisten bedenklich geschrumpft. Gerademal vierhundert aus dem Saône et Loire und den angrenzenden Depar-tementen fanden sich, bewehrt mit Schirm und Windjacke zum Happening. War auch ein Sauwetter.

Die Europawahlen sind lautlos über ihre Kandidaten hinweggebraust, andere Prioritäten standen zur Debatte. Zwar haben ihre Forderungen den Rechten einige Stimmen zugetragen – möglicherweise jene Prozentteile, die das Rassemblement National von Madame Le Pen obsiegen liessen – aber letztlich fühl-ten sie sich trotzdem nur als nützliche Idioten. Zu Recht auch.

 

Eigentlich wollten sie sich für Gerechtigkeit einsetzen, also gegen die Reichen, wer das auch immer sei, gegen Veränderungen jeglicher Art, gegen den vermeintlichen Verlust vermeintlicher Freiheiten, gegen «die da oben und wir da unten und manchmal gegen einfach alles, was einem gerade momentan nicht gefallen könnte. Und gegen Steuer für und mehr Leistungen von Präsidenten. Er ist zugleich Weihnachts-mann und Schmutzli.

 

Und deshalb ist der Gedanke nah, dass wenn alle gleich sind, gleichviel haben, können, dürfen – Vive l’égalité! – ist die Welt schon wieder ein bisschen besser. Dass dem so nicht ist, wissen wir seit bald

dreissig Jahren. Nun gut, einige sind noch auf dem Weg, aber das ist bereits «hohe Politik». Aber im-merhin ist die hehre Idee der Gleichheit auch nochmals zwei Jahrhunderte älter, sangen doch die fran-zösischen Revolutionäre 1792 im Lied « La Carmagnole »

 

Il faut raccourcir les géants

Rendre les petits plus grands

Tous à la même hauteur

Voilà le vrai bonheur ! *

 

*Die Grossen kleiner, die Kleinen grösser machen, alle auf gleicher Höhe, das ist das wahre Glück!

 

Gut, die einen streckten sich in ihrem neuen Stolz, ein paar Tausenden schlugen sie die Köpfe ab, was

sie tatsächlich ein bisschen kürzer machte. Aber alle auf gleicher Höhe? Zwanzig Jahre später wussten

sie, geschlagen und kriegsmüde: Es sind immer viele, die marschieren und ein paar wenige sagen in welche Richtung.

 

Das moderne Frankreich lebt nach wie vor und weitgehend eine gewisse Égalité; sie sorgt sich für und

um ihre Bürger in jeder Hinsicht. Immer noch werden die Gelder grosszügig umverteilt, von oben nach unten, wohlverstanden. Frankreich ist zu einer eigentlichen Anspruchsgesellschaft geworden. Laut mei-nem Zeitungsverkäufer ist der wichtigste Teil der Zeitung die Beilage «Informations et Services»; da

steht täglich drin, was man ablehnen darf und wo-und-wie man-was zu Gute hat. Und wer das nicht

selbst herausfindet, dem wird geholfen. Selbst von Mitarbeitenden, die eigentlich die Kundschaft im

Geschäftsinteresse ihres Arbeitgebers betreuen sollten.

 

Bei einer Erhebung zum Thema «Wer ist reich in Frankreich» wurde aufwändig nach einer Antwort ge-sucht, stellte aber auch fest, dass die Höhe der Löhne eigentlich weniger entscheidend ist, viel wesent-licher ist die Vergleichbarkeit. Natürlich liegt der Gedanke der «Neidgesellschaft» nahe. Wie soll man seinen persönlichen Wert sichtbarer machen, als mit dem Kauf eines deutschen Audi, BMW, usw.?

 

Le vrai bonheur für alle wird ein Traum bleiben, auch wenn die aktuelle Regierung ein garantiertes Grund-einkommen zu studieren verspricht. Sowas wird sich äusserst schwierig gestalten, werden doch ohnehin nur wirklich jene besteuert, die bereit sind mehr oder anderes zu leisten. Égalité wird deshalb zum eigent-licher Leistungskiller und zwingt Unternehmer, Investoren und gute Fachkräfte ihr «Bonheur» eben an-derswo, ausserhalb Frankreich zu suchen.

 

Égalité? Parfois ça m’est égale…sagt Jean-François, der übrigens wie ich einen kleinen Peugeot fährt.



Flohmarkt

 

Unser Südburgund hat nicht nur Wein, Hühner und Rindfleisch zu bieten, es ist auch eine Hochburg der sommerlichen Flohmärkten. Selbst wenn man definitiv nichts mehr braucht, zieht es einem trotzdem immer wieder zu jenen Verkaufsständen, vollbeladen mit Kitsch und Krempel, mit Dingen knapp am Rand zum Unrat und dazwischen manchmal auch Trouvaillen. Die Preise liegen zwischen ausserordentlich güns-tig und fern jeglicher Realität. Aber immer diskutabel. Flohmarkt eben.

 

Sechs wirklich alte Metallstühle mit schmutzigen Farbreste. Satte vierhundert Euro ist der Wunsch, weil, diese Stühle sind von der «Tolix», deshalb absolute Kultware, übrigens auch in Frankreich. Der alljährliche «Fabrikverkauf der Fehlerware» zieht regelmässig mehrere tausend Käufer an, zu Preisen für Neuware, die auch in der Schweiz hoch wären. Unser Sohnemann rechnet: Wetten, diese Stühle fänden in der Schweiz umgehen ihre Abnehmer. Es bleiben zwei kleine Probleme zur Bewältigung: der geträumte Preis und der Transport in die Schweiz; nicht ganz einfach, weil die Familie zu Besuch ist, mit Bagage dabei. Ersteres lässt sich bereden. Der angebotene halbe Preis wird mit «dreihundert» beantwortet. Unsererseits, «Überlegen Sie, wir machen mal eine Runde».  Zweite Frage wird bei der barquette de frites erwogen, ein Problem nur bedingt einfach lösbar. Sind es auch wenige kurze Ferientage, der Platz im Auto ist mit drei Kids und entsprechender Habe bereits gut belegt. Notfalls könnte man die Stühle bei uns zwi-schenlagern, oder den Kinderwagen zurücklassen, oder…

 

Beim Rundgang gibt es wenig Überraschungen, denn wenn man in der «Ablösephase» steckt, kommt wenig Spontanität auf. Am kürzlichen Quartierflohmarkt vor dem Haus hat Margrit immerhin die Hälfte aller Bananenschachtel geleert. Denn mit dem definitiven Wechsel in ein kleineres Haus, wird einem be-wusst: Alles was Du behältst, wird später zur Last. Beim letzten Umzug ging schon einiges in die Dechet-terie, anderes konnten wir einfach stehen lassen; die jungen Käufer unseres Hauses auf dem Lande woh-nen in einer kleinen Stadtwohnung und haben entsprechenden Bedarf. Ein bisschen schmerzte es den-noch. Heute ein Bijou, morgen die Mulde. So einfach sind die Dinge geworden.

 

Trotzdem, en passant begegnet einem ein Haufen roter Sonnenschirme; beim nächsten Rundgang zu zweit kommen die Schirme zur Sprache. Margrit meint, ein paar dieser Dinger könnten im Garten sehr dekorativ wirken. Zehn Euro das Stück dürften ein Angebot ‘vier für dreissig’ möglich machen. Kopf-schütteln, denn der Verkäufer will plötzlich fünfzehn pro Stück, obgleich sein Angebot an Madame zehn war, unter Zeugen. Dann eben nicht, aber trotzdem drei für dreissig. Und ab ins Auto. Apropos von wegen «dekorativ wirken», Madame hat eigentlich vor allem an Schattenspender für ihre Hühner gedacht…

 

Nach einer weiteren Runde geht es ums Vorbeischauen; die Verkäuferin meint, es gibt Interessenten. Na ja. Inzwischen hat sich ihr alter Vater auf einem der Stühle bequem gemacht. Nach einer weiteren Stun-de die finale Probe. Bei zweihundert eine Ablehnung, bei zweihundertzwanzig doch ein halbes Ja mit dem Hinweis, einer der Stühle habe leider einen kleinen Schaden.  Also mal gründlich besehen. In Wahrheit sind drei der sechs Stühle in einem sehr desolaten Zustand, nous sommes vraiment désolés! Vernünftigerweise verzichten wir auf einen Kauf dieser «beinahe-eine-trouvaille», obgleich ungerne zuge-gebenermassen. Ein gusseisernes Waffeleisen für auf den Grill zuhause zu zwanzig Euro ist ein kleiner Trost, aber immerhin. Nächstes Wochenende ist wieder irgendwo in der Nachbarschaft mindestens ein Flohmarkt, sicher!



Gloria

 

lateinisch auch „Ruhm“ und steht für die Herrlichkeit Gottes, ist ein häufiger Vorname, nennt sich aber auch eine Kartoffelsorte, ein Automodell, ein Filmverleih, eine Radiostation, eine mährische Blaskapelle und vieles mehr. Und nicht zuletzt singt unsere Familie unter dem Weihnachtsbaum alljährlich «Gloria in Excelsis Deo».

 

Aber alles nichts da; für uns heisst Gloria «die Perle». Die Perle, die am Freitag um viertelvorzehn an-kommt und nach einem kurzen Kaffee die Putz-Utensilien schnappt; ab sofort gehört unser Haushalt Gloria. Einst angereist aus einem Dorf in Portugal, wie viele auf der Suche nach Arbeit, letztlich gefunden in einem Hotel im Südburgund und bald auch einen der Franco-Portugiesen, die hier gut vertreten sind.

Schon im Zuge meiner beruflichen Laufbahn erlebte ich, wie die Portugiesen andere ausländische Mitar-beitende ablösten, weil besonders tüchtig und willig. Jedenfalls erinnere ich mich gut und gerne an einen, der mit Händen wie Schaufeln zupackte und über den Perron schritt, wie wenn er über einen Acker ginge. Aber zurück zu unserer Gloria.

 

Auch Gloria packt zu, zwar ist sie ein blondgelocktes Persönchen, aber wenn sie zu Bürste und Lappen greift, entgeht ihr kein Flecken und kein Stäubchen um sie herum. Im Bad fegt sie, dass man zuweilen um die Fugenmasse fürchtet, alles wird abgeräumt, auf Hochglanz gerieben und wieder aufgebaut. Dasselbe im gesamten Haushalt. Jeder Freitag ist so etwas wie ein Frühlingsputz. Und sie tut dies seit Jahren, seit wir sie von einer abreisenden Auslandschweizerin quasi «erbten». Wie gesagt, von viertelvorzehn bis viertelvoreins. Sie lässt sich nicht beirren, wenn wir am Mittagstisch sitzen. Zugegeben, manchmal ist es in der Gartenwirtschaft gemütlicher, aber Gloria hat ja nicht nur unser Vertrauen, sondern auch einen Hausschlüssel.

 

Sie tut dies auch für andere, vom Arzthaushalt über die Apotheke und bei ihren Stammkunden. Und über-all ist sie gut gelitten, geradezu eine Freundin. Deswegen auch die etwas ungewöhnlich vereinbarte Ar-beitszeit, allseits schwer begehrt, weil mehrfache Erfahrungen mit hiesigem Reinigungspersonal nicht sehr fröhlich zu stimmen vermochten. Deshalb eben: Gloria, die Perle!

 


La maladie helvétique

 

Schweizerische Expats kontaktieren sich nicht so bewusst, wie zum Beispiel die Engländer. Diese treffen sich am Markttag regelmässig im selben Bistro, sogar an denselben Tischen, um sich in ihrer Mutter-sprache auszutauschen. Das mag wohl daran liegen, dass les Suisse aus verschiedenen Sprachregionen kommen. Aber es ist auch so, dass die Romands sich verständlicherweise näher an die Einwohner des Gastlandes France anlehnen, weil sie der Deutschschweizer Kultur zumeist eher hilflos gegenüberstehen. Deutsch an und für sich wird als schwierig empfunden, Dialekte geradezu als unverständlich. Obgleich in vielen Heimatausweisen unserer welschen Mitbürger Bürgerorte nördlich des «Froschschenkelgrabens» stehen. Aber in einer Frage sind wir trotzdem über alle sprachlichen und auch Kantonsgrenzen hinweg einig:

 

«Da könnte man doch… On pourrait … Si potrebbe…»

 

Schweizer sind anscheinend unvergleichlich unternehmensfreudig. Sitzt man zusammen in der Garten-wirtschaft beim Studium der Speisekarte. Bei sommerlichen Temperaturen steht einem nicht der Sinn nach buttertriefenden Schnecken und Hähnchen in dicker, rotbrauner Sauce. Wetten, es fällt umgehend ein: «Wie wäre es mit einem kurzgebratenen saftigen Pouletbrüstchen inmitten eines farbenfrohen Salat-tellers?». Das steht hierzulande auf keiner Karte.

 

In den kleinen Städtchen stehen reihenweise Lokale leer. Zugegeben, einiges wäre schon zu tun, um ein Plätzchen an der Sonne zu kriegen. Aber mal fehlt das Geld, mal die Idee, mal die nötige Motivation und nicht zuletzt manchmal an allen dreien.

Eines dieser Lokale haben wir mit dem Kauf einer alten Liegenschaft im mittelalterlichen Kern zwischen Hoffnungs- und Hutmachergasse erworben. Eine Charcuterie, deren beste Zeit auch nur noch Einheimi-sche, heute mindestens im Rentenalter, erlebt haben. Zugegeben, es hat einiges gekostet, an Geld, an Geduld und an eigentlich freier Zeit, Freizeit. Entstanden ist eine Galerie mit Kunstausstellungen und ein Atelier für Handweberei. Aber nach fünfzehn Jahren sind wir jetzt definitiv in Rente; war ja auch Zeit für zwei in der 3½-Lebensphase. Die Vitrine bleibt weiterhin dekoriert und Margrit sitzt immer noch gele-gentlich am Webstuhl. Denn es gibt an einer Marktgasse fast nichts Deprimierendes als leere Schaufen-ster. Denken wir.

 

Trotzdem stiegen und steigen immer wieder Ideen hoch. Mal war es eine Brockenstube, mal eine richtige Immobilien-Agentur. Margrit’s Träume gingen eher in Richtung Kaffee & Kuchen, meine hingegen nach kleinen Leckereien für wenige Gäste, nur auf Reservation, keine Karte. Die Alternative, eine Fondue-Stu-be schien mir persönlich zu einseitig. Trotz rot-weissen Tischtüchern mit handgeschnitzten Chueli aus

dem Heimatwerk und Ländlermusik ab Band. Heute lachen wir darüber, denn: «In unserem Alter dient man nicht mehr, da lässt man bedienen».

 

Ein befreundeter Gewerbetreibender, immer motiviert, mit ständig frischen Angeboten, einer der weiss, von Nichts kommt nichts. Eigentlich ist er von neun bis neunzehn Uhr präsent. Er ist geradezu beispiel-haft, er kann etwas mehr, als «gratter dans la caisse», in der Kasse scharren, wie er jeweils von seinen Gewerbekollegen meint. Aber offizielle Öffnungszeiten am Eingang anschreiben, Gott bewahre! Und wenn er mal einfach keine Lust hat?  

Die vielgepriesene französischen Lebensqualität drückt sich eben auch darin aus, dass nichts wirklich drängt, dass Kundschaft grundsätzlich und eigentlich bedient werden will, dass Gäste immer willkommen sind, wenn es dem Wirt gefällt, und dass jederzeit die Tafel «ouvert» gewendet werden kann und dass dazu ein bisschen Unwohlsein absolut reicht.

 

Wissen wir Schweizer tatsächlich immer, wie man sowas richtig anpackt? Sind wir die geborenen Unter-nehmer, ideenreich, risikofreundlich, übermotiviert, einfach tüchtig? Selbstverständlich. Ein Beispiel:

 

Handwerker zu finden ist auch in der Schweiz eine Kunst. Trotzdem: Das Wasser rinnt, Schaden droht, Anruf genügt, der Sanitär steht beinahe schon unter der Türe. Schaden behoben, Rechnung ab Handy,

der Stundenlohn horrend, weil Express-Service.

Handwerker in Frankreich zu finden ist ebenso schwierig. Trotzdem: «Schliessen Sie den Haupthahn, ich bin drei Dörfer weiter, es geht schon eine Stunde». Aber er kommt. Schaden behoben, Rechnung später, Stundenlohn ohne Aufschlag, weil Dépannage ist courrant normal. Auch am Samstag.

 

Wissen wir Schweizer tatsächlich immer, wie man sowas richtig anpackt? Ja! Theoretisch. 

 

 

Le grand débat ne fait pas des petits

 

Gedanken nach der Verfolgung von mehreren aufgezeichneten Debatten und der Berichterstattung zum Besuch von Emmanuel Macron auch im Burgund.

 

Einesteils ein jugendlicher Präsident, der fünf, sechs Stunden ohne Unterbruch aufmerksam zuhört und

für jede Frage aus dem Publikum auch Verständnis zeigt und auch eine schlüssige Antwort zu geben weiss. Und seien es auch Fragen zum Beamtenstatus des gardes-pêches, der Fischereiaufsehers, des Imports insektizidbehandelter Kirschen aus der Türkei oder der zu hohen Bankspesen. Selbst die zu früh empfundene Schliessung der Entenjagdsaison, die schwierigen Kostenteiler interkommunaler Abwässer und die Unterstützung für emotional beeinträchtige Lehrlinge sind Themen, denen Emmanuel Macron kompetent gegenübersteht. Zu Beginn gewohnt korrekt gekleidet, später kravattenlos und hemdärmelig steht Monsieur le Président umfassend dem versammelten Volk Rede und Antwort.

 

Andernteils «das Volk» mit so originellen Vorschlägen, wie das unabdingbare Recht auf einen Parkplatz an der eigens bewohnten Strasse, die «gerechtere Verteilung» des Landwirtschaftslandes auf alle oder die Versteigerung der Luxusgüter der vierzig reichsten Milliardäre. Aber es gibt auch kreativere Ideen, wie zum Beispiel die Abschaffung der kostenfreie Beerdigung für Deputierten, deren Ehegatten und Kinder. Was ich durchaus begreife, weil derartige absurde Privilegien einem aufrechten Eidgenossen geradezu vorrevolutionär erscheinen. Allerdings im traditionellen Frankreich durchaus gang du gäbe.

 

Die Forderung nach noch mehr garantierter Sozialsicherheit und die massive Senkung der Steuern gehen einher mit jener der staatlichen Förderung des Exportes, Güter, die gerade wegen den zu hohen Gesteh-ungskosten der ausländischen Konkurrenz nicht standhalten können. Realitäten wie zu hohe Mindestlöh-ne bei kurzer Arbeitszeit, grosszügige Sozialleistungen, verbreiteter Absentismus und ineffiziente Verwal-tungsabläufe werden grundsätzlich nicht wahrgenommen. «Die Grosse Debatte» ist schlechthin der wich-tigste Indikator des fehlenden Interessens der Franzosen für einige der prinzipiellen wirtschaftlichen Er-kenntnisse. Die phänomenale Staatsverschuldung von über 2'300 Milliarden – 2018 waren es zusätzliche 59,9 – und die Staatsausgaben, die 57% des Bruttoinlandproduktes verbrauchen, interessiert schlicht niemanden.

 

Aber selbst Präsident Macron, Verfasser des im Wahlkampf publizierten Buches «Révolution», der eigent-liche Fürsprecher von Gesetzesreformen und Kosteneinsparungen, verfällt derselben französischen Eigen-heit, bei direkter Begegnungen den geladenen  Bürgermeistern durchwegs und ohne Unterlass die De-blockierung zusätzlicher öffentlicher Mittel, staatlichen Hilfen, Subventionen und massive Investitionen 

zu versprechen. Und bei all den versammelten Verantwortungsträgern und Kompetenzträgern stellt nie-mand die direkte Frage: Monsieur le Président, wie wollen Sie konkret die öffentlichen Ausgaben redu-zieren?

 

Aber vielleicht kämpft Emanuel Macron bereits nach zwei Jahren der Regierungszeit schlicht und einfach um sein politischen Überleben. Nach wie vor ist der französische Präsident bewundernswert, ein begna-deter Kommunikator, voller Glauben an die Richtigkeit seiner Idee, dieses grosse und alte Land endlich wieder auf 1. Weltniveau zu bringen. Und bei solch einem Kampf können auch Widerstände entstehen,

die der «politisch Jugendliche» nicht in den Griff bekommen kann. Bewundernswert, aber weitgehend unverstanden, von den gelbgewesteten Bewegten ohnehin.

 

Der Blick in die 1. Heimat: Die früher übliche schweizerische «Ochsentour», vom Schulpfleger über den Parteivorstand bis zum endlich gewählten Parlamentarier mochte wohl mühsam sein, brachte aber auch vielerlei Erfahrungen im Kampf um politischen Einfluss. Allerdings, weshalb nach jahrelanger Schleifarbeit der Sprung in die Exekutive so sehr erstrebenswert sein soll, ist stark erklärungsbedürftig. Hingegen er-klärt es in mancher Hinsicht, weshalb die Politik für viele Jugendliche nur noch wenig erstrebenswert scheint. Es gibt Parallelen zum Milizdienst in der Armee: Nur einfachere Gemüter stellen sich heutzutage noch freiwillig zur Verfügung. Über das Studium zum gutbezahlten, nicht unbedingt risikoreichen und trotzdem spannenden Job entspricht eher dem gängigen Weg der heutigen Generation. Die Folge ist, dass in der Politik sich zunehmend die «zweite Garnitur» um Mitwirkung bewirbt. Und damit erreichen auch die Eidgenossen langsam, aber stetig europäisches Niveau.



Mit Garantie


siebenzwanzigsprachig, von Island bis Marokko «Consumer Care, Repairs and spares», die Basisgarantie über 24 Monate. Service après vente, schlichtweg die Vertrauensfrage.

 

Wer allerdings einen Schadenfall hat, soll sich in Geduld üben. Und die richtige Auswahl aus den vier Telefonnummer treffen. Die eine ist gut, andere sind nach sechs Monaten bereits Geschichte und auf nochmals anderen wird versucht eine Garantieverlängerung für zusätzliche zwei zu Jahre verkaufen. Ich habe sie alle ausprobiert und ich staune, wie viele musikalische Kurzvarianten es gibt, bis mir mitgeteilt wird, dass es nur wenige Minuten meiner kostbaren Zeit kosten wird, um mit der zuständigen Fachkom-petenz verbunden zu sein. Dazwischen der Hinweis, dass das Gespräch aus kundenorientierten Gründen aufgezeichnet wird; falls dies nicht erwünscht, drücken Sie beim nächsten Mal die Taste «# ». Und eine ganze Reihe von Fragen, immer verbunden mit dem zu absolvierenden Parcours «Drücken Sie die Taste 1,2,3 usw.».  Besonders raffiniert, das Verlangen, die Fragen mit Worten zu quittieren. Nach der zweiten Rückfrage «Wir haben nicht verstanden» werde ich nach einem deutlichen «Gopfvertamminamal» manch-mal direkt verbunden…

 

Heute ist es wieder mal der Fall. Der halbjährige Kühlschrank surrt im 20-Minutentakt dermassen laut, dass man getrost auf die Fernsehkommentare verzichten kann. Nachts getraue ich nicht mehr mich zu wenden, mein gesundes Ohr dem Brummen auszusetzen, um anschliessend wieder den unterbrochenen Schlaf zu gewinnen. Hochschrauben, zurück auf null, nichts kann den Apparat aufhalten, weiter zu lär-men. Na, aber wir kennen ja die Geschichte; siehe oben.

 

Nach dem vierten Anruf mit Musikbegleitung platzt mir der Kragen; jetzt muss die Küchenbaufirma ge-radestehen. Madame am anderen Ende versteht mich spontan, bleibt nett und verspricht den Einsatz innert 48 Stunden. Und siehe da, wenig später meldet mir der Maileingang den aufzubietenden Techniker. «Um ihm den bevorstehenden Service zu erleichtern ist der Code 12NC anzugeben und die hinter dem Gemüsefach fotografierte Produkteetikette mit der 10-stelligen Ziffer zu melden». Kleine Schikanen, um dem Kunden das Reklamieren zu vergraulen. Wer bis jetzt nicht resigniert, ist auf gutem Weg. Dass sich der Techniker weder für den Code noch die Produktenummer interessiert, sei nur am Rande erwähnt. Er will, dass ich ihm den Lärm beschreibe, die Diagnose vorwegnehme. Der Hinweis, dass meine berufliche Laufbahn eher in eine andere Richtung wies, machte ihm deutlich, ich erwarte den Fachmann.  Und ver-spricht, nächsten Donnerstag zwischen 14 und 16 Uhr unsere Kühlkombination zu besuchen.

 

Um die versprochene Garantie wirksam zu machen, sollen die Unterlagen der Küchenbaufirma und die Kaufbestätigung bereitgehalten werden. Andernfalls werden die Kosten der Reparatur dem Kunden be-lastet.

 

Und er ist tatsächlich erschienen, freundlich, hilfsbereit und demontierte die Abdeckungen und kriecht unter die Kombination. Also, der Kondensator kann es nicht sein, auch nicht der Motor, aber wenn man auf das tragende Brett drückt, hört es auf zu surren. Eine Weile suchte er in seiner Kiste nach dem Keil, der das Brett nach unten hält. Voilà, c’est réparé, es war nicht unser Apparat! Und ging von hinnen. Keine Unterschrift des Kunden, keine Überprüfung der Kaufbestätigung, echter service après vente wie erwartet.

 

PS: Am Folgetag fing es wieder an zu surren, aber man hatte ja dazugelernt und schnitzte selbst ein Keil-chen. In der Zwischenzeit hatte sich auch der Küchenbauer des vor sechs Monaten erhaltenen Checks er-innert und ihn endlich eingelöst… 


Nachtrag: Der Apparat hat sich gegen den Keil durchgesetzt, verschieben, gut zureden, klopfen, nichts nutzte. Nochmals von vorne, die Küchenfirma gibt mir die garantiert gültige Nummer und nach dem achten Anruf verspricht ein flotter Jüngling, Abhilfe zu leisten. Der Techniker verspricht - siehe oben - 

nächsten Donnerstag zwischen 14 und 16 Uhr unsere Kühlkombination zu besuchen. Kein Keil, diesmal Kühler leicht verschieben auf dem Träger, Küchenbauer pfuschen eben manchmal auch ein bisschen.

Und es ist Ruhe eingekehrt!

 

 

Paperasse – Papierkram

 

Ein wunderschönes Wort für den administrativen Papierkram der uns tagtäglich verfolgt, die Hydra aus den griechischen Mythologien. Schlägt man einen Kopf ab, wachsen sogleich zwei neue Köpfe nach.

 

Als wir das erste Haus kauften verlas Maître Chapuis Favre fünf Schreibmaschinenseiten. Der Verkauf dauerte eine Viertelstunde inklusive Übergabe des Checks der Volksbank gegen Quittung. Wir waren stol-ze Besitzer, die Kürze des noblen Aktes erlaubte, umgehend zum Aperitif zu schreiten. Traditionsgemäss auf Kosten des Verkäufers. Anschliessend luden er und seine Frau uns gleich an ihren Tisch zum Essen ein. Aber das ist bereits eine andere Geschichte.

Die Masse des begehrten Objektes wurden auf einem Block 5-Millimeter-Häuschenpapier übertragen, das einseitige Formular der Baubewilligung von Hand ausgefüllt und zusammen mit ein paar sauberen Hand-skizzen beim Maire eingereicht. Dieser hieb seinen Stempel darauf und reichte das Mäppchen an das De-partement weiter. Mit der Zusicherung, sollte wir innert drei Monaten keinen Bericht erhalten, könnten

wir mit den Arbeiten beginnen. Französisches Recht: Mahlen die administrativen Mühlen zu langsam,

sind sie selber schuld.

 

Später, beim Erwerb einer anderen Liegenschaft, hatte die Administration eine erste Ausweitung erfahren. Maître Waltefaugle, dieu avait beni, ein kleines Männchen hinter einem riesigen eichernen Schreibtisch beschrieb das mit hoher Stimme etwa so: Ah mon Monsieur, c’est venu compliqué! Ce n’est plus facile à gerer mon métier. Margrit wollte mir meinen Erzählungen zuhause erst gar nicht glauben; aber der Ab-schluss des Kaufvertrag überzeugt sie von der kabarettreifen Leistung des Notars. Claude, seine langjäh-rige Sekretärin ordnete die Papiere die der Clerc einzeln kopierte. Auch hier überreichte man den Check gegen Quittung, diesmal allerdings von der Crédit Suisse, die die ehrwürdige Volksbank mittlerweile ge-schluckt hatte.

 

Jahre später übernahm ich Übersetzung der Verträge einer Notarin für einen Deutschschweizer der nicht die Gunst hatte, von seinem Unternehmen in den Sprachaufenthalt ins Welschland geschickt worden zu sein. Schon der zehnseitige compromis, der Vorvertrag als Grundlage zu einem späteren Kaufvertrag, forderte einiges ab. Mit Formulierungen, die den zukünftigen Besitzer argwöhnen liessen. Überzeugungsarbeit war gefragt. Franzosen sind nicht grundsätzlich Gauner, schon gar nicht die Notare. Wenigstens zumeist. Der Kaufvertrag, in achtfacher Ausführung, war in der Zwischenzeit auf achtzehn Seiten angewachsen, der hingegen gab arg zu beissen.

 

Der damalige „Lehrlingsbeamte der Kreisdirektion“ mochte mich zwar sehr, bedauerte aber aufrichtig, dass meine Begabungen woanders lagen, als bei der Verfassung von korrekten Dienstschreiben. Da gab es andere, die ihre bare Freude hatten an Formulierungen wie „der guten Ordnung halber, etc“. Doch diese Art von Sprache ist international; anscheinend ist trotzdem etwas hängengeblieben. Vielleicht dank Max Bosshard.

 

Aber zurück zum Kaufvertrag für ein Villa an einen Compatriote suisse. Das war noch die echte, ausge-feilte Beamtensprache. Wie auch schon geschrieben, die kulturellen Sprachunterschiede sind wesentlich. Nehmen wir als Beispiel das Bildes eines Gartenzaunes: Geradeaus, ohne Schnörkel, klar hinführend,

eine echte Wertarbeit. Anders der französische: Voller Phantasie, verschlungen, girlandenreich, goldver-ziert. Da mäandert die amtliche Sprache zwischen leeren, höflichen Formulierungen und Erinnerungen an etwelche Vorbesitzende und deren, allerdings heute nicht mehr aktuellen Servituten.

Dazu kamen eine Menge neuer Bestimmungen und Anforderungen. So zum Beispiel musste man mit ein-geschriebener Sendung mit Rückschein die schriftliche Zusicherung des Departementes einholen, dass voraussichtlich weder der Bau einer durch die Liegenschaft führende Hochspannungsleitung, einer Auto-bahn oder eines TGV –Trassees, geplant werde. Dass diese Bestätigung nie eintraf, spricht für die im-mense Überlastung der Administration. Die A6 von Paris bis Marseille ist definitiv gebaut, der TGV fährt hinter dem nächsten Hügelzug vorbei. Alles in allem sechzehn Stunden mühselige Übersetzungsarbeit. Der administrative Schreibkram war zu einem Berg angewachsen, der vor allem seinen Schatten wirft, aber hinter den niemand mehr so richtig sieht. Ausser vielleicht die Notare, die diese Akte auch entspre-chend zu zelebrieren wissen. Aber damit werden auch Arbeitsplätze geschaffen oder zumindest erhalten.

 

Heute durften wir den Kaufvertrag für unsere zukünftige Seniorenresidenz unterschreiben.  Nach einer langen Geschichte der Ungewissheit. Die vorbereite Akte lag auf dem Tisch, die Stimmung von Madame

le Maître , die Notarin, war aufgeräumt, offensichtlich mehr als ihre Amtsstube; man konnte beginnen. Checks werden nicht mehr akzeptiert, nur Überweisungen auf das Konto des Notariates. Die Akte war in der Zwischenzeit auf umfangreiche fünfundzwanzig Seiten angewachsen, aber die Formulierungen haben keine Reformen erleiden müssen, gehört, gelesen und signiert. Bleibt keine Zeit mehr für den Aperitif.



Pilze sammeln

 

Ist ein weitverbreitetes Freizeitvergnügen, wenn es dann mal hat. Zwar soll es auch die Burgunder-Trüffel geben, aber ich kann versichern, dass mir bis anhin noch weder ein Trüffel noch ein Trüffelschwein be-gegnet sind. Gut, zugleich mit der Pilz- ist auch die Jagdsaison eröffnet worden. Und da ist sehr viel Vor-sicht angesagt, das heisst keine dunklen Kleider anziehen und beim Bücken nach dem begehrten Pilz erst mal das Umfeld absichern. Hat doch kürzlich ein burgundischer Chasseur ein asiatisches Hängebauch-schwein erlegt in der festen Überzeugung, eine Wildsau vor sich zu haben. Und dies auf knappe dreissig Meter. Jedenfalls lag es bereits ausgeweidet friedlich neben seinen wilden Artgenossen. Allerdings fehlte der Kopf, der Jäger muss wohl nicht sehr stolz auf seine Beute gewesen zu sein und die Jagdgesellschaft wird sich kaum mit der Mitgliedschaft dieses Kollegen brüsten. Zumal es ein gerichtliches Nachspiel gab, bei dem in aller Öffentlichkeit dem unglücklichen Schützen eine Busse von 100 € und die Gerichtskosten aufgebrummt wurden. Aber zurück zu den Pilzen.

 

Ich gestehe gerne, Pilzgerichte gehören nicht zu meinen Leibspeisen. Gut, ein paar getrocknete Steinpil-ze in die Bratensauce gestreut, bringen schon etwas mehr Gout. Und in den Coq-au-vin, pièce de résis-tance der burgundischen Küche, gehören nun mal gescheibelte Champignons. Aber vermutlich ist meine Abneigung vor allem in der Unkenntnis der Sorten begründet. Und vielleicht auch im Unverständnis, dass Menschen teilweise völlig unbedarft etwas sammeln und erst noch essen und dabei locker ihr Leben aufs Spiel setzen.

 

Natürlich kann man seine Beute bei der Pilzkontrolle vorlegen; da sind Sachverständige, die wissend und verantwortungsvoll Essbares von Giftigem unterscheiden können. Und die Leute vom Spitalbesuch be-wahren. So zum Beispiel meine Schwester Verena, immer auf aktuellen Wissensstand und deren Partner geradezu ein schweizweite bekannter Mykologe ist. Wobei ich ihre Pilzkenntnisse in keiner Weise schmä-lern möchte. In meiner zweiten Heimat sind für diese Kontrolle die Pharmaciens zuständig, aber ehrlich, ich habe noch keinen Pilzler in der Nähe unserer Pharmacie gesehen. Auch ich vertraue den Apothekern eher, ärztlich Gekritzeltes korrekt zu entziffern zu können.

Das hiesige Provinzblatt stellte in seiner Umfrage fest, dass gerade 7% sich im Zweifelsfall auf das Urteil des Pharmaciens stützen würden. Dass im Burgund bis Ende Oktober über 230 Pilzvergiftungen behan-delt werden mussten, ist das eine, dass ausgerechnet unser Departement nicht nur in Sachen Verkehrs-unfälle, sondern auch beim Thema Vergiftungen ebenfalls an der Spitze steht, spricht für die ausgespro-chene Risikofreudigkeit der Saône-et-Loireens. Oder ist es schlichte Selbstüberschätzung?

 

Dass ich offensichtlich den Absprung von der Stufe der «Jäger und Sammler» geschafft habe zeugt von meiner zwar diskreten Abneigung gegenüber der Weidmanns-Gilde, den Schneckenjägern, den Frosch-schenklern und Pilzesammlern. Solange es noch beim Bio-Metzger «Filets mignons» gibt, stelle ich keinen einheimischen Tierchen nach. Und die paar wilden Kräutlein, die in der Küche landen, werden mich wohl lange nicht als Sammler qualifizieren. Ist das bereits Progress?

 

Nachschlag: Das beim diesjährigen «Banquet des Senior» servierte Vol-au-vent aux escargots et cham-pignons haben wir trotzdem diskret verspeist, wobei Alain, Tisch- und sonstiger Nachbar bemerkte, die Zubereitungsart sei die wohl Ungeeignetste, einen Neuling von der wirklichen Delikatesse zu überzeugen.



Recht auf Nachwuchs


Die PMA (procréation médicalement assistée) vor dem französische Parlament


Wenn möglich blond, blaue Augen, grossgewachsen und hochbegabt. Mädchen oder Knabe, vielleicht entsprechend eigener sexueller Präferenz.


Kinder werden nicht bewusst oder zufällig gezeugt, nein, der heutigen modernen Welt entsprechend be-stellt, quasi. Gut, Eltern, denen es partout nicht gelingen will, soll, wenn sinnvoll, geholfen werden. Viel-leicht um der innigen Liebe die Krone aufzusetzen. Sicher nicht als Versuch, einer zur Langeweile ver-kommenen Verbindung neuen Kick zu verleihen. Aber der neue Vorstoss verlangt, dass allen weiblichen Personen zwischen 18 und 43 (!) der Zugang zur künstlichen Befruchtung offenstehen muss. Allen, das heisst auch lesbischen Paaren und Alleinstehenden.


Nachdem das Recht auf «Heirat für Alle» gesichert ist, darf der Schritt auf ein «Recht auf Nachwuchs» nicht verwehrt sein. Und zwar via die von der Natur aus vorgesehenen Einrichtung, richtigerweise Gebär-Mutter genannt. Frauenseits, auch sexueller Ausrichtung unbesehen, dürfte dies keine Schwierigkeiten ergeben. Männern sind allerdings ausgeschlossen, hat da der Herrgott möglicherweise nicht zu Ende ge-dacht? War ja zu jener Zeit fern aller Aktualität. Aber vielleicht ist das nur der nächste Schritt. Und da der moderne Forscher sich zur Aufgabe gemacht hat, die Schöpfung den heutigen Bedürfnissen anzupassen, dürfte das ein sekundäres Problem sein. Jedenfalls, die in diesem Sinne diskriminierten Männer müssen Geduld üben oder streiken. Dann bliebe eigentlich nur noch der «Samenraub», allerdings ein strafbares Delikt. Oder man weicht weiterhin nach Skandinavien aus, zumal ja der nordische Typ gefragt ist; siehe oben.


Trotzdem bedarf es natürlich der «Hefe», einem Starter, und über den verfügt zurzeit nur das maskuline Modell der Menschen. Aber die Gentechnik ist am Forschen, immerhin gelingt es schon andere Säuge-

tiere zu klonen und insgeheim soll man sehr sehr nahe dran sein im fernen Asien. Auch wenn die Klon-Technik in wenigen Jahren sehr viele und verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung stellen kann, stehen einige Probleme sozialer und rechtlicher Art an. Probleme, die nicht einfach durch ein weiteres Gesetz ge-löst werden.

Zum Beispiel steht allein schon die Frage, wer denn geklont werden soll. Bereits bestehen Anmeldefor-mulare für Schulkinder, in denen anstelle von Vater und Mutter, Eltern 1 und 2 vermerkt sind. Ich wage nicht daran zu denken, wieviel Unheil diese Bezeichnung in sich birgt; wer will heutzutage schon die Nummer 2 sein. Es reicht ja schon, wenn die Kinder zwischen Mami Judith und Mami Eva stehen.


In der Folge haben alleinerziehende weibliche Personen natürlich das ausschliessliche Recht, vom Ar-beitsmarkt in den Sozialanspruch verschoben werden zu können. Einfach so, denn in diesem Fall gibt es nicht mal einen Zahlvater. Ausser der Vater Staat und der sind wir alle, das heisst Frauen wie Männer.


Und die rein hypothetische Frage: Spricht man in diesem Fall von Nachwuchs oder Nachkommen? Selbst wenn man nicht weiss, woher der Nachwuchs tatsächlich kommt, rein biologisch gesehen natürlich.

 


Schwarzarbeit

 

Grundsätzlich gibt es keine Schwarzarbeit in Frankreich

 

Kurz vor Eröffnung der zweiten Ausstellungssaison wurde ich ultimativ in die Mairie gebeten. Monsieur le Maire et Conseiller Général stellte aufgebracht fest, dass ich meine Galerie illegal betreibe, eine Galerie d‘art, die ich im Vorjahr ausdrücklich auf seinen Rat hin eröffnete – vite, vite, faites seulement - und er jeweils meine Discours wortreich ausschmückte. Zur Verstärkung zog er seinen ersten Adjunkt dazu, der mich auf die Schwere meines Vergehens aufmerksam machte, mit dem Hinweis, dass Schwarzarbeit auch in der Schweiz geahndet werde. Schliesslich war er früher mal en Suisse tätig.

 

Natürlich war ich einigermassen verblüfft, aber die beiden hatten schon vorgesorgt und reichten mir ei-nen Zettel mit der Telefonnummer der Chambre de Commerce et Industrie , der Industrie und Handels-kammer in Mâcon. Umgehend rief ich an, die Dame am anderen Ende war bestens informiert, hatte die entsprechende Formulare in fünffacher Ausgabe bereits für den Versand vorbereitet. Flugs ausgefüllt, ein-gesandt und drei Tage später war das Kleinunternehmen gegründet und legalisiert. Beziehungen muss man haben!

 

Grundsätzlich gibt es keine Schwarzarbeit in Frankreich. Trotzdem:

 

- Ein altes Fenster soll zugemauert und verputzt werden, Bauunternehmen haben auch in Frankreich nie Zeit und vor allem kein Interesse an solchem Kleinkram. Kollege André gibt mir die Adresse von einem Kollegen. Anruf genügt. Der kommt, besieht die Sache, man einigt sich auf 200 Euro, er frägt, „soll ich eine Rechnung machen?“ Sag ich ja, kann ich nach einem halben Jahr zurückfragen und kriege als Ant-wort „tut mir leid, bin völlig überlastet“. Sage ich nein, steht er am kommenden Samstagmorgen auf dem Platz.


- Das Haus frisch gestrichen, fast wie neu, also dann doch auch noch das Büro. Die Rechnung entspricht wie immer genau dem Devis, der Büroanstrich hat keinen Platz mehr gehabt, la secrétaire hatte leider

die Rechnung schon vorbereitet.

 

In den vergangenen Jahren wurde einiges ausgedacht, um der Schwarzarbeit mächtig zu werden. Selbst der Bezug von Bargeld wurde auf € 1000 limitiert. Aber man kann ja auch etwas zur Seite legen oder abstottern; jedenfalls findet sich sicher ein Weg, dass der hilfreiche Kollege zu seinem Geld kommt. On fait un troc. Einen Tausch.

Eigentlich ist es mehr nur ein umfangreiches Tauschgeschäft zwischen Facharbeitern, Kollegen von Kol-legen, im erweiterten Familienkreis. Jeder hat von jedem irgendwann mal was zu Gute. Und solange es quasi „im Dorf“ bleibt, soll sich der Staat gefälligst raus halten. Hingegen in der Stadt sollen sie endlich kontrollieren. Dort lungern Polen und Rumänen auf dem Bau herum und unterbieten unsere hart er-kämpften Mindestlöhne und Prämien. Überhaupt, 35 Stunden bis zum Freitagmittag sind schon richtig.

So geht’s ausgeruht an die Mithilfe beim Kollegen am Samstag.

 

Montag bis Freitag schlürfen sie ihren Kaffee zusammen im Bistrot, missmutig, krank, völlig geschafft.

Am Samstag aber, gut gelaunt, mit Scherzen, bevor es an die Arbeit geht. Wenn alles klappt, konnte

man auch noch den kleinen Laster beim Chef ausleihen. Sagt Francis. 

 

 

Stammtisch


La table des habitués


Seit Kurzem besuche ich einen deutsch-französischen Stammtisch oder vielmehr une table des habitués français-allemand.  Man spricht deutsch, im Grundsatz, aber der sprachliche Austausch ist durchlässig. Wenngleich auf recht hohem Niveau, zumal die Französinnen und Franzosen in ihrer aktiven Zeit Deutsch unterrichteten oder in Deutschland studierten und/oder arbeiteten. Und einer ist gar ein professioneller Übersetzer, der nach wie vor seinem Beruf nachgeht. Wenn es eilt, geht die Übersetzung spontan durch die Reihe und notfalls hat Colette ihren elektronischen Traducteur in der Handtasche. Manchmal blitzen auch Erinnerungen auf, Erlebnisse in der Jugendzeit, da sich die Deutsch-französische Freundschaft noch nicht auf Küsschen Angela, Küsschen Emmanuel beschränkten. Und die deutsche Sprache noch im offi-ziellen Schulangebot figurierte und der Aus-tausch der Ebene der Partnerstädte nicht mit der Lernfreude der deutschen Partner rechnet.


Man trifft sich jeweils am ersten Dienstag des Monats in einem Restaurant in Tournus, gut erreichbar für die Teilnehmenden rechts und links des Saône. Da die Mehrheit mit dem Auto anreist, wird an diesem Stammtisch recht zurückhaltend konsumiert. Gut, das Glas Chardonnay und eines mit Mâcon rouge oder vielleicht ein schlichtes Bier gestattet nach wie vor eine Heimfahrt ohne schlechtes Gewissen.

Ein Württembergisches Nationalgetränke, die oder das Schorle – über das Genus ist man sich nicht einig – und vor allem die Bierversion, dann "Radler" genannt, gibt dem Servierpersonal zuweilen ein Rätsel auf. Ein kleines Bier, gespritzt mit Sprudel, findet man auf keiner französischen Getränkekarte. Aber vielleicht genügte auch ein Panaché und da sind sich auch die Franzosen nicht einig: mit é oder ée.

Allerdings, im Elsass ist sowas möglich; da heisst es dann klar «le Schorle» und man bekommt einen «Gespritzen Riesling» oder zum Aperitif einen «Gespritzten Edelzwicker» serviert. In Helvetia, meiner ersten Heimat reicht man manch-mal im Stehen ein «Herrgöttli», zwei Deziliter Bier gespritzt. Eine Men-ge gegen den kleinen Durst, vor oder danach, quasi ein «Satteltrunk» für Fussgänger.


Das heisst auch, einmal im Monat im Kreis dieser neuen Freunde die Speisekarte gemeinsam zu beraten. Die Karte des vorherigen Restaurants liess einfach nicht mehr viel Auswahl und wer isst schon gerne immer dasselbe, auch wenn es nur einmal im Monat ist. Also Karten- oder Lokalwechsel. Die Rückkehr an eine vorherige Stätte wurde jedenfalls eifrig begrüsst. Als non-habitué habe ich mit meiner Partnerin vor-gängig das neue Lokal geprüft und einen ersten Überblick über die Angebote erhalten. Jedenfalls liegen die Gourmands noch ein bisschen im Vorsprung gegenüber den Gourmets. Mais naturellement toujours à mon avis.


Jedenfalls freue ich mich darauf, die Erweiterung meines Freundeskreises sorgsam zu pflegen und ab November die Aufgabe des Einladenden zu übernehmen.

 

 

Verdirbt die Politik den Charakter ?

 

Aktuell wird der Umweltminister beschuldigt, Staatsgelder missbraucht zu haben. Nun, beim Antritt seiner Dienstwohnung im «Hôtel de Roquelaure» am Boulevard Saint-Germain liess er diese für rund 63’000 € neugestalten. Allein der begehbare Kleiderschrank soll 17’000 € gekostet haben, was darauf schliessen lässt, dass Monsieur le Minister et Madame über mehr als einen Anzug verfügen. Unser Schrank im Mai-son Espérance kostete rund 700 nota bene francs français, inklusive drei IKEA-Gestelle und mobile Klei-derständer. Aber wir sind ja auch nicht Minister.

 

Immerhin lud Madame de Rugy zum Tag der Offenen Türe ein, auf dass die Deputierten sich vergewissern könnten, dass da nicht etwa geprasst wurde. Wir staunen ja immer wieder, in welch auserlesenen Mobiliar die französischen Politiker regieren und wohnen. Allerdings erfährt man auch, dass im «Dépôt» auf etli-chen tausend Quadratmetern mehrere zehntausende Mobilien, Kunstgegenstände und Leuchter aus sämt-lichen Epochen auf ihren Einsatz in irgendeinem Ministerium oder Château warten. Trotzdem, es ist dem Herrn Minister nicht zu verargen, dass er statt auf einem der höchst unbequemen Louis-Sesseln auch mal auf einem neuzeitlichen Stuhl sitzen will. Nicht?

 

Allerdings hatte die Presse noch einen zweiten Pfeil im Köcher: 2017 wurde M. de Rugy mit dem sehr be-gehrten Vorsitz der Nationalversammlung bedacht und da sollen etliche Einladungen zu «Château Yquem» und Hummer ergangen sein. Und das war nur die Vorspeise. Wenig gescheit ist, dass zu diesen Anlässen anstelle wichtiger Leute aus Wirtschaft und Politik viele Freunde des Ministers und aus dem Kreis von Ma-dame erschienen, dumm, das Foto der Hauherrin - sagen wir mal bien arrosée - mit Champagnerflasche.


Seine sehr gut bezahlte Kanzleichefin verfügte über Jahre hinweg über eine Sozialwohnung, obgleich sie nicht mehr in Paris domiziliert war. Dies erkannt und gleich gefeuert. Inzwischen weiss man, der Minister hat in der Nähe von Nantes eine Wohnung für familiäre Treffen gemietet, zu 622 €; ein Objekt, vorgese-hen für sozial Schwächere. Es reichen nicht nur der ministrale und der private Chauffeur, der Dritte be-sorgt mit Madame die Einkäufe und karrt die Kinder zu Schule, wenn möglich in die katholische Privat-schule. Immer in der festen Meinung, wer von Bedeutung ist, darf ungeniert zulangen.

Trotz gewundenen Erklärungen vor der Presse und in den sozialen Medien waren die Tage des Herrn Mini-ster bald gezählt, er reichte seine Demission ein.


Erstaunlich ist allemal: Von verschiedenen Seiten, auch prominenten, wird jetzt Wasser in den Wein ge-schüttet. Alles halb so schlimm, die Wohnungsrenovation durchaus legal und die Einladungen doch eigent- lich oder vielleicht auch ein bisschen zu gut gemeint. Die beste Bemerkung von einem Promi-Journalisten:

Also damals, als dieser Château Yquem eingekauft wurde, war der doch noch wesentlich günstiger...


Dies sind die Aktualitäten kurz vor den Sommerferien; M. le Président hat genügend Zeit, sich einen neu-en Umweltminister zu suchen. Selbstverständlich bezichtigen die Presse und vor allem die von den Euro-pawahlen arg zerzausten Parteien von links bis rechts Monsieur Macron der sträflichen Inkompetenz bei der Auswahl der Mitarbeitenden. Dabei wird schlicht verdrängt, dass derartige Vorkommnisse weitgehend systembedingt sind. Vergessen ist jener Minister, der mit dem Extrazug in die Hauptstadt fuhr, zwei Wa-gen mit Sicherheitskräften vor und hinter dem ministerialen Wagon. Vergessen ist der Finanzminister, der über Wochen hinweg bestritt, bis der Kontoauszug der UBS in Genf sein Schwarzgeld belegte. Vergessen ist der Staatssekretär, der «vergass», seine Stadtwohnung in Paris zu bezahlen und seine Steuern richtig und fristgemäss zu deklarieren.


Die Vorurteile sind gleich zur Hand: Die sind doch alle korrupt und wer sich dort um ein Amt bewirbt,

tut dies ausschliesslich aus egoistischen Gründen. Nix da von Demokratie! 


Auch wenn jede anständige Ansprache mit "Vive la France, vive la république" endet, ist Frankreich im Herzen eine Monarchie geblieben, auf seine Art, mit all seiner Pracht, seinen Ritualen und Traditionen.

Mit den Noblen, die eigentlich gar nicht mehr nobel sein dürften, jenen, die nach Macht streben und all jenen, die es an die staatlichen Futtertröge treibt. Und von denen gibt es viele! Vor 230 Jahren wurde die Gelegenheit verpasst, die Machtpyramide zu wenden; bestehen bleibt die alte Regel:  "König, Ritter, Va-sall, Büttel, Bauer", im 21. Jahrhundert eben Präsident, Minister, Präfekt, Beamter, Steuerzahler.


Nicht die Politik verdirbt den Charakter, sondern ein verdorbener Charakter verdirbt die Politik.

Julius Raaber



Wi-Fi


Der Brief an die Administration

 

Im vergangenen Jahr sicherten Sie zu, WiFi wird endlich auch im CHM – im Centre Médicale - eingerich-tet. Ist ja auch keine Revolution; in jedem Hotel, in vielen Einkaufszentren, natürlich auch im Mac Donald und selbst im TGV wird diese Dienstleistung selbstverständlich angeboten. Die IT-Abteilung des CHM hat sich eine besondere Raffinesse ausgedacht: WiFi gibt’s seit Mai 2017 und ebenso ein unverständliches Instruktionsblatt. Immerhin, das Personal vom Arzt bis zur Putzhilfe und laut denen, auch die Kundschaft dieses Etablissements ist der einhelligen Meinung, der Einstieg ins Internet gestaltet sich überaus kompli-ziert.

 

Wie gesagt, der ungehinderte Zugang zu Internet ist ein absoluter Must und gehört zu den selbstver-ständlichen Dienstleistungen am Kunden. Kunden sind die Spezies, die Umsätze bringen, natürlich auch, vielleicht nicht immer, leicht zu erbringende Leistungen abverlangen, aber nicht zuletzt das Unternehmen und die Löhne von der Putzhilfe und diesmal hinauf bis zur Direktion finanzieren.

Natürlich ist es nicht immer leicht, den Ansprüchen von Unternehmen, von Krankenkassen, vom mögli-cherweise schwierig scheinenden Markt und weiss Gott noch zu entsprechen. Natürlich stellt sich aber auch die Frage, werden denn Patienten überhaupt als Kunden wahrgenommen? Man sollte mal darüber nachdenken und dann ziemlich schnell handeln, zum Wohl der Kunden, nota bene!

 

                                                                        ***


et en français

 

L’année passée vous avez assuré que le CHM viendra enfin installer le Wi-Fi au public. Ça sera vraiment pas la révolution, ce service à la clientèle est la norme dans les hôtels, dans les grands centres com-merciaux, naturellement aussi au Mac Do et le même au TGV. La direction IT présentait une solution de raffinasse extraordinaire : depuis mai 2017 au CHM existe Wi-Fi accompagné par une feuille d’instruction totalement incompréhensible. Alors, le personnel du médecin jusqu’à la femme de ménage et selon eux, le même la clientèle de ces fameux établissements sont du sens commun, l’entrée à l’internet au CHM se produit absolument compliqué.


C’est déjà dit, l’entrée à l’internet sans barrières est un « must » hors de toutes discussions et est un service absolu à la clientèle. Les clients sont ces spécifs qui fournissent les chiffres d’affaires, naturelle-ment aussi demandant des services pas toujours faciles à exécuter, mais finalement ils financent l’entre-prise et les salaires de la femme de ménage et cette fois jusqu’en haut de la direction. Encore, c’est par-fois difficile de suivre des avances de l’entreprise, des caisses de maladie, du marché de sante probab-lement pas très facile et tout d’autres idées.


Mais avec ça se pose aussi la question, est-ce que l’on respecte les patients vraiment comme client ? Il faut réfléchir cette question et après ça il faut se décider au plus vite que possible. Au positif pour les clients, nota bene !

 

PS : « la dame de qualité » à la direction m’a promis de rendre un service d’aide par une infirmière com-pétente ou un technicien de l’IT ; alors, sans succès pendant toute la journée…

 


Zeit, alle Zeit!

 

Der alljährliche Flohmarkt des Fussballklubs. Rund um die Garderobe und über zwei Felder hinweg, nichts als Verkaufsstände und die Autos der Anbieter. Das Dorf selbst ist seit dem frühen Morgen mit Fahrzeu-gen völlig verstellt, denn dieser Flohmarkt ist berühmt, einer der grössten und besten weit und breit. Die Verpflegung wie immer fest in der Hand des FCS, seit zwanzig Jahren. Dafür verantwortlich sind inzwi-schen die «Senioren», die «Veteranen» kippen ihr Gläschen anderswo und geben ihre fussballerischen Heldentaten aus den 60er-Jahren zum Besten. Und alljährlich ist es dasselbe Chaos.

 

Fünf vor zwölf, die richtige Zeit zum Anstehen in der noch kurzen Warteschlange. Dann langsames Vor-rücken bis zur Position eins, wo natürlich gerade jetzt die frites ausgegangen und die neuen noch meilen-weit von knackiger Gülde entfernt sind. Auf dem Grill häufen sich die Schnitzel und Merguezwürstchen, zäh die einen, staubtrocken die anderen, längst bereit für die hungrige Kundschaft.

Zwei Männer drängen sich mit einem zusätzlichen Tisch durch. Aber dann wird erst mal die Position des neuen Möbels diskutiert. Man hat offensichtlich genügend Zeit, die zweite Fritteuse ist erst im Anmarsch, dann das Öl und Minuten später auch die Steckerleiste. Nur keine Hetze!


Das gemeinsame Zuschauen auf dem schmalen Bänkchen verkürzt zumindest die Wartezeit. Dann endlich der Korb mit frischen, heissen Pommes. Aber jetzt werden erst mal die Freunde in der fünften und achten Position bedient, die wollten schliesslich schon lange dazu auch noch Würstchen, gehäuft auf dem Plastik-teller. Dann endlich unsere drei "barquettes de frites", Plastikkörbchen wie überall, Ketchup und Mayo gibt es in der Selbstbedienung. Und es gibt auch noch freie Plätze im Zelt.


Wetten, «beim Anschliessen der zweiten Fritteuse wird es einen Unterbruch wegen der überlasteten Sicherung geben». Du hast gewonnen, sagte Nicole später.

 

Ungeduldigen Schweizern völlig unverständlich, weil schliesslich alles längst bekannt und planbar. Für Franzosen hingegen absoluter «courant normale», Normalbetrieb, denn sie haben Zeit, alle Zeit. Keiner macht spitze Bemerkungen oder reklamiert gar. Man unterhält sich bestens, man kennt sich seit eh und so eine mittlerweile zur sehr sehr langen gewachsene Warteschlange gehört einfach zum Verpflegungs-stand des Flohmarktes des hiesigen Fussballklubs. Und dass immer wieder mal etwas ausgeht, mal die Fritten, mal die Saucen und eben mal der Strom, wird völlig ungerührt akzeptiert.


Obgleich seit Langem ans Zusammenleben mit dieser Bevölkerung gewohnt, zwickt es im Hinterkopf:

Da müsste man doch! Aber nichts da: Von unseren französischen Citoyens könnte man lernen:

Sie haben Zeit, alle Zeit!

 

Ausgenommen beim Autofahren, bei der Arbeit, beim Feierabend und noch so ein paar unwichtigen Nebensächlichkeiten.