Ausland - Schweizer



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Ausland  -  Schweizer

Und hier erscheinen Kommentare aus ganz persönlicher Sicht, ein Blick von uns aus auf die Schweiz, unsere Schweiz. Sie sind ebenso spontan entstanden, aus einem Erlebnis heraus, nach Wahlen, Abstim-mungen und nach Berichten aus verschiedenen Quellen.

Gut, wenn Sie der selben Meinung sind, wenn nicht, auch gut. Viel Spass!                                     ©jtw

Ab uf …

 

Unsere Generation erlaubte sich als jugendliche Erwachsene, die Kriegszeit etwas differenzierter zu be-trachten. Nicht die Haltung unseres Vaters, der im Abschnitt Untersee bis Stein am Rhein als Häuptling diente, aber die jener Stäbler, die in der sicheren Etappe sich zwischen Anpassung und Nachkriegszeit entscheiden mussten.

 

Eben unser Vater spielte einst mit dem Gedanken, als Gesandtschaftsbeamter nach neuen Ufern aufzu-brechen. Santiago war damals très en mode. Aber er entschloss sich, wohl auch zusammen mit seiner wesentlich nüchterner denkenden Claire, zu „Bleib' im Land und ernähr‘ dich redlich“. Ein nicht sehr mutiger Entscheid, aber angesichts der späteren politischen Entwicklung, ein gescheiter. Immer natürlich im Rückblick. In jenen Jahren, als Allende in Chile die Sozialdemokratie installieren wollte, träumten ich und Margrit bereits weiter: Saint Pierre et Miquelon oder gar Sankt Helena. Dann übernahmen wir die Jugendherberge im Bündnerland und das war damals fast Auswandern auf halbem Weg…

 

Aber nochmals zurück. Wir Altersgenossen überlegten in Vielem etwas anders, wenigstens ein Teil von uns. Mao musste und durfte gelesen werden, das „Hodscha“ redigiert von Pinkus junior ging in den  Strassen-verkauf, der Vietnamkrieg öffnete vielen die Augen zur Machtpolitik der USA . Endlich! Aber der Zürcher Oberländer,  damals noch „Der Freisinnige“, empfahl den linken Brüdern das Einfachbillett „ab nach Mos-kau“. Genauso wie den armengenössigen Handwebern aus dem Oberland einen Dritteklassefahrschein nach Amerika anerboten wurde. Und Sepp Hürlimann las die „Pravda“ in Griechisch. Das machte Eindruck, zumindest auch mir.

 

„Ab 6.52 wird zurückgeschossen! „ Nach einer Nacht der Höhenfeuer im ganzen Kanton Zürich wird der Tribun auf der Altrüti in Gossau vor sein Volk treten. Höhenfeuer, Warnfeuer, Feuer der Vernichtung, der Hexenverbrennung, der Bücherverbrennung? Aufmarsch der Tambouren und Treichler, bodenständig, knochenkonservativ, überzeugt, hinter dem nächsten Hügel wartet Morgarten." Usw.

Zugegeben, ein provokanter Artikel zur 50. Jubiläumfeier der Zürcher SVP auf offener Wiese ob Gossau. Anderntags wurde mein Briefkasten überschwemmt mit Schimpftiraden, erstaunlicherweise fast alle aus der Innerschweiz, obgleich der Artikel im Züri-Oberländer erschien. Ein Transporteur aus dem Luzerner Hinterland anerbot sich gar, unser Hab und Gut kostenlos über die Grenze zu transportieren. Eigentlich hätte ich das Angebot annehmen sollen, aber es war schlicht noch zu früh.

 

Zu jener Zeit hatten wir unser ehemaliges Grotto im Malcantone zugunsten eines Reihenhauses in einer selbstverwalteten Eigentümergemeinschaft veräussert, aber der Zug in die Ferne blieb.  Keine zehn Jahre nach der Sesshaftwerdung, stach uns erneut der Hafer: Italien, die Ardèche, u.a.; allerdings bell’Italia

war bereits teuer ausverkauft, die Ardèche zu abgelegen. Auf dem Heimweg gerieten wir ins Clunisois, zu-rück in eine bereits bewältigte Erinnerung vergangener Christlichkeit. Für diesen Ausrutscher hatte unser zwinglianische Vater wesentlich mehr Verständnis, als für das sehr linke Engagement zweier seiner Kinder.

Mittlerweilen sind mehr als ein Vierteljahrhundert vergangen zwischen dem ersten Häuschen im Südbur-gund, der frühgewählten Pension, den Jahren im centre médiévale von Saint Gengoux le National und der Moulin de Chigy. Die Frage der Rückkehr stellt sich frühestens  nach dem Ableben der einen Hälfte unserer bald 50-jährigen Gemeinschaft. Ab uf … und es gibt immer noch Träume!

 


 

Amis

 

Dankbarkeit gegenüber den Amerikanern forderte kürzlich eine Freundin; immer daran denken, dass sie uns vor dem Bösen im Norden bewahrten.

 

Dann folgte unsere Generation und stellte Fragen. Unangenehme Fragen. Unsere Heimat tat sich anfäng-lich schwer mit deren Beantwortung. Das Pendel schlug in Richtung Friedensbewegung, „ab nach Moskau“ kam aus der Mode. Aber das Pendel kehrte immer wieder. Der besonders eifrige Wachtmeister redete über den Kommunismus und für das Tragen von roten statt schwarzen Socken gab es drei Tage Ausgehverbot. Eine Infanteriekompagnie zog auf dem appenzellischen Dorfplatz die Hosen hoch zur Sockenkontrolle!

 

Die grausamen Bilder aus Vietnam, das Elend der Heerscharen von Kriegsversehrten, Traumatisierten, Drogensüchtigen, die ihre Heimat USA eigentlich lieber entsorgt hätte, das alles lud zum Nachdenken ein. Die USA als Reiseland kam schlicht  nicht in Frage, nicht für meine Freunde und schon gar nicht  für sol-che mit roten Socken.

 

Die Staaten wurden erst zur Destination, als unsere Tochter dort arbeitete, wir reisten dahin und erlebten einiges. Ehrlich, das Land ist schön, die Natur überwältigend, das Reisen im Camping-Car ein Erlebnis (ausser wenn man aus der dritten Spur der 8-spurigen Autobahn die Ausfahrt sucht).

Dass meine für unsrere Nicole liebevoll produzierten Cordon bleu nicht so richtig schmecken wollten, lag am gesüssten Käse und am Schinken von der Konsistenz eines Waschlappens. Der Gang durch die Tief-kühlketten liess vergessen, dass Gemüse irgendwo mal frisch gedeiht, die Waschmittelkartons gefüllt mit frisch geröstetem Popcorn macht die Überbreite der Stühle verständlich. It never rains in Southern Cali-fornia mag wohl stimmen, in Northern schneite es. Das Frühstück mit einem Riesensteak nach einer bitter kalten Nacht im Park konnte mich kurzfristig umstimmen. Immer und überall gibt es ein Highlight. Zurück in Zürich-Kloten, glücklich mit der festen Einsicht: Dies eine Mal reicht.

 

Dankbarkeit den Amerikanern gegenüber, von wegen. Da müssten wir eigentlich auch Stalins Soldaten dankbar sein. Schliesslich haben sie mit ihrem Einsatz den zügigen Einmarsch im Westen ermöglicht. Und sie haben schwer geblutet dafür. Alle kämpften für die Freiheit und Demokratie, aber für welche eigent-lich? Für eine republikanische oder für eine Volksdemokratie? Für jene, die so grossartig scheiterte an der Realität oder jene, die den zum Präsidenten macht, der am meisten Gelder sammelt, die grössten Ver-sprechungen abgibt oder die dümmsten Sprüche in die Welt setzt.

 

Aug um Aug und Zahn um Zahn, so steht es im Alten Testament, eine Geschichte, die auch als eine der Grundlagen für die Religion der Gotteskrieger steht. Und mitten drin in dieser unsäglichen Geschichte die USA, bar jeden Verständnisses für historische und kulturelle Unterschiede, im Herzen eine Demokratie

frei formuliert nach Readers Digest. Immer erstaunt, dass niemand ihrer Frohbotschaft Glauben schenken will. Weil die reale Welt nicht dem amerikanischen Traum entspricht. Wer glaubt wohl jemandem, der erst mal schiesst bevor er Fragen stellt. Und dieser fühlt sich auch noch im Recht, weil der Gegenüber nicht antwortet, vielleicht nicht mehr antworten kann.

 

Eigentlich hatte ich mich mit dem grossen Nachbarn im Westen schon ein bisschen ausgesöhnt, ein neuer Präsident liess Hoffnungen reifen, dass Amerika endlich im 21. Jahrhundert ankommen wird. Yes we can! Seine Tränen der Hilflosigkeit gegenüber einer Waffenlobby, die partout keine Gesetze ändern wollte, wirkten glaubwürdig. Aber die Erwartungen waren zu hoch, die politische Vernunft auch in acht Jahren in keiner Weise gereift.

Ein Nachfolger wurde gewählt, der weder gescheit, noch vernünftig und schon gar nicht verlässlich ist. Ein Nachfolger, der heute eine latente Gefahr für den Weltfrieden ist und der den 73jährigen Lümmel spielt.

Ein Nachfolger der sich bereits auf seine Wiederwahl vorbereitet und die niemand verhindern kann, sei es aus machtpolitischen, wirtschaftlichen oder weiss Gott was für Gründen.

 

Dankbar den Amerikanern? Hohe Zeit, endlich über ein föderalistisches Europa nachzudenken. Unsere erste Heimat, die Schweiz könnte dabei mithelfen, aber sie hat sich entschlossen, weiterhin abseits zu stehen, „sei es aus machtpolitischen, wirtschaftlichen oder weiss Gott was für Gründen...“

 

 

Angesichts des Heute


Seit der Invasion der Ukraine hören wir weniger über das dämonisierende Europa. Aber es gibt immer noch einige hartnäckige Illusionen.


In Hinblick auf die normalen Albernheiten, gewohnten Tricherien und üblichen Fakes sind die politischen Diskussionen nicht viel weniger fruchtbar als die Vorherigen. Lassen wir jedoch einige unserer hartnä-ckigsten politischen Belanglosigkeiten beiseite, insbesondere nach der Invasion in der Ukraine.


Zunächst einmal dies: Europa sei eine Bedrohung für die Schweiz. Um auf einige unserer erhabensten Anti-Europäer zu hören, waren wir nicht weit davon entfernt, von der Brüsseler Administration zermalmt zu werden. Vor nicht allzu langer Zeit, beschworen die Bürgerlichen, ohne zu lachen, die "totalitäre" Di-mension Europas und spielen teils auch heute noch damit, uns glauben zu lassen, dass hinter der Kom-mission im Schatten bereits neue Angriffe auf unsere hehre Freiheit lauern. Allerdings, nachdem Wladimir Putin ernsthaft den langen Frieden in Europa gefährdet, darf sogar laut darüber nachgedacht werden, ob die Schweiz seine Sicherheit allein gewährleisten kann.


Eigentlich habe ich wie viele nicht an die Notwendigkeit des Kaufs von modernsten Jagdfliegern geglaubt. Mir schien, als stünden wir vor einem ähnlichen Problem wie die alten Eidgenossen: Mit der Erfindung von Feuerwaffen war die gefürchtete Hellebarte nur noch bedingt eine angemessene Waffe. Jedenfalls dienten die Erkenntnisse auch den Freisinnigen zu ihrem Vorstoss, eine Anlehnung an die NATO zu erwägen. Und damit die Chance, dass unsere Piloten auch mal den Luftraum über Stuttgart, Innsbruck oder Milano schützen dürfen, wenn die amerikanischen und europäischen Jäger in Richtung Moskau fliegen. Das freut zudem die Verteidigungsministerin, die diese Flugzeuge unbedingt kaufen will, sie, die ausgerechnet aus je-nem Kanton mit der niedrigsten Diensttauglichkeits-Quote stammt. Als Ausgleich quasi - und dies nur

so nebenbei - sind die Walliser dafür bestens in der Garde des Papstes präsent.


Plan B. Die "Entdämonisierung" Europas hatte bereits vor der Ukraine begonnen. Schweizer und Schwei-zerinnen - das haben Umfragen gezeigt - haben allmählich verstanden, dass das Aussenvor stehen, wenn auch nicht geradewegs, aber bald in den Ruin führt. Kurz gesagt, sie erkannten nach der Formel von He-raklit, dass "der Esel Stroh statt Gold wählen würde". Das Ergebnis dieser Erkenntnis ist, dass jene, die penetrant und unter Glockengeläut auf die schweizerische Freiheit und deren Besonderheit pochen, mer-ken, dass ennet der Mauer auch grünes Gras wächst. Anscheinend sind Freunde und gute Nachbarschaft doch wichtig. Etwas spät, aber es gibt noch Hoffnung.


Verleugnung der Realität. Die Schweiz, die nach dem harschen Rückweisen des Vertrages mit Europa nun wieder um mehr Integration in den meisten der Dossiers bitten muss, ist vor allem peinlich, sehr peinlich. Im Gegenzug auf die Ablehnung europaseits auf die Wut zurückzugreifen, ist ein Teil der Realitätsver-leugnung. Mit Treicheln vertreibt man höchstens böse Geister. Irgendwann muss man vermutlich zur Kenntnis nehmen, dass hinter dem nächsten „Hoger“ weder fremde Richter noch Morgarten lauern. Und dass die wirkliche Freiheit der Schweiz nicht im Muotathal und nicht hinter dem Säntis gestaltet wird.

Aber: Es gibt Geschwätz, das schlecht altert.


April 2022



Auswahl und Wahl


Ganz zuerst: Ich habe nicht die Grünen gewählt. Aber nach den Vorkommnissen im Dezember werden die Grünen meine Stimme erhalten. Versprochen!


Auch ausserhalb der Schweiz kann man die eidgenössischen Wahlen bereits im Vorfeld und bis zum Wahl-tag verfolgen. Bei SRG Schweiz zu einem völlig überhöhten Preis von jährlich 145 Franken für dürftige Programme, gut, immerhin dreisprachig inklusive ständiger dummer Werbung. Nun, es gibt ja auch Stim-men im Parlament, die den Auslandschweizern definitiv das Stimm- und Wahlrecht entziehen möchten.

Als aufrechter Demokrat habe ich mich umfassend informiert und das Wahlgeschäft auch ernsthaft und überlegt  erledigt, das heisst, meinen Umschlag in die 1. Heimat gesandt. Am Wahlsonntag war die Sen-dung wichtiger als manch anderes und der Chardonnay diente nicht allein als ordinärer Apéritif.

 

Zugegeben, die Resultate waren erstaunlich, das wachsende Erkennen des Klimawandels und der Schüler-streiks hatten anscheinend mehr bewirkt als jede Plakatwand auf grünen Wiesen. Die Botschaft ist ange-kommen. Dachte ich. Nicht die Schweiz, nein, die ganze Welt hat offensichtlich den Wurm, die Verursacher sind bekannt und anderswo zu suchen. Der herbeigeredete «Linksrutsch» hat nicht wirklich stattgefunden und «Grün» ist zur persönlichen Haltung geworden, nicht nur Sinnbild für Biogemüse und Latzhose. Aber in bürgerlichen Kreisen ist ohnehin alles was nicht ausschliesslich der Wirtschaft dient, radikal links. Selbst wenn es um die Zukunft unserer und auch ihrer Kinder und Enkel und die der Heimat Schweiz geht, deren einzigen legitimen Vertreter sie sich wähnen. Man sollte es ihnen vielleicht sage: es gibt keine 2. Schweiz auf dem Mond.

 

Natürlich gibt niemand die ach so lieb gewordenen harmlosen Politspiele aus der Hand, zumal sich die an-erkannten Wahlgewinner lautstark ihr Mittun beim Regieren forderten. Dies mit einer kompetenten und bekannten Kandidatin, die nicht nur Mitregieren sondern auch Mitverantworten wollte. Da könnte doch je-de(r) kommen! Die im Schweizer Fernsehen ausgestrahlten Sendungen gerieten zu Peinlichkeiten, die an der Kompetenz und Aufrichtigkeit der Parteipräsidenten arg zweifeln liess. Das Lavieren der Mittepartei, immer gemäss eigener Deklaration, erinnerte stark an die Bischofsbotschaften, die es aufrechten Katholen so schwierig macht, das mit der Glaubwürdigkeit.

Bref, in Zürichdeutsch gesagt: Nicht jeder «Pfister» ist ein Bäckermeister. Jedenfalls ist klar, die sogenann-te Mitte hat schwer Schlagseite nach Steuerbord. Nicht wirklich Mittragen, nur Mitsteuern.  Und so kam es eben am 12. Dezember mochte sie nicht das Zünglein an der Waage spielen und hat einmal mehr die Chance verpasst, wirklich politische Geschichte zu schreiben. Sie kann des Passus «Mitte» getrost aus ih-rem Programm streichen, das «C» hat sie ohnehin schon längst verloren und das «S» ist nicht mehr sehr weit. Damit bleibt ein Drittel der Stimmbürger ohne Stimme und Einfluss, ein Akt der Ungerechtigkeit, der Ignoranz und ein Mangel an Weitsicht. Weitsicht insofern, dass gescheite demokratische Politiker eigentlich Interesse an der Meinungsvielfalt haben müssten, ausdrücklich: «haben müssten».

 

Vielleicht war die Einschätzung der wahlbegeisterten Grünen auch etwas überbordet, sie wagten fundierte Zweifel an den Fähigkeiten eines freisinnigen Bundesrates. Gut, das war etwas ungewohnt, denn nach der Blocher-Affäre war die Abwahl eines Bundesrates geradezu ein Trauma. Verständlich, aber völlig unbe-gründet, Blocher war offensichtlich unfähig zur Zusammenarbeit in einem Team, Cassis hingegen scheint wesentliche Kompetenzmängel zu haben. Jene Wirtschafts-Partei, die ihn auf den Schild gehoben hat, ist sonst eher dafür bekannt, den Regeln des «hire and fire» nachzuleben. Freisinnig zu sein und Tessiner rei-chen eben doch nicht zur Qualifikation zum Bundesrat. Obgleich im aktuellen Rat die Lichtgestalten ohne-hin sehr rar sind.


Gerechterweise müsste jeder mindestens eine zweite Chance kriegen. Die hat man dem designierten Aus-senminister grosszügig zugestanden, vermutlich vor allem auch aus taktischen Gründen. Seine Mitarbeit am neuen Umweltgesetz ist abgeschlossen, die unter anderem festlegte, dass Dienstreisen nur über die Dauer von 6 Stunden berechtigen sollten, das Flugzeug zu nehmen. Im Dezember hat Cassis in Belp bei Bern den Bundesratsjet in Richtung Zürich bestiegen, um einen europäischen Politiker zu treffen. Aber schliesslich ist er nicht einfach ein hoher Diener des Staates, er ist Ignazio Cassis, il Signore Consiglio federale svizzero !

 

Ignoranz ist eine der schlimmen Formen der Dummheit. Aber bei den einen gilt sie als lobenswerte Fähig-keit; und die anderen werden dafür bestraft.   Dez.19 



Das Mass ist voll

 

Als ein französischer Freund mir die direkte Demokratie der Schweiz erklärte und als weltweite Ideale erklärte, war ich richtig stolz auf mein Heimatland. Trotzdem, ich wollte ihn nicht enttäuschen, aber der frei Blick aus meiner zweiten Heimat erlaubt doch einiges an kritischen Gedanken.

 

In den vergangenen Jahrzehnten habe ich dazu gelernt, dass der polierte Fünfliber auch eine arg abge-griffene Kehrseite hat. Im Staatsunterrht, den ich einst und nicht ungerne genoss, erhielt ich ein demo-kratisches Grundwissen, das von Rechten und Pflichten sprach. Meine politisch etwas ausgeprägte linke Haltung war nicht lediglich eine Jugendsünde. Nach einem Referat zum Thema Kommunismus verfügte

der Kompanie-Kommandant eine dreitägige Ausgangssperre explizit für den Träger roter Socken. Die Kameraden sahen es anders und besuchten mich samt Bierharass im Kantonnement. Es war eine gute

Zeit und ich lernte, die Schweizer Armee ist von innen her nicht zu reformieren.

Dass ein Oberst einen fünftägige Arrest wegen Standblattfälschung zugunsten eines wirklich unbegabten Schützen unterschrieb, aber seinen eigenen Abstimmungsbetrug im Parlament nur mit einem müden Lächeln quittierte, zeigt die Machtverhältnisse in unserer vorbildlichen Demokratie. Dieser Oberst hat es weit gebracht, bis zum National- und sogar Bundesrat. Aber dann war das Mass voll.

 

«Das Mass ist voll» heisst zurzeit eine Gruppe, die zusammen mit Freiheitstrychlern, sektiererischen Faktenleugnern, vorsätzlich Bildungs- und Wissensfernen und Besiedlern der politischen Grenzbereiche jetzt auch die Macht der Demos erkannt hat. Bewilligt oder unbewilligt, aber immer behütend begleitet

von staatlichen Ordnungskräften. Anders als der linke Unrat, den es am 1. Mai in die Limmat zu kehren gilt. Ordnungskräfte, deren Eid weniger gilt als die eigene Befindlichkeit. Scheinbar wenige und deshalb eher väterlich ermahnt statt fristlos entlassen. Wer will sich schon mit denen von oben anlegen, wenn

man für sich selbst noch Entwicklungskapazitäten sieht. Demonstrationszüge, angeführt vom bärtige Innerschweizer in Hirtenkutte mit geschulterter Armbrust. So echt wie Wilhelm Tell auf dem Fünfliber, ebenso wertlos seit der Neuauflage im Jahr 1968 in Kupfer/Nickel- statt Silberlegierung. Übrigens, die Randinschrift der Münze ist DOMINUS PROVIDEBIT, zu Deutsch «Der Hirte wird vorsorgen». Und das ist gleich die Überleitung zu Weiterem.

Acht Milliardäre sollen die Kampagne gegen das Covidgesetz unterstützen. Gleichzeitig vermeldete die Presse im Spätsommer dieses Jahres, einer von ihnen soll dank Corona einen Kursgewinn von satten vier Milliarden erzielt haben. Wissen die Schafe eigentlich, welchen Hirten sie nachlaufen? Und am Ende, wohin? Ich würde sagen, nach einer guten Saison auf der Alp in Richtung Schlachthof.

 

Aber wenn selbst in den heiligen Hallen in Bern die Zweifler übermässig zu Wort kommen, stimmt das nachdenklich. Bauernschlau, wie der Ueli * seinen Auftritt im Freiheitstrychlerchutteli begründete, wäre dies der Anlass, ihn wegen vermuteter Amtsbehinderung abzusetzen. Zusammen mit seinen sechs Kol-leginnen und Kollegen bildet er nämlich die Exekutive. Einer seiner Vorgänger wurde wegen seiner man-gelten Schulbildung gehänselt, aber er war wenigsten sympathisch und volksnah. Ein anderer wurde wegen Betrug an der Kandidatur gehindert. Hat diese seltsame Bewegung keine valable Kandidaten zu bieten? Wobei Bewegung eigentlich der falsche Begriff ist, stehen bleiben ist ihre eigentliche Devise.

Gott sei Dank hat sich in Guy Parmelin einen würdigeren Vertreter gefunden; anscheinend muss man

eher bei den Welschen nachsuchen. Gerade jene belächelte Welsche, die den Röschtigraben als historisch begründete, aber keinesfalls trennende Grenze zu den compatriotes allémaniques betrachten. Jene Ro-mands, die es vielleicht schaffen, hoffentlich, dem Spaltpilz aus dem SVP-Labor den Garaus zu machen. Die dort bewusst angeheizte Spaltung Stadt-Land zu verhindern, denn die beiden gehören längst zu-sammen. Letztlich handelt es sich um reich gewordene oder aufs Land vertrieben Städter und von Mög-lichkeiten angezogene Wirtschafts- und Bildungsmigranten aus ländlichen Gegenden.

 

Bauernschläue ist wohl verständlich. Schliesslich hat alles eine Gotthelfsche Logik: der Knecht stieg auf zum Pächter, aber nach wie vor hat der Hofbauer ihm alles nur geliehen. Übrigens, dank den modernen Medien soll der Gottvater von Herrliberg im selben Chutteli abgelichtet worden sein. Aber der, der braucht keine faule Ausrede. Als abgewählter Bundesrat hatte er sich bis dahin noch ganz andere Stücklein ge-leistet.

Trotzdem, eigentlich müsste ich ihm dankbar sein. Er hat mir manche gelungene Kolumne bereichert; eine davon hat mir einen Shitstorm beschert, der mich heutzutage aus sämtlichen Social Media vertrieben hätte. Damals reichte die Briefkastenleerung mit dem Abfallsack.

 

Aber zurück zu den Saubannerzügen in Sachen Corona. Sollte wider allen Erwartungen der Neinsager

das Gesetz auch im zweiten Anlauf angenommen werden, drohen sie bereits mit einem zweiten Refe-rendum. Was für ein seltsames Demokratieverständnis haben diese johlenden und keifenden Gestalten,

die selbst mit rechtswidrigen Aktionen die Abstimmung nach ihrem Gusto entscheiden wollen? Unfähig, selbst Begriffe wie Demokratie, Solidarität, Toleranz, Anstand und Würde zu kennen, geschweige denn buchstabieren zu können. Nachhilfe, nicht nur in Staatskunde, ist dringend! Das Mass ist tatsächlich übervoll.

 

jtw 11/2021

  

*Selbst im Züri Oberland teilt man sich die Meinung, der Ueli, der ist nicht wirklich einer von uns.



Demokratie aktuell

Oder « La bureaucratie n’est pas une forme d’État »

 

Zugegeben, jener Staatskundeunterricht, den wir geniessen durften, mussten, hätten sollen oder weiss Gott was, war wesentlich einfacher. Wir - nous les Suisses - waren damals der festen Meinung, die wirk-liche Demokratie erfunden zu haben. In der Zwischenzeit haben wir gelernt, dem ist nicht so.

 

Trotzdem, manchmal scheint mir, dass meine Wahrnehmung doch eine andere sein müsste, bestätigen meine concitoyens français doch immer wieder, wie sehr sie die schweizerische Version der Demokratie

gut finden. Kürzlich erklärte mir gar einer meiner Freunde, die «direkte Demokratie» detailliert und kor-rekt. Könnte ich, hätte ich ihm geradewegs das Bürgerrecht verliehen. Ihm gegenüber hütete ich mich, darauf hinzuweisen, dass eine gute Hälfte die Abstimmungsunterlagen schlicht zur Seite legt oder gera-dewegs der Entsorgung übergibt. Und dass jeder vierte Mitbewohner von der Mitbestimmung ausgeschlos-sen ist, weil er keinen roten Pass mit weissem Kreuz besitzt.

Hingegen: In Frankreich sitzen in manch einem Gemeinderat Zugewanderte, Hauptsache sie sind aus Europa.

 

Natürlich gibt es auch demokratische Staate, deren Völker nur bedingt mitbestimmen können. Kürzlich ennet dem Atlantik, wo Wahlmänner erstmal persönliche Vorteile in Betracht ziehen oder Staatspräsiden-ten, die Oppositionelle aus dem Parlament oder geradewegs ins Gefängnis schicken. Oder die «partizipa-tive Demokratie», einfach erklärt: Das grundsätzliche Recht des an der Gemeinderatssitzung teilnehmen-den Bürgers, zwischen Sitzungsschluss und verre de l’amitié eine kurze, eine wirklich kurze Frage oder Bemerkung vorzutragen.

 

Zurück zur direkten Demokratie meiner ersten Heimat. Da umfassen die vierteljährlichen Abstimmungen viele wichtige Sachgeschäfte; aber meine Meinung ist auch gefragt, wenn Kühe das Recht auf Hörner haben sollen. Gut, man könnte ja die Rindviecher fragen, aber so weit geht die direkte Demokratie dann doch nicht. Oder doch?!

Ob in Zukunft nebst Minderjährige auch andere Primate mitbestimmen sollen, wird sich demnächst im Baselbiet entscheiden. Mich betrifft es nicht. Als Auslandschweizer bin ich ohnehin nur auf Bundesebene stimm- und wahlberechtigt. Obgleich mir meine erste Heimat monatlich von der Rente 10% Quellensteuer abzwackt. Nota bene ohne irgendwelche Gegenleistung. Seitdem die Auslandschweizer in den vergangenen Abstimmungen ein kleines Bisschen nach links rückten, will eine der bürgerlichen Parteien umgehend das Doppelbürgerrecht abschaffen.

So weit kommt es noch, dass jene 11%, die aus welchen Gründen auch immer, in die weite Welt zogen, mitbestimmen, was in Morgarten, Schattenhalb und Herrliberg gelten soll.

Keine Bange, den Meisten geht es ohnehin um ganz andere Dinge.

 

Der «Sonderfall Schweiz» ist schon längst keiner mehr. Besonders ausgeprägt in Coronazeiten. Auch wenn unser Land partout nicht zu Europa gehören will, ist es längst auf europäischem Niveau angelangt. Uneinig sind wir uns höchstens, wer sich in welche Richtung bewegt.

Wie überall: Regierende wechseln, treten zurück, frei- oder unwillig, derweilen die Verwaltung stetig vor sich hin administriert. « Les fonctionnaires doivent fonctionner ». Das reicht anscheinend. Was wiegen denn vier Amtsjahre gegen vierzig Dienstjahre? Ganz Europa, inklusive Helvetia, schreit nach Masken, Spritzen Impfdosen, ganz Europa scheitert an Einsatzplänen, die längst hätten vorliegen müssen. Aber Pläne für einen Fall erstellen, die auch einer über Jahre dauernde Vernehmlassung von Appenzell bis Zü-rich standhalten sollten, sind schlicht undenkbar. Da sind die Bockssprünge deutscher Ministerpräsidenten durchaus mit den Einwänden kantonaler und parteipolitischer Kleinfürsten vergleichbar. Da müssen sich sogar die sonst allseits und jederzeit verhöhnten französischen Beamten nicht verstecken. Versagt haben  sie überall, all jene die die Administration zum Lebensziel erhoben haben. Deshalb ist es an der Zeit, nach Corona ganz gehörig in den Amtsstuben aufzuräumen.

Viel zu viel wird immer noch erfasst, bearbeitet, abgelegt und archiviert, längst Unwichtiges weiterhin und trotz allem liebevoll gepflegt, getreu dem Anspruch, «Herr lass es Abend werden, aber hoffentlich nicht zu spät». Deshalb: Bei jeder Amtshandlung, bei jedem Entscheid, müsste zwingend nach vernünftigem Auf-wand und nach Sinn und Zweck im demokratischen Prozess gefragt werden.

 

Als einstig Beamteter, weder besonders exzellent noch deswegen begeistert, weiss ich davon zu reden. Auch ich habe «einige Generaldirektoren überlebt». Zuweilen umgeben von Mitarbeitenden, die sich vor jeglicher Veränderung fürchteten. Auch betraut mit der Aufgabe von den Vorteilen eines Individualvertra-ges gegenüber dem immerwährenden Beamtenstatus zu überzeugen. Ohnehin lediglich ein vager Besitz-stand in den Köpfen.

Mein Schreibtisch hatte ebenfalls eine unterste Schublade mit all jenem, das im Laufe der Jahre wieder an Aktualität gewinnen sollte. Sagte mein Vorgänger. Zu Recht natürlich, die Karriere war gezeichnet von Werte wie Treue und Bescheidenheit im Tausch gegen existenzielle Sicherheit. Beinahe wie bei der Christ-lichkeit: Das Endziel Paradies wird zur wohlersparten Rente.

 

Aber jetzt herrscht COVID-19, der Kampf dagegen in meinem Gastland würde ich mit «französisch selbst-bewusst und chaotisch» beschreiben. Alain, mein Nachbar und Wanderkollege, meint: Hätte man den Kampf gegen Corona einem General überlassen, ganz Frankreich wäre längst geimpft. Der britische Pre-mier Johnson hat es gewagt und Kompetenz und Verantwortung abgegeben. Das Resultat ist bekannt, wenn auch noch nicht schlüssig. Hingegen:

Auch noch so stolz auf unsere schweizerische Form der Demokratie, das Gerangel um Kompetenz in den Amtsstuben, zuweilen selbst im Bundesrat, wirkt peinlich und zerstört Vertrauen. Manchmal ist Mut und Entscheidungswille wichtiger als das Parteibuch. Und nicht jeder ist ein Diktator, der sich getraut, Ent-scheide zu fällen.

 

Zurück zum Titel "La bureaucratie n’est pas une forme d’État". Zu Deutsch: Bürokratie ist keine Staats-form. Ein Staat muss regiert, eine Pandemie bekämpft werden. Verwalten reicht dazu nicht, weder mit umfassendem Statistiken noch mit unverständlichen Vernehmlassungen. In Friedenszeiten ist Föderalis-mus gerecht und richtig, zurzeit ist es keine friedliche.

 

Daran denken heisst es, für alle, ins besonders der Präsident meiner zweiten Heimat, der in den vergan-genen Jahre schmerzlich erkennen musste, wie schwierig es ist, eine Verwaltung wie die französische zu reformieren.

05.2021



Ecopop: Und ein Stein fiel vom Herzen…

 

Ganz zuerst, Ecopop hat weder mit ökologischer noch mit ökonomischer Popmusik zu tun. Höchstens dass selbst der Initiativtext geradezu disharmonisch anzufühlen war.

 

Nun, Schwamm drüber, das Volk hat sich brav gezeigt und überzeugend entschieden. Wohl auch jene, die am 9. Februar die Regierenden einfach mal ohrfeigen wollte und im Nachhinein arg über das knappe, aber eindeutige Resultat erschraken. Und nicht zuletzt auch jene, die das Desaster am Neunten-Zweiten gar einbrockten und jetzt merken, dass sie sich nicht aus der Pflicht schleichen können. Mitgefangen-mitge-hangen, ätsch!

 

In der „Swisscommunity“, einer Plattform für Auslandschweizer, wogten die Meinung hin und her, schon deshalb, weil die Rückkehr in die 1. Heimat allenfalls auch unter das Kontingent der 16‘000 hätten fallen müssen. Schon der Gedanke, das in der Verfassung verbriefte Recht der freien Niederlassung könnte gefährdet sein, erregte die Gemüter. Nicht dass man sich vorstellen müsste, dass schon morgen 750‘000 Schweizerbürgerinnen und -bürger um Einlass begehren würden. Das wäre zugegebenermassen schlecht zu bewältigen. Aber der Grossteil dieser Eidgenossen im Ausland ist in ihrer 2. Heimat  integriert, verhei-ratet, seit Generationen fester Bestandteil der Landesbevölkerung. Vielmals ist der rote Pass ein Relikt der Treue zur Herkunft, ein Nachweis  kultureller Flexibilität und zugegeben manchmal auch ein bisschen Nos-talgie. Manchem wackeren Mitglied des Schützenvereins San Francisco würde die heimatliche Enge etliche Mühe bereiten.

Aber schon gleichentags schoben professionellen Brandstifter, jene, die die Schweizerische Pressefreiheit  als höchstpersönliches Mobile nutzen, wieder Zunder in die Glut. Auf dass die permanente Kritik an den sechs Bundesrätinnen und -räten nicht abreisst.

Nebenbei: Nummer 7 hat sich kürzlich selbst aus dem Rennen genommen mit seinem Antrag, die Europä-ische Menschenrechskonvention aufzukündigen. Wer derart bar jeder Vernunft mitredet, hat in den ver-gangenen sechs Jahren wenig dazugelernt und müsste eigentlich freiwillig abgehen.

 

Aber zurück zum Zunder. Obgleich die zuständige Bundesrätin, der Pressesprecher des Bundeshauses und andere Kompetente glaubhaft versichern, dass die Ablehnung dieser Initiative in keinem Zusammenhang mit der jener vom Februar steht, wird schon wieder das Misstrauen geschürt, der Bundesrat wolle sich vor der Umsetzung der Initiative „Gegen die Masseneinwanderung“ drücken.

 

Eigentlich hätte der Bundesrat drei Jahre Zeit, um vernünftig und unaufgeregt an die Lösung der mittler-weile allseits anerkannten Probleme zu gehen. Dummerweise stehen im nächsten Jahr wieder mal Wahlen an. Natürlich ist es nicht gesetzeswidrig, mit diesem geradezu zwangshaften Misstrauen Wahlpropaganda zu betreiben. Aber es ist auch nicht gesetzeswidrig, dem Wahlkampfleiter und dem vizepräsidialen Pro-pheten entgegenzuhalten, dass ihr Verhalten nicht nur unanständig und ohne Stil, sondern auch verant-wortungslos ist. Biedermann und Brandstifter!

 


 

EUROPA

 

Weshalb sich die Schweiz nach wie vor konstant weigert, Europa beizutreten, beantworte ich jeweils  mit der Gegenfrage: „Wann tritt Europa endlich der Schweiz bei?!“

 

Zugegeben, das „Europa von Brüssel“ ist sich der Demokratiedefizite bewusst und unternimmt immer wieder Anläufe, diesen entgegen zu wirken. Allerdings liegen dem Zweierlei im Wege: der in europäischen Kreisen unübliche Föderalismus und knapp zwei spannende Jahrhunderte. Föderalismus, in Dosen verab-reicht, gestattete zum einen Teil eigenständig zu bleiben und gleichzeitig sich mehr oder weniger freiwillig in einen Verband einzufügen, der persönliche und Rechtssicherheit nach innen wie nach aussen gewähr-leistet. Dass dies nicht im Zeitraum einer Generation geschehen musste, war eine Chance, die die meisten Staaten nie hatten. Das Abseitsstehen hatte sich in dieser Hinsicht gelohnt.

 

Heute spielt der Wirtschaftskanton Zürich eine ähnliche Rolle, wie Deutschland in Europa, die Ost- und die Nordwestschweiz spiegeln sich in den europäischen Staaten nördlich der Alpen und auch wir haben unsere compatriots vom alemannischen Elsass bis zu den um einiges lässigeren nicht zwingend nachlässigeren Miteidgenossen. Eine an dieser Stelle angedeutete Nähe zwischen den  Hellenen und den Stämmen ent-lang der Rotte ist durchaus gewollt. Und unser Luxembourg heisst Kanton Zug. Auch wir haben unsere un-terschiedlichen Steuergesetze und den weitgehend sanktionierten Steuerausgleich zwischen den Kantonen, alles im Rahmen der gerade noch tolerierbaren und deshalb verbindenden Ungerechtigkeit. Getreu dem Motto: Alle sollen nach ihrem Können beitragen und jene die dies partout nicht wollen, lässt man auch in Ruhe.

 

Allerdings liegt auch ein kultureller Unterschied vor: In der liberalen Schweiz versucht die Politik der Wirt-schaft auf den Fersen zu bleiben. Im Gegensatz, in manchen europäischen Staaten sagt die Politik der Wirtschaft, was Sache ist. Das gipfelt manchmal darin, dass der Wirtschafts- dem Innenminister ins Ge-hege kommt, weil der eine dem eben geadelten Bäckermeister „Meilleure Baguette de France“ hilft, Ar-beitsstellen zu sichern und der andere aus formalistischen Gründen für denselben Meister unbedingt den freien Sonntag fordert. Vermutlich deshalb erwähnt der französische Staatspräsident bei jeder Gelegenheit die Wichtigkeit der „Egalité“. Der ist eben noch ein richtiger Linker.

 

Dabei wäre gerade jetzt doch der Zeitpunkt günstig: Die „Eurozone“ könnte dem Schweizer Franken bei-treten, schliesslich liegt die Wechselkursdifferenz gerademal um 5 Cents, respektive Centimes oder Rappen auseinander. Aber stelle man sich mal vor, die Windeln ennet dem Rhein würden plötzlich gleichviel Kosten wie im Coop in Sarnen. Schlicht unvorstellbar. Nun, nicht immer die erste Idee sei die Beste!

 

Aus diesen und vielen anderen Gründen wird Europa wohl nicht so bald der föderalistischen Schweiz bei-treten. Obgleich ein sehr in die Jahre gekommener Uraltpräsident Frankreichs mit denselben Überlegungen spielt, allerdings unter peinlichstem Einhalten der weitmöglichsten Distanz vom bereits erfundenen Modell. Reden wir nicht vom Verrat an den Helvetiern, nicht von den Burgunderkriegen, der untergegangenen Garde von Louis XVI und dem Schweizerregiment, das den Rückzug über die Beresina deckte. Die trugen schliesslich alle selber Schuld oder so. Dass die Grande Nation ausgerechnet dem Kleinstaat nicht beitreten mag, der ihm über einen dermassen langen Zeitraum so viel Ungemach bereitete, kann ich begreifen. Und aus ähnlichen Gründen käme dies wohl den wenigsten Staaten des uneinigen Europas in den Sinn. Aber das alles ist nicht von Belang; vermutlich würden ohnehin wieder 52% der Schweizer gegen einen Beitritt stimmen.



Expats

 

Selbstverständlich kommt man mit «Auslandschweizern» und «Schweizern im Ausland» im Gespräch, so bei der üblichen Pflege von Beziehungen unter Landsleuten, die aus irgendeinem Grund ihren Lebensmit-telpunkt auch ausserhalb der ersten Heimat wählten und manchmal ganz auch spontan bei Begegnungen im täglichen Leben. Auslandschweizer unter sich haben eigene Themen: Erfahrungen mit Handwerkern, mit Dienstleistungen oder einfach mit der französischen Politik und der nicht ganz einfachen Administra-tion. Und natürlich Tipps zur Gastronomie. Viele sind auch zu Freunden geworden, die man ab und zu trifft oder besucht. Und letztlich erkennt man viele gar nicht, weil sie schon längst integriert  oder gar natura-lisiert sind. Weder an irgendwelchen Balkongeländern oder gar Fahnenstangen wird die Herkunft angezeigt.

Schliesslich tun dies die Franzosen auch nicht, ausser sie sind gerade Weltmeister geworden.


Als Schweizer im Ausland, "dit les hirondelles", gelten jene die zumeist nur in der Saison ihre Häuser, eben Ferienhäuser bewohnen. Mit ihnen sitzt man manchmal zu einem Glas Wein oder Kaffee zusammen, man begrüsst sie gerne und vergisst sie ebenso bis zur nächsten Saison. Sie tragen manchmal Themen mit, die uns definitiv fern sind. Die grosse Frage nach dem Recht der Kühe auf Hörner beschäftigt uns weniger. In unserem Umfeld tragen die Charollaisrinder der etwas aufgeklärteren Bauern wieder Horn. 

Dazwischen gibt es auch Landsleute, zwar ganzjährig ansässige, die regelmässig zu Arztbesuchen und un-verzichtbaren Anlässen in die Schweiz zurückkehren. Anscheinend überwiegen Steuern und Sozialwerke immer noch die Risiken, die man allenfalls eingehen müsste. Ihre Schriften – eine echt schweizerischen Bezeichnung für die Ausweispapiere und dementsprechend im Duden vermerkt – lagern bei der Familie,

bei Freunden oder allenfalls in einem gemieteten Zimmer, der letzte Anker in der Heimat. Auch weil ein ständiger Wohnsitz in der Schweiz eine an und für sich luxuriöse Angelegenheit ist, zumal die Kantone in der Zwischenzeit auch Steuern für die Ferienhäuser in Frankreich aufgrund individueller Eigenmietwerte in Rechnung stellen. 

 

Und: Am 1. August im Hypermarché, über die Gestelle hinweg, «Mami Mami, ich häs gfundä», alle in ein-heitlichem T-Shirt ‘rot mit Schweizerkreuz’ eingekleidet, die klassische Familie, vermutlich aus Schwamen-dingen, Zürich Ost. Definitiv ungeniert und fest in der Meinung, uns versteht man ja ohnehin nicht. Ei-gentlich bin ich stolz auf unsere unterschiedlichen Dialekte, aber muss das immer so penetrant laut sein? Umgehender Wechsel ins Französische, um nicht erkannt zu werden. Auch weil solche Leute zuweilen andere Landsleute grundsätzlich duzen.

 

Vor ein paar Jahren begleitete ich einen Landsmann beim Erwerb einer Liegenschaft, einer, der nicht die Gunst hatte, von seinem Arbeitgeber zum Sprachaufenthalt ins Welschland versetzt zu werden. Dabei

wurden mir die kulturellen Unterschiede noch um einiges bewusster. Von Grund auf misstraute er dem an- bietenden Immobilier zutiefst. Unfähig auch nur einfache Texte zu verstehen, ortete er hinter jeder Rede-wendung, und von denen gibt es nicht wenige, eine Falle, um ihm «sein Geld» aus der Tasche zu locken.


Die Beurteilung der Liegenschaft und eine Schätzung der zu erwartenden Kosten akzeptierte er, aber als

er eine Budgetierung der zu erwartenden Lebenshaltungskosten verlangte, wurde ich hellhörig. Der Aus-tausch per Mail wuchs ins Unermessliche, Versicherungsofferten wurden nicht beantwortet, ebenso das Angebot, ein hilfreiches Konto eröffnen zu lassen. Für das mit vielerlei Technik ausgerüstete Haus verlang-te er Gebrauchsanweisungen in Deutsch und nicht zuletzt meinte er, man könne auch noch die berech-tigten Ansprüche des Immobiliers umgehen. Schön hat er wenigstens die zwanzigtausend, die ich für ihn herausholte, begrüsst. Allein die Übersetzungen der überaus aufwändigen Texte haben weit über zwanzig Stunden in Anspruch genommen und jede noch so ‘französisch’ aussehende Formulierung musste pein-lichst begründet werden. Schlicht ein unangenehmer Zeitgenosse, so wie manche hier "ces Suisses riches", diese reichen Schweizer eben einschätzen.


Nun, der Vorvertrag und der Termin beim Notar sind über die Bühne gegangen, aber ich habe mir selbst nicht verziehen, einem derartigen Mitmenschen das Tor zu unserer zweiten Heimat aufgestossen zu haben.

 


Fiablilité

 

Zuverlässigkeit ist scheinbar ein nordeuropäisches Merkmal; irgendwo zwischen Calais und München muss eine unsichtbare Grenze bestehen. 

 

Im Gespräch unter Freunden gelten wir Schweizer als zwar etwas hölzern und überkorrekt, aber durchaus zuverlässig und pünktlich. Jedenfalls hat es sich im Dreieck Kunde-Künstler-Galerie durchaus bewährt. Die Künstler fanden in uns einen Partner, der sie in keiner Weise versuchte reinzulegen, der sich an die Verein-barungen hielt und auch gegenüber Kunden ihre Interessen wahrte. Und die Kunden konnten vertrauen, dass ihre Wünsche berücksichtigt wurden und sie das reservierte Werk gegen Ende der Ausstellung abho-len konnten, manchmal sogar bis ins Ausland geliefert bekamen.

 

Etwas mehr Aufwand bereitete unsere Anpassung an das «französischen Zeitmanagement». Zu spät er-scheinen ist Usus, ein «vers neuf heures», darf nicht mit «gegen neun» verstanden sein, vielmehr als «so um neun Uhr», was da heisst nicht vor viertel nach, eher gegen halb zehn. Wenn’s gut geht. Der Weiss-wein bleibt bis dahin an der Kühle, das Kleingebäck muss nicht mehr direkt aus dem Ofen kommen. Wir geben uns Mühe. Trotzdem steht man zuweilen in geputzten Schuhen und Jacke unter der eigenen Haus-türe, weil man einmal mehr wieder zu früh dran ist für französische Verhältnisse. Und warten ist mühsam, wenigstens für uns beide. Schön ist hingegen, auch französische Gäste erscheinen schon seit eh bei uns zur vereinbarten Zeit. Zugegeben, wir schätzen das sehr.

 

Franzosen und Französinnen können sich aber durchaus auch anpassen. Über 150'000 haben sich in der Schweiz niedergelassen. Neunzig Prozent der Auslandfranzosen leben in der Welschschweiz; natürlich vor allem wegen der gleichen Sprache. Allerdings für eine erweiterte Karriere muss man in Kauf nehmen, auch die Kultur der alemannischen Schweiz kennen zu lernen.

 

Marie Maurisse, eine französische Journalistin äusserte sich mit einem Büchlein «Bienvenue au paradis» sehr abfällig über die Schweiz. In der Deutschschweiz kaum wahrgenommen, aber la presse romande regte sich wochenlang sehr darüber auf. Bref, ein Redaktor schloss das Thema mit der Bemerkung ab: «eine eingebildete Tussi eben, inkompetent und unprofessionell».

 

Trotz allen Spannungen lebt Maurisse heute gerne in Lausanne. «Die Schweiz ist meine Wahlheimat ge-worden.» Was sie anfänglich erstaunt habe in der Schweiz, seien die zwischenmenschlichen Beziehungen, namentlich der Respekt. «Hierzulande lässt man das Gegenüber eher reden, man hört aufmerksamer zu. In der Arbeitswelt kommt man schneller voran, im Vordergrund stehen die Fähigkeiten, nicht irgendwelche Diplome.» Zudem biete die Schweiz ein exzellentes kulturelles Angebot.



„Hollande a liquidé l’espérance socialiste“ /  Ein offener Brief an Jean Ziegler

 

Geschätzter Herr Ziegler

 

Als Abonnent des „Le Point“ habe ich natürlich das Interview gelesen und „Au Maronnier“ bin ich auf den Artikel von J.-P. Tenoux im Journal de Saône et Loire gestossen. Zugegeben, letzteres ist nicht mein jour-nal préféré, aber zusammen mit einem frühen p‘tit café allemal geniessbar.

 

Sie verleihen M. Le Président zu viel Aufmerksamkeit. 

Er war nie ein Sozialist und schon gar nicht ein Sozialdemokrat, obgleich er seine ganze Karriere in dieser Firma Zug um Zug aufbaute. Erfolgreich, wohl verstanden. Aber innerhalb der Partei war auch nicht je-mand mehr ernst zu nehmen:  die wirklichen Hirsche sind politisch und auch sonst schon lange tot, Rocard alt und verbraucht, DSK zu schwanzlastig, Royal zu emotional, Aubry unflexibel, Montebourg völlig talent-frei als Wirtschaftsminister, dann noch etwas hübsche Quotenfrauen, usw. Dass er seine ehemalige Partne-rin in seine Nähe berufen hat, ist verständlich; lange genug hat sie seine Agenda in Ordnung gebracht. Aber schliesslich brauchte er zu seiner Wahl auch keine wirkliche Qualifikation vorzuweisen; 2012 wollte man ganz einfach und partout Sarkozy loswerden.

 

Heute rächt sich die fehlende Ausbildung in der realen Welt.

Hollande versteht die Wirtschaft nicht, er erkennt keine Zusammenhänge, zwar ist er immer guten Willens, bleibt aber auf halbem Weg stehen, schlicht, er verfügt lediglich über Apparatschik-Erfahrungen statt über Führungseigenschaften. Nicht mal ein bisschen ‚Machiavellismo‘ gelingt ihm wirklich, weil er hin und her-gerissen ist zwischen halbwegs erkannter Pflicht und Liebesaffären prämaturen Stils. Zwar blitzgescheit, aber untalentiert und egoman. Ein veritabler Nichtsnutz, natürlich sich selbst ausgenommen. Aber gerade dafür kann er eigentlich nichts, „das Volk“ hat ihn gewählt und das französische Volk ist eben schon ein bisschen ein eigenwilliges.

 

Ich zitiere: « Il est comme le lapin devant le serpent, tétanisé face aux banquiers ».

Da liegen Sie falsch Herr Ziegler; schon früh erklärte er die Hochfinanz zum Staatsfeind N° 1 und verkehrt deshalb nicht in diesen Kreisen, weil er nichts davon versteht. Siehe oben. Und er lehnt die Zusammenar-beit mit Nobelpreisträger Tirole ab und versuchte Picketty mit einem Orden zu löcken. Das ist dumm und lächerlich. 

 

Zurzeit sitze ich mit einem halbwegs verheilten gebrochenen Bein am Schreibtisch, es schmerzt, aber

mein Chirurg und seine Kollegen streiken. Und die entsprechende Quotenministerin schwankt, weil ihr

Chef sich nicht zu entscheiden mag, kann, oder wie auch immer. Das ist ebenso dumm und lächerlich. 

Trotzdem lebe ich als Auslandschweizer gut und gerne im ländlichen Burgund. Immatrikuliert in Lyon darf ich in meiner 1. Heimat abstimmen und nach wie vor verliere ich beinahe regelmässig; in dieser Hinsicht hat sich nichts verändert.

 

Cordialement

Jean Thomas WEBER


05.2015

 


 

Hurra, Abstimmung zur Masseneinwanderung

 

Hurra! Am Fernseher der strahlende Parteipräsident, jener, der hoch über dem längst okkupierten Tog-genburg thront. Es jubelt noch ein Präsident, ebenfalls ein Bergler, der im zivilen Leben dringend auf ausländische „Bauchnuschtis“ angewiesen ist und  es jubelt der Volkstribun von „Liebi Fraue und Manne“, zwar auch so ein aus dem Norden Zugewanderter, aber ein sehr erfolgreicher, der für das vergangene Jahr wiederum dreistellig Millionen abräumte. Zusammen mit  seiner Tochter mit ihrem Süditalo. Zugegeben, etwas weit gegriffen, die Schweiz wie  anno dazumal im deutsch-italienischen Sandwich. Dabei ist ja be-kanntlich der Schinken in der Mitte das Beste – (alles andere ist Beilage,O-Ton Metzgermeisterverband)  – und davon möchten schon lange all jene Zuwanderer aus Nord und Süd profitieren. Und definitiv zuletzt jener, der den Eidgenossen eine griffig tönende, aber völlig harmlose Initiative unterjubelte; den können sie jetzt endgültig bei der ehemaligen Bünzli-Ghackets und Bierpartei aufnehmen. Dem glaubt man nicht einmal mehr die Versprechungen auf dem Mundwässerli.

 

Hurra schreien jene vor und hinter dem Säntis, der Rigi und Jungfrau, Mönch und Eiger, denn sie fühlen sich besonders als Betroffene. Erst jede beste Aussichtslage teuer an einen Ausländer verkaufen und dann die Faust aus dem Sack nehmen. Heuchler elendige. Die werden erst nicht mehr Hurra schreien, wenn der Finanzausgleich aufhört aus den Wirtschaftskantonen zu fliessen. Dort wohnen und arbeiten nämlich mehr-heitlich jene, die das Geld verdienen und mit den Zuwanderern leben. Jedenfalls sind in Appenzell weder die SBB-Sitzplätze überbesetzt noch die Autobahnen verstopft. Wohl deshalb, weil sie keins von beiden haben.

 

Hurra, die Schweiz bietet Europa die Stirn. Wenigstens ein bisschen und nur sonntags. An Werk- und ab-stimmungsfreien Tagen arbeiten die Eidgenossen fleissig und stolz für die Wirtschaft, die erfolgreich ex-portiert und seit ein paar Jahren etwas weniger erfolgreich einiges an luscherem Geld importiert. Jeder dritte Franken stamme  aus Europa, sagt man und die Unseren hauen denen mit der Hellebarde auf den Schädel. Wenn das nicht der Hund ist, der die Hand beisst, die ihn nährt. Nun manchmal hat eben auch Demokratie nicht unbedingt mit Intelligenz zu tun, aber Emotionen sind ja auch was Schönes, nicht? Ir-gendwann in der alten Schweizer Geschichte hatte man begriffen: „Handel statt Händel“. Sind die alle so vergesslich geworden?

 

Stolz bin ich trotzdem ein bisschen: Die Vernünftigsten in diesem Chor singen Züritütsch oder Französisch; stolz, weil ich von den einen abstamme und mit den andern lebe. Hurra!

 


Info +

 

In der Zeit des verordneten „Restez à la maison!“ hat man plötzlich genügend Zeit zum Nachdenken. Auch zum vermehrten Fernsehen. Sind sie wirklich im Sinn der eigentlichen Informationsvermittlung, diese zahl-reichen Programmangebote?

 

Immer in der seltsamen Meinung, Föderalismus sei eine rein schweizerische Erfindung, wurde mir, dass ein gemeinsames Vorgehen bei der Bekämpfung des Virus bei unserem nördlichen Nachbarn seine erheblichen Schwierigkeiten hat. Das gipfelte bei der Beschaffung der Masken mit der Aussage eines der Gesundheits-minister, «wenn er seine fünfhunderttausend Stück erhalten habe und erst dann, verrate er auch die Be-zugsquelle».

 

Aber eigentlich muss das uns expats suisses ja nicht sonderlich kratzen, werden wir doch zentral infor-miert, was in französischen Landen gerade verordnet wird. En France c’est Monsieur le Président per-sönlich, der sein Volk in einer Rede zur abendlichen Stunde mahnt, die Anordnungen der Regierung zu befolgen, weil sich Frankreich in den Krieg begeben hat. „Nous sommes en guerre“ in sechsfacher Wie-derholung. Dies vor einem Meer von Trikoloren, und am Schluss natürlich die Marseillaise: Allons enfants de la patrie!

 

Zwei Wochen später darf denn auch vermeldet werden, dass unterstützt durch 220‘000 erteilte Bussen,

les français et françaises sich erfreulich gut an die strengen Weisungen halten. Und dies, obgleich diese einem ständigen Wandel unterliegen. Aktuell muss ich ein Formular ausfüllen, um ein paar Flaschen Chardonnay aus dem einen Keller in den anderen zu transportieren. Überprüfbare Angaben zur Person, Anlass, Datum mit Stundenangabe, Unterschrift. Eine Stunde später ist der Wisch bereits wertlos. Dann kostet‘s, 138 €.

 

Dank einer schweineteuren SAT-Acces-Karte empfangen wir auch die Sender der Schweizer Fernseh- und Radioanstalten. Eigentlich vor allem wegen SwissJazz und SwissClassic. Trotzdem, somit sind wir natürlich auch auf dem Laufenden, was im Land unserer Nachkommen seine Gültigkeit hat und wie das Virus be-kämpft wird. Der Feind wird hier von zwei Seiten her angegriffen: An der Front der Ärzte und Krankenpfle-genden und an der Wirtschaftsfront. Ans Mikrophon durfte die diesjährige Bundespräsidentin, um eine ernste, angemessene Rede zu halten. Sie hat das gut gemacht, die Sommaruga. An der Wirtschaftsfront wird die Schlacht bereits geschlagen, mit Erfolg, sagt Ueli der Zürioberländer. Der Sieg an der Gesund-heitsfront lässt vermutlich noch etwas auf sich warten.

 

Gewappnet mit derart vielen Informationen, versuchen wir, das uns verständlich Erscheinende anzuwen-den. Zum Beispiel das Tragen von Masken. Erst hiess es, die Masken brächten eigentlich wenig oder höch-stens als Schutz vor bereits positiv getestete Personen. Dann galt es als solidarische Geste gegenüber all-fällig Infizierten. In der Folge wurde wiederum abgeraten, Maskentragen sei eigentlich nur den Pflegenden vorbehalten und sinnvoll. Dann die andere Botschaft: Die schnellen Erfolge in Südkorea, Taiwan und Singa-pore führte man auf das stark verbreitete Maskentragen zurück. Asiaten sind halt wesentlich distanzierter und disziplinierter als wir. Was auch stimmt.

Und heute stellt ein Allgemeinpraktiker in unserem Provinzblatt fest, wünschbar und wirkungsvoll wäre die Verwendung von Masken für alle. Bereits sind in der  Nähgruppe in Paray-le-Royal bis in der Hemdenfabrik in Chalon-sur-Saône die Produktionen angelaufen. Zugleich wurde vermeldet wurde, die allseits einge-standenen Engpässe in der Beschaffung für die Hospitäler, Heime und Ämter seien jetzt weitgehend be-hoben. Wir fühlen uns ein bisschen verarscht, wenn dieser etwas starke Ausdruck erlaubt sei. Jedenfalls werde ich zum nächsten Einkauf in der Suprette auch eine Schutzmaske anziehen. Schliesslich haben wir noch einige in Reserve. Nicht etwa gehamstert, Ehrenwort, aber wer dermassen viel umbaute, hat auch Masken in der Werkzeugkiste.

 

Einmal mehr sind wir der Meinung, dass Föderalismus der Schlüssel für ein einiges Europa bedeuten wür-de. In besonders unsicheren Zeiten muss es aber möglich sein, rasch und umsichtig allgemein gültige Regeln festzulegen. Anlässlich der schweizerischen Pressekonferenz kam einzig die Frage auf, ob die An-ordnungen auch das Wallis beträfe…



Klimaziele


"Wollen wir die Klimaziele erreichen oder reichen uns die Klimaziele?" *

 

Es sind gerade mal vier Monate her, da stimmte «die Schweiz» über drei Klimavorlagen ab, die ich für bedenkenswert fand, mein Ja beizusteuern. Einmal mehr bin ich meiner persönlichen Vernunft anstelle politischer Kalkül gefolgt und dementsprechend abgestraft worden. Kurz, die Vorlagen wurden von deut-lich bis knapp abgelehnt. Zugegeben, das Pestizidverbot war ein bisschen radikal gedacht; im Super Marché entscheidet immer noch der Preis statt die eigene Gesundheit. Und dass in einem grossen Teil

des Mittellandes minderwertiges, schädigendes Wasser aus den Hähnen läuft, ist nicht unser Bier, will sagen Trinkwasser. Und letztlich: Die knappe Ablehnung des CO2-Gesetzes hat den umliegenden Län-

dern gezeigt, die Insel mitten in Europa ist kein Mustermädchen und damit eigentlich europatauglich, entgegen jeglicher gefordeter Distanzierung. Die europäische Presse hat das Abstimmungsresultat auch entsprechend gewürdigt.

 

Etwas radikalere Jugendliche begnügen sich nicht mehr mit den free fridays-Umzügen. Die kleine Schwe-din mit den Mädchenzöpfen kämpft ums politische Überleben, die Eisenbahnreisen durch halb Europa sind reichlich anstrengend. Die Radikalen hocken heute auf der Brücke, blockieren den Verkehr und schreien «revoluschn», unisono gekleidet in Shirts, zusammengenäht in Vietnam, bedruckt auf Madagascar, beides Destinationen, die laut chinesischer Textilindustrie ganz offiziell noch kostengünstiger als die eigene arbeitet. Und da wären wir wieder zurück im Thema. Nach der Abstimmung wurde in aufwändigen Nach-fragen nachgewiesen, dass das Gesetz nicht allein von den Jungen zu Fall gebracht wurde und die Presse war umgehend beflissen, die in Verruf gebracht Jugend wieder reinzuwaschen. Bleibt die Frage: Wer ist denn die Jugend? Sind der 35-jähriger Jungsozi, das 45-jährige Mami (Gr 36+), das seine Kleider gemein-sam mit ihrer Teeny-Tochter (Gr. 34) einkauft oder der gleichaltrige Papi, der partout mit den Junioren spielen will, weil er sich dabei noch jung und fit wähnt, auch noch der Jugend anzurechnen?

 

Gut, ein Teil der älteren Generation hat in den vergangenen Jahren dazugelernt. Die Liegenschaften sind gut isoliert, soweit es bei einem Haus aus dem fünfzehnten Jahrhundert möglich und dem «Architecte des Batiments de France» genehm ist. Das Waschwasser vom Salat und von manch anderem mehr landet in der Tonne und nicht jedem Bisi werden sechs Liter Trinkwasser hinterhergeschickt. Auch Götti Heiri, einst Bauer am Ustemer Stadtrand konvertierte nach seinem Rückzug auf den Millionenhügel zur Einsicht und sammelte fleissig Samen von seltenen Kräutern und Pflanzen. Kurz, dazugelernt heisst, verstanden zu haben, dass es längst Fünfvorzwölf geschlagen hat und jetzt versuchen, etwas wieder gut zu machen.

 

Und da erstaunt am Fernseher der leicht übergewichtige Vierziger schon ein bisschen mit der Aussage: CO2-Gesetz? Gott bewahre, ich gehöre zur Easy-Jet-Generation.

 

Okt. 2021                                                   * Christoph Sieber, Kabaretist

 


Lettres de la Bourgogne No 30


Liebe Freunde und Verwandte


Es sind wieder mal bald zehn Jahre dahin, Zeit für eine Neuorientierung; wie immer, „der Weg ist das Ziel“. Zugegeben, eine „Planung für das kommende Jahrhundertviertel“ wäre etwas vermessen, also ganz ein-fach, „Mehr eigene Zeit“.


Dazu sind ein paar Schritte zu tun, zum Beispiel die Beendigung der Geschäftstätigkeit, Schliessung der Galerie und des Webateliers, der Gang in die Rente, obgleich die französische Rente gerademal reichen wird, um monatlich einmal in einem renommierten Haus zu speisen. Natürlich bleibt das Schaufenster dekoriert und Margrit wird weiter weben und ebenso selbstverständlich bleibt die Türe zum Atelier offen. Trotzdem, Mitte Dezember werden wir zur „Finissage“ einladen.


Und wir trennen uns vom Luxus eines Sommerhauses, sprich, die Moulin de Chigy steht zum Verkauf www.moulindechigy.fr. Vielleicht gibt es sogar Einsteiger im Frührentneralter in Eurem Umfeld. Und der Preis ist wirklich vernünftig, nachzufragen lohnt sich.


Jedenfalls geht es uns gut, wir sind in die Gesellschaft hineingewachsen. Man deklariert korrekt die Steu-ern, kriegt die Einladung zum repas des ainés, das Sonntagmittagessen der Alten, man kennt sich, wie man sich eben im Dorf kennt und am Montag geht Margrit regelmässig zum Chorsingen. Selbstverständ-lich bleibt man les Suisses, den liebevollen Hinweis auf den „petit accent sympa“ nimmt man gelassen. Man gehört ein bisschen dazu. Aber auch nach vielen Jahren in der 2. Heimat muss ich sprachliche Bruch-stücke zusammen suchen, wenn die Unterhaltung ins Patois abgleitet.


In diesen Jahren hat man la démocratie participative entdeckt, den Einbezug der Bürger in politische Ent-scheidungen; noch etwas zögerlich für basisdemokratisch infizierte Schweizer, aber es regt sich was mit der Verlagerung der Aufgaben auf die Regionen. Dabei bleiben Paris et les parisiens ohnehin eine eigene Gattung in Frankreich, die Hauptstadt ist geradezu heilig gesprochen, „on monte sur Paris“. Aber insge-heim hält der Burgunder diese unfreundlichen, lauten und unzuverlässigen Hauptstädter allesamt für Idi-oten, die nicht einmal anständig auf unseren Strassen fahren können.

Aber zurück zur Mitbeteiligung am Staat. Regelmässig wird man auf Wunsch hin zu Umfragen und öffent-lichen Diskussionen eingeladen, vielmals zu Fragen des öffentlichen Verkehrs – in der Provinz schlicht

nicht existent – aber auch zu touristischen Monsterplänen, zu denen die privaten Investoren den Staat

zur finanziellen Mitbeteiligung bitten möchten. Kürzlich hat mir ein französischer Freund die Vorzüge der schweizerischen direkten Demokratie bis in die Details erklärt; ich habe auf jegliche Hinweise auf allfälli-

ge Realitäten verzichtet, ich wollte ihn nicht enttäuschen in seiner Begeisterung.


Erstaunlich ist, dass mit dem neuen Präsidenten diese Diskussionen eher in den Hintergrund rücken. Es wird wieder mehr von Paris aus regiert, der junge Macron will Frankreich wiederum zur Grand Nation brin-gen, die auf Augenhöhe zu Deutschland Europa anführt. Und deshalb blickt alles gebannt auf die sinken-den Popularitätswerte und bereits wieder drohende Streik-drohungen. Wen wundert‘s, denn die neue Re-gierung will allen Ernstes Reformen an die Hand nehmen. Deshalb, einmal mehr ist man versucht nein zu sagen, ohne zu wissen, zu was man eigentlich nein sagt. Dies in einem Land, das stolz darauf hinweist, dass zu einem wirklichen Umbruch auch eine gehörige Revolution gehört, Nur gut wurde die Guillotine vor bald neunzig Jahren definitiv in Rente geschickt. Aber nicht umsonst trägt das Buch von Macron den Titel „Revolution“. Noch nicht alle haben es gelesen.


In diesem Sinne seid herzlich gegrüsst aus dem immer noch sonnigen Südburgund


Margrit & Thomas


Mit der 30sten Ausgabe endet diese Serie, wir sind angekommen. Danke für euer Interesse und Kommentare.

Herbst 2017



Nespresso! What else?

 

Wir sind stolze Besitzer zweier Maschinen und  der vierteljährliche Service beschert uns per Post via Paris unsere dosettes von Arpeggio bis Vivalto lungo für 284 Euro.

 

Im November machte der Club ein Sonder-Angebot für das Büro, schliesslich haben wir sowas in unserem Kleinstgewerbebetrieb. Eines der neuen Maschineli  ist uns ins Auge gestochen und wir wollten den Rabatt nutzen. Also, Formular ausfüllen am Kompi, getreulich wie immer bis fast zum Ende, dort nämlich, wo  le numéro du portable, verlangt wird. Zugegeben, mit zwei Festnummern war der Bedarf nie dringend und das altmodische Handy meiner Gattin aus 1. Ehe läuft immer noch über die ewigwährende SIM-Karte schweizerischer Provenienz. Ich bin in dieser Hinsicht anscheinend noch etwas sehr zurück. Jedenfalls ge-lang es nicht, eine neue Kaffeemaschine zu bestellen. Einigermassen erbost schrieb ich an die Zentrale in Paris, schliesslich bin ich treuer Kunde seit über zehn Jahren. Dies war am 21. November 2014.

 

Im neuen Jahr erreichte mich ein Schreiben, datiert vom 30. Dezember  vom  Boulevard Pasteur in Paris. M. Pierre Savonet drückte mir seine Freude zu meinem Interesse an Ihren Maschinen  aus. Gleichzeitig teilte er mir mit, dass das Sonder-Angebot abgelaufen sei. Weiter wünschte er ein gutes Neues Jahr be-gleitet von délisieuses dégustations…

 

Dass meine Bestellung daran scheiterte, dass ich über keine Handynummer verfüge, kann ich zwar nicht verstehen, aber es gibt noch viele andere Dinge, die man im modernen Leben nicht einfach so versteht. Zwar wird mir nach wie vor eines wachen Geistes versichert, aber vielleicht ist das auch nur rücksichtsvol-le Freundlichkeit.


Aber dass Herr Savonet beinahe volle 40 Tage benötigte, um ein dürftiges Brieflein zu verfassen, einem Kunden eine Antwort zu geben, die Ihn nicht frustriert sondern vielleicht ein bisschen tröstet, dafür habe ich nun definitiv kein Verständnis. Gut, der Kunde als solcher muss in Frankreich noch erst erfunden wer-den, aber Nespresso, immerhin eine Firma, die unter dem Namen eines der wichtigsten Flaggschiffe der schweizerischen Wirtschaft segelt, kann ich sowas nicht leicht verzeihen. Da nützt keine noch so originelle „George Clooney“- Werbung, wenn der Kunde nicht als solcher behandelt wird. Nach wie vor bin ich treu und verständnisvoll, obgleich kürzlich eine meiner Kundinnen den angebotenen Nespresso verweigerte mit dem Hinweis, sie wolle die arroganten und kundenfernen Mitarbeiter des Pariser Clubs nicht auch noch unterstützen. Und ich möchte weiterhin meinen Nespresso schlürfen.

 

Vielleicht müsste Herr Direktor auch mal Paris einen Besuch abstatten. Immerhin sollte es kein Sprach-probleme geben. So wie wir Auslandschweizer täglich versuchen, gute Botschafter für unsere 1. Heimat

zu sein, muss es auch eine der wichtigen Führungsaufgaben bleiben, den guten Ruf schweizerischer Wert-arbeit weiterhin zu pflegen und zu erhalten.


 

Résumé einer Abstimmung


Lange ist die Liste meiner Abstimmungsmisserfolge; eigentlich seit Beginn meiner Volljährigkeit. Ein ein-ziges Mal war ich richtig auf der Gewinnerseite und dafür schäme ich mich heute noch.


Auch am vergangenen Sonntag gereichten meine Entscheide nicht zu einem Gesamtsieg. Wohl nicht er-staunlich an einem Dreizehnten. Einzig mein Heimatkanton Zürich, la vrai Suisse romande und Basel-Stadt stimmten für das CO2-Gesetz. Der Rest dieser kleinen Welt hat sich für ihren Geldsäckel und gegen das Klima entschieden. Wohl gab der Anstieg der Benzinpreise den Ausschlag, obgleich ein bisschen weniger

« Umechärele » guttäte, dies in dem Land dessen ÖV weltweit der dichteste ist. Oder war es garemänt die 10er-Note, die man auf die vierzig Franken des Flugtickets für den Wochenendplausch drauflegen müsste. Jedenfalls völlig unverständlich, aber leider eidgenössische Realität. Was der Bundesrat damals in Paris

an der Klimakonferenz unterschrieb, betrifft uns nicht und überhaupt, das vom Parlament diskutierte CO2-Gesetz von damals war nicht mal mehr im Ansatz wieder zu erkennen. Das geistige Reduit aus jener Zeit, in der ich geboren wurde, überdauert anscheinend noch weitere Generationen. Wenigstens reichte das Abstimmungsresultat europaweit für eine viel beachtete Medienmitteilung, ein falsches Signal mehr der vielerorts bewunderten, aber herzlich ungeliebten Schweiz.


Auch die beiden Agrarinitiativen wurden verworfen, massiv. Vielleicht eine verpasste Chance. Einmal nicht nur dafür zu scheinen, sondern mal wirklich Musterschüler zu sein. Was ist daran falsch, sich eine Bio-Zone mitten in Europa vorzustellen? Weshalb reissen sich Nachbarn ennet dem Bodensee um Joghurts ab Hof im Thurgau. Weshalb versuchen alle, schweizerische Milchprodukte nachzuahmen. Gott seid dank mit wenig Erfolg. Echter und endlich labelgeschützer Emmentaler und Gruyère aus Bio-Alpenmilch. Schinken von Sauen, die im Waldboden wühlen, statt in Hundertschaften auf Spaltenböden dahin zu vegetieren, usw.

Es gilt endlich die Flut der jährlichen Milliardenbeträge in den Übergangsjahren sukzessive an Agronomen umzuleiten, die bereit und kompetent sind, ihre Betriebe umzustellen und gesunde und wertvolle Produkte anzubauen. Dass dies nicht von heute auf morgen geht, ist gegeben. Was schmerzt, ist dass nicht mal der Versuch gestattet ist, daran zu denken.


Wasser, der wirklich einzige Rohstoff der Schweiz, wird ungestraft missbraucht. Mehr als eine Million Be-wohnerinnen und Bewohner im Mittelland der Schweiz sind dazu verurteilt, nur halbwegs aufbereitetes, minderwertiges Wasser konsumieren zu müssen, weil die Verantwortungsträger nicht bereit sind ihren Job zu tun. Und weil ebenso ungestraft Anbaubetriebe das kostbare Gut versauen dürfen. Ich bin es leid, das Gejammer der Branchenvertreter anzuhören: « Wieder ist die Existenz einer Bauernfamilie gefährdet ». Was, wenn morgen ein Unternehmen ins Ausland umzieht und hunderte von Arbeitslosen hinterlässt?


Deren Familien sind ebenso im Elend, nur haben die kein Land, das sie zuletzt auch noch als Bauland verschachern.

 

  

Schweiz erwache - mit zwei Ausrufezeichen


Es sind gerade 100 Jahre her, als Dieter Eckart, ein glühender Verehrer Hitlers, einen Liedtext verfasste unter dem Titel «Deutschland erwache».  Das Lied avancierte zu einer wichtigen Hymne der paramilitäri-schen Kampforganisation der NSDAP, der Sturmabteilung (SA).


Die Facebook-Gruppe unter diesem Namen, immerhin mit 1500 Mitgliedern, wurde aufgelöst, einer der

drei Administratoren ist kurz vorher noch ausgetreten. Er mag sich nicht seiner Funktion entsinnen, sagt er.  Die Posts dieser Mitglieder würden im Nachbarland Deutschland für eine Strafklage wegen Volks-verhetzung ausreichen. Administratoren sind eigentlich für die Inhalte der Website verantwortlich. Auch daran mag sich der Zurückgetretene eben nicht entsinnen. So viel Vergesslichkeit eines gewählten Na-tionalrates macht traurig. Zumal er mit 58 noch keinen Anspruch auf altersbedingtes Verständnis ver-langen kann.


Aber Nationalrat Andreas Glarner ist als Rechtsausleger ohnehin schweizweit bekannt; böse Zungen be-haupten, rechts von ihm käme nur noch die Wand. Und trotzdem hat er es weit gebracht, das heisst bis zum Parteipräsident jener Partei, die behauptet, das schweizerischen Volk und dessen politisches Bekennt-nis zu vertreten. Gut, zugegeben im Aargau.  In jenem Kanton der nachweislich dem schweizerischen Durchschnitt entspricht. Also just in der Mitte zwischen schön und hässlich, zwischen gescheit und dumm, zwischen politisch reif und unbedarft.

Hat gerade deshalb dieser komische Vogel aus Glarus dort seinen Platz an der Sonne gefunden? Kuckuck! Ein aus dem «Zigerschlitz» Vertriebener oder vielleicht gar ein Wirtschaftsflüchtling? Jedenfalls haben ihm weit mehr als sechzigtausend Aargauer und Argauerinnen das Vertrauen ausgesprochen. Aber eben Aar-gauer. Das sind jene mit den weissen Socken, jene, die partout das Reissverschlusssystem nicht begreifen, jenen, die man in Zürich ihrer Herkunft wegen als Schimpfname nachrufen darf. Das macht nochmals traurig.


Dass gerade diese Partei - die ich mit Bedacht nicht nennen will - immer wieder derart seltsame Mitmen-schen anzieht und ausdrücklich fördert, erstaunt wenig. Da werden Treuhänder auf den Schild gehoben, deren Kandidatur nur durch eine Gerichtsklage wegen Unterschlagung ausgebremst wurde, da erstechen «Schreinermeister ohne Meisterprüfung» nach dem Stammtisch gleich noch ein paar Autopneus und da werden nur Naive und Unbedarfte zur Parteipräsidentschaft gestossen. Würden alle, die rechtmässig be-langt werden müssten, einsitzen, ergäbe es ein eigens Zuchthaus, auf dem Herrliberg oder sonst wo.


Was da aufgekocht wird ist kein nobles Consommé, eher eine dicke braune Brühe, die offensichtlich nährt. Allerdings nur jene, die schon längst genug haben. Natürlich immer nur aus meiner Sicht.


02.2021



 „Sind lieb mitenand!“

 

Ich nehme das Motto auf, das eine viel wichtigere Persönlichkeit vor ein paar Monaten aufnahm, um ein paar Gedanken zum Thema Begegnungen im Alltag, Integration und Zufriedenheit zu ordnen. Ihr Beitrag endet mit der Frage: Wenn schon die Welt nicht lächelt, warum lächeln wir nicht etwas mehr?

 

Vater des Ausspruches ist niemand anders als Emil Landolt, liebevoll Stapi genannt, der das hohe Amt des Zürcher Stadtpräsidenten während satten 17 Jahren ausübte. Volksnah, gescheit, spontan, liebenswürdig und ein Mann, der nicht vergessen hatte, dass er aus einer  alten Weinhändlerfamilie stammt. Jener Stapi hat mir einst auf dem Weg zu einem weiteren Weisswein in einer Beiz am oberen Rennweg erzählt, seine Eheringe seien vom Goldschmid Weber. Über lange Zeit stellte diese Familie die Zunftmeister der Gold-schmiede. Ich war damals mächtig stolz, obgleich ich der bäuerlichen Linie aus Egg abstamme, jene, die die Stadtfamilien vom Hungern zu bewahren hatte. Aber inzwischen ist Zeit, sehr viel Zeit vergangen.

 

Bei Besuchen in der 1. Heimat erschrecke ich zuweilen. Als ich einer jungen werdenden Mutter im Bus meinen Sitzplatz anbot, hiesse es nicht „danke“ sondern „Was söll die blödi Aamachi?! Das ist weder zum Lächeln noch zum Lachen. Habe ich etwas verpasst? Jedenfalls schien mir das zukünftige Mami im Bus recht gut integriert zu sein, zumindest in sprachlicher Hinsicht. Obgleich alles darauf hinwies, dass ihre Herkunft möglicherweise weit südlicher als Affoltern am Albis liegt.

 

Als ich mich vor über 55 Jahren um eine Beamtenstelle bemühte, waren gerademal vier von zweiund-dreissig Kandidaten aus dem Kanton Zürich. Der Rest, Ausserkantonale. Heute müsste man von Wirt-schaftsmigranten sprechen. Dabei nutzten sie lediglich Chancen, die ihnen ihre Heimat nicht bieten konn-ten. Gut, sie liessen sich leicht integrieren, sie waren  zumeist Deutschschweizer oder wenigstens katho-lisch. Aber „die Rache der Zürcher“ folgte ohnehin eine Generation weiter, wenn die Kinder auf zürich-deutsch auf das heimatliche Idiom ihrer Eltern antworteten.

 

Wenn sich nun männiglich wegen der Flut von Ausländern beklagt, die an den Ufern der Limmat stranden, müsste man eigentlich auf die Herkunft unserer Mitbewohner hinweisen , auch wenn sie zum Teil weit zurückliegt. Betrachten wir das Fremdsein doch mal als Chance, denn auch diese Kinder werden weiterhin auf zürichdeutsch antworten, obgleich die Eltern eine andere Sprache sprechen und vielleicht eine andere Hautfarbe oder auch Religion haben.

 

Eine neue Heimat finden ist vor allem eine Frage der Zeit, der Geduld und der Toleranz. Heimat muss man sich auch auf eine Art verdienen. Das ist die Botschaft an all jene, die nicht nur eine Weile bei uns bleiben werden. Worte wie Grüezi, Bitte, Danke sind Schlüsselwörter, die man lernen kann. Zugegeben, das gälte auch für manche, die den Schweizerpass schon immer hatten.

Dieselbe Botschaft gilt auch für Schweizer im Ausland, auch für mich, der diesmal „der Fremde“ ist. Auch nach vielen Jahren in der 2. Heimat muss ich sprachliche Bruchstücke zusammen suchen, wenn die Unter-haltung ins ländliche Patois abgleitet. Aber unsere neuen Mitmenschen leisten sich eben den Luxus an Zeit, Geduld und Toleranz. Gemeinsam lächeln, gemeinsam lachen.

 

Übrigens: Mehr lächeln ok, und sei es nur ein mildes Lächeln vis-à-vis dem alternden Grosspapi.



Streichen – Kumulieren – Panaschieren

 

Es ist wieder an der Zeit, Wahlen stehen an, Parlamentswahlen am 20. Oktober, am Sonntag, an dem ich eigentlich den viertletzten vor dem nächsten Dezennium feiern wollte. Aber Geburtstage sollte an ohnehin nicht im Voraus feiern, zumal man in der dreieinhalbten Lebensphase nicht sicher ist, ob man sich am Folgetag noch selbst rasieren muss.

 

Frühzeitig habe ich den dicken Umschlag aus der ersten Heimat erhalten, das «Abstimmungsmaterial» im Bureau ausgelegt, bereit zum intensiven Studium. Interessenshalber blättert man erstmal das Wahlzettel-set durch. Keine leichte Aufgabe im volkreichsten Kanton der Schweiz, 35 Sitze gerecht zu verteilen, ge-recht nach meinen ganz persönlichen Vorstellungen, wer und wie meine «compatriotes» zuhause regiert werden sollen, gerecht meinen Vorstellungen, wie das künftige Parlament Politik betreiben soll, die sich auch nicht zum Schaden der fünften Schweiz auswirken werden. Schliesslich wohnt laut Erhebung 2018 jeder Neunte mit einem Schweizer Bürgerrecht ausserhalb der grossen Mauer, sprich im Ausland. Mein Auftrag ist also klar, nur die Besten sollen für uns nach Bern reisen, man muss entsprechend seriös ans Werk gehen. Aber wie gesagt, das ist nicht so leicht.

 

Natürlich gibt es Listen, die man kurz überfliegt. Ach ja, auf Position 15 ein Ehemaliger der wieder zum Futtertrog drängt. Auf geht’s zu bekannten Ufern, jetzt mit einer um eine Generation jüngeren Flamme. Altmännersyndrom, jung und blond. Auf anderen Listen haben sich wie gehabt die Bisherigen auf den Spitzenplätzen eingerichtet oder haben Frauen den Vortritt gelassen. Umweltbewusste Damen haben 2019 gute Chancen, sagt man. In den Jungparteien stehen bereits die letzten Jahrgänger des 20. Jahrhunderts in den Startlöchern. Es folgen die Listen, auf denen die Namen im Doppelpack aufgeführt sind. Fünfund-dreissig Kandidatinnen und Kandidaten sind eben schon eine hohe Hürde. «Die Guten», eine höchst origi-nelle Liste, alle Namen auch gleich mit einem Pseudo mehrheitlich aus der italienischen Küche versehen. Zwei Rentnerlisten für jene, die partout nicht Platz machen wollen und nicht zuletzt zwei Einzelkämpfer

mit Migrationshintergrund. Einer, ein Jusstudent und Klimaaktivist mit Jahrgang 1970. Beide bereit zum ganz persönlichen Risiko. Chapeau!

 

Ans Werk, aber wie gesagt, es ist nicht so leicht.

Also ist Streichen angesagt; vielleicht jener Typ streichen, der jeden Morgen vorbeidrängt und mit dem

Velo über den Stopp hinausfährt oder jene, die hintenherum eine Lesbe ist? Oder eben jenen auf Position 15 zweimal aufführen, auf dass seine Wahlchance intakt bleibt? Das nennt man laut beigelgter Wahlan-leitung Kumulieren. Oder auf der Lieblingsliste von Hand die Stars von anderen Listen übertragen. Das heisst dann Panaschieren. Bref, um eine ausgewogene und gerechte Auswahl zu treffen, müsste man eigentlich die leere Liste von Hand ausfüllen. Und das kann in Arbeit ausarten. Oder umziehen ins Ap-penzellische, die schicken nur einen nach Bern. Aber das geht ja gar nicht, ich bin ja schon längst aus-gezogen.

 

« Alors, Mademoiselle, un panaché, s.v.p.* !» Zum besseren Verständnis :

* s’il vous plaît, französische Abkürzung für «bitte».



vīmentum 

 

Zu Deutsch das Flechtwerk, zeitgemäss «net»

 

Nicht dass ich mit Lateinkenntnissen, über die ich nicht verfüge, brillieren möchte. Dazu ist Google da. Ebendort findet man auch den  schweizerischen gemeinnützigen Verein «Vimentis» (pluralis) der sich zum Ziel gesetzt hat, den Informationsstand der Bevölkerung zu politischen Themen zu verbessern. Dazu publiziert der Verein – nach eigenen Angaben – politisch neutrale, einfach verständliche, umfassende und doch kurzgefasste Publikationen zu verschiedenen politischen Themen und im Speziellen zu eidgenössi-schen Abstimmungen.

Eine ganze Reihe von Politikern jeglicher Prägung sind präsent mit Beiträgen und Blogs in denen sie ihre Vorstösse und Haltungen erklären. Als Auslandschweizer bin ich darauf angewiesen, vor den Abstimmun-gen und Wahlen auf eine einfache Weise meine Meinungen zu bilden. Und deshalb öffne ich auch regel-mässig diese Webseite.

 

Verständlicherweise sind die Beiträge auch dazu da, die Bürgerinnen und Bürger auf sich aufmerksam zu machen; man möchte gehört und auch gewählt werden. Dies tun diese Damen und Herren der Politik manchmal sogar geschickt, zumal sich nicht wenige zu den «Kurbeln der Macht» drängen. Da kann es

auch vorkommen, dass der Eifer nicht mit den nötigen Recherchen nach Fakten Schritt hält. Und so wird mit Wahrheiten hantiert, die eigentlich aufgrund offizieller Publikationen und ausgewiesener Fakten eben doch nur halbe sind. Und damit auf Stimmenfang zu gehen, ist zwar weder anständig noch korrekt, aber wenigstens zeitgemäss. Unlautere politische Werbung wird ja schon lange betrieben, wurde aber erst

durch den aktuellen USA-Präsidenten auch mit der eigens dafür geschaffenen Bezeichnung «fake news» gekrönt.

 

Da es wieder mal auf die Wahlen zugeht, bin ich etwas vermehrt auf der Website der Vimentis. Man möch-te natürlich gerne wissen, wie ehrlich und aufrichtig die Kandidatinnen und Kandidaten sich um ein hohes Amt bewerben. Dabei lohnt es sich, auch in den persönlichen Blogs herum zu schmökern. Und nicht zu-letzt ermöglicht es, über den «Smartspider» die Kandidierenden richtig zu positionieren und in der Folge die persönliche Wahlliste nach eigener Präferenz zu gestalten.

 

Kürzlich gestattete ich mir, einen Kandidaten, der die Fakten etwas gar individuell interpretiert und seine persönlichen Wahrheiten verbreitet, als wenig geeignet zu bezeichnen. Es vergingen gerademal zwölf Minuten (!) bis ein Kommentar einging. Nicht etwa seitens des Kandidaten, sondern einer der Mitläufers des Gottvaters am Zürichsee betet seine Argumente vor, die darin gipfelten, es gehe ja nur darum, eine Partei, die ich hier nicht nennen möchte, zu verunglimpfen. Der Versuch, ihn auf die Unrichtigkeit der Botschaft des Kandidaten aufmerksam zu machen, scheiterte. Der Kommentierende verbiss sich in seine Meinung; in der Folge gestand ich, dass eine Politik, die Mitmenschen gegeneinander aufhetzt, nicht die meinige sein kann. Toujours à mon avis, nämlich die eines selbständig denkenden Bürgers. Meine Bot-schaft war: Geschätzter Herr, Sie haben gewonnen! Ende der Diskussion.

 

Ich werde mich hüten, weiterhin derartige Diskussionen auszulösen; da tummeln sich auch Mitmenschen, deren Demokratieverständnis nach jenem von «Readers Digest» steht.



Vous les Suisses, vous avez bien juste…

 

Im Februar  durfte Margrit  zum letzten Mal in der Schweiz abstimmen, zur „Initiative gegen die Massen-einwanderung“  und sie hatte ein überzeugtes Nein in die Urne eingelegt; schliesslich geniessen wir seit über zehn Jahren ein grosszügiges Gastrecht in Frankreich. Natürlich ergab es deshalb auch Fragen, just an jenem Sonntag, als wir gemeinsam „mit dem Dorf“ zu Tische sassen.

 

Nachhause gekehrt wurde SRF eingeschaltet und wir wurden durch das Geschrei der Sieger und die be-lämmerten Kommentare der übrigen Parteipräsidenten arg geschreckt. Den Sieg hatte niemand, selbst

die SVP nicht erwartet. Wie sollten wir reagieren? Selbstverständlich ist der Volksentscheid zu akzeptieren, aber wir sind zum einen Teil auch „das Volk“ und andernteils als Auslandschweizer unseren Nachbarn, in deren Mitte wir leben, nota bene gut leben, verpflichtet. Basisdemokratisch geübt, legt man sich in einer solchen Situation eine Argumentation zurecht, mittels der man versucht, direktdemokratische Rechte

und Pflichten zu erklären und eben unsere Nachbarn nicht vor den Kopf zu stossen. Meistens gelingt es recht gut.

 

Steinmetz Philippe sagt es geradeaus: Mein Sohn arbeitet als Kunstschlosser in der Nähe von Genf, also

er hat sich nicht um eine Stelle beworben, vielmehr wurde sie ihm angeboten. Natürlich wäre es fatal, wenn er jetzt keine Arbeitsbewilligung mehr erhielte, aber andrerseits verstehen wir die Suisses ganz gut. Und immer wieder: „Wenn wir in Frankreich in dieser Frage mitbestimmen dürften, wäre diese Initiative noch weitaus deutlicher angenommen worden…“  Romain, dem eben diplomierten Architekten historischer Richtung, habe ich gleichwohl zu spontanen Bewerbungen in der Schweiz empfohlen. Er spricht Italienisch und Deutsch dank seinen Studien in Rom und Wien. Erasmus lässt grüssen!

 

Wo wir unseren Mitmenschen begegnen, treffen wir auf Verständnis. Natürlich gab es schon immer Zu-stimmung von Franzosen wegen dem schweizerischen Abseitsstehen in Europa, aber jene, die mir beson-ders kräftig die Hand drücken, sind mir zuweilen wenig geheuer. Dabei stehen den 22,8% Ausländern in der Schweiz, gerade mal 5,83% in Frankreich gegenüber und trotzdem schenken immerhin  12% der Saône-et-Loireens der Partei der Familie Le Pen ihr Vertrauen und ihre Stimme. Und gerade deren ausge- sprochen nahen Freunde in der Schweiz haben mich bei meinem Entschluss zum Auswandern mitbe-stärkt. 

 

Zurück aus dem Verkehrschaos im  Zürcher Oberland wiegt das Verständnis für den Entscheid der Mit-eidgenossen trotzdem leichter als die Offenheit und Herzlichkeit der meisten französischen Gastgeber. Ich beginne weiterhin den Morgenkaffee mit einem Blick in den „Telematin“ auf France 2 und beschliesse den Abend zumeist mit „10 vor 10“.

 

 

Wes Geistes Kind…

 

Keine Nachrichten ohne die Berichte vom Überfall auf die Ukraine. Und der Bundesrat in Bern berät.

 

Geboren im Herbst 1943, Vater zumeist als Feldposthäuptling im Abschnitt zwi-schen Kreuzlingen und Stein am Rhein, die Mutter allein mit meinen beiden älte-ren Schwestern. Dass ich «den Krieg» auf ir-gendwelche Weise mitbekommen hätte, mag ich mich nicht erinnern. Aber an die Erzählungen der Eltern und die fünf gesammelten Kriegsjahregänge der «Schweizer Illustrierten» auf dem Dach-boden, die waren eine gute Grundlage für eine feste Überzeugung. Ich wusste, wer war die Guten und die Bösen. In der Mit-telstufe liebte ich vor allem die Realienfächer Geschichte und Geografie, lebendig vermittelt von Lehrer Jucker. Jedenfalls profitierten wir vom Studienabbruch der Historik («Ein Heller und ein Batzen»), wir lernten die schweizerischen Heldengeschichten auswendig kennen, aber nicht nur. Und es stand fest: Wir gehörten zu den Guten.

 

Später brachte die Aufarbeitung der Schweizergeschichte im Krieg Erkenntnisse, von denen die vorange-hende Generation nichts wissen wollte. Man schwieg über die nächtlichen Züge durch den Gotthardtunnel, vom Gütertausch mit dem Nachbarn im Süden und den Geschäften im Norden, bezahlt mit Zahngold aus den Lagern und von den Bührle Kanonen, den Nazis geliefert auch während dem Krieg. Man hatte Angst, zugegeben, wir hätten es auch, wenn wir an die jetzige Wiederholung der Geschichte denken. 1962 wurde der Historiker Edgar Bonjour, der Verfasser der umfassenden «Geschichte der schweizerischen Neutralität» beauftragt, die Aussenpolitik der Schweiz während dem 2. Weltkrieg aufzuarbei-ten. Erst der massive Druck der Presse und im Parlament ermöglichte die Veröf-fentlichung der berichtigten Geschichtsschrei-bung in den späten 60er-Jahren. Der Arbeiterschriftsteller Honegger bezeichnete ungestraft auch die da-maligen Nazi-Mitläufer an Beispiel in meinem heimatlichen Zürcher Oberland. Wir waren definitiv keine Helden mehr. Aber was heisst da wir?

 

Unsere Generation ging auf die Strasse und wer nicht «guttat», ab nach Moskau, das Lumpenpack. Die Jahre vergingen, jene, die sich 1968 am Blattspitz in Zürich und anderswo an die Mikrophone drängten, erschienen bald auf den Karrierelei-tern. Als hohe Finanzbeamte, Staatsanwälte, Parlamentarier, gar Bun-desrat. Eine neue Riege kam an das Steuerruder, nicht ausschliesslich Primi, zu neudeutsch Primusse. Die einen aus Kalkül, die andern aufgezwungen, auch wirklich Fähige aber natürlich ständig kritisiert von we-gen falschem Stallgeruch. Auffallend ist, dass durchwegs alle aus ländlichen Gegenden, aus mehrheitlich katholischem Umfeld stammen.

 

Heute steht die Schweizer Regierung wieder an einem ähnlichen Punkt. Gefordert ist von der gesamten westlichen Welt eine klare Haltung der Schweiz gegenüber dem russischen Aggressor, der diese Tage die Ukraine überfällt. Da wird ein Staat mit demokratisch gewählter Regierung besetzt, das Volk wird «befreit und entnazifiziert». Sagt der russische Präsident. Europa und die USA schliessen die russischen Banken und frieren deren Vermögen ein. Der Bundesrat verurteilt zwar den kriegerischen Akt, will aber die russi-schen Finanzflüsse in der Schweiz nicht unterbinden. Kein Wunder, sind doch die internationalen Unter-nehmen der Rohstoffmärkte zu einem guten Teil in der Schweiz ansässig. In den hiesigen Banken werden Milliarden gebunkert, um den Kapriolen der Rubelwährung und den Steuerbegehrlichkeiten anderswo ent-gegenzuwirken, ja selbst Nordstream hat seinen Sitz in Zug statt in Deutschland.

 

Wer die Presse verfolgte, durfte am Morgen nach dem Einmarsch im Tagesanzeiger die Verlautbarungen der Parteien nachlesen Grüne und Sozialdemokraten forderten umgehende Entscheide, der «mittlere Pfis-ter» wich mit einem dürftigen Bonmot aus, die Bürgerlichen, die FdP und die SVP schwiegen Die Freisin-nigen kann ich ja begreifen, die machen keinen Hehl aus ihren partikularen Interessen.

Die SVP tut sich wie gewohnt schwer, Köppel und Estermann zeigen öffentliches Verständnis für Putin,

aber auch andere sogenannte Prominente aus dem Sport, wie Blatter, naja, usw. Köppel ist mir schnorz, habe ich doch die Weltwoche als Abonnement über zwei Generationen hinweg längst gekündigt. Er hat ein intelligentes Medium definitiv zu Tode gebracht. Seine Tätigkeit in Bern ist eh die Aufgabe eines Hofnarren. Frau Estermann, einst aus der Tschechoslowakei geflüchtet, hat nach ihrem Doktortitel auch noch ihre letzte Glaubwürdigkeit verloren. Zugegeben, ich habe die Wähler aus Zürich und Luzern gescheiter ein-geschätzt. Vermutlich ist der Glarner der jetzt ein Aargauer ist auch mit von der Partie. «Schweiz erwa-che!!» und so. Fehlen hingegen tut mir der Kommentar des Gottvaters aus Herrliberg, eigentlich einer,

der sich auch bei jeder unpassenden Gelegenheit äussert. Ich denke, die SVP hat da ein grosses Problem: Ihnen ist alles recht, wenn es gegen die EU geht.

 

Dass in dieser Konstellation des Bundesrates Entscheide entstehen, die vorerst partikuläre Interessen bedienen, ist traurig. Traurig stimmt auch, dass die schweizerische Politik anscheinend lernresistent ist

und unfähig, endlich aus der Ecke zu kommen, in die sie sich selbst gestellt hat. Zuweilen schäme ich

mich meiner ersten Heimat.

 

Der Bundesrat analysiert und berät.

 

02/2022







 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die spinnen …


bei Asterix und Obelix natürlich die Römer. Ein gallisches Völklein, das sein Dorf, ihre besondere Art zu denken und zu handeln mit Erfolg verteidigt. Verteidigt gegen die moderne Welt. Eine neue Welt in der

es Ordnung und Gesetz gibt, dafür keinen Wildschweinebraten.


Zuweilen scheint mir deren Lebensidylle und Denkungsart sehr vertraut, aber vielleicht hat das mit der gemeinsamen ADN zu tun; schliesslich waren die «Helvetier» quasi ein Brudervolk. Allerdings ein ver-ratenes, wurden sie doch auf dem Durchmarsch in Richtung Provence allein gelassen. Anstatt zu helfen, wurde dem Abschlachten aus dem sicheren Eichenwald zugeschaut: bei Bibracte, 58 vor Christus wie

uns Lehrer Jucker beibrachte. Das war der erste strategische Fehler von Vercingetorix, der zweite sechs Jahre darnach bei Alesia läutete den Untergang der gallischen Nationen ein. Aber mir scheint, ich bin wieder einmal ein bisschen vom Thema abgekommen.


Beide Länder die ich als Heimat empfinde, haben sich in der Zwischenzeit in verschiedenen Tempi ent-wickelt. Gilt meine erste Heimat Schweiz, als hochentwickelter Staat, der ständig die Moderne vor sich hertreibt, wirkt meine Heimat Frankreich eher als behäbig als innovativ. Dem ist aber nur bedingt so. Vergleicht man Paris, Lyon mit Zürich und Genève sind viele Parallelen sichtbar, ebenso beim Waadtländer Weinbauer verglichen mit dem Burgunder. Und auch der letzte Hinterwäldler in der Innerschweiz findet sein Pendant in der Hügellandschaft des Brionnais. Die Wissenschaft hat erkannt: In jedem von uns stecken noch zwei Prozent der Neandertaler, im Durchschnitt! Und in beiden Welten sind Ordnung und Gesetz tief verankert, bei den einen etwas weniger, Gott sei Dank.


Übrigens, en France bedingt eine Einladung zum Wildschweinbraten gute Verbindungen, in der Schweiz hingegen bietet im Herbst jede Landbeiz solches an. Allerdings stammt der sanglier français aus heimi-scher Jagd, jener auf der Speisekarte «Wild auf Wild» irgendwo aus dem Osten, vielleicht aus den Wäl-dern rund um Tschernobyl.


Weit voraus in der Entwicklung scheint hingegen meine Heimatstadt Zürich zu sein. Hat doch deren Ge-meinderat einen politischen Vorstoss entgegengenommen, der postuliert, den Begriff Mutter und Vater abzuschaffen, um nicht irgendwelche anders empfindende Mitmenschen zu verprellen. Zudem soll die Bezeichnung von «Frau» mit den Ausdrücken wie «Person mit Vulva» oder «menstruierende Person» er-setzt werden. Was letzteres ich gegenüber meiner seit langer Zeit angetrauten Margrit als diskriminie-rend empfinde. Oder wenigstens mit dem Zusatz «post-menstruierend» zu versehen wäre. Die spinnen, die Zürcher:innen!


Von derartigen Entwicklungssprüngen erfahre ich hier in meinem burgundischen Dorf nichts, gar nichts. Hat dies allenfalls etwas mit tiefster Provinz, immer laut Baedeker, mit der örtlichen Presse, dem unan-gepassten Niveau des Journal de Saône et Loire oder gar mit dem Französischen zu tun? Das ach so moderne Verb «gendern» wird in dieser schönen Kultursprache mit «appliquer l’égalité des genres» übersetzt. Und das tönt einfach nicht so lässig.  

Sept 2022 jtw