Lettres de la Bourgogne



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Lettres de la Bourgogne


Lettres de la Bourgogne No 30


Liebe Freunde und Verwandte


Es sind wieder mal bald zehn Jahre dahin, Zeit für eine Neuorientierung; wie immer, „der Weg ist das Ziel“. Zugegeben, eine „Planung für das kommende Jahrhundertviertel“ wäre etwas vermessen, also ganz einfach, „Mehr eigene Zeit“.


Dazu sind ein paar Schritte zu tun, zum Beispiel die Beendigung der Geschäftstätigkeit, Schliessung der Galerie und des Web-ateliers, der Gang in die Rente, obgleich die französische Rente gerademal reichen wird, um monatlich einmal in einem renom-mierten Haus zu speisen. Natürlich bleibt das Schaufenster dekoriert und Margrit wird weiter weben und ebenso selbstver-ständlich bleibt die Türe zum Atelier offen. Trotzdem, Mitte Dezember werden wir zur „Finissage“ einladen.


Und wir trennen uns vom Luxus eines Sommerhauses, sprich, die Moulin de Chigy steht zum Verkauf >www.moulindechigy.fr. Vielleicht gibt es sogar Einsteiger im Frührentneralter in Eurem Umfeld. Und der Preis ist wirklich vernünftig, nachzufragen lohnt sich.


Jedenfalls geht es uns gut, wir sind in die Gesellschaft hineingewachsen. Man deklariert korrekt die Steuern, kriegt die Einla-dung zum repas des ainés, das Sonntagmittagessen der Alten, man kennt sich, wie man sich eben im Dorf kennt und am Montag geht Margrit regelmässig zum Chorsingen. Selbstverständlich bleibt man les Suisses, den liebevollen Hinweis auf den „petit accent sympa“ nimmt man gelassen. Man gehört ein bisschen dazu. Aber auch nach vielen Jahren in der 2. Heimat muss ich sprachliche Bruchstücke zusammen suchen, wenn die Unterhaltung ins Patois abgleitet.


In diesen Jahren hat man la démocratie participative entdeckt, den Einbezug der Bürger in politische Entscheidungen; noch etwas zögerlich für basisdemokratisch infizierte Schweizer, aber es regt sich was mit der Verlagerung der Aufgaben auf die Regionen. Dabei bleiben Paris et les parisiens ohnehin eine eigene Gattung in Frankreich, die Hauptstadt ist geradezu heilig gesprochen, „on monte sur Paris“. Aber insgeheim hält der Burgunder diese unfreundlichen, lauten und unzuverlässigen Hauptstädter allesamt für Idioten, die nicht einmal anständig auf unseren Strassen fahren können.

Aber zurück zur Mitbeteiligung am Staat. Regelmässig wird man auf Wunsch hin zu Umfragen und öffentlichen Diskussionen eingeladen, vielmals zu Fragen des öffentlichen Verkehrs – in der Provinz schlicht nicht existent – aber auch zu touristischen Monsterplänen, zu denen die privaten Investoren den Staat zur finanziellen Mitbeteiligung bitten möchten. Kürzlich hat mir ein französischer Freund die Vorzüge der schweizerischen direkten Demokratie bis in die Details erklärt; ich habe auf jegliche Hinweise auf allfällige Realitäten verzichtet, ich wollte ihn nicht enttäuschen in seiner Begeisterung.


Erstaunlich ist, dass mit dem neuen Präsidenten diese Diskussionen eher in den Hintergrund rücken. Es wird wieder mehr von Paris aus regiert, der junge Macron will Frankreich wiederum zur Grand Nation bringen, die auf Augenhöhe zu Deutschland Europa anführt. Und deshalb blickt alles gebannt auf die sinkenden Popularitätswerte und bereits wieder drohende Streik-drohungen. Wen wundert‘s, denn die neue Regierung will allen Ernstes Reformen an die Hand nehmen. Deshalb, einmal mehr ist man versucht nein zu sagen, ohne zu wissen, zu was man eigentlich nein sagt. Dies in einem Land, das stolz darauf hinweist, dass zu einem wirklichen Umbruch auch eine gehörige Revolution gehört, Nur gut wurde die Guillotine vor bald vierzig Jahren definitiv in Rente geschickt. Aber nicht umsonst trägt das Buch von Macron den Titel „Revolution“. Noch nicht alle haben es gelesen.


In diesem Sinne seid herzlich gegrüsst aus dem immer noch sonnigen Südburgund


Margrit & Thomas



Mit der 30sten Ausgabe endet diese Serie, wir sind angekommen. Danke für euer Interesse und Kommentare.




Die spinnen …


bei Asterix und Obelix natürlich die Römer. Ein gallisches Völklein, das sein Dorf, ihre besondere Art zu denken und zu handeln mit Erfolg verteidigt. Verteidigt gegen die moderne Welt. Eine neue Welt in der

es Ordnung und Gesetz gibt, dafür keinen Wildschweinebraten.


Zuweilen scheint mir deren Lebensidylle und Denkungsart sehr vertraut, aber vielleicht hat das mit der gemeinsamen ADN zu tun; schliesslich waren die «Helvetier» quasi ein Brudervolk. Allerdings ein ver-ratenes, wurden sie doch auf dem Durchmarsch in Richtung Provence allein gelassen. Anstatt zu helfen, wurde dem Abschlachten aus dem sicheren Eichenwald zugeschaut: bei Bibracte, 58 vor Christus wie

uns Lehrer Jucker beibrachte. Das war der erste strategische Fehler von Vercingetorix, der zweite sechs Jahre darnach bei Alesia läutete den Untergang der gallischen Nationen ein. Aber mir scheint, ich bin wieder einmal ein bisschen vom Thema abgekommen.


Beide Länder die ich als Heimat empfinde, haben sich in der Zwischenzeit in verschiedenen Tempi ent-wickelt. Gilt meine erste Heimat Schweiz, als hochentwickelter Staat, der ständig die Moderne vor sich hertreibt, wirkt meine Heimat Frankreich eher als behäbig als innovativ. Dem ist aber nur bedingt so. Vergleicht man Paris, Lyon mit Zürich und Genève sind viele Parallelen sichtbar, ebenso beim Waadtländer Weinbauer verglichen mit dem Burgunder. Und auch der letzte Hinterwäldler in der Innerschweiz findet sein Pendant in der Hügellandschaft des Brionnais. Die Wissenschaft hat erkannt: In jedem von uns stecken noch zwei Prozent der Neandertaler, im Durchschnitt! Und in beiden Welten sind Ordnung und Gesetz tief verankert, bei den einen etwas weniger, Gott sei Dank.


Übrigens, en France bedingt eine Einladung zum Wildschweinbraten gute Verbindungen, in der Schweiz hingegen bietet im Herbst jede Landbeiz solches an. Allerdings stammt der sanglier français aus heimi-scher Jagd, jener auf der Speisekarte «Wild auf Wild» irgendwo aus dem Osten, vielleicht aus den Wäl-dern rund um Tschernobyl.


Weit voraus in der Entwicklung scheint hingegen meine Heimatstadt Zürich zu sein. Hat doch deren Ge-meinderat einen politischen Vorstoss entgegengenommen, der postuliert, den Begriff Mutter und Vater abzuschaffen, um nicht irgendwelche anders empfindende Mitmenschen zu verprellen. Zudem soll die Bezeichnung von «Frau» mit den Ausdrücken wie «Person mit Vulva» oder «menstruierende Person» er-setzt werden. Was letzteres ich gegenüber meiner seit langer Zeit angetrauten Margrit als diskriminie-rend empfinde. Oder wenigstens mit dem Zusatz «post-menstruierend» zu versehen wäre. Die spinnen, die Zürcher:innen!


Von derartigen Entwicklungssprüngen erfahre ich hier in meinem burgundischen Dorf nichts, gar nichts. Hat dies allenfalls etwas mit tiefster Provinz, immer laut Baedeker, mit der örtlichen Presse, dem unan-gepassten Niveau des Journal de Saône et Loire oder gar mit dem Französischen zu tun? Das ach so moderne Verb «gendern» wird in dieser schönen Kultursprache mit «appliquer l’égalité des genres» übersetzt. Und das tönt einfach nicht so lässig.  

Sept 2022 jtw