Und dann noch dies



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Und dann noch dies

Texte, Gedanken, Essays, einfach aus Lust am Schreiben

Älter werden

 

In meinem allerersten Kaderkurs lerne ich die Nutzung der mentalen Kraft kennen; Emile Coué war in mein bis anhin junges, von Ché und anderen Zeitgenossen bevölkertes Leben eingedrungen  Den Unter-lagen war auch ein Kleber „Es geht mir von Tag zu Tag besser“ beigelegt; der Leiter empfahl uns, ihn auf dem Badezimmerspiegel zu platzieren, auf dass der Start in den Morgen positiv gelänge. Dies erschien nicht so einfach; irgendwie wollte es mit der täglichen Vervollkommnung nicht so recht klappen. Aber ich lernte, mich bei geschlossenen Augen zu rasieren.

 

Später lernte ich meine frühmorgendliche Depression mit nachhaltigem Duschen zu meistern. Alle Sorgen und Schlafräuber flossen flugs den Gully hinunter; nicht gerade nach Coué, dafür effizient. Heute Morgen schabte ich also wieder einmal am Kinn herum, sorgsam, um die mittlerweile nicht mehr so straffe Haut zu verletzen. Aber irgendwie vergrub sich die Klinge doch wieder in eine der Unebenheiten. Was bleibt? Tupfen mit kaltem Wasser und dem bâton hérmostatique, der saumässig brennt. Ab sofort nur noch Rasieren mit bewehrtem Auge! 

 

Kaum das nordische Duvet erfunden, schlief man ebenso federleicht. So leicht, dass es unvorstellbar er-schien, noch irgendetwas anzuziehen. Gut, zugegeben, das Bett war ja auch ein multifunktionelles Möbel. Dann kam die Phase der Nachthemden; einige wenige hatte ich geerbt, von leicht bis Barchent. Leicht und luftig, ohne ein irgendwo beengendes Gummiband bis kuschelig, wintermässig warm. Übrigens, das fran-zösische Versandhaus   „L’homme moderne“ bietet wieder ein Modell an, nicht gerade billig, in bügelfreiem Seersucker. Man wird älter, man hat kälter. Deshalb darf es zu Winterzeiten heute auch mal ein Langarm-pyjama sein und zum Einschlafen die handgestrickten Socken. Dafür bleibt das Fenster offen. 

 

Hä!? Eines meiner Ohren war dermassen scharf eingestellt, dass ich nachts die Armbanduhr auf den Tep-pichboden neben dem Bett legen musste; die Tickerei störte meinen Schlaf. Heute, wenn Tomette, eine unserer überaus verwöhnten Katzen, nachts mit Geschrei eine Maus nachhause bringt, kann ich mich ge-trost im Bett aufs andere Ohr legen. Zugegeben, ein altersbedingter Hörsturz mit ewigem Pfeifen soll ja auch nicht gerade lustig sein, aber aus denselben Gründen einfach nicht mehr alle und alles zu hören ist nicht nur angenehm, sondern auch ganz schön bequem. Selektives Hören nennt man das, auch wenn

nicht immer beabsichtigt.

 

Bedacht mit einem militärischen Häuptling als Papa, wurde bei uns zuhause sehr auf korrekten Haar-schnitt geachtet. Das vierzehntägliches „Ausputzen“ war sein Mass, für mich eine Gott sei gedankt nicht immer zwingende Pflicht. Sein dickhaariger Bürstenschnitt entsprach nicht dem meinigen, vielmehr glich mein Schopf einem Weizenfeld im Wind: nicht so blond, aber so schief. Die zahlreichen Wirbel liessen

eher auf rebellische Eigenschaften schliessen. Später, der Erziehung entflohen, scheitelte ich mein Haar, mal etwas kürzer, mal natürlich gelockt, nie wirklich lang, wohl der Bequemlichkeit halber.

Heute versucht Coiffeur Lollo meinen Wünschen nach einem „coupe socialiste“ entgegenzukommen: Dort nehmen, wo es noch hat. Und da fehlt schon einiges an Haaren. Die in Ohren und Nase wuchernden sind ein schlechter Ersatz und ein Ärgernis zugleich. Meine Bärte, von Franz-Josef bis semi-académique sind beim Farbwechsel dem Messer zum Opfer gefallen und den „Schnauz“ einst wild, stutzt manchmal sogar Madame auf ein gepflegtes Mass. Einziger Trost: mein heutiger Figaro trägt endgültig eine Glatze wie Meister Menti, unser Nachbar aus der Jugendzeit. 

 

Es ist wohl auch eine Frage der zunehmenden Jahre, dass man plötzlich sich an Verse aus der Jugendzeit erinnert. Noch nicht allzu lange her gelang es mir im Kreis von Freunden, den „Hecht“ von Morgenstern wieder aufleben zu lassen. Just in jenen Jahren flatterte Mörikes blaues Frühlingsband und Kästners Früh-ling allerorten gleichzeitig, gebüffelte satte 425 Glockenverse wurden gerade noch als Zweizeiler im Ski-hütten-WC auf die Wand gekritzelt.

Am definitiv letzten Examen trugen wir deshalb Werke von Morgenstern vor. Die Jungs in Jeans wohlver-standen; Mutter musste extra in den Konsum, Ihr Lieblingsladen mit dem grossen „M“ führte sowas Neu-modisches noch nicht, aber knapp zehn Jahre vor 1968 war man den Amerikanern ja noch sehr wohl-gesonnen. Aus demselben Grund riefen mich meine Eltern Tommy und erst „meine Frau aus erster Ehe“ führte den definitiv erwachsenen Thomas ein. En France bin ich zu Hans mutiert, wie seit vier Genera-tionen, weil im Pass zwischen dem Hans und dem Thomas ein kleiner trait d’union fehlt. Man sollte bei Kindstaufen weiter denken.

 

Aber zurück zum Älterwerden und den Versen. Nach schwierig-schwerer und frischer, aufmüpfiger Poesie bevorzuge ich Verse in meiner alemannischen Muttersprache; eines meiner Lieblingsgedichte stammt von Peter Wettstein, wie ich, ein Zürich Oberländer:

 

Elter wärde

 

Mi Gufere hät Eggen aab

und Blätz uf allne Site

Ich glycherene als alte Chnaab.

Warum au d’Rümpf bestrite?

Doch chümmeren ich mich nüd draab,

ha glych no schöni Zite

Au s’Altere isch e Gottesgaab,

wär gschyd isch, leerts bezite.

 

 

PS: Jene, die die Verse nicht verstehen, mögen mir verzeihen. Natürlich könnte man sie ins gelernte Schriftdeutsch übersetzen, aber man sollte nicht… 

 

 

 

Bargeld

 

Die violette 500er-Euronote geht diese Tage in den Druck, allerdings haben die Mehrzahl der National-banken bereits zum Voraus auf deren Einführung verzichtet. Denn das Bargeld soll abgeschafft werden; abgeschafft, weil als unnötig erachtet, weil ohnehin jedermann mit Karte bezahle, im Kampf gegen Kor-ruption, Terror, Schwarzarbeit und das Geldhorten unter der Matratze. Jeder Euro soll erfassbar, kontrol-lierbar, verfolgbar sein. 

 

Gut, Korruption bedarf natürlich der Definition. Wenn man von einer guten Flasche Wein spricht, handelt es sich zumeist um eine nette Geste, einen Dank für einen guten Tipp, einen kleinen Dienst. Korruption geschieht auf einem ganz anderen Niveau: Der Chemiekonzern lädt leitende Psychiater zu einer Seminar-woche zum Thema Suizid nach Bali ein; all included. Das Grossbaugewerbe spricht die Offerten an die öffentliche Hand vorgängig ab und lenkt damit die Auftragsvergabe, usw. Dabei fliesst kein einziger Euro in bar.

 

Terroristen werden eingeflogen, ausgerüstet, logistisch begleitet und notfalls wieder aus dem Gefahren-bereich abgezogen. Auch dabei fliesst wenig Bargeld in Europa, den grossen Lohn erhalten sie anderswo oder in Form von sieben Jungfrauen im Paradies. 

 

Kampf gegen Schwarzarbeit. Mit dieser Begründung hat man in Frankreich bereits vor Jahren den Bar-bezug auf 1000 Euro limitiert. Wie wenn man damit das beliebteste Wochenendvergnügen einschränken könnte, die Bricolage, das Umbauen und Renovieren. Aber man ist lernfähig. 1‘600 für den Maurer, so auf die Schnelle? Bezug am Automaten und flugs dieselbe Summe am Schalter abholen; bis sich die beiden Buchungen im Finanzzentrum begegnen, ist der Maurer bereits ins Wochenende abgereist. Der Tipp übrigens vom Bankdirektor. Kann auch nächste Woche wiederholt werden.

Die Anzahl der Bankomaten ist zwar stark ausgedünnt, auf dem Lande geht bereits heute gar nichts mehr. Und wenn das Programm spinnt oder genau in diesem Moment released wird und der Apparat partout kein Geld ausspucken will? Und wenn die Hacker wieder einmal ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgehen? Wohl dem, der noch einige Noten in den Westentaschen findet. Glücklich, wer beim Epicier anschreiben lassen kann!

 

Vor vielen Jahren suchte ich einen Dachdecker und wurde fündig beim Nachbar. Also nachfragen. Mon-sieur lachte verschmitzt und antwortete: Er rückt nur ein paar Ziegel zurecht, eine Gegenleistung. Un troc, on dit. Tauschen ist schwer kontrollierbar und definitiv steuerfrei.

 

Gut, der in Frankreich sehr beliebte Check wird einstweilen beibehalten, auf dass Madame im Einkaufs-center ihre Kaufkraft unter Beweis stellen kann. Und wenn es sich lediglich um zwanzig Euros handelt.

Immer ein Akt, der das Einkaufserlebnis der Ungeduldigen in der Schlange erheblich schmälert. Seit Kurzem hat unser Buraliste eine Affiche aufgehängt  «Ici on accepte pas des chèques». Er ist es leid, auf den ungedeckten Checks für Zigaretten und Lose sitzen zu bleiben.

 

Mit der Abschaffung des Bargeldes fallen auch andere liebgewordene Gewohnheiten weg: Der Zehner für den Feuerwehrkalender, die Münzen für den besonders guten Service im Lieblingsrestaurant, der Euro für die Champoneuse, das Kaffeegeld für den Mechaniker, der regelmässig den Reifendruck prüft. Ich könnte seitenweise aufzählen. Das Bargeld ist tatsächlich das kleine Schmiermittel für die kleinen Dinge, von kleinen Leuten an kleine Leute.

Die wichtigsten Wirtschaftsträger sind national gesehen nicht die börsenkotierten Konzerne, sondern die kleinen und mittleren Unternehmen, Handwerker, Kaufleute, Dienstleister. Wer dies immer noch nicht be-griffen hat, ist in der ersten Lektion Betriebswirtschaft sitzen geblieben. Was lernt man eigentlich an den Hochschulen? 


Ich komme aus einem Land, da gilt «Wer Geld hat, braucht keinen Kredit». Da gibt es noch 500er und 1000er, dafür hat man die roten Räppler abgeschafft. Aus einem Land, in dem der Bargeldbezug auf ma-ximal 100'000 beschränkt bleibt; hat nämlich das Parlament bestimmt. Persönlich schleppe ich nach wie vor mein Portemonnaie mit, auch im Vertrauen, dass damit dem spesenfreien Handel mehr gedient ist. 

 

Neu habe ich jetzt eine Karte, die bis zu 30€ ohne Pin verbucht; das reicht für das Mittagessen für zwei Personen, bestehend aus Vorspeise, Hauptgang, Käseplatte, Dessert, zwin Viertel Wein und Kaffee. Das neue Signet auf der ebenso neuen Karte, die vier Viertelkreise hatte ich gar nicht bemerkt, aber die

junge Serviererin hat mich darauf aufmerksam gemacht. Na ja.

 

 

  

Day by day

 

Wenn in die Bewegung unserer Tage Ruhe einkehrt, enthüllen sich die Geheimnisse des Lebens.

 

Eine Erfahrung nach dem Eintritt ins Rentnerleben ist die Überfülle an Zeit. Etwas völlig Ungewohntes das einem durchaus verunsichern kann. Natürlich führt man weiterhin eine Agenda, obgleich die Einträge dürftig werden. Der Schritt von der täglichen zur Wochenagenda ist ein Einschnitt in ein vorheriges Leben, das man zwar zuweilen verfluchte, aber vermeintlich nicht zu umgehen sei. Gewohnt innert kurze Zeit eine Sache abzuwägen und zu entscheiden. (Gute Chefs können nicht nur schnell und klar entscheiden, sie wissen auch, wie im Notfall zu korrigieren ist.) Und jetzt: Plötzlich genügend verfügbare Zeit lässt Raum für längere Überlegungen, aber auch zu Zweifel; war der jetzige Entscheid wirklich der beste? 

 

Rentner sind immer vollbeschäftigt; deshalb grüssen sie zumeist mit „Keine Zeit!“. Es sind nicht nur ganz fest vorgenommene Dinge, die man dann endlich mal machen will. Man wird von Ideen überfallen, die man einst in der schlaflosen Nacht auf dem Block notierte und am nächsten Morgen im Fach „Blödsinn“ ablegte. Und jetzt will man das nochmal überdenken. Ist es normal oder pure Verzweiflung eines noch jungen Frührentners? Und man beschäftigt sich mit Projekten, die man einst skizzierte, ideenreich  als Präsentation einreichte und wenn, dann gerade mal mündlich als nicht durchführbar verabschiedet wur-den. Und man sich schwor, nie mehr sich verführen zu lassen, mitzudenken, weil Derartiges schlicht nicht an der Front des Unternehmens erdacht worden sein kann. 

 

Weil, so schließt er messerscharf,

nicht sein kann, was nicht sein darf.

 

Übrigens Morgenstern, einer meiner Lieblinge

 

Also ist doch noch keine Ruhe eingekehrt, einige Jahrzehnte lassen sich auch nicht so leicht ablegen wie die gestrige Zeitung. Zwar ist der Mensch mit einer Gabe gesegnet, die ihm einiges erspart an Erinne-rungen: die Verdrängung. Und wenn man sehr viel Glück hat, hält dies Gabe an, bis man sich wirklich nicht mehr erinnert. Zugegeben, was nicht zu ändern ist, darf nicht ärgern. Wie das Wetter. Trotzdem löckt einem der Stachel zuweilen. Besonders wenn man merkt, dass der damalige Geistesblitz doch ein-schlug, wenn auch viel später und aus einer völlig anderen Richtung. Irgendwann an einer unternehme-risch inspirierten Erweckungswoche lernten wir „Recht haben und Recht bekommen sind zweierlei“. Und „Recht haben“ begleitet uns eben ziemlich lange, manchmal so lange, dass es als altersbedingtes Ver-halten erkannt wird.

 

In der Mitte des Alters, geboren 1943, legt man einengende Pflichten besser zur Seite. Aber das „nur noch tun, was einem Lust macht“, ist nicht ganz einfach. Wenn man partout nicht ausschlafen kann, weil das ungewohnte Liegenbleiben weder angenehm noch erholsam ist, wird es eben doch zur Angewohnheit, punkt sieben im Badezimmer den Morgenmantel zu reichen und einen ersten Nespresso durchlaufen zu lassen. Da nutzt auch nichts, abends noch am Fernseher herum zu zappen und im Bett noch anspruchs-volle und müde machende Artikel im „Le Point“ zu lesen. Nach sechs Stunden ist definitiv Schluss. Manchmal schon, wenn man statt über Dinge nachzusinnen, auch mal zwischen drei und vier Uhr Notizen verfasst, die einem über den langen Tag eines Rentners hinweghelfen können. Zwar hat man gemeinsam beschlossen, einige Dinge zu ändern, Pflichten, die einem durchs halbe Leben begleiteten, etwas grosszü-giger zu erledigen. Nicht ständig bereits sein zum Einspringen, zum Aushelfen, zu Einladungen, die nicht so selbstverständlich erwidert werden, Öffnungszeiten einzuhalten, obgleich gerade jetzt anscheinend

kein Bedürfnis besteht, unsere Ausstellung anzusehen.

 

Gut, nicht alle Rentnern, steigen am Donnerstagmorgen mit dem Generalabonnement in den Zug, um mit ein paar Kollegen über Burgdorf ins Emmental zu fahren, in irgend einem Restaurant Bären eine riesige Schlachtplatte zu verspeisen und auf dem Heimweg über Luzern, mit Kaffee-fertig-Aufenthalt im Buffet I. Klasse, einen Jass zu klopfen, ungeachtet der Landschaft, die da vorüberbraust. Nicht alle Rentner hacken im Schrebergarten und pflanzen lange Reihen von Salaten, die nur mit Hilfe sämtlicher Nachbarn nicht aufzustängeln brauchen und produzieren Kohlrabi und Fenchel, Gemüse, die ohnehin keinen Platz auf

meinem Speiseplan finden. Aber genug gefrotzelt. 

 

Es gibt auch viele Rentner, ohne die manche Hilfsorganisation nicht zu Rande käme, ohne die die Beset-zung der Vorstände von Vereinen nicht mehr denkbar wären, ohne die so manche Dinge in der Gemein-schaft den Bach hinuntergingen. Denkbar wären, zum Beispiel Entlastungen zugunsten des ständig über-lasteten Personals in den Altenheimen, wie Georgette, die mit weit über 80 immer noch zum Dienst an Gleichalterigen fährt, und die Möglichkeit, viele kleine Dienstleistungen im Dorf zu erbringen.   

 

Frauen haben es in dieser Hinsicht weniger schwer. Sie haben immer etwas scheinbar Sinnvolles zu tun.

Ob jetzt Waschen, Plätten und Putzen wahrhaftig nach dem Lustprinzip erfolgen, scheint mir doch etwas ungewiss. Gut, die Königsdisziplin, das Kochen, ist den Hausfrauen seit dem Renteneintritt etwas entglit-ten, freiwillig oder gar gewollt. Bleibt nur noch das Einkaufen. Zu unterscheiden zwischen zügigem Ein-sammeln von getreulich notierten Lebens-und Genussmittel und dem neugierigen Schlendern zwischen den verführerischen Gestellen. Jedenfalls vergeht auch so viel Zeit.

 

Zurück zum Beschluss, einiges zu ändern, zumal, wie zumindest die Statistik zeigt, nicht mehr viel übrig an Zeit bleibt. Der Wille ist vorhanden, aber es gibt immer ein paar Dinge, die die Pflichten nicht aus-schliessen. Seien es Haustiere als Teil der Familie oder ist es nun wieder so eine Idee, die einem weiterhin umtreibt. Keine weitreichende Planung mehr, day by day.

 

Jedenfalls immer noch zu früh für die Enthüllung der Geheimnisse des Lebens. Natürlich immer aus meiner Sicht

 

 

 

Evviva lo sport

 

Steinzeitalten Instinkten folgend, will sich jeder Mensch gerne an seinen Mitmenschen messen. Waren es damals noch das Steine schleudern nach Auerhähnen und das Verfolgen flüchtigen Wildes, natürlich mit der Keule in der Hand, so ist es heute der Sport. Spitzensport animiert zur Nachahmung, wächst zum Breitensport und ist ein gehätscheltes Kind der Medien, mit beinahe unendlicher Wachstumsgarantie. Immer mehr kommen in den Medien Berufssportler zu Wort, die  trotz berufsbedingten Verletzungen und Verschleisserscheinungen, Sportler mit akutem Medikamenten-, wenn nicht Drogenmissbrauch als Vor-bilder für den gesunden Freizeitsport gelten.

 

Es bedingt zusätzlich ein besonderes Klima, in dem die Menschen leben; es bedingt den grauen, unper-sönlichen Alltag, um den Wunsch nach farbiger Freizeit und "action" zu schaffen. Mittlerweilen ist aber

der Sport in zweifelhafte Hände geraten. Er dient als letzter Kick, denken wir an die Auto- oder Skirennen, in einer sonst totalversicherten Welt. Oder zum Abbau von Aggressionen, die jedermann meint, nicht mehr haben zu dürfen; oder als Modetrend, siehe Aerobic, Jogging, Freeclimbing, usw. Alles und jedes hat heute sportlich zu sein: Die Kleider, das Auto, die Uhr, ja der ganze Mensch. Man lese einmal die Heirats- und die Stelleninserate; wer nicht dynamisch oder sportlich ist, gehört schon zur zweiten Garnitur. Selbst die zwischenmenschlichste aller Aktivitäten erhöht sich heute zum sportlichen Ereignis.

 

Gut, nicht jeder, der durch den Wald rennt, arbeitet an der Fitness. Mancher rennt vor lauter Angst, vor Frust, vor Hunden und anderen Jogger. Vor was oder vor wem rennen die davon? Vielleicht nur vor dem wirklichen Leben. In meiner zweiten Heimat begegnet man sehr selten, jenen keuchenden Spezies und wippenden Rossschwänzen. Man ist sich einig, das müssen Parisiens sein, die spinnen ohnehin alle.

 

Man muss immer an die Grenzen gehen. An welche Grenzen denn? Vor ein paar Jahren ging ein Manager mit Extremsportambitionen aus dem Leben. Er ertrug es nicht mehr. Andere stürzen sich bei Kadersemi-nare an Gummiseilen in die Tiefe. Für den letzten Kitzel sind sie bereit das Leben einzusetzen. Ehrlich, wer würde seine Kinder derartigen Vorgesetzten anvertrauen?

 

Ohne Sport ist diese industrialisierte Welt die bare Öde - oder etwa nicht? Vielleicht wurde der Sport auch nur von den Arbeitgebern erfunden, um die Spannkraft zum Wohle des Arbeitsprozesses länger zu erhal-ten. Oder vielleicht waren es die Politiker, um die Mitmenschen vom Gemauschel abzulenken, das hinter ihrem Rücken passiert – panem et circenses - oder braucht man die ständige Betätigung des Körpers, um die Signale der eigenen Leere zu übertönen?

 

So, jetzt drehe ich eine Runde durchs Städtchen, nicht von wegen sportlicher Ertüchtigung. Für ein kleines Schwätzchen beim Uhrmacher, um die Fortschritte beim Bau zu begutachten, die Anschläge bei der Mai-rie zu lesen und frisches Brot beim Boulanger zu besorgen, einfach um Luft zu schnappen oder die Runde mit einem therapeutisch kleinen Gläschen Chardonnay abzuschliessen.

 


 

Facebook

 

Ach, da kommt der Meister!

Herr, die Not ist groß!

Die ich rief, die Geister

werd ich nun nicht los.

 

Eigentlich bin ich in meinem Urteil befangen, schliesslich habe ich nach einem kurzen Ausflug ins Face-book flugs meinen Account wieder gelöscht, fest überzeugt, dass ich sowas nicht brauche. Ohnehin ge-höre ich zu der anscheinend unbelehrbaren Minderheit, die nicht ihren Kompi Tag und Nacht auf dem Leib trägt. Mein Fenster zur Welt steht nach wie vor auf dem Schreibtisch und wird vor dem Fernsehabend zu Bett gebracht. Das Handy, das ich nur mitnehme, um notfalls um Hilfe bitten zu können, ist ein Museum-stück, mit dem man lediglich telefonieren kann und sms-len könnte.

Kürzlich assen wir in einem neueröffneten Bistro, die Karte auf dem im Tisch eingebauten Bildschirm, inklusive unterhaltende Spielmöglichkeiten; Stammkunden können den Apéro geniessen und gleichzeitig die Mails checken.  Allerdings, die Bestellung erfasste dann der Maître d’hôtel doch auf seinem eigenen Gerät und das Servierte entsprach durchaus den Ansprüchen eines einfachen Quartierlokals. Wenn der Teller heisser ist als die nobel deklarierte Suppe …  aber zurück zum Thema:

 

Beurteilte Mark Zuckerberg, Gründer von Facebook vor knapp zehn Jahren sein Produkt noch als social norm, erstaunte er kürzlich mit der öffentlichen Aussage: "Ich bin überzeugt, dass die Regierungen und Gesetzgebung eine viel aktivere Rolle in der Regelung des Internets spielen müssten". Erstaunlich be-denkt man des Aufschreiens der Facebook-Gemeinde, weil die Chinesen und Russen den ungehinderten Informationsfluss einschränken, den Einfluss des american way of life ausblenden wollen. Auch wir be-merken, wie Europa weitgehend amerikanisiert wurde. Hohe Zeit also, nachzudenken. Der französischen Finanzminister hat dies bereits getan, sein Vorschlag, die GAFAM’s endlich gerecht zu besteuern, hat ohne Widerstand das Parlament passiert. Gut, das Ärgernis «America first» hat das Problem verstärkt, bewuss-ter gemacht. 

 

Auch Zuckerberg bereiten die gehackten Adressstämme, Systemlöcher und immer wieder auftretende Sicherheitslecks Sorgen. Da tummeln sich ungehindert Fake-Newers, Nazis, Terroisten, Kinderschänder und mobbende Schüler und Schülerinnen auf dem Netz, tauschen getürkte Nachrichten, Hakenkreuze, Bombeninfos, Pornos und pubertäre Bösartigkeiten aus, und niemand scheint die Mittel und den Willen zu haben, die gerufenen Geister wieder loszuwerden. Zwar stehen die fruchtlosen Streitigkeiten um beein-flusste Präsidentschaftswahlen immer noch an, noch gestehen die Briten nicht ein, dass allenfalls gut organisierte, getürkte News den Brexit auslösten, immer noch geistern Aufrufe zum Endkampf an der Terrorfront auf dem Netz und immer noch ziehen sich Teenies für leere Versprechen vor der Handykame-ra aus. Da nutzen weder Grundkurse in der Primarschule zu den Gefahren von Internet, noch ständig verfeinerte Gesetzestexte und schon gar nicht Bestrebungen auf nationaler Ebene. Die Idee, die Betreiber der sozialen Netzwerke direkt verantwortlich und haftbar zu machen, tönt bestechend gut, zumal diese damit milliardenschwere Gewinn erarbeiten. Würde aber vermutlich vor allem ein Heer von Juristen mit unsäglichen Klagesummen beschäftigen, statt tatsächlich wirksam zu sein. Ein Mix aus international ge-sicherten gesetzlichen und technischen Auflagen könnte vieles bringen, aber auch Wertminderungen für die Unternehmen und damit Verlust an Steuersubstrate zur Folge haben. Würden das die Aktionäre tat-sächlich goutieren?

 

Mark Zuckerberg als Zauberlehrling, der Ruf tönt bereits laut und deutlich nach dem ordnenden Meister? Und diese Rolle sollen ausgerechnet jene übernehmen, deren einziges und wirklich angestrebtes Ziel die Wiederwahl und der Machterhalt ist?

 


  

Fly-In

 

Von aussen her betrachtet

 

Schon das Briefing schaffte klare Voraussetzungen, 5 bis 7 Kilo Gepäck waren angesagt. So stand ich am Donnerstagmorgen, kurz behost und folgsam mit 4,8 kg in demonstrativ gelassener Haltung im "Speck". Die Laune war blendend, der Himmel hingegen nicht mehr wie tags zuvor. Der Flugi – ich weiss, das sa-gen nur Laien – stand bereit und kam mir plötzlich irgendwie etwas gar klein vor. Zwei Spritzer Bachblü-ten von Jacqueline der Fluggewohnten verabreicht und ab ging’s über die Graspiste empor zum Himmel. Das Wetter verführte Dieter zu wenig optimistische Prognosen; ein erster Hüpfer sollte über Dôle und wenn alles gut geht bis Beaune führen. Im Kopf memorierte ich bereits die Speiserestaurants der Côte d’Or. Erste Lektion: Das Wetter interessiert einem schon ein bisschen mehr als sonst beim Fliegen.

In Dôle schien es, die Reise könnte möglicherweise doch weiter reichen. Allerdings, über dem hügeligen HinIterland verfinsterte sich der Himmel zunehmend und einige Spritzer auf der Scheibe liessen Ungutes ahnen. Geschickt kurvte Dieter die Cessna zwischen den grauen und dunkelgrauen Wolkentürme hin-durch, immer ein Auge auf die vorbei streichenden Kleinflugplätze gerichtet, auf einer Höhe, die uns

leicht die Zeit mit den Turmuhren der Kirchen vergleichen liess. (Typische Ansichten eines Greenhorns: Laut dem Piloten haben wir zu keiner Zeit die vorgeschrieben Minimalhöhe unterschritten!)

 

Bis der Hunger und das bleiche Schlucken von Jürg uns in Amboise quasi zu Boden zwang. Der kalte Wind liess darauf schliessen, dass wir bereits hinter der Gewitterfront sassen. Lange Hosen waren wieder ange-sagt. Aber gegen Westen zu hellte sich der Himmel auf und ein flottes Tempo war angesagt; geradewegs zur Île d’Yeu. Hier zeigte sich bald: Nicht alle Teilnehmer am Fly-In schafften den Sprung auf Anhieb. Beim Apéritif haben wir uns etwas kennengelernt und bei «Chez Père Raballand» schlürften wir bereits gemeinsam die Austern. Und irgendwann sind alle plötzlich schnell müde geworden.

 

Anderntags ging es per Bus um die Insel mit Zwischenhalt am Aéroport wo die Sigg's eben landeten und zustiegen. Viel tourist 'äuser und andere Ausblicke, aber eindeutiger Höhepunkt war die Gartenbeiz des «Port de la Meule», denn Durst war angesagt. Es ist wohl niemandem gelungen, das deutsche Wortpuzzle der Chauffeuse sinnvoll zusammenzusetzen. Nach leicht gehetztem Mittagessen ging es wieder in die Lüfte, mit Bordeaux als Ziel. Unser kurzes Auftanken in La Rochelle sollte sich taktisch als richtig erwei-sen. Sassen wir doch im „Mercure“ bereits beim Hopfen, als die Nachfolgenden sich erst mal nach der Dusche sehnten.

 

Das Nachtessen im noblen «Jardin de Burdigala» wurde mit einem Champagnerapéritif eröffnet; es folg-ten die Fantaisie de Langoustines au Vieux Vinaigre, das Filet de Bœuf en croûte, das leicht noch eine halbe Stunde bei 80° ertragen hätte,  und die obligate Assiette de Fromages Affinés. Abgerundet wurde das Dîner mit einem Vacherin aux Fruits de Saison und dem Café et les Mignardises. Meines Wissens stiegen anschliessend die Mässigen zeitig in die Federn. Eine kleine Delegation aus dem Zürioberland be-suchte das farbige und fröhliche fête de la musique in den Altstadtgassen von Bordeaux.

 

Der Samstag war eindeutig der vertieften Bildung gewidmet. Dem Besuch einer wirklich kleinen Höhle folgte eine Einführung in die zeitgemässe französische Verpflegung (Bocuse verdächtig) mit anschlies-sendem Museums- und Kellereibesuch. Eine kleine Programmänderung: Monsieur Rotschild empfängt ungern und samstags ohnehin nicht. Dies die Botschaft des Reiseleiters. Aber auch der propriétaire des Château Maucaillou schien Begegnungsängste vor seiner Kundschaft zu hegen.

La petite Suissesse die uns durch die Säle bis zur Degustation und zum Weinladen trieb, setzte alle, wirk-lich alle Mittel ein, um die Herren zum Weinordern zu verführen. Zugegeben, sie machte das echt profes-sionell. Zumindest zwei der Fliegerinnen musterten kritisch, ob das Scharwenzeln der gut geschnürten Blondine wohl zum Erfolg führen werde. Zur Ehrenrettung der Herren sei gesagt, der Verkauf fiel äusserst mager aus. Ich denke, auch der Wein hielt nicht alle Versprechungen. Auf der Rückfahrt bewies uns der Carchauffeur, dass der Strassenverkehr wesentlich grössere Risiken in sich birgt als die Fliegerei.

 

Die Dînerkarte im « Alhambra » versprach und hielt auch viel: der Velouté glacé de Tomate aux Moules

de Bouchot et son île flottante parfumée au basilic folgten les Escalopines de Foie Gras poêlées aux ceri-ses acidulées et herbes folles. Beides ausgezeichnet gelungen. Es folgte der Hauptgang in verschiedene Variationen. Zumindest mein Pigeon rôti et desossé à la folie d'Estragon dürfte die Pflichtzahl der Flug-stunden gut erfüllt haben. Die Tarte fine à l'abricot et gros sucre, crème fouettée parfumée à la liqueur versöhnte mich wieder mit der Küche. Der Sonntag führte uns über einen kurzen für mich ganz persön-lichen Abstecher im Südburgund und hoch über der Expo zurück ins Oberland.

 

Was bleibt? Ich habe Mitmenschen aus mir wenig vertrautem Kreis kennen gelernt. Der stinkfaule Hoch-flieger mit Drachenbegleitung (Originalton der Eigenbewertung) und die quirlige rousse, die ständig zwi-schen Übersprudeln und eingerolltem Schlafen pendelte, wie mir schien. Mitmenschen, die zu allem und jedem eine gescheite Erklärung wussten, selbst zu alten Filmmaschinen, und der sichtlich Feinfühlende, dessen Namen sonst blutiges verspricht (Hubertus: Der Balkan beginnt definitiv nach dem Arlberg). Der Benjamin der Gruppe, der für die Organisation zeichnete und deswegen auch einiges einstecken musste und nicht zuletzt der passionierte Tiefflieger, den ich zwar schon länger kenne und der als Bettnachbar unter meiner frühmorgendlichen Hochform arg leiden musste.

 

Ich habe gelernt, dass Flieger viel Gemeinsames haben mit den Jägern und Fischern. Mit Sicherheit ge-meinsam habe Sie eines: Alle "hypern" völlig, wenn es ums Meteo geht. Und ich habe erkannt, dass selbst geradeaus fliegen nicht unproblematisch ist. Ich danke im Namen von uns drei Gästen für die spontane und herzliche Aufnahme und die wirklich schönen Stunden, die wir mit Euch verbringen durften. 


 

 

Frauenstreik 2019

 

In der Arena beim Schweizer Fernsehen SFR: Ganz vorneweg, ich habe diese Sendung nicht durchge-halten, der Argumente, aber auch der Besetzung wegen. Erfrischend die beiden jungen Vertreterinnen, neben altbekannten politischen Schlachtrossen, diese, dem schnellen und manchmal witzigen Stil of-fensichtlich nicht gewachsen. Lustig, aber auch spannend finde ich Tatsache, dass der neue politische Schwung von zwei Frauen mit ausländischer Herkunft bestritten wird: Die linke Tamara Funiciello mit italienischem, die rechts-rechte Camille Lothe mit französischem Hintergrund. Aber als die Arena in die übliche Repetition längst wiedergekauter Argumente abglitt, habe ich es nicht mehr ausgehalten. Da

war selbst der Fussball noch attraktiver.


Aber natürlich ist die Frage «Braucht es einen Frauenstreik» schlicht auch nicht zu beantworten. Er hat einfach stattgefunden, spontan doch offensichtlich gut vorbereitet, liebevoll, witzig, manchmal gehässig, verständlicherweise und er konnte mehrere hunderttausend Frauen auf die Strasse treiben. Das Argu-ment des linksautonomen Subversion liegt schlicht daneben, die SP Schweiz wäre ausserordentlich glück-lich über den Zulauf: knapp 300'000 streikenden Frauen stehen etwa im Verhältnis 1 zu 20 den einge-schriebenen SP-Frauen gegenüber. Da können die Anliegen der so grossen Anzahl engagierter Schweize-rinnen jeglicher Herkunft doch nicht einfach ignoriert werden. Ein Tag auf dreihundertfünfundsechzig voller Happenings sind weiss Gott kein Problem in einer Schweiz die von freiwilligem und unfreiwilligem Aktivismus geprägt ist. Dass im Laufe der Aktionen ein Brunnen in feminines Lila umgefärbt wurde, war doch eine Pressefoto wert. Zu unserer Zeit löste die Umgestaltung des Dorfbrunnens in ein Schaumbad eine gestrenge Untersuchung durch den Herrn Bezirksrat aus. Frauen dürfen anscheinend Dinge tun, die sonst verboten sind. Und das ist gut so.

 

In meiner beruflich noch aktiven Zeit war «Gleicher Lohn für gleiche Arbeit» eine Selbstverständlichkeit. Zugegeben, die beamtete Laufbahn, die ich einschlug, war damals den Frauen noch gar nicht geöffnet. Wir Herren waren dem Konkurrenzdruck nicht ausgesetzt, obgleich ein paar Weibchen die Klasse schon etwas aufgemischt hätten. Später fiel es dem Unternehmen leichter, die Karrieren der diplomierte Lauf-bahnen mit ausgesuchten Frauen zu bestücken. Allerdings kamen die fast durchwegs unverheirateten Damen leicht in den Ruf der Quotenfrauen. Leider, à mon avis. Dass der erste weibliche CEO über einen Finanzskandal stolperte, ist schade, aber es wurden im selben Unternehmen schon Generaldirektoren wegen wesentlich kleineren Summen in die Wüste geschickt.

 

Auch im Ausland hat dieser Anlass seine grosse Beachtung gefunden. Die Meldung « Grève féministe en Suisse» hat auf allen französischen TV-Sendern Erstaunen ausgelöst, aber auch Heiterkeit: Gibt es über-haupt sowas in der perfekten Schweiz? Wer regt sich en France denn schon auf von wegen geschlechts-bedingter Lohnunterschiede, wenn 43% zum SMIC-Lohn, dem Mindestlohn, arbeiten. Frauen wie Männer.



 

Grenzenlos

 

ist die schweizweite Betroffenheit der Medienschaffenden, wenn ein «Topshot» einfach so aus dem Leben scheidet. Noch nicht einmal fünfzig, ein Star am Himmel der Wirtschaftswelt, unersetzlich beinahe; einer der nach einem 18-Stundentag auch noch sportlich an die Grenzen ging, geschätzt im Unternehmen, hart in den Entscheiden, hart mit sich selbst. Ein emotioneller Tsunami überschwemmt die Presse, man über-bietet sich an lobenden Nachrufen, selbst von den schärfsten Konkurrenten. Und endlich erkennt man in seiner ganzen Tiefe, wie grausam das Leben mit unseren Managern umgeht. Ein Moment zum Nachden-ken.

 

Nicht ganz selbstlos ackern diese Wirtschaftsprimaten. Ruhm, uneingeschränkte Anerkennung und ein sie-benstelliges Salär und vielleicht ein finaler Karriereschritt winken. Zugegeben, Meier und Müller arbeiten auch hundert Prozent, aber doch nicht so. Und, nur so nebenbei, gerade deshalb musste diese unsägliche Eins-zu-zwölf-Initiative haushoch abgelehnt werden. Der richtige Moment zum Nachdenken.

 

Sind Mitmenschen, die riskieren, dafür alles zu verlieren, die eigene Persönlichkeit, die Familie, die ech-ten Freunde, die Gesundheit, sind diese Mitmenschen wirklich dazu geeignet, ein menschengerechtes Um-feld in den Unternehmen zu schaffen? Sind Mitmenschen, die mit dem Kopf, mit dem Körper und mit der Seele ständig an die Grenzen gehen, tatsächlich die richtigen Verantwortungsträger? Echtes Bedauern dafür, dass hier ein Mensch freiwillig aus dem Leben ging, ok, Mitleid mit den gebeutelten Managern ganz sicher nicht.  Nachdenken ist durchaus erlaubt.

 

 

 

 

Ich bin links...

 

Täglich begegnete mir einst auf dem Heimweg dieser Spruch, bereits vor Jahren schwungvoll auf einen gelben Kleidercontainer gesprayt. Mit zunehmender Reife habe ich natürlich gelernt, dass derartige Aus-sagen immer eine Frage der eigenen Position sind. Also wenn ich die Querelen in der SP verfolge, dann habe ich zuweilen den Eindruck, es geht vor allem darum, wer wie links von Links steht und um dies her-auszufinden, hat man sogar eine Basisdiskussion losgetreten, deren Ende noch nicht abzusehen ist. Auf der anderen Seite und wenn ich die halbseitigen Inserate einer hier nicht namentlich genannten Partei lese, wird mir eindrücklich klar, dass für den "Robin Hood der Einäugigen" von Herrliberg, ohnehin jeder links von ihm ist, der nicht präzise in seinen Latschen steht. Denkt mal, all die Sozialisten, die es anschei-nend in den anderen Parteien gibt, würden in die SP konvertieren!

 

Zugegeben, ich bin auch links, zumindest wenn es um das Kraftwerk Herz geht. Es schlägt auf der linken Seite, unbeirrbar, was im Hirn auch gerade vorgeht. Allerdings musste ich schon im zarten Alter von elf Jahren erfahren, dass das nicht für alle Mitmenschen zutrifft. Da hatte doch der Schularzt tatsächlich herausgefunden, dass der gleichaltrige Bäckerssohn das Herz in der rechten Brusthälfte trug. Ich nehme an, es war dies nicht eine spontane Strafe des Schöpfers, obgleich der Bäckermeister als aufrechter Ge-werbetreibender natürlich wenig gemein hatte mit den linken Brüdern aus der Maschinenfabrik. Ausser, dass er ihnen sein Brot und an Festtagen seine Original Schwarzwäldertorte verkaufte.

    

Links war zu jener Zet nach meinen Begriffen ohnehin nur meine neun Jahre ältere Schwester Margret:

Sie hörte Jazz, las Sartre, verkehrte im Café Select und färbte sich die Haare. Aber ich bin da jetzt etwas abgeschweift.

 

Ich bin links, wenn es darum geht, meine Kollegen wieder einmal daran zu erinnern, dass unternehme-rischer Erfolg weitgehend vom Wohl der in Kürze wieder raren Mitarbeitenden abhängt. Die müssten ei-gentlich mehrheitlich Linke sein, denn sie bleiben meistens nett, selbst wenn man ihnen die wohlverdiente Lohnerhöhung abschlägt.

Manchmal bin ich sogar stramm links, quasi political correct. Besonders wenn ein bekannter Politiker, der ständig zwischen bedingungslosem Gehorsam gegenüber seinem Parteiboss und seinem Auftrag als Volks-vertreter hin- und her laviert, am Stammtisch unbedingt seine dümmlichen Ausländerwitze loswerden muss, obgleich er ein miserabler Witzerzähler ist. Man sollte es ihm einmal sagen.

 

Der Sturm hatte den besprayten Container umgeblasen; er lag eine Woche auf der rechten Seite, natür-lich immer aus meiner Sicht.

 

  

 

Klassentreffen

 

Eigentlich wollte ich nie wieder an meine Schulzeit erinnert werden. Wohl schon deshalb, weil ich mich in diesem ersten Lebenskorsett nicht wohl fühlte. Zu viel der Zwänge, zu viel „das musst Du auch noch“, zu viel des Meisters, der da vor der Klasse stand und Absolutes erzählte. Als immer etwas kränklicher Sprän-zel mit umgekipptem Bürstenschnitt war ich bestens für die Hänseleien meiner Schulkameraden geeignet. Dazu kam, dass ich als einziger Sohn eines Kranzschwingers und Dorfprominenten nicht so recht dem Vorbild entsprechen konnte. Das Leben half dann kräftig mit, dass der Tommy von der Post zum Thomas mit eigenen Vorstellungen und Kompetenzen heranreifte. So dass das Schultrauma einer halben Gene-ration von Jungs keine Last mehr war. Die Mädchen hatten und haben da weniger Mühe. 

 

Also bin ich wieder der Einladung zum weiss-nicht-wievielten Klassentreffen gefolgt. Natürlich kommen

die Einen um die alten Schulschätze wiederzusehen, andere um über irgendwelche komische Schulge-schichten zu lachen. Das sind vermutlich jene, die die ehemaligen Hefte aufbewahren. Ich habe bei der letzten Züglete den „Hösli“ endgültig fortgeworfen. Leçon 6 oder so: „Jean se brosse les dents avec la brosse à dents“. Und letztlich kommen auch einige, nur um zu schauen, wie die anderen alt werden. Auch dies ist nicht zu verargen. 

 

Bref, wir haben uns in der Ambassadoren-Stadt Solothurn getroffen, in der unsere Susi, die hier offen-sichtlich bekannte Suzanne, nach wie vor und sehr kompetent als Stadtführerin waltet. Selbstverständlich gab es ein paar Erinnerungen ins Zurück, aber man spürte, wichtig sind jetzt andere Dinge, die eigene Gesundheit, die Enkelkinder, die verbleibenden täglichen Aufgaben und Gedanken an ein gelebtes Leben, zumindest an dessen Höhepunkte. Was früher ein Ganztagesausflug mit Essen und anschliessendem Tanz bis in den späten Abend war, hat sich zu einer nicht allzu anstrengenden Führung und etwas noblerem Essen gewandelt. Anschliessend abgerundet mit einer gemütlich Schifffahrt bis zum nächsten grossen Bahnhof. Wo man sich dann plötzlich ziemlich schnell verabschiedete. Ich habe diesen Tag in Biel mit ei-nem „entrecôte chevaline“ und in heiterer Runde im Hotel abgeschlossen. Und vorgenommen, wieder zu kommen.

 

Vor ein paar Jahren beschloss man, den üblichen Fünfjahresrhythmus auf drei Jahre zu kürzen; an der let-zten Begegnung hiess es nun, „also dann in zwei Jahren, wenn wir fünfundsiebzig sind“. Wir werden älter, die Chancen, nochmals alte Schätze zu umarmen und über Schulerlebnisse zu lachen, schwinden rapide. Es gilt, was der noch verblieben Lehrer uns ans Herz legte: Pflegt weiter diese bald seltenen Begegnun-gen und vor allem, bleibt gesund. Lieber Guido, wir geben uns alle Mühe! 

 

Verfasst auf der Heimfahrt im Stau auf der französischen A 40  

 

  

 

Hochdeutsch

 

Die Deutschschweizer sind die Einzigen im deutschen Sprachraum, die Schriftdeutsch sprechen.


Alle andern bezeichnen ihre Muttersprache als Teil der deutschen Hochsprache. Ob sie nun bajuwarisch palavern, am Bodensee schwäbeln, Berlinerisch oder gar in Kölsch ihre Geschichte erzählen. Aber immer in Deutsch. Zugegeben, wenn ungeübte Eidgenossen ins Mikrofon sprechen sollten, kommt das zuweilen schon ein bisschen sehr ungelenk daher. Dem urschweizerische Spassvogel Emil ist zu verdanken, dass das eigenartige Deutsch trotz allem auch in Deutschland sympathisch schien. Andererseits, begegnet man dem heimatlich gefärbten Filmwerk von BR, SWR und OE, ruft es manchmal ebenso laut nach Untertite-lung.

 

Ein heute leider etwas entfernter Freund klammerte sich einst verzweifelt an den Titel «Redakteur», der schweizerische «Redaktor» schien ihm zu unprofessionell. Aber der Verlag in der Ostschweiz liegt wenig-stens halbwegs auf dem Weg in seine Heimatstadt Wien, die, quasi am äussersten Rand der Lingua Germanica gelegen, ein Hort von manchmal sehr zweifelhaften Lehnwörtern. Aber er spricht deutsch,

sagt er. Wie sein ehemaliger Redaktionskollege, damals noch beim Boulevard; ein Bayer. Na ja.

 

Im Laufe einer Arbeit, die in eine lesbare Form gebracht werden sollte, erlebte ich die spürbare Verwur-zelung in meinem heimatlichen Idiom, einer Sprache, die sich nach wie vor wehrt gegen Grammatik-regeln und Ausdrucksweisen, die eher an Mathematik erinnern. Aber das ist eine persönliche Angelegen-heit. Da hatte es der Gotthelf schon noch ein bisschen einfacher, aber schliesslich richtete er sich auch direkt an das Volk, in deren Mitte er lebte. 

 

Nun, Schriftdeutsch war zu unserer Zeit für manchen Lehrer ein echtes Pflichtfach. Nach Aktivdienst-erfahrungen konnte es nicht sein, uns Schülern ein lupenreines Deutsch beizubringen. Gestern noch Feinde und jetzt wieder normaler Mitmensch ennet dem Rhein. Also wurde ein zwar korrektes Deutsch vermittelt, aber auf eine Weise, dass manche sich auch heute nicht recht wohl fühlen gegenüber der geschliffenen, zuweilen allzu präzisen Ausdrucksweise unserer nicht nur sprachlichen Nachbarn im Nor-den. Gut, etwas besser mit jenen im Spätzle- und Riesling-Gürtel aufgrund der gemeinsamen alema-nischen DNA.

 

In unserer Gemeinde gab es da einen welschen Uhrmacher aus dem Jura. Auch nach dreissig Jahren wa-ren seine Deutschkenntnisse äusserst mager, aber die Serviertochter verstand jedenfalls sein Wunsch nach einem demi du blanc. Für ihn gab es gar eine innerschweizerische Grenze; er unterschied lediglich zwischen «Schwabe und Söischwabe». Warum er ausgerechnet im Zürcher Oberland seine «Butik» er-öffnete, blieb unklar.

 

Aber zurück zum Projekt. Der Lektor verfolgte meine Texte, korrigierte, machte Vorschläge und ebnete,

so dass auch Lesende im gesamten Sprachgebiet sich angesprochen fühlen können. Das ging nicht immer ohne kleine Friktionen, Abwägen, ob der Schreibende sich im Text wiedererkennt, Sprünge, die der Lektor partout nicht verstehe will, auf denen aber beharrt wird. Ich habe mein Schreiben nie als Ringen mit den Worten empfunden. Gut, Monate später findet man vielleicht eine Formulierung wenig elegant. Dann wird eben neu geschliffen, mit modernen Schreibsystemen kein Problem.

Bleibt die Frage, werde ich jetzt ein anderes Deutsch schreiben, ein germanisches anstelle des alemanni-schen, ein allseits verständliches anstelle einer Schreibe, die links und rechts Möglichkeiten zum Ab-schweifen, zum Weiterdenken erlauben?

 

Ich bleibe wohl ein weiterhin im Schriftdeutsch gefangener Schreibender. 

 


 

Männer kochen

 

Am letzten Klassentreffen war da noch die Frage nach der Mitarbeit der Herren im Haushalt; schliesslich ist nicht nur Monsieur pensioniert, auch Madame bezieht Rente. Wenigstens in den meisten Fällen. Al-lerdings scheinen die Geburtsjahrgänge aus dem zweiten Weltkrieg noch gut in der Tradition verankert zu sein. Aber die Zeit ist nicht nur vorübergegangen, ein paar wesentliche Fortschritte dürften auch dem Büro für Gleichstellungsfragen nicht entgangen sein. Immerhin haben die Herren mittlerweile auch die Funktionalität des Staubsaugers verinnerlicht und kennen sogar die meisten nicht maschinellen Haus-haltgeräte. Und sie dürfen beim Einkauf nicht nur das Wägeli schieben, sondern ab und zu auch eigene Wünsche hineinschmuggeln. Kurz, wir alle sind auf dem besten Weg.

 

Ebenso nicht entgangen ist, dass bereits viele der Männer die Königsdisziplin des Haushaltes in Anspruch nehmen; ihre Präsenz in der Küche ist nicht mehr zu übersehen. Bemüht sich die tüchtige Hausfrau, täg-lich etwas Leckeres auf den Tisch zu bringen, wagt sich Monsieur an Gerichte, die ausserhalb der übli-chen Hausmannskost liegen. Dabei kocht er Dinge, die Madame nie riskiert hätte. Weiss die doch genau, dass ein unübliches Gericht durchaus weder die Zustimmung noch den Gusto des Hausherrn treffen kann. Man kennt ja seine Pappenheimer, nicht?  Wohl deshalb halten sich viele Frauen an Rezepte von Muttern oder wenigstens von Betty Bossi; Gerichte mit Geling-Garantie, quasi.

 

Was vor mehr als drei Dezennien noch misstrauisch betrachtet wurde, ist heute bereits Geschichte: Män-nerkochklubs. Da treffen sich einmal im Monat mehrheitlich reifere Herren in Schul- oder anderen freien Küchen zum geselligen Abend, um gemeinsam mindestens einen Dreieinhalb-Gänger zu kreieren: Aperitif, Vorspeise, Hauptgang und Dessert. Vorbereitet und geleitet vom jeweiligen Küchenchef. Inklusive ab-schliessender Beurteilung, die manchmal auch unter dem Eindruck der grosszügig begleitenden Getränke stehen kann. Wenigstens einmal im Jahr, vorzugsweise am Muttertag, werden die Damen eingeladen; vorgängig weist der Tageschef darauf hin, etwas gesittet zu konsumieren. Begleitet wurde damals diese ausschliessliche Männerdomäne in seiner eigenen Kochzeitung „Marmit“. Später nahmen ein paar Frauen die Idee auf und gründeten die „Gastrosophinnen“, was manchem der Herren sehr in den falschen Hals geriet.

 

In der Zwischenzeit hat sich ohnehin einiges geändert. Wird man heutzutage bei jüngeren Leuten ein-geladen, ist es der Hausherr, der sich um die Kreation des Menus kümmert. Madame unterhält die Gäste und Monsieur produziert zumeist Aufwändiges und vielmals Anspruchsvolles. Das ist dann durchaus nichts aus dem Band „Das fleissige Hausmütterchen“, vielmehr werden da exotisch angehauchte Tellerchen und Teller serviert, entnommen aus prominenten Kochbüchern oder von Reisen heimgebracht. Die Dame des Hauses findet es schick, diese Domäne dem Partner zu überlassen, vielleicht hat aber die mühselige Pla-ckerei einfach keinen Zugang in das Leben der karrierebewussten Frau gefunden. Zumindest das Auf-räumen am späten Abend findet manchmal seine Gemeinsamkeit wieder. Aber auch Männer hinterlassen die Küche nicht mehr im Chaos, sie putzen zuweilen geradezu mit pingeliger Aufmerksamkeit.

 

Zugegeben, ich habe auch lange Zeit den monatlichen Freitagabend im Kreis meiner Confrères geniessen dürfen; bis heute ist es immer noch meine kleine Leidenschaft, die Kochschürze anzuziehen. Eine der ver-bleibenden kreativen Möglichkeiten für Männer im fortschreitenden Alter, ausser man ist als Künstler ge-boren. Weiter muss ich gestehen, dass ich ausserordentlich Mühe habe, nach Rezept zu kochen. Immer wieder schleicht sich eine Erweiterung oder Neugestaltung ein, der kreative Akt eben. Dass wir ab und zu auch gemeinsam für Gäste kochen, ist ein Zeichen gastronomischen Niveaus, das gemeinsame Aufräumen ebenso.

 

 

   

Mit Männern kann man nicht reden

 

Man fühlt sich unverstanden, auf Äusserlichkeiten reduziert; Männer sind humorlos, konfliktunfähig und vergessen ständig, zurückzurufen, sagt Frau…


Männer reden vor allem über etwas und wesentlich weniger über jemanden. Männergespräch ist weniger Monolog, vielmehr dienen die Gespräche zur gegenseitigen Unterhaltung, als Markierungen im Männer-kreis. Derbe Sprüche kein Problem, die unanständigsten Witze werden ja ohnehin von Frauen erzählt. Auch Blondinenwitze von Blondinen. Zugegeben, Männer können nur unter Männern über sich selbst la-chen. Bei Frauen, die uns auf den Arm nehmen, wirkt meistens die gute Erziehung von Muttern; gegen-über „Frau“ bleibt man zumeist höflich, auch wenn sie sich noch so danebenbenimmt.

 

Nur Frauen wissen immer noch nicht, dass Männer sehr verletzlich sind. Männer leiden wesentlich mehr unter den Verletzungen, die ihnen beigefügt werden, weil sie wegen der von Mami anerzogenen Beiss-hemmung sich nicht im ihnen zustehenden Mass wehren dürfen und können. Den logischen Argumenten der Männer stehen Tränen, Wutausbrüche und Vorwürfe wegen der „verschenkten besten Jahre“ oder weiss Gott was gegenüber.

 

Richtig ist, dass Männer sich von Äusserlichkeiten leicht beeinflussen lassen. Wer stellt denn täglich mit sämtlichen Reizen die Aufmerksamkeit der Männer auf die Probe? Wer kennt nicht die Vorwürfe, wenn

die kleinste Veränderung nach dem Coiffeurbesuch nicht gebührend beachtet wird?  Warum können Män-ner nach einem Streit arbeiten gehen, einfach so? Nichts leichter als das: sie müssen arbeiten gehen, in jedem Fall und sie müssen dabei erst noch erfolgreich sein.

 

Im Übrigen gibt es noch wesentlich wichtigere Dinge, als endlos über irgendwelche Nichtigkeiten zu strei-ten, die der Vollmond und/oder die Monatsregel auslöste. Und zu guter Letzt: Männer rufen durchaus zum versprochenen Zeitpunkt an; genau dann nämlich, wenn die Agenda dies neben anderen ach so wichtigen Dingen anzeigt. Männer sind keine Rätsel, aber sie sind es wert, liebevoll behandelt zu werden. Vielleicht braucht man morgen schon wieder ihren von Muttern anerzogenen Beschützertick. Sagt Mann...

 

  

 

Mit Noldi Schwarzenegger per Du

 

Triumpf strahlt aus ihren Augen, wenn sie mir aus den Hochglanzprospekten entgegensehen. Links das „Vorher“ mit runden hängenden Schultern, schlotterndem Hemd und langem Gesicht. Rechts das „Nach-her“, strotzend vor Lebenskraft, Mundwinkel nach oben, total happy. Zwar mit zerrissenem Hemd im Rücken und über den Oberarmen, aber jetzt mit Brustumfang hundertvierzig, schwellenden Brustmus-keln, dass selbst gut gepolsterte Damen vor Neid erblassen. Der Bizeps stärker als mein Oberschenkel und der Trapezius (!) droht den immer kleiner werdenden Kopf förmlich in der Muskelmasse zu ver-schlucken.

 

Seit ich mit meinen zahlreichen Lenzen doch einige Mühe bei der Weiblichkeit bekunde, stehe ich schon vor der Frage, etwas gegen den Schlappi, mehr in Richtung Noldi zu tun. Bei uns im Dorf ist auch so ein Zentrum entstanden: Hier werden Figuren gebaut. Ja richtig gebaut. Jeder Muskel, jedes Müskeli wird getrimmt, gestählt, trainiert, um dereinst dann die fettglänzende Pracht tragen zu können. Kommerzielle Body Builders treiben dich von Folter- zu Foltermaschine, emsig darauf bedacht, dass nichts, aber auch gar nichts ausgelassen wird. Gut, wenigstens zweimal die Woche für drei, vier Stunden reichen, um die Toppfigur zu halten. Aber um den „wirklich schönen Körper“ eines Arnold Schwarzeneggers zu erreichen, muss man halt doch mindestens zwei Stunden täglich… Dazu kommt noch die Kraftessenz aus der Büc-hse, anstelle von fettbildendem Essen, wahre Eiweissbomben, ohne die eine derartige Muskelproduktion schlichtweg nicht möglich ist. Zugegeben, etwas sehr teuer; aber ein glückliches Leben fordert seine Opfer.

 

Zwar funktioniert die Verdauung nicht her so richtig, man ist etwas vergesslicher geworden und weiss auch nicht mehr so recht, wieso all die hübschen Weibchen sich wegen einem umdrehen. Aber wenn man vor dem grossen Spiegel steht, sich dreht, die Wahrheit über jeden Muskel kennt, angespannt bis zur Schmerzgrenze und doch glücklich lächelt… Ein echt erfülltes Leben, sportlich gestählt und erfolgreich, überall bewundert und beliebt!

 

So, und jetzt binde ich die Küchenschürze um. Ein herrliches Stück Fleisch wartet in der Mariande, bis es gewürzt, geklopft, gespickt und gefüllt wird. Farbenpracht verbreitet das Gemüsebouquet und wohl-schmeckende Gerüche ziehen durch die Küche: „Lieber eine kaputte Figur als eine kranke Seele!“

 

  

 

November

 

Pünktlich zu Beginn des Nebelmonats fallen die Einen in tiefste gedrückte Stimmungen, andere fiebern dem 11.11., dem 1. Narrentag entgegen und die Jäger feiern ihren Schutzheiligen Hubertus mit viel Jä-gerlatein und Kräuterlikör. 

 

Für uns hat der Novemberbeginn seine besondere Bedeutung: Am 3. November 1991 erwarben wir unser erstes Heim im Burgund. Ein Traum aus goldenen Kalksteinen, bei dem man nur an einer Ecke nicht ins Freie sehen konnte, weil da noch ein Turm angebaut war, oder wie es die Wirtin in Bonnay wenig char-mant ausdrückte, „ce n’est pas une maison, c’est une ruine“. Spontan war ich zu tiefst beleidigt. Immer-hin hatte dieser Steinhaufen einen Namen, „Le Montagnon“. Zusammen mit den Handwerkern bauten wir die ehemalige Weinpresse und Teil der Aussenbefestigung des Châteaus mit viel Ideen, ebenso viel Öko-logie und noch mehr Angespartem zu einem Bijou um, das der zu Beginn stark zweifelnde Maurer Roland nach der Fertigstellung stolz zukünftigen Kunden präsentieren wollte.

 

Damalige Kollegen stellten verständlicherweise Fragen; was will der denn mit sowas im jugendlichen Alter von achtundvierzig. „Vorbereitung auf die 3. Lebensphase“ als Antwort liess einige Zweifel zu. Zwölf Jahre später, mit Blick auf mögliche Frührenten, begriffen auch jene, die damals an meinem Geisteszustand zweifelten, dass noch etliche Jahre auf neue Inhalte warteten.

 

Für uns, besser für mich, war in der Zwischenzeit das Montagnon zu klein geworden, die steinerne Wen-deltreppe aus dem Abbruch in Cluny nicht mehr altersgerecht, die Idee gereift, die Arbeitslebenszeit elegant abzukürzen. Ein anderes Haus im mittelalterlichen Kern des Städtchens Saint Gengoux le Natio-nal hatte in der Zwischenzeit weitere Ferien und ebenso Kapital aufgefressen. Das Haus getauft auf den Namen „Espérance“ ist zwischen der rue de l’Espérance, der Hoffnungsgasse und der rue des Chapeliers, der Hutmachergasse eingeklemmt. Eine Baute aus dem späten 15. Jahrhundert.

 

Eine Neudefinition der Renten drohte, es galt, zu rechnen und Entscheidungen zu treffen. Im Oktober feierten wir zusammen mit Kunden, Personal und Freunden  die Übergabe an einen jungen, hochge-schulten Nachfolger. Es war zugleich mein Sechzigster, was im Jubel schlicht unterging. Wenige Tage später wurden die Habseligkeiten verladen, denn am 3. November 2003 war die letzte Bauphase ange-sagt, der finale  Einbau der Küche im Stadthaus.


Sieben Jahre später, just anfangs November fand ich mich, diesmal als main-d’oeuvre des nach wie vor demselben Maurer, jetzt ebenfalls pensioniert, auf der Baustelle der Moulin de Chigy wieder, während meine Margrit die Renovation der Innenräume anpackte. Einmal mehr waren wir in einen Hauskauf hin-eingeschlittert, der uns viel abverlangte. In jeder Hinsicht.

 

Heute ist der 3. November, einmal mehr. Dazwischen sind satte 26 Jahre vergangen. Beschlossen ist,

ab nun kürzer zu treten. Allerdings nehmen uns neue Pläne wieder in Anspruch. Noch gibt’s kein Ende. Keine Depressionen, keine Narrentage und keinen Hubertus, versprochen!

 

 

 

 

Potage Garbure

 

Verlesen an der Sitzung der Ärzte der Klinik, M. le directeur de l'hôpital s'amusait délicieusement...


Tout d’abord, je sais bien, les ravitaillements dans les institutions hospitalières sont un point faible, pas seulement en France. J’ai eu la chance de venir être opéré par un spécialiste jeune et vraiment persuasif, naturellement toujours de mon avis. Il m’a envoyé sur le chemin de guérison d’une façon très motivante.

 

Après des jours de carême rigides on a débuté avec de la nourriture légère. C’est raisonnable et néces-saire. Alors : Le samedi à midi du potage, un yoghourt nature et un petit bol de compote de pommes. Le soir du potage, un yoghourt nature et un petit bol de compote de pommes. Le dimanche du potage, un yoghourt nature, un petit bol de compote de pommes et une petite portion des pâtes mollettes. Le soir du potage, un yoghourt nature, un petit bol de compote de pommes et une petite portion de féculent, cette fois du riz mollet.Les pâtes vinrent à manquer, je pense. Le potage se présentait déjà très, très faible. Heureusement j’ai toujours une petite dosette d’aromate avec ; une vieille habitude d’un homme bien voyagé.

 

Ce potage. Tout jeune, j’ai eu la chance à servir chaque jour une autre sorte de potages à notre clientèle dans l’auberge de jeunesse. Le chef de cette époque m’a bien guidé et chez lui j’ai appris, quand toutes les soupes sont passées, on met les restes ensemble et on produit un « Potage Garbure ». Hélas, après 50 ans j’ai retrouvé cette fameuse soupe, pas la recette originaire, trop fine. Au début c’était pas mal, mais quatre fois en suite, pur et dur, ce n’est pas très imaginatif, sans amour et surtout pas très profes-sionnel. On dit, « le patient est en bonne santé plus vite s’il est nourrit tendrement ». Il ne faut pas de luxe, pas des gourmandises, ce n’est pas l’hôtellerie distingué ! Mais il faut vraiment un peu plus d’enga-gement et créativité au ravitaillement dans les hôpitaux. 

 

« On ne peut pas être un bon cuisinier si on n’aime pas les gens » dit un chef français bien connu.

 

 

Und die deutsche Version:

  

Potage Garbure

 

Offener Brief verlesen vom Direktor der Klinik an der montäglichen Ärztesitzung.

 

Ganz zuerst: ich weiss sehr gut, dass die Verpflegung in den Spitälern ein etwas sensibles Thema ist, nicht nur in Frankreich. Ich hatte die Chance, von einem jungen und überzeugenden Spezialisten operiert zu werden; natürlich immer aus meiner Sicht. Und anschliessend schickte er mich auf motivierende Art auf den Weg zu Genesung.

 

Nach rigiden Fastentagen begann es mit leichter Kost. Das ist vernünftig und nötig. Also: Zum samstägli-chen Mittagessen eine Suppe, ein Joghurt nature und ein Schälchen Apfelmus. Am Abend eine Suppe, ein Joghurt nature und ein Schälchen Apfelmus. Das sonntägliche Mittagessen bestand aus einer Suppe, ei-nem Joghurt nature, einem Schälchen Apfelmus und einer kleinen Portion verkochter Teigwaren und am Abend gab es nota eine Suppe, ein Joghurt nature, ein Schälchen Apfelmus und eine kleine Portion ver-kochter Reis. Anscheinend waren die Teigwaren ausgegangen.

Die Suppe präsentierte sich fade, bar etwelcher Würze. Immer ein Döschen Aromat im Gepäck dabei; rät der vielgereiste Mann.

 

Zu dieser Suppe: In meiner jugendlichen Zeit durfte ich in der Jugendherberge unserer Kundschaft täglich eine andere Suppe zu reichen. Der Chef jener Zeit hatte mich gut eingeführt und mir beigebracht, wenn alle Suppen durch sind, nimmt man die Reste zusammen und produziert eine «Potage Garbure». Bei Muttern hiess dies Restesuppe. Hurra, nach 50 Jahren bin ich wieder auf diese famose Suppe gestossen, zugegeben, nicht wirklich das Original, weil zu fein püriert. Zu Beginn war sie nicht schlecht, aber viermal in der Folge, geradeaus gesagt, nicht sehr phantasievoll, mit wenig Liebe zubereitet und sicherlich nicht sehr professionell. Es heisst doch, der Patient genese viel eher bei liebevoller Ernährung. Es bedarf keinen Luxus, keine Leckereien, dies ist keine vornehme Hotellerie, es bräuchte eigentlich nur ein bisschen mehr Engagement und Kreativität in der Spitalverpflegung.


Ein bekannter französischer Chef sagt: «Liebt man die Menschen nicht, wird man nie ein guter Koch».

 

Die Ärzteschaft soll sich köstlich amüsiert haben. Jedenfalls ziert eine Kopie des Briefes mein Dossier beim Chirurgen.





Star Wars 2015

 

Keine schöne Weihnachtsgeschichte

 

Gerade zur rechten Zeit startet die amerikanische Filmindustrie. Nicht etwa wegen der vielen Sterne, die allerorts hängen, über dem Kirchplatz, an jedem Laternenpfahl, in den Strassenrondellen und selbst an den rosaroten Plastikweihnachtsbäumen. Das wäre ja noch verständlich, denn, „es weihnachtet sehr!“ Kalendergerecht.

 

Pünktlich zur Eröffnung der alljährlichen Einkaufsorgie in Paris erfolgte der Auftritt einer Hundertschaft von weissen Plastikestalten. Die traditionelle Überführung des Christbaumes für den Elysee per Schiff

aus dem burgundischen Morvan in die Hauptstadt ist gerade noch eine Fussnote wert. Es füllen sich die Gestelle der Spielwarenabteilungen mit weissen und schwarzen Robos, Kinder und, sagen wir mal, Noch-nichtganzerwachsene reissen sich um rote und blaue Lichtschwerter und um Cinemabillette, die Massen-hysterie erfasst alles und jedes und selbst auf der Wasserflasche aus der ich trinke steht „Star Wars, le Réveil de la force!“ 10% der französischen Haushalte werden auch dieses Jahr einen Konsumkredit er-betteln müssen, um dem mittleren Weihnachtsbudget von 390 euro entsprechen zu können, nota bene exklusive Fois gras, Austern, Chaperon und Champagner. Um letztlich das knappe Geld für Wertloses de-signed in Hollywood, made in China auszugeben. Kein Friede auf Erden und der Krieg findet am Himmel statt. Folge dem Stern, aber wohin denn?

 

Auch wenn lediglich noch 23% „des Français et Françaises“ ihren Staatspräsidenten lieben, er bleibt we-nigstens hier standhaft. Dafür macht sich der mächtigste Mann der Welt zum Idioten und tritt mit zwei weissen Robotern in die Pressekonferenz. Zugegeben, er und all die Kandidaten, die seinen Job kaufen möchten, haben es nicht besonders einfach. Die amerikanischen Siegerträume erlebt man schon seit Langem nur im Kino und jetzt definitiv im Weltall. Hienieden auf Erden ist die Wirklichkeit. Zur Erinne-rung: Korea, Vietnam, Afghanistan, Irak, Somalia, Syrien und ohne Ende und immer mit demselben Unverstand auf der falschen Seite. Immer! 

 

Selbst mit digitalisierten Actions lässt sich keinen Krieg zu gewinnen. Und schon gar nicht einen Frieden. Und der findet nie im Kino statt.

 

 

 

 

Vernunft

 

Der Preis der Vernunft ist der des Verlustes seiner Träume

 

Auf der Suche nach der Vernunft anhand der ungewöhnlichen Häuser, die uns durch das Leben begleite-ten. Es begann erstmal in Miete in einer ganz gewöhnlichen Blockwohnung, in der Folge das Leben im ersten Holzelementbauhaus aus dem Jahr 1937 am Greifensee, in der Jugendherberge am Wolfgangsee, im Schloss Schwandegg und in einem typischen Gasthaus im Riegelbau am Untersee.


In unserer Jugendzeit wurden die Rentengelder noch ausbezahlt, wenn man die Stelle wechselte. So kam 

es, dass die kleine Summe, die mich zu einer neuen Laufbahn begleitete, in einem Häuschen im Malcan-tone angelegt wurde. Ehemals Ampelia’s Grotto, in der sie die Gäste betreute; verblieben bei ihrer Mutter, weil sie den Lockungen eines Deutschschweizers nicht folgen mochte. «Wotsch oder wotsch nüd?» So füllte sie ein Leben lang die tazzin’ mit Nostrano und sang mit der Bandella Lieder, romantische und trau-rige. Das Häuschen, Wirtsstube mit dem ewig rauchenden Kamin und ein Nebenraum, über dem Keller, in dem Guglielmoni’s Salame und Hundeschenkel reiften. Und unter dem Kreuzgewölbe das wassergespülte Örtchen. Zwar planten wir einen Umbau, aber irgendwie versickerte unser karger Lohn als Leiter einer Bündner Jugendherberge wie die Abwässer der Toilette. So lange die Kinder noch nicht eingeschult waren, verbrachten wir lange und herrliche Zeiten in den Zwischensaisons, die Abende zusammen mit Freunden, Aussteiger aus der Deutschschweiz, Lebenskünstler, Gelegenheitsarbeiter und nicht zuletzt Toni, der die Antennen so ausrichtete, dass auch die italienischen Sexfilme den Weg in die Tessinerstuben fanden.


Ein paar Jahre dahin, es galt die Rückkehr in das Züribiet und ins Beamtenleben zu finden, diente die ge-löste Summe aus dem Verkauf als Anzahlung an eine neue Wohnstatt. Ticino ausgeträumt, ein Reihen-haus in einer selbstverwalteten Siedlung wurde unser neues Zuhause. Dreistöckig, schmal, alternativ, modern, eine Dachterrasse mit Blick vom Säntis bis zum Etzel, eine verdichtete Wohnsiedlung die die Meinungen des Quartiers spaltete. Kinderfreundlich mit eigenem Schwimmbad, Tennisplatz und Gemein-schaftshaus eine spannende Wohnform für die Einen, Karnickel-Ställe für die Anderen. Jedenfalls fühlten wir uns wohl und engagierten uns im Erleben gemeinsamer Feste, kultureller Anlässe, basisdemokra-tischer Versammlungen. Die Kinder wurden selbständig, wir auch und erwarben bald ein Haus in Frank-reich, ennet der Saône im «schönsten Dorf im Südburgund».


Ein Traum aus goldenen Kalksteinen, bei dem man nur an einer Ecke nicht ins Freie sehen konnte, weil da noch ein Turm angebaut war, oder wie es die Wirtin in Bonnay wenig charmant ausdrückte, „ce n’est pas une maison, c’est une ruine“. Spontan war ich zu tiefst beleidigt. Immerhin hatte dieser Steinhaufen einen Namen, „Le Montagnon“. Zusammen mit den Handwerkern bauten wir die ehemalige Weinpresse und Teil der Aussenbefestigung des Châteaus mit viel Ideen, ebenso viel Ökologie und noch mehr Angespartem zu einem Bijou um, das der zu Beginn stark zweifelnde Maurer Roland nach der Fertigstellung stolz zukünf-tigen Kunden präsentieren wollte. Immerhin waren auch knapp sieben Jahre Ferien und Freizeit investiert. Eine französische Familie hat es inzwischen gekauft. Und weil wir nach der Fertigstellung quasi arbeitslos wurden, schauten wir uns weiter um. 

 

Bei einem kleinen Bummel im „chef-lieu du canton“ stiessen auf ein leeres Lokal mit der verheissungs-vollen Anschrift «à vendre», der alten Tafel nach schon seit längerer Zeit. Eine erste Besichtigung, noch kein Blick für Details, viele Zimmer, Ebenen, alter Kram. Aber ein Stadthaus, rue du Commerce au rue de l’Espérance, Ecke Marktgasse zur Hoffnungsgasse. Mit Hintereingang an der rue des Chapeliers, der Hut-machergasse. Der Preis war klein, die Begeisterung gross, allerdings nur meinerseits. Keine neue Ge-schichte, erst mal eine Fortsetzung, aber diesmal mit definitiv neuen Erfahrungen. Baumeister Roland war wieder dabei und half mit, Strukturen aus dem 16. Jahrhundert wiederherzustellen und mit jenen des 21. zu kombinieren. Nach unseren eigenen Plänen gelangten wir zu grosszügigen und hellen Räumen auf drei Etagen; nicht ganz ohne, denn Bauten in mittelalterlichen Gassen erhalten meistens nur auf zwei Seiten Licht. Und es benötigt eine gehörige Portion an Optimismus, dass ein solcher Umbau nicht zum Albtraum, vielmehr zu einem neuen Traumhaus wird.

 

Auf einer Ausfahrt auf eine kleine Nebenstrasse geraten, begegnete uns wieder Mal eine dieser verlocken-den Anschriften, «à vendre». Eine Steinbrücke führte zu einer ehemaligen Mühle, zum Wohnhaus, zu Scheunen und Ställen gruppiert um einen grossen Platz direkt am Flüsschen gelegen. Ein Traum!

Eine unautorisierte Besichtigung trieb uns anschliessend geradewegs in die Arme des Immobilienhändlers. Reich wie wir nun mal sind, wollte ich mir dieses Paradies nicht entgehen lassen. Reich an Ideen, an Kraft, an Zeit und an vielleicht etwas zu grossem Selbstvertrauen, wohl verstanden. Angesichts der hässlichen Räume und der zu erwartenden Arbeiten äusserte Margrit Bedenken, die ich nicht zu teilen mochte. Sie ist wohl die Vernünftigere. Wieder zusammen mit den Handwerkern, dem Erlös aus dem Verkauf des Reihen-hauses in der ersten Heimat und viel Eigenleistung entstand ein kleines Paradies: die Moulin de Chigy. Diese Tage erhält sie neue Besitzer, junge Franzosen, reich an Idee, Kraft und Zeit.


Mit zunehmendem Alter lernt man anscheinend mit den Erfahrungen anders umzugehen; zu Weisheit zu gelangen, scheint mir ein allzu gewaltiger Anspruch. Vielleicht etwas gescheiter zu werden, kann ja an-gehen und auch ein bisschen Vernunft anzunehmen. Jedenfalls ist unser Haus Nummer 6 ein Schritt in diese Richtung. Mit 90m2 gerade noch ein Viertel der vorherigen Wohnfläche, geradeaus, ohne Treppen, beinahe neu, knappe 10 Aaren Land anstelle von Wiesen, Obstgärten und Wäldchen, überblickbar, in Rol-lator-Distanz von Einkauf, Städtchen, Dienstleistungen und dem Cave. In kommenden Jahren unsere résidence senior. Wirklich ausgeträumt? Es liegt an uns selbst.

 

 

  

Welschland

 

1965 beschied die Direktion: Weber, Sie werde zu Beginn nächsten Monat Ihren Dienst in Lausanne an-treten. Die Arbeit ist genau dieselbe wie hier in Zürich, einfach in Französisch. Gut gemeint, aber es mochte nicht wirklich beruhigen.

 

Montags stand ich auf der Place St. François mit dem Koffer in der einen und dem Stadtplan in der an-deren Hand. Der Personalchef empfing formell freundlich, zweisprachig, zeichnete auf dem Plan die Lage meiner Unterkunft ein, empfahl mir, mich umgehend bei Madame zu melden, Dienstantritt am Folgetag sieben Uhr im Hauptpostamt. Madame sprach ein paar Worte Deutsch, sie war in ihren Jugendjahren Weissnäherin in Zürich, und wies mir lachend ein kleines Zimmer mit Blick auf das Mädchenpensionat «Lemania» zu. Nicht gerade billig, Chemin de Mornex, aber sehr zentral. Über dem Bett hatte sie liebevoll eine Stickerei mit dem Grossmünster aufgehängt, ich soll kein Heimweh bekommen.

 

Wenn ich in der Mittagspause mal nachhause kam, wieselt sie aus der Küche um mich zum Kaffee ein-zuladen. Sie hatte drei Zimmer in Untermiete, eigentlich nur für junge Damen, aber ein ebenso junger Mann in gesicherter Beamtenstellung schien ihr zur Vermittlung geeignet. Wir machten das Spiel mit, wie Madame im Kaffeesatz Zukünftiges in Sachen amour zu sehen glaubte.

 

Beim Antritt war ich überzeugt, die welschen Kollegen nehmen das Ganze ohnehin leichter. Diese legeren Typen mit ihrem «salut mon p’tit chou», salü Schätzeli, na ja. Nie in meinem Leben habe ich derart pin-gelige Beamte angetroffen; da wurden Vorschriften noch präzise ausgeführt, nicht interpretiert. Trotzdem habe ich mich sehr wohl gefühlt. In der Suisse Romande galten weitgehend dieselben Spielregeln wie in Verwaltungskreis Zürich; gut vielleicht ausgenommen in der ferne Ostschweiz. Die Arbeit war tatsächlich dieselbe und die Kundschaft erfreulich verständnisvoll.

 

Der Hauptkassier, einst ein Sankt-Galler empfahl den Erwerb eines Kammes. Er akzeptierte nur gebündel-te Banknoten, deren Ecken ausgekämmt waren.  Er sprach mit uns ausschliesslich französisch und kor-rigierte uns ständig. Korrektes, allerdings hörbares français fédéral. Mit seinem Stellvertreter verstand ich mich sehr gut; wohl fand er in mir einen gleichgesinnten Kollegen, mit dem man im «Grand-Chêne» in der Pause eine "botte de radis et deux Flûte de Bâle" nehmen konnte. Ich habe ihm dafür manchmal beim Tagesabschluss geholfen, wenn die Pause etwas lang geriet.

 

Wenn ich nicht gerade auf Ablösungen auf dem Land war, genoss ich die Freiheit in vollen Zügen. Zumeist zusammen mit dem frischlizenzierten Juristen René, der seine erste Arbeitsstelle bei einer Versicherungs-gesellschaft fand. Abendlicher Treffpunkt die Hotelbar Ecke Petite-Chêne/Chemin de Mornex wo man sich mit Sprachaufenthalter der Sperry-und Remingtonrand traf. Hauptsprache französisch, aber auch eng-lisch, italienisch und spanisch. Die Barmaid kannte uns: «un d’mi de Gamay, deux verres propres».

 

Na, es gäbe manche Episode zu erzählen, von «Madame la Marquise et ces quatre-vingt chasseurs», vom ersten Salär über 1000 Schweizerfranken, einem verschlafenen Heiratsantrag und nicht zuletzt vom

«Vous avez fait la foire?» Laut Hösli, Franzbibel der Sekundarschule Lektion 27 oder so, La foire, die Kirchweihe.  Von wegen!

 

Zurück zum ersten Arbeitstag im Welschland: Dienstantritt pünktlich, geradewegs ins Büro zum Chef. Der sass bequem und rasierte sich gerade elektrisch. "Endlich ein vernünftiger Deutschschweizer!" Wir moch-ten uns sofort. Nach Ablauf des üblichen Sprachaufenthaltes verlängerte er ungefragt meine Zeit in Lau-sanne; Begründung, Vervollkommnung der Sprachkenntnisse, aber eigentlich eher viel Verständnis für meine heftige Liebschaft mit einer schwarzhaarigen «Gamine», für die auch er ein bisschen schwärmte…

 

 

 

Züritüütsch

 

Das zweitwichtigste Buch im elterlichen Haushalt war ein Werk von Bächtold & Weber, das „Zürichdeu-tsche Wörterbuch“. Unser Vater sprach einen ausgesprochen schönen Dialekt, so richtig währschaftes Zürichdeutsch. Im Gegensatz zu unserer Mutter, die kam aus dem Thurgau. Nach jeder Klassenzusam-menkunft mussten wir ihr wieder Nachhilfe geben. Aber zurück zu Vater.  Er profitierte auch von einer schönen, männlichen Stimmlage, die ihm das Reden leicht machte, die gut ankam und das wusste er auch. Familiäre Ereignisse kommentierte er jeweils in Gedichtform, das „Värslibrünzle“ fiel ihm leicht, wie man dies so nannte. Passend zu anderen Gelegenheiten rezitierte er auch Verse von Wilhelm Busch, aus dem wohl drittwichtigsten Band im Büchergestell. Er schrieb gut und gerne und hinterliess mit siebzig seinen Nachkommen einen umfassenden „Rückblick auf mein Leben“, allerdings weder in Zürichdeutsch noch in Versform.

 

Ich selbst habe da anscheinend einiges von zuhause mit-bekommen.  Aber nachdem ein Schalterkunde bemerkte, „Sie sind wohl nicht von hier“, bemühte ich mich, meinen Dialekt den Stadtzürchern anzu-passen. Später hat man da und dort einiges aufgelesen, sei es aus dem Weinland, dem oberen Glattal; man passt sich eben trotz allem an.

 

Es fällt auf bei unserem Enkel Marlon: Im Zürioberland tönen die A’s und O’s nach wie vor dunkler als im übrigen Züribiet. Als zeitweiliger „Uschtemer“ gelte ich als „heruntergekommene Oberländer“ und für meine ehemaligen im Oberland gebliebenen Klassenkameraden töne ich auch nicht mehr so recht ein-heimisch.  So tönt halt mein heutiges Idiom etwas wie „auf dem Weg vom Glatttal ins Zürioberland“.

 

Wohl tönen die Zürcher für die übrigen Schweizer alle gleich, aber man erkennt schnell, ob jetzt jemand „en Ämtler, en Seebueb, en Wyländer oder ebe en Oberländer isch“. Aber es gibt auch Gemeinsames. Zur üblichen Frage, wie es einem irgendwo gefällt, heisst es in unserer Sprache: „Es isch wie überall; es hät e paar glatti und e paar blödi Cheibe“. Gerne erinnere ich mich deshalb an René, der auch so ein boden-ständiges Zürichdeutsch redete. Gut, René gehörte ab und an zu „de Chrüüzscheibe“, aber vor allem zu „de glatte Cheibe“ und deshalb mochte ich ihn auch recht gut. Spät erkannte ich, dass er auch ein begna-deter „Värslibrünzler“ war. Heute verbringt er mit über achtzig seinen Lebensabend irgendwo in Kroatien. Einer seiner besonderen Verse soll an ihn erinnern:

 

 

Es cheibet und cheibet


I öisem liebe Züribiet, da läbt es fröhlichs Volk

Es hät uf sini ruchi Spraach en ganz en bsundre Stolz

Ich meine s'Wörtli "Cheib", me ghörts uf Schritt und Tritt

Vom chliine Bueb, vom alte Maa, als Befehl und au als Bitt


Am Morge gaats mit cheibe los und cheibet bis i d'Nacht

De ganz Tag cheibets hin und här, es isch e wahri Pracht

Drum losed jetz, s'isch intressant, was als für Cheibe git

in öisem Zürihegel-Land, en Frömde glaubts is nid

 

Du gfäälte Cheib, dä ghört me vill, Du schlächte Cheib no meh

Heb d' Schnörre zu, Du Himmelcheib, säb tuet eim friili weh

Zum Schätzli säit me liebe Cheib, Frässcheib, das isch e Schand

Als Schnörri- und Plagööricheib isch eine bald bekannt


Du gmeine Cheib isch sältner scho, mer nimmts da zimli gnau

En feisse oder magere Cheib, hät mänge no zur Frau

Säit eine "Potz verreckte Cheib" so lueget me nöd umme

En Schwindler gilt als Lügicheib, en Lölicheib als Dumme


Luuscheib, das isch es Kosewort, Söicheib, das hät en Grund

Chrüüzcheibe findt mer überall, scho tönt's, Du cheibe Hund

Au Süffelcheibe trifft mer a im Wiiland und am See

En Giizcheib und en Huerecheib au überall chasch gsee


De dräckig und de eländ Cheib, sind meischt am gliiche Ort

Und Himmel-Hergott-Stärnecheib isch gwüss es saftigs Wort

Verruckte und verreckte Cheib, au Glünggicheib  tönt ruuch

En bschissne und en Fötzelcheib isch hüt no im Gebruuch


Cheib furt , jetz hört das cheibe uf, jetz wämmer wieder tanze

Uf eimal häni au en Cheib und cheibe uf de Ranze

 

René Hedinger (> gest. Juli 2018)

 

Nachsatz: Das Zürichdeutsche Wörterbuch steht heute in meinem Büchergestell, der „Busch“ ist wohl zu meiner Schwester Vre, die eigentlich Verena heisst, gelangt; jedenfalls rezitiert auch sie bei passender  Gelegenheiten seine Verse. Mämgsmaal eerbt me au Gschyds.