Neues aus dem Land der Gallier 2



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Neues aus dem Land der Gallier 2

Unter diesem Titel erscheinen Texte zu verschiedenen Themen, quasi eine Fortsetzung zum Buch "Wie Gott in Frankreich".  

Viel Spass!                                                                              

 

Die Dreifaltigkeit

 

Les chasseurs, les pêcheurs et les cathos, zu Deutsch die Jäger, die Fischer und die praktizierenden Katholiken.

 

Bis anhin galten sie als Wahlentscheider in unserer Wahlheimat Frankreich. Mit den aktuellen Resultaten der Parlamentswahlen dürfte dies bestätigt sein. Alle drei Gruppierungen sind zuerst mal Traditionen ver-pflichtet, die seit der Revolution von 1789 begründet sind. Davor stand die Jagd ausschliesslich dem Adel zu, Frevel wurde nicht selten mit dem Tode bestraft. Mit dem Bau von Château Chambord, dem grössten Loireschloss wurde auch ein riesiges Waldgebiet über 32 km2 um-mauert und diente König François I als privates Jagdrevier. Die Mauer verhinderte, dass das gemeine Volk hinein und die Hirsche hinauskonnten. Nachdem dieses Volk seinen Nachkommen und einigen tausend anderen Adelige die Köpfe abgehauen hatte, wurde das Jagdrecht ein allgemeines und dem ist immer noch so. Seitdem schiessen Franzosen und Französinnen auf «alles was sich bewegt», sogar auf Jagdgenossen, mitunter auch Autofahrende und selbst auf brütende Vögel.

 

Eigentlich müsste dies unseren Eidgenossen nicht völlig fremd sein. In den gebirgigen Kantonen bricht alljährlich das Fieber aus, zuweilen sogar noch vor der offiziellen Jagdsaison. Einem meiner Jugendfreunde wurde für das Erlegen eines Einachsmähers das Patent für ein Jahr gesperrt, die beiden Holmen glichen im Engadiner Morgennebel eben schon ein bisschen einem Hirschgeweih. Manchmal zeigt Fotos auch mal einen geschossenen Luchs, obgleich streng geschützt. Dies in einem Kanton der sich zumeist ausserhalb der «Üsserschwyz» wähnt. Aktuell sollen dort Wolfsfelle sehr begehrt sein…

 

Die Fischerei hingegen stand eher unter Aufsicht der Mönche; damit konnten sie auch die gestrenge Ein-haltung der Fastenpflicht überwachen. Der Karpfenteich zwischen dem Burgfried und der Kapelle diente also zweierlei Herren. Wiederum gibt es Parallelen zu unserer ersten Heimat. Fische aus dem Zürichsee mussten zuerst am Markt in der Stadt angeboten, was übrig blieb ging zurück in die Orte am See und wie frisch diese Waren nach einem warmen Sommertag war, kann man sich selbst vorstellen. Weil sich die Fischer aus Stäfa gegen diese Ordnung wehrten, kam es zum «Stäfner-Handel», in dessen Folge einer unserer Vorfahren zur Strafe «auf das Rad geflochten» wurde. Aber bald wurde die Fischerei, wenn auch reglementiert, zu einem allgemeinen Recht. Mein Grossvater frönte schon der Fischerei, wohl weil er damit als schlecht bezahlter Stör-Metzger das Küchenbudget aufbessern konnte. Mein Vater war ebenso ein be-gnadeter Fischer; am Inn ging er regelmässig und erfolgreich dem Forellenfang nach. Er erzählte jeweils von den französischen Gästen, die mit bis fünf Meter langen Ruten es ihm gleichtun wollten. Leider konnte er die damit zwingend verbundene Geduld nicht an seinen Sohn weitergeben. Als wir noch Besitzer einer Mühle waren, konnten die Fischer mein weniges Interesse an der Fischerei nicht begreifen. Denn, bei den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen der Franzosen folgt schon bald die Fischerei.

 

Die dritte Kraft an der Urne ist die Unauffälligste. Zwar trennt ein Gesetz vom Dezember 1905 in Frank-reich Kirche und Staat; der Staat mischt sich nicht in kirchliche Angelegenheit ein und erhebt keine Steuern, Laizismus ist ein starker Begriff in Frankreich. Trotzdem gibt es zahlreiche der katholischen Kir-che zugehörige Schulen in denen ein knappes Fünftel der französischen Kinder gebildet werden. Manche Eltern sind eben nicht überzeugt, dass die Öffentlichen mit ihrem Bildungsauftrag an französischen Ju-gendlichen aus allen Schichten und ethnischen Hintergründen überhaupt zurechtkommen. Trotzdem, fran-zösisch geboren zu werden, heisst auch und nach wie vor mehrheitlich katholisch geboren zu werden. Obgleich die Kirchen auch in Frankreich zumeist leer stehen. Aber an hohen kirchlichen Feiertagen wie

zum Beispiel der Palmsonntag sitzen in den ersten Reihen die Noblen und jene, die sich ebenso fühlen.

Der Adel ist sich ihrer besonderen Nähe zur katholischen Kirche stets bewusst, schon aus historischen Gründen. Dass linke Parteien von ihren Wahlentscheiden wohl kaum profitieren, ist klar. Ja selbst die Mitte unter Präsident Macron scheint suspekt, die Sympathien der Adeligen und Arrivierten gelten der republi-kanischen Bewegung bis weit hinein zu den Nationalisten. So sind die politischen Ambitionen der Enkelin von Jean-Marie Le Pen, Marion Maréchal, als ausdrücklich nationalistisch und konservativ katholisch er-kannt.

 

Auch Emmanuel Macron ist schon lange auf gutem Weg: Eigentlich abstammend aus einer nicht religiösen Familie liess er sich mit zwölf beim Eintritt in die Jesuitenschule römisch-katholisch taufen. Heute - kaum ein Land ist so auf die Trennung von Kirche und Staat bedacht wie Frankreich - reklamiert Emmanuel Macron als Präsident auch das Recht auf einige katholische Titel, und darf etwas, was sonst nur der Papst kann. Aber schon der König von Frankreich, der «ältesten Tochter» der Kirche galt als der christlichste;

der Weg zum christlichsten Präsidenten ist nicht weit.

Jedenfalls ist unter der neugebildeten Regierung die erste Abstimmung im Parlament mit kräftiger Unter-stützung der Rechten gelungen, der ehemalige Wirtschaftsminister des letzten sozialistischen Präsidenten Holland steuert auf eine mitte-rechts Regierung zu und ist somit auch Kompromissen verpflichtet, nichts Ungewöhnliches in einer Demokratie. Jedenfalls bleiben seine Chancen in den kommenden fünf Jahren dank der Dreifaltigkeit weitgehend gesichert.

 

Aug. 2022

 

 

 

 

                                                                       

Die spinnen …


bei Asterix und Obelix natürlich die Römer. Ein gallisches Völklein, das sein Dorf, ihre besondere Art zu denken und zu handeln mit Erfolg verteidigt. Verteidigt gegen die moderne Welt. Eine neue Welt in der

es Ordnung und Gesetz gibt, dafür keinen Wildschweinebraten.


Zuweilen scheint mir deren Lebensidylle und Denkungsart sehr vertraut, aber vielleicht hat das mit der gemeinsamen ADN zu tun; schliesslich waren die «Helvetier» quasi ein Brudervolk. Allerdings ein ver-ratenes, wurden sie doch auf dem Durchmarsch in Richtung Provence allein gelassen. Anstatt zu helfen, wurde dem Abschlachten aus dem sicheren Eichenwald zugeschaut: bei Bibracte, 58 vor Christus wie

uns Lehrer Jucker beibrachte. Das war der erste strategische Fehler von Vercingetorix, der zweite sechs Jahre darnach bei Alesia läutete den Untergang der gallischen Nationen ein. Aber mir scheint, ich bin wieder einmal ein bisschen vom Thema abgekommen.


Beide Länder die ich als Heimat empfinde, haben sich in der Zwischenzeit in verschiedenen Tempi ent-wickelt. Gilt meine erste Heimat Schweiz, als hochentwickelter Staat, der ständig die Moderne vor sich hertreibt, wirkt meine Heimat Frankreich eher als behäbig als innovativ. Dem ist aber nur bedingt so. Vergleicht man Paris, Lyon mit Zürich und Genève sind viele Parallelen sichtbar, ebenso beim Waadtländer Weinbauer verglichen mit dem Burgunder. Und auch der letzte Hinterwäldler in der Innerschweiz findet sein Pendant in der Hügellandschaft des Brionnais. Die Wissenschaft hat erkannt: In jedem von uns stecken noch zwei Prozent der Neandertaler, im Durchschnitt! Und in beiden Welten sind Ordnung und Gesetz tief verankert, bei den einen etwas weniger, Gott sei Dank.


Übrigens, en France bedingt eine Einladung zum Wildschweinbraten gute Verbindungen, in der Schweiz hingegen bietet im Herbst jede Landbeiz solches an. Allerdings stammt der sanglier français aus heimi-scher Jagd, jener auf der Speisekarte «Wild auf Wild» irgendwo aus dem Osten, vielleicht aus den Wäl-dern rund um Tschernobyl.


Weit voraus in der Entwicklung scheint hingegen meine Heimatstadt Zürich zu sein. Hat doch deren Ge-meinderat einen politischen Vorstoss entgegengenommen, der postuliert, den Begriff Mutter und Vater abzuschaffen, um nicht irgendwelche anders empfindende Mitmenschen zu verprellen. Zudem soll die Bezeichnung von «Frau» mit den Ausdrücken wie «Person mit Vulva» oder «menstruierende Person» er-setzt werden. Was letzteres ich gegenüber meiner seit langer Zeit angetrauten Margrit als diskriminie-rend empfinde. Oder wenigstens mit dem Zusatz «post-menstruierend» zu versehen wäre. Die spinnen, die Zürcher:innen!


Von derartigen Entwicklungssprüngen erfahre ich hier in meinem burgundischen Dorf nichts, gar nichts. Hat dies allenfalls etwas mit tiefster Provinz, immer laut Baedeker, mit der örtlichen Presse, dem unan-gepassten Niveau des Journal de Saône et Loire oder gar mit dem Französischen zu tun? Das ach so moderne Verb «gendern» wird in dieser schönen Kultursprache mit «appliquer l’égalité des genres» übersetzt. Und das tönt einfach nicht so lässig.  

Sept 2022 jtw